Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 2


 

Kulturelle Globalisierung
und die europäische Identität und Kultur

von Gerhard Preyer

(Vortrag bei philoSOPHIA-Marburg, gehalten am 15. 2. 2007)

Seit Anfang der 1990er Jahre wird die Analyse von Globalisierung zu einem einflußreichen Paradigma in den Human- und Sozialwissenschaften. Die Auseinandersetzung mit der damit einhergehenden Gesellschaftsentwicklung und dem Problemkatalog sozialwissenschaftlicher Forschung stellt die Ablösung der Kontroversen über Moderne und Postmoderne im Hinblick auf die Erklärung und das Verständnis des soziokulturelles Wandels in den 1970er und 1980er Jahren dar. Mittlerweile liegt dazu eine umfangreiche Forschung vor. Globalisierung ist nun nicht nur ein Thema wirtschaftswissenschaftlicher, politologischer, soziologischer und ethnologischer Forschung, sondern sie ist auch in der Öffentlichkeit zu einem Kampfbegriff geworden. Die Unternehmerverbände fordern Deregulierung, damit Unternehmen im globalen Standortwettbewerb bestehen können; Globalisierungsgegner dagegen befürchten einen ungehemmten Kapitalismus und fordern durchgreifende Regulierungen, zum Beispiel der Finanzmärkte sowie die Erhaltung und Fortführung des Sozialstaats. Anthony Giddens unterscheidet zum Beispiel zwischen Globalisierungsskeptikern, für die eine globale Wirtschaft sich nicht von der uns bekannten Weltwirtschaft und den Radikalen, für die sich die Folgen von globalen Märkten mittlerweile in allen Lebensbereichen auswirken. Für sie ist die traditionelle Ordnungsmacht des Nationalstaats nach innen und außen nur noch eine Fiktion. Nach Giddens haben beide Positionen Unrecht, da sie Globalisierung nur auf das Wirtschaftssystem beziehen und nicht das mit ihr einhergehende „Revolutionäre“ erkennen.

Gegenüber der populär gewordenen Auffassung von Martin Albrow, daß Globalisierung den Einschluß in eine „einzelne, globale Weltgesellschaft“ bedeutet, kommt die gegenwärtige soziologische Forschung zu dem Ergebnis, Globalisierung als einen multidimensionalen Prozeß einzustufen. Globalisierung wird als eine kulturelle globale Melange beschrieben, die eine modernistische individualistische (Rollen-) Identität auflöst. Bei dem Verständnis von Globalisierung werden wir aber dann in die Irre geführt, wenn wir bei der Erfassung dieses Vorgangs von der wörtlichen Bedeutung des Begriffs ausgehen. Es handelt sich dabei nicht um einen Vorgang, der den Globus umfaßt. Dieses Modell trifft eher auf die moderne Vermessung der Welt zu. Es ist aber nicht mehr auf die Vernetzung sozialer Systeme anzuwenden. Das Verständnis dieser Vorgänge ist nicht mehr anschaulich zu entwickeln. Dabei wird man nicht bestreiten, daß die mit Globalisierung einhergehenden Vorgänge zum Beispiel auf die Ökologie dramatische Auswirkungen haben.

In einem ersten Schritt möchte ich umreißen, was man auf dem gegenwärtigen Forschungstand unter kultureller Globalisierung versteht. Die Frage, „Worin besteht die europäische Identität?“ wird in der Regel falsch gestellt. Was heißt es, diese Frage richtig zu stellen? Hier dürfen wir uns nicht von der Rhetorik des politischen Systems täuschen lassen. Dem gehe ich in einem zweiten Schritt nach. Anschließend daran möchte ich die veränderten Fragestellungen der soziologischen Forschung skizzieren. Sie betreffen einen Wandel in unserem Gesellschaftsverständnis.

 

1. Was heißt kulturelle Globalisierung?

Kulturelle Globalisierung bedeutete historisch eine Verbreitung der westlichen Werte, zum Beispiel ihre Aufnahme in Verfassungen und eine Übernahme der Praxis westlicher Institutionen, die Übernahme von Wohlfahrtsprogrammen und Ausbildungssystemen von Staaten mit Vorbildfunktion. Sie bedeutet aber auch im gegenläufigen Prozeß die Öffnung gegenüber nicht-westlichen Kulturen und Praktiken von Seiten der westlichen sozialen Systeme, zum Beispiel die Assimilation japanischer Managementstrategien und Organisationsformen in das westliche Wirtschaftssystem. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch darauf, daß eine neue Rezeption asiatischer Religionen und Philosophien, zum Beispiel des Buddhismus, in der westlichen Philosophie erfolgt, ein Interesse, das bis zu Schopenhauer zurückverfolgt werden kann. Die kulturelle, ästhetische, aber auch die moralische Globalisierung führt zu einer Konkurrenz von Deutungsangeboten, die zu immer neuen Differenzerfahrungen führen. Kulturprodukte werden dadurch einem immer größeren Ausschnitt der Bevölkerung zugänglich. Es besteht ein globaler Markt von kulturellen und religiösen Vereinigungen, die mit ihren Erlösungsversprechen um Mitglieder konkurrieren. In dieser Situation werden Kultur und Religion zu einem Medium. Jan-Marie Guéhenno charakterisiert diese Situation als die Rückkehr zu einer Religion ohne Gott. Religion als Medium heißt, daß man Rituale und Traditionen übernimmt und sie umgestaltet (ein Beispiel wäre etwa der Volkskatholizismus in der Dritten Welt). Religion wird zu einem Trennungsmedium und ist zugleich gewünschter Zwang. Als Kommunikationsmedium übernimmt sie die Funktion, Mitgliedschaft und Zugehörigkeit zu definieren.

Vielleicht ist eine Folge dieser Entwicklung eine strukturelle Hybridisierung (Jan Nederveen Pietersen). Gemeint ist damit die Art und Weise, in der Formen von einer bestehenden Praxis abgetrennt und mit neuen Formen und Praktiken rekombiniert werden. In diesem Sinne würde Globalisierung weder zu einer Universalisierung noch zu einem Multikulturalismus, sondern zu einem Interkulturalismus und zu kulturellen Gemengen, einem neuen Synkretismus, führen. Es liegt nahe, davon auszugehen, daß die globale Diffusion von kulturellen und institutionellen Mustern eine wichtiger Mechanismus der kulturellen Globalisierung ist. Dabei handelt es sich um Fernwirkungen. Für sie ist es typisch, daß die sozialen Einheiten nicht in einen direkten Kommunikationsprozeß einzutreten brauchen. Dieser Vorgang führt zu Prozessen der Endogenisierung von institutionellen und kulturellen Mustern. Während die klassische Soziologie Kultur als gemeinsam geteilte Werte und Überzeugungen untersucht hat, führt die Analyse von kultureller Globalisierung zu einem anderen Zugang zu den kulturellen Orientierungen. Die soziologische Analyse fokussiert den Diffusionsprozeß nicht auf die Institutionalisierung eines kulturellen Orientierungssystems, sondern auf die durch Organisationssysteme herbeigeführten Synkretismen. Es betrifft dies die Umwandlung der Massengesellschaft zu einer segmentierten Gesellschaft, die durch die Differenzierung von Informationen und Vermarktungsstrategien über die modernen Kommunikationstechnologien herbeigeführt wird. Sie werden in einen Mix auf das jeweilige Publikum nach Alterskohorten, Riten und Sprache zugeschnitten. Im Hinblick auf die veränderten kulturellen Gebilde könnten man auch von einer segmentierten Kultur sprechen. Eine segmentierte Gesellschaft ist ein homogenes Ganzes, das den Informationsfluß begünstigt. Ihre Homogenität besteht in ihrer Netzwerkstruktur. In ihr definieren sich ihre Mitglieder durch ihre Kontakte, über die sie verfügen. Die sozialen Grenzen werden dadurch abstrakter.

Globalisierung bedeutet, daß globale Prozesse in lokale Differenzierungen inkorporiert werden und sich Lokales mit Globalem vernetzt. Roland Robertson hat diesen Vorgang als Glokalizierung bezeichnet. Der Ausdruck geht auf die japanische Managementlehre der 1980er Jahre zurück. Das globale Weltsystem als ein Medienverbund führt zu einer Vernetzung der Teilsysteme der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Familie und Kunst. Es vollzieht sich in ihm keine räumliche Integration des Sozialen, sondern es zeichnet sich eine heterarchische Ordnung aller Sozialsysteme und des globalen Weltsystems (Weltgesellschaft) ab (Niklas Luhmann), das heißt, daß ein globales Weltsystem kein Steuerungszentrum mehr hat. Das bedeutet aber eine Absage an alle politischen Programme einer Weltinnenpolitik. Die normative Erzwingung von Zukunftszuständen durch das politische System hat selber keine Zukunft und wird schon im Ansatz scheitern. Die Organisationssysteme – Staaten, Wirtschaftsunternehmen und Verbände – werden zunehmend zu Netzwerken umgestaltet. Das bedeutet insgesamt, daß sich die Erhaltungsbedingungen lokaler Gemeinschaften verändern. Sie können sich nicht mehr selbständig durch eine Abgrenzung und einen schwachen Grenzverkehr erhalten und gegenüber einer globalen Wirtschaft und den globalen Kommunikationen isolieren. Diesem Kontext sind die Problemfelder der Regelungsfähigkeiten multinationaler Organisationen, die Globalisierung der Wirtschaft, die Vernetzung der Kommunikationen durch die Kommunikationstechnologien zuzuordnen. Der Umbruch führt immer mehr zu grundsätzlich neuen Grenzziehungen von sozialen Systemen. Die Grenzen des Wirtschafts- und Wissenschaftssystems sind keine räumlichen Grenzen mehr, keine äußeren Teile, die den inneren Teil schützten. Es sind Grenzen globaler Operationen, die ihrerseits wiederum operativ bestimmt sind. Wer keine Email-Adresse hat, scheidet zum Beispiel aufgrund einer Operationsweise aus den Teilsystemen aus.

Gesellschaft, Organisation und Interaktion sind in einem globalen Weltsystem durch einen Medienverbund vernetzt. In diesem System sind die Erhaltungsbedingungen der sozialen Teilsysteme über Operationen in digitalen Netzwerken gesteuert. Sie verstetigen und prozessualisieren die gesellschaftsinterne Globalisierung, da sie die Teilnahmebedingungen an den Teil- und Kommunikationssystemen festlegen. Sie schließen die sozialen Teilsysteme von ihrer Innenseite aus.

Globalisierung und Partikularisierung von Teilsystemen finden in diesem System gleichzeitig statt und sie werden immer mehr in eine virtuelle Realität überführt. Das heißt nicht, daß einfache Interaktionssysteme verschwinden werden oder gar für die Beobachtung von sozialen Systemen unwichtig würden. Globalisiert werden das Wirtschafts- und das Wissenschaftssystem; partikularisiert dagegen werden das politische-, das Rechts-, das Gemeinschafts- und das Kultursystem, die im Zuge dieser Entwicklung ihre universale Zuständigkeit immer mehr einbüßen. Dabei bedeutet Globalisierung für das Wissenschaftssystem vor allem eine Vernetzung von Forschung; die Organisationen dagegen, wie zum Beispiel Universitäten, Akademien der Wissenschaft, große Forschungsinstitute, bleiben regional und national orientiert. Man kann sich die Globalisierung des Wissenschaftssystems schlaglichtartig zum Beispiel daran verdeutlichen, daß bei der Erforschung der Lungenkrankheit SARS im Jahre 2003 täglich 300 Institute ihre Forschungsergebnisse austauschten. Was unsere kulturellen Orientierungen betrifft, so sollten wir uns daran gewöhnen, daß sie sich immer mehr segmentieren werden.

Globalisierung bedeutet ein zunehmendes Verschwinden von universalen kulturellen Ansprüchen und Zuständigkeiten. Die Vielheit der kulturellen Stimmen wird immer schwerer zu harmonisieren sein. Es besteht ein Zusammenhang zwischen einem globalen und multi-zentrischen Weltsystem und einer vielfach angelegten kulturellen Orientierung. Insofern liegt ein Zusammenhang zwischen dem Postmodernismus und den grundlegenden Veränderungen der Operationsweise von sozialen Systemen nahe. Sofern wir im Anschluß an Robertson davon ausgehen, daß Globalität eine Bedingung von divergenter Modernisierung ist, wird sie Partikularisierungen und Glokalisierungen herbeiführen. In einem globalen Weltsystem wird es keinen einzelnen Entwurf kultureller Identität mehr geben, der die unterschiedlichen Kulturen dominiert und allgemeine Verbindlichkeit beanspruchen kann. In diesem Sinne ist die Kultur eines globalen Weltsystems eine nachhegemoniale Kultur, das heißt, das Ende der Hegemonie der abstrakten und universalen kulturellen Kategorien, die zugleich den Bezugsrahmen der Kunst festlegen. Das möchte ich an dem Verlust des Deutungsmonopols der modernen Kunst und dem neuen Multizentrismus des Kunstsystems verdeutlichen.

Seit 1980 verliert die moderne Kunst, die ihr Zentrum nach dem Zweiten Weltkrieg in New York hatte, ihre Dominanz. Die führenden Künstler kamen immer mehr aus allen Teilen der Welt, zum Beispiel aus Deutschland Georg Baselitz und Anselm Kiefer, aus Groß- Britannien Lucian Freund, aus Italien Rancesco Clemente und Sandro Chia. Köln wurde etwa ein konkurrenzfähiges Zentrum der gegenwärtigen Kunst. Seit 1990 beobachten wir zunehmend die Formierung eines Multizentrismus und eines multikulturellen Postmodernismus, zum Beispiel verbreitet sich auch in Rußland eine kulturelle Selbstbezogenheit. Russische Schriftsteller sind gar nicht daran interessiert, in westliche Sprachen übersetzt zu werden.

Der Schritt vom Abstrakten Expressionismus zum Minimalismus und zur Konzept-Art war ein Ausläufer des (abstrakten) Modernismus, der einen hegemonialen Anspruch hatte. Der Kunstkritiker Clement Greenberg formulierte ein Konzept von Modernismus, das sich an der Fläche orientierte. Er ging deshalb auf Distanz zum Minimalismus. Der hegemoniale Anspruch wurde seit den 1970er Jahren durch einen neuen partikularistischen Realismus, zum Beispiel durch die neutrale realistische Fotographie, verdrängt. Zu ihr gehören Robert Adams, William Eggleston, Stephen Shore, die in sozialkritscher Absicht gegen den guten Geschmack verstießen und die Maler Chuck Close, Gerhard Richter, John Salt, Don Eddy, Ben Schonzeit, die keine sozialkritischen Absichten verfolgen, sondern die Fotographie mit farblichen Mitteln realistisch überboten. In den 1980er und 1990er Jahren schließt sich daran ein institutioneller Realismus der Geschlechter und der Ethnien an. Der Postmodernismus stellt vor diesem Hintergrund eine kulturelle Orientierung dar, die in dem Orientierungssystem des modernen Weltbildes, der modernen Kultur und ihrem Wertesystem, eine Zäsur vornimmt. Man kann mittlerweile nicht mehr ohne weiteres davon überzeugt sein, daß das 21. Jahrhundert eine „Jahrhundert“ des Westens sein wird. Der japanische Architekt Kisho Kurokawa etwa spricht von einem symbiotischen Zeitalter, das die intellektuelle westliche Kultur ablösen wird.

Die kulturelle Globalisierung bringt den Konflikt zwischen autochthoner und kommerzieller Kultur sowie zwischen Zentrumskultur und peripherer Kultur hervor. Autochthone Kulturen erheben gegenüber der Einheitskultur den Anspruch auf ihr eigenes Recht und wehren sich gegen ihre Vereinnahmung durch den globalen Kulturmarkt. Periphere Kulturen wirken dem Anspruch der Zentrumskultur auf nationaler und globaler Ebene entgegen und melden ihr gegenüber ihre Ansprüche an. Das hat einen Konflikt zwischen Multikulturalismus und individualistischem (christlichen, modernen) Universalismus zur Folge, der kaum mehr auszugleichen ist. Es läßt sich nicht ausschließen, daß sich zunehmend eine Libanisierung des politischen System der Weltgesellschaft einstellt, wie es Jean-Marie Guéhenno nannte. Libanisierung heißt, daß sich der homogene Nationalstaat in partikulare Gruppenidentitäten auflöst. Die Mitglieder der Gruppen sind keine Staatsbürger mehr und identifizieren sich nicht selbst als Staatsbürger. Damit geht einher, daß sie sich (auch) als Feinde gegenübertreten und über Feindschaft ihre Identität bestimmen. Die Folge davon wird sein, daß sich immer mehr das Ende der Politik einstellt. Der moderne Konstitutionalismus, der durch Souveränität (Staatsvolk), Schutz des Einzelnen vor Machtmißbrauch, Garantie der Menschenrechte und territoriale Situierung zu charakterisieren ist, zerbröckelt.

Das wird noch dadurch verstärkt, daß die wirtschaftliche Globalisierung den Steuerstaat unterhöhlt. Es findet eine Konkurrenz von Standorten nach Maßgabe der Steuervorteile statt, die bereits zu einer nationalen Entsolidarisierung geführt hat. Die westliche Gesellschaft wird sich zunehmend gegen Einwanderung abschirmen. Das gilt mit Sicherheit für die Vereinigten Staaten von Amerika und Australien; ob sich Europa dazu entscheiden wird, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit erkennen. In diesem Zusammenhang werden Herkunft und Religion für die Solidarbeziehungen wichtiger werden und zugleich Exklusionsmechanismen sein. Gleichzeitig wird durch die technologische Entwicklung eine zunehmende Differenzierung zwischen qualifizierten und nicht-qualifizierten Beschäftigten eintreten. Es könnte durchaus sein, daß nicht die Überalterung, auch nicht die Arbeitslosigkeit, das Problem der Zukunft ist, sondern das Ende der Solidargemeinschaft und eine neue soziale Differenzordnung von sozialer Herkunft und Religion. Darauf hat vor allem der Soziologe Karl Otto Hondrich aufmerksam gemacht. Wir erleben die Dominanz der Herkunftswelten. Wir erkennen aber auch, daß soziale Systeme durch die Prozessualisierung der Entscheidung über Mitgliedschaft gerade nur bedingt lernfähige Systeme sind. Der Fluchtpunkt, darauf hat Niklas Luhmann bereits in den 1970er Jahren aufmerksam gemacht, kann nur die Umstellung auf eine kognitive Orientierung sein. Das heißt nicht, daß kontrafaktische Orientierungen völlig verschwinden, sie werden aber schneller zur Seite gelegt.

 

2. Die Suche nach der europäischen Identität und Kultur

Die soziologische und kulturtheoretische Forschung kommt zu dem Ergebnis, daß sich eine europäische Identität und Kultur nicht durch eine Differenzierung von regionalen und nationalstaatlichen Identitäten und ihrer mosaikartigen Zusammensetzung herausbilden wird. Dagegen sprechen sowohl die sprachlichen, ethnischen, regionalen und nationalen Unterschiede, als auch die unterschiedlichen Erinnerungsgemeinschaften und Mitgliedschaften. Geschichtlich war für Europa eine Differenzierung von Gemeinschaften typisch, die sich gerade nicht übergreifend homogenisierten, sondern die durch die Nationalstaaten nur marginalisiert wurden. Andererseits ist hervorzuheben, daß es im europäischen Maßstab auch strukturelle Gemeinsamkeiten gibt. Solche sozial-strukturellen Gemeinsamkeiten sind: die europäische Familie, die sich zum Beispiel von Osteuropa dadurch unterschied, daß die jungverheirateten Ehepaare einen eigenen Hausstand gründeten und nicht in die Familie der Großeltern und Eltern einheirateten, ein industrie-intensiver Erwerb, das soziale Milieu des Bürgertums, das Arbeitermilieu, das kleinbürgerliche Milieu, das bäuerliche Milieu und bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Landaristokratie, der europäische Wohlfahrtsstaat nach dem Zweiten Weltkrieg – er war in Spanien und Portugal weniger stark vorhanden –, die Stadtentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert und die Massenkonsumgesellschaft. Die Milieus der sozialen Schichtung sind in der Folge des Ersten und Zweiten Weltkriegs nicht mehr sozial-strukturell dominant. Bei der Verbreitung des Massenkonsums in der Folge des wirtschaftlichen Wachstums nach dem Zweiten Weltkrieg handelt es sich um einen weltweiten Prozeß, bei dem die Vereinigten Staaten von Amerika Vorreiter waren und Maßstäbe setzten.

Es kommt deshalb bei der Suche nach der europäischen Identität und Kultur darauf an, die Frage richtig zu stellen. Sie wird dann falsch gestellt, was die Europa-Rhetorik nahelegt, wenn man eine europäische Identität und Kultur durch eine gemeinsame geschichtlich überlieferte Werte- und Ordnungskonzeption zu begründen beansprucht, zum Beispiel durch das Christentum und die Aufklärung als Leitkultur. Das heißt aber, sie wird sich nicht durch den Konsens über gemeinsame Werte herausbilden. Das ist bestenfalls eine mediale Rhetorik und Konstruktion. Es drängen sich deshalb berechtigte Zweifel auf, ob Europa ein Gegenstand von vereinheitlichten kulturellen Orientierungen sein wird, die stark genug sind, eine bindende Wirkung in breiten Bevölkerungsschichten hervorzurufen.

Was heißt es, die Frage nach der europäischen Identität richtig zu stellen? Es ist nicht zu erwarten, daß die vorhandenen regionalen und nationalen Identitäten durch eine europäische kollektive Identität ersetzt werden. Das galt letztlich auch nicht für die regionalen und ethnischen Homogenisierungen durch die Nationalstaaten. Wir werden davon auszugehen haben, daß sich eine europäische Identität in einem globalen Wettbewerb nach außen schärfer profilieren wird. Dieser Vorgang wird sich aber zugleich nach innen gegen die Nationalstaaten wenden. Damit ist ein Konfliktpotential vorhanden, das schwer zu beseitigen sein wird. Im selben Zug werden sich Konflikte zwischen den Nationalstaaten und den nach Selbständigkeit strebenden Regionen vermehren. Globalisierung der europäischen Gesellschaft nach innen und außen wird dazu führen, daß wir in Kommunikationssystemen leben werden, die uns nicht mehr über ihre Geschlossenheit eine stabile soziale Identität gewähren. Die Frage nach einer europäischen Identität läßt sich insofern nicht inhaltlich beantworten, das heißt in dem Sinn, daß Wir-Europäer eine kollektive Identität ausbilden, die der Inklusionsidentität der Nationalstaaten entspricht. Die Identität der Europäer wird nach innen durch einen Wettbewerb bestimmt sein, der wiederum quer zu den sozialen Milieus verlaufen wird. Sie wird gleichzeitig auch durch Berufs- und Schichtungszugehörigkeit, aber auch durch die Modernisierungsgewinner und Modernisierungsverlierer beeinflußt sein. Als Folge davon zeichnet sich ab, daß durch Wettbewerb das Kollektivbewußtsein abstrakter wird. Gehören die Mitglieder der sozialen Systeme nicht mehr nur einem einzigen Kollektiv an, so verlieren primordiale kollektive Identitäten, obwohl sie nicht verschwinden, ihre Ausschließlichkeit und Dominanz. Das kann auch bedeuten, daß sie sich eruptiv Geltung verschaffen. Der strukturelle Konflikt, den die Europäisierung der nationalen Gesellschaften weiter herbeiführen wird, besteht darin, daß sich im Ausbau des Wettbewerbs der Regionen, Unternehmen und Interessensverbände zwangsläufig eine nationale Desintegration einstellt.

Europa, das ist ein Netzwerk von Differenzen, eine Art Mosaik von sich überlappenden und verbundenen sozialen Unterschiedlichkeiten. Es gibt nicht das europäische Interesse im Singular, sondern eine Vielheit von Interessen. Strukturelle Ähnlichkeiten müssen dabei nicht bestritten werden, aber es gibt keine zugrundeliegende Einheit im Sinne des Modells des modernen Nationalstaats und der systemtypischen Mentalität seiner Mitglieder. Was den Nationalstaat betrifft, so ist seine Analyse nicht mehr in der deutschen Tradition der Staatstheorie durchzuführen. Er ist gerade keine evolutionäre Universalie. Diesbezüglich bedarf es einer systemtheoretischen Aufklärung. Der moderne Staat ist als formale Organisation des politischen Systems und seiner Selbstbeschreibung zu analysieren. Insofern sollten wir davon ausgehen, daß das politische System eine Gesamtheit von konkurrierenden Institutionen bleiben wird. Es liegt eher nahe, darin besteht eine weitgehende Übereinstimmung in der sozialwissenschaftlichen Forschung, daß eine europäische Kultur und Identität gerade nicht am Modell des Nationalstaates, im Sinne eines einzelnen zivilisatorischen Modells, zu entwerfen ist. Wir werden in einen Prozeß eintreten, in dem es fortlaufend zu Konflikten zwischen Modernisten und Traditionalisten, Europäern und Nationalisten kommen wird. Sie werden durch die Unterschiede in ihrer Bildung, ihrem Einkommen und ihrem Berufsstatus noch verstärkt werden.

 

3. Veränderte Fragestellung

Worin bestehen mittlerweile die veränderten Fragestellungen der soziologischen Forschung?

Wir können sie annäherungsweise dahingehend umreißen, daß sie auf die Auswirkungen von globaler Dynamik auf die lokalen Lebenswelten auszurichten sind. Das hat Richard Münch konzeptuell und substantiell ausgearbeitet. Globale Probleme werfen die Frage auf, wie sie mit den vorhandenen Institutionen des politischen Systems auf nationaler und internationaler Ebene zu bewältigen sind. Die Erfahrungen sind dabei eher entmutigend. Das betrifft vor allem das politische -, das Rechts- und das Gemeinschaftssystem. In Zukunft gibt es vermutlich keine großen, sondern nur noch kleine Entscheidungen. Im geschichtlichen Vergleich wird das „Imperiale Zeitalter“ eher eine Epoche der kleinen Konflikte sein. Auch die atomare Abschreckung könnte ihre Bedeutung verlieren, da der politische Kontext fehlt, d.h. es fehlen die politischen Entscheidungsträger. Gerade deshalb läßt es sich nicht ausschließen, daß die Atomwaffe auch eingesetzt wird: Eine Folgerung, die Jan-Marie Guéhenno aus seiner Analyse der veränderten Konstellationen des politischen Systems nach 1990 gezogen hat. Dieter Henrich hat bereits in "Ethik zum Nuklaren Frieden" (1990) die grundsätzlich veränderte ethische Situation untersucht, die mit der nicht revidierbaren Verfügbarkeit der nuklearen Waffe einhergeht. Es stellt sich bereits die Frage, ob globale Dynamik und lokale Lebenswelt (Vielfalt) überhaupt noch miteinander abstimmbar sind.

Eine auf uns zukommende Veränderung könnte die Art der Konfliktaustragung sein. Netzwerker vermeiden das offene Austragen von Konflikten. Sie haben keine Zeit, sich zu konfrontieren und die Sequenzen von Konflikten zu durchlaufen, die sie letztlich von der Pflege ihrer sozialen Netze und der weiteren Vernetzung abhalten. Es gibt zudem in Netzwerken oft keine klar geschnittenen Bruchstellen, an denen sich die Konflikte fokussieren. Das Netzwerk bietet zwar viele Angriffspunkte, aber es handelt sich im Unterschied zu dem Ost-West Konflikt um kleine Konflikte. Das schließt es nicht aus, daß sie für die Betroffenen dramatische Folgen haben können, zum Beispiel durch Kommunikationsabbruch oder das Verfehlen der Anschlußrationalität. Sie stellen das Netzwerk selbst aber nicht in Frage. In einer digitalen segmentären Gesellschaft verändern sich die funktionalen Imperative ihrer Bestandserhaltung in den Dimensionen zeitlich, sachlich und sozial. Ihr Imperativ ist der möglichst reibungslose Informationsfluß und seine Interpretation und Gestaltung. Nur dadurch ist sie in den Augenblicken ihrer Operation ein homogenes Ganzes, das auch jederzeit zerbrechen kann. Konformes Verhalten und die ihm entsprechende kognitive Orientierung wird deshalb zu einer Voraussetzung für die fortlaufende und unabgeschlossene Teilnahme and dem Kommunikationssystem in einer Netzwerkgesellschaft. Konformität heißt somit, daß ihre Mitglieder den Konflikten aus dem Wege gehen und sich an Veränderungen durch Nachjustierung adaptieren. Prototypisch für diese Sozialstruktur ist die Organisation japanischer Unternehmen und ihre Entscheidungsfindung.

Netzwerkbildung heißt aber nicht Planung der Gesellschaft, des Gesellschaftssystems und die Erzwingung von normativen Zukunftszuständen durch Direktive, zum Beispiel durch das politische System. Eine segmentierte Gesellschaft ist kein vereinheitlichtes Sozialsystem, sondern ein System von Differenzordnungen. Wir beobachten immer mehr eine Rückbesinnung auf ethnische, regionale und religiöse Zugehörigkeiten und Mitgliedschaften. Damit geht durch Abgrenzung auch eine negative Identitätsbildung und eine Differenzierung der Inklusionsordnung einher. Daraus erklären sich viele, für uns oft unverständliche Vorkommnisse, so zum Beispiel der neue Ethnozentrismus, Nationalismus und die verschiedenen Versionen von Fundamentalismus, denen wir in einem globalen Weltsystem begegnen. Dazu gehört auch das Problembewußtsein, ob es sich bei solchen Abstimmungen überhaupt noch um ein politisches Problem handelt, das im politischen System einer Lösung zuzuführen ist. Von einem besonderen Interesse ist dabei die veränderte Grundsituation in der Beziehung zwischen dem politischen und dem ökonomischen System, das heißt, die fortlaufende Neubewertung der Steuerungsfunktion des Staates. In der Zukunft wird Gesellschaft ein offenes System von Verknüpfungen sein, das sich zugleich durch seine eigene Operationsweise und seine Mitgliedschaftsbedingungen schließt. [1]

 

[1] Veröffentlichungen des Globalisierungsprojekts der Protosociology. Journal and Project. Incorporeted Philosophy, J. W. Goethe-Universität, Frankfurt a. M.: G. Preyer, Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft (3 Bände), Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2005, 2006, 2007. G. Preyer, M. Bös eds., Boderlines in a Globalized World. New Persepectives in a Sociology of the World-System. Social Indicators Research Series Vol. 9, Kluwer Academic Publishers: Dordrecht 2002, Schissler, G. Preyer, Gesellschaft im Umbruch. Politische Soziologie im Zeitalter der Globalisierung, Verlag Humanities Online: Frankfurt a. M. 2002. Preyer, Die globale Herausforderung, Frankfurter Allgemeine Zeitung/Gabler Edition, Frankfurt am Main 1998, digitale Ausgabe www.science-digital.com Weitere Veröffentlichungen des Projekts www.protosociology.de 

Ausgewählte Literatur zum Forschungsstand: B. S. Turner ed., Theories of Modernity and Postmodernity, London 1990, M. Featherstone, S. Lash, R. Robertson eds., Global Modernities, London 1995,  R. Robertson, Glocalization: Time-Space and Homogeneity-Heterogenity, J. N. Pieterse, Globalization as Hypridization. In: M. Featherstone et al., op. cit. 1995, R. S. N. Eisenstadt, Die Vielheit der Moderne, Weilerswist 2000, Theorie und Moderne. Soziologischen Essays, Wiesbaden 2006, K. O. Hondrich, C. Koch-Arzberger, Solidarität in der modernen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1994, K. O. Hondrich, Der Neue Mensch, Frankfurt a. M. 2001, D. Henrich, Ethik zum Nuklaren Frieden, Frankfurt a. M. 1990, J.-M. Guéhenno,Das Ende der Demokratie, München 1994.

Prof. Dr. phil. habil. Gerhard Preyer
Professor of Sociology
Protosociology
An International Journal of Interdisciplinary Research
and Research Project
Incorporated: Philosophy
J. W. Goethe-University
D-60054 Frankfurt am Main
www.protosociology.de

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