Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 2


 

"Krone, Brot und Rosen. 800 Jahre Elisabeth von Thüringen"
oder: Was-ist-Was: Elisabeth von Thüringen

ISBN: 978-3422020238, Deutscher Kunstverlag, München 2006, 96 Seiten, 19,80 €

In „Krone, Brot und Rosen. 800 Jahre Elisabeth von Thüringen“ ist ein elegant bebilderter und nach den Regeln modernsten Designs gestalteter Katalog erschienen, der jene Wanderausstellung, die sich unter anderem ab dem 15. Mai 2007 auch in Marburg befinden wird, begleiten soll. Verantwortlich für die Ausstellung bzw. den Katalog zeichnen die Evangelischen Kirchen und Diakonischen Werke in Hessen in Kooperation mit dem Hessischen Staatsarchiv Marburg; als Herausgeber fungiert Jürgen Römer, seines Zeichens Geschäftsleiter des Elisabethjahres.

Neben Grußwort, Einleitung und hintangefügtem Bildnachweis, strukturiert sich der  28,2 x 21,2 x 1,2 cm Band, der ob der nicht einmal 100 Seiten Umfangs dennoch ein Bändchen bleibt, aus 20 Kapiteln und diversen Unterkapiteln. Schrittweise wird so in das Leben der berühmten Heiligen eingeführt; und auch die Folgen, dich sich aus ihrem heiligenmäßigen Dasein für das Gestern und Heute ergeben, werden betrachtet.

Dementsprechend wird genauso ein Licht auf die politischen Hintergründe der Heirat von Elisabeth und Ludwig IV., Elisabeths Hospitalstiftung oder den sie nach ihrem Tod vereinnahmenden Deutschen Orden geworfen, wie auf ihre Symbolfunktion für Hessen oder ihre hochromantische Verklärung. Leider werden aber weder Autorennamen preisgegeben, noch ist eine Literaturliste – oder um im Tonfall des Kataloges zu bleiben: Weiterführende Lektüre – beigefügt.

Oh ja, der Tonfall. Da unsere moderne Gesellschaft spätestens seit „Fokus“ & Co gewohnt ist, den schnellen Überblick präsentiert zu bekommen, und der Transport der „message“ via Bild „voll im Trend“ einer Zeit liegt, die immer greller, schriller und schneller wird, wurden pro Lebensabschnitt kaum mehr als vier Seiten verwandt: Ein ganzseitiges Einsteigerbild auf der Linken, dann noch etwas Buntes zur Rechten, ein Schlagwort, ein Miniabsatz die Kapitelüberschrift reflektierend. Allesamt sehr elegant, sehr ansprechend, sehr kurz, sehr gewürzt, eine „biblia pauperum“ des modernen Menschen sozusagen, der dem Lesen bei soviel Medieninput mittlerweile wohl abgeschworen hat.

Auf den beiden Folgeseiten erscheint schließlich die eigentliche Darstellung. Um jedwede lästige oder sinnverwirrende Unklarheit über Personen im näheren und weiteren Umkreis der Heiligen zu beseitigen, werden entsprechende Daten jeweils auf der zweiten Textseite gelistet, gleichfalls augenfällig hervorgehoben.

Wie bereits angedeutet: Die „Last“ der Darstellung trägt keineswegs der Text; es sind vielmehr die umfangreichen Illustrationen – der Stammbaum, die eingefärbte Landkarte, die Abbildungen der Münzen, der Glasfenster, die Photographien berühmt-berüchtigter Stätten, die Tafelbilder, Wandteppiche, Statuen, Altäre, Siegel, Initialen, Gemälde, Urkunden, Reliquiare – denen diese Aufgabe zufällt. Kurz, „Krone, Brot und Rosen“ ist ein Buch, das man nicht lesen muß, sondern auch einfach nur betrachten kann. Mit Wohlwollen.

Und die Texte? Sie sind mitnichten darauf ausgelegt, den Rezipienten zu überfordern. Zum einen: Es ist keinesfalls notwendig, das Buch in chronologischer Reihenfolge zu lesen – der Leser mag sich nach Belieben dasjenige aussuchen, wohin es den zu Befriedigung drängenden Geist auch immer ziehen mag.

Zum andern: Alles in diesem Buch strebt nach der Instant-Information und richtet sich – es wurde bereits angedeutet – auf einen Konsumenten, der gerne in Bildern schwelgt und weniger gerne liest und vor allem nichts allzu kompliziertes. Dementsprechend sind die Texte artig erklärend, und so wird der hoffentlich geneigte Leser in Sätzen, die eindeutig eher die Tendenz zur Kürze denn zur Länge haben, informiert, daß „In der Wahlmonarchie des Heiligen Römischen Reiches ... die Könige und Kaiser von den Reichsfürsten bestimmt (wurden,“) (S. 12) oder „Seit dem Spätmittelalter werden in der christlichen Kirche Heilige verehrt.“ (S.44) oder: „In der Frömmigkeit des Spätmittelalters werden Heilige oft bei bestimmten Anliegen im Gebet angerufen oder galten als Patrone bestimmter Berufsgruppen.“ (S.66) Unabhängig davon, daß die Feststellung, Reichsfürsten hätten den Kaiser gewählt, als inhaltlich etwas bedenkliche Formulierung Papst und Kurfürsten sicherlich keuchen gemacht hätte, und Heilige schon vor dem Spätmittelalter zur Verehrung gelangt sind, handelt es sich bei solchen Kommentaren schlichtweg um Gemeinplätze: Wer nicht weiß, daß in der christlichen Kirche Heilige verehrt wurden und werden, ist ein armer Tropf, wer „gebildet“ genug ist, dieses „Wissen“ sein eigen zu nennen, fühlt sich bei solcherlei Kommentaren schlichtweg verhöhnt.

Dabei haben sich der bzw. die Verfasser der Texte von Herzen bemüht, einen für jedermann verständlichen Text zu präsentieren, etwa auch durch mannigfache Begriffserklärungen und (sagte ich das schon?) eine reiche Bebilderung – wie bei der Bauanleitung eines Ikea Billyregals – unterstützt und auf den Punkt gebracht. Es ging den Autoren des Katalogs darum, nachhaltig aufzuzeigen, daß Elisabeth nach 800 Jahren immer noch eine moderne Heilige ist. Eine solche Heilige verträgt keine antiquiert hypotaktisch gedrechselten Sätze und schon gar nicht irgendein gestelztes Wortmaterial: „... dem jungen Mädchen wurde eine auffällige Hinwendung zum christlichen Glauben nachgesagt. Sie habe sogar ihr Spiel mit Gleichaltrigen unterbrochen, um in der Kirche zu verschwinden.“ (S.22) oder: „Im 13. Jahrhundert war es für eine junge Frau üblich, früh Mutter zu werden. Mit 14 Jahren schloss Elisabeth 1221 in der Georgenkirche in Eisenach mit Landgraf Ludwig IV. den Bund fürs Leben. Ihr 21-jähriger Bräutigam war bereits seit vier Jahren Landgraf von Thüringen.“ (ebd.)

Sieht man über diese Schwächen hinweg – und vielleicht werden sie dem Publikum, für das dieses Buch verfaßt wurde, gar nicht als solche auffallen – vermittelt die Summe von Wort und Bild schließlich tatsächlich den Eindruck, nicht nur etwas über Elisabeth erfahren zu haben, sondern vielmehr alles Nennenswerte: Informationen über die Lebenswelt des Mittelalters mit seinen Heiligen, Hospitälern, Beginen, seinen prunkenden Fürsten und wohlgefälligen Schätzen.

Sicherlich wird dieses Publikum auch später noch gerne zu dem Katalog greifen – und sei es, wozu?, nun, zum Betrachten der Bilder.

Tanja von Werner

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