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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
1228 kam die Heilige Elisabeth als junge Witwe nach Marburg und gründete hier ein Hospital, in dem sie persönlich Arme und Kranke versorgte. Aus der schriftlichen Überlieferung ist nur wenig über ihre Wirkungsstätte bekannt. Im Rahmen des Heiligsprechungsverfahrens wurden ihre vier Dienerinnen Guda, Isentrud, Irmgard und Elisabeth verhört, ihre Zeugenaussagen bilden bis heute die wichtigste Schriftquelle zum Leben der Heiligen. Sie beschreiben Elisabeths Unterkunft als ein "niedriges Häuschen aus Holz und Lehm", erwähnen weitere Nebengebäude und einen umgrenzenden Zaun. Das wichtigste Gebäude war zweifelsohne das eigentliche Hospital, zu dem eine Kapelle gehörte, die dem Heiligen Franziskus von Assisi geweiht war. Elisabeth wurde nach ihrem frühen Tod am 16./17. November 1231 in dieser Kapelle beigesetzt. Ihr Grab und mithin der weitere Standort ihrer Gründung blieb durch die Jahrhunderte bekannt und Gegenstand des öffentlichen Interesses.
Bereits im 19. Jahrhundert fanden erste Ausgrabungen unter der Elisabethkirche und auf der nördlich angrenzenden Fläche statt. Aber erst zwischen November 1970 und August 1971 eröffnete die bis heute größte archäologische Untersuchung in Marburg tiefe Einblicke in die Siedlungsgeschichte von "Marburgs heiligstem Platz", wie der damalige Oberbürgermeister Hanno Drechsler den Ort nannte: Unter Leitung des Historikers Ubbo Mozer wurde im Vorfeld der Bauarbeiten zur Verrohrung der Ketzerbach knapp die Hälfte der Freifläche zwischen Elisabethkirche, dem Deutschen Haus, der heutigen Gaststätte "Mexicali" und dem Kirchenkiosk an der Elisabethstraße aufgedeckt. Leider dauerte es über dreißig Jahre, bis seit 2004 eine wissenschaftliche Auswertung dieser bedeutenden Untersuchung erfolgen konnte. 1997 führte das Landesamt für Denkmalpflege aus Anlass eines Heizungseinbaus in der Kirche eine weitere Ausgrabung durch. Schließlich begleitete das Amt 2006 die Umgestaltungsarbeiten für das Elisabethjahr auf den Grünflächen westlich und südlich des gotischen Bauwerks (Abb. 1).
Die Funde dieser Ausgrabungen bilden einen Schwerpunkt der großen Ausstellung "Elisabeth in Marburg. Der Dienst am Kranken", die das Land Hessen im Marburger Landgrafenschloss vom 24. März bis zum 25. November 2007 zeigt. An dieser Stelle sollen die wichtigsten Ergebnisse dieser Grabungen kurz vorgestellt werden:
Abb. 1: Gesamtplan der Ausgrabungen 1970/71 und 1997
(Graphik: Rainer Atzbach und Stefan Nowak).
Die
Fachwerkbauten (Nr. 45, 47, 121 und 123), die
Bleiwasserleitung (Nr. 74), die Glockengussgruben
(Nr. 24
und 26), der Friedhof(Nr. 35-41, 48-50, 65-66. 107-109),
die Firmanei mit Kapelle (Nr. 1 und 2)
Als bedeutendster Fund sind klar die Überreste von mehreren Fachwerkhäusern aus dem frühen 13. Jahrhundert einzustufen, von ihnen erhielten sich Teile der Fundamentmauern und einige Pfostenlöcher, also die Standspuren der dachtragenden Hölzer (Abb. 1 Nr. 45, 47, 120 und 121). Diese Bauten gehörten mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Hospitalgelände der Heiligen Elisabeth. Es gibt aus dieser Zeit keine erhaltenen Gebäude, dennoch erlauben die ausgegrabenen Spuren im Boden im Vergleich mit den ältesten hessischen Fachwerkhäusern eine zuverlässige Rekonstruktion, die im Landgrafenschloss zu bewundern ist (Abb. 2). Im Zentrum der Anlage stand ein wahrscheinlich quadratischer Bau mit etwa 8 m Seitenlänge und einer Türöffnung nach Westen (Abb. 1 Nr. 45 und 47). Das Fundament der Außenwände bestand aus niedrigen, in Lehm versetzten Steinmauern, auf denen die eingeschossige Fachwerkkonstruktion aufsaß. Die tragenden Pfosten waren in den Boden eingegraben. Diese uralte Bauweise verlieh dem Gefüge zwar eine große Standfestigkeit, besaß aber durch die wechselnde Feuchtigkeit des Bodens nur eine geringe Lebensdauer. Wahrscheinlich war das Haus deshalb spätestens um die Mitte des 13. Jahrhunderts baufällig. Weitere Pfostenspuren im Inneren dieses Hauses könnten eine Zweiteilung quer zur Firstlinie andeuten. Im hinteren Raum befand sich eine Herdstelle, hier lag also die Küche, zugleich spricht dieser Befund dafür, dass es sich um ein Wohngebäude handelt, Ställe oder Schuppen waren stets unbeheizt. Über den vorderen Raum sind keine weiteren Aussagen möglich, allerdings wissen wir aus den Aussagen der vier Dienerinnen, dass Elisabeth – die ja als ehemalige Landgräfin durchaus einigen Komfort gewohnt war - unter dem Qualm eines offenen Feuers litt. Es lässt sich nicht beweisen, ob der vordere Raum über einen Kachelofen verfügte, auf dem Grabungsgelände fanden sich jedoch mehrere Trümmer einer solchen Heizung aus dem frühen 13. Jahrhundert, die also zumindest aus der Nutzungszeit des Hauses stammen. Wahrscheinlich besaß das Haus ein schlichtes Satteldach, das mit Stroh gedeckt war. Leider gibt es keine näheren Hinweise zu seiner Nutzung, so muss offen bleiben, ob es sich um Elisabeths eigenes Wohnhaus oder um ein anderes Gebäude handelte.
Im späten 13. Jahrhundert, lange nach Elisabeths Tod, ist erstmals die Tradition belegt, die Firmanei, also das 1286 am Nordrand des Geländes errichtete Hospital der Deutschordensritter sei über Elisabeths Sterbeort erbaut worden. Die Kapelle ist im 19. Jahrhundert und wiederum 1970/71 ausgegraben worden, unter ihr fanden sich keine Hinweise auf ein älteres Gebäude. Dagegen konnte ein Stück südlich ihres Chores die geringen Fundamentreste von zwei weiteren Fachwerkhäusern erkannt werden, aber auch ihre Funktion muss offen bleiben.
Abb. 2: Rekonstruktion des zentralen Fachwerkbaus (Nr. 45
und
47) nach den Grabungsbefunden (Zeichnung: Rainer
Atzbach)
Vom wichtigsten Gebäude des Komplexes, dem eigentlichen Hospital mit zugehöriger Franziskuskapelle, fanden sich weder bei den Ausgrabungen im 19. Jahrhundert noch bei den jüngeren Untersuchungen gesicherte Überreste. Die Kapelle muss nach der schriftlichen Überlieferung über dem Grab der Heiligen gestanden haben, wahrscheinlich wurde dieser – sicher auch nur in Fachwerk aufgeführte Bau – bei Anlage der jüngeren Kirchenbauten vollständig zerstört. Unter dem Nordchor der Elisabethkirche wurden bereits im 19. Jahrhundert und erneut bei den Ausgrabungen 1997 die Grundmauern jener Kirche entdeckt, die Elisabeths Beichtvater Konrad von Marburg an der Stelle der älteren Kapelle errichtet hatte, der so genannte Konradbau. Es handelt sich um einen gestreckten Saalbau von beachtlichen 38 m Länge und bis knapp 13 m Breite. Er besaß eine halbkreisförmige Apsis im Osten und eine Mauerverstärkung im Westen, vielleicht war hier ein Turm geplant. Im Westen befand sich eine Tür, ein weiterer Zugang konnte auf der Mitte der Südseite nachgewiesen werden. Das Kirchenschiff wurde in der Mitte durch Wandvorlagen in zwei etwa gleich lange Zonen gegliedert. Am hinteren Ende der vorderen Zone lag das bis heute im Nordchor der gotischen Kirche sichtbare Elisabethgrab. Seine von der gotischen Kirche deutlich nach Nordost abweichende Ausrichtung bewahrt die Orientierung des Konradbaues, in dessen Mittelachse es lag. Grab und somit Konradbau folgten sicherlich der ursprünglichen Ausrichtung der verlorenen Franziskuskapelle. Diese orientierte sich wiederum offensichtlich an der damals bereits bestehenden Kilianskapelle auf dem heutigen Schuhmarkt und an der heute lutherischen Pfarrkirche. Beide Kirchen sind wie das Grab nicht exakt geostet, sondern leicht gegen den Uhrzeigersinn gedreht. Es war durchaus üblich, Kirchen nach dem Vorbild bestehender Gotteshäuser zu gestalten oder zumindest ihre Ausrichtung zu übernehmen, so entstand gewissermaßen eine gewohnheitsmäßige Ostung. Dieser "Fehler" wurde beim Bau der gotischen Elisabethkirche korrigiert – sei es durch die exakte Beobachtung des Sonnenaufgangs oder die Verwendung eines frühen Kompasses.
Am Westrand der Grabung kamen die Stakenlöcher eines Flechtwerkzauns zum Vorschein (bei Nr. 25). Auch wenn er sich nicht näher datieren lässt, so passt er doch gut zur schriftlichen Überlieferung, die einen Zaun als Umgrenzung des Hospitalgeländes nennt. Darüber hinaus konnten im Zuge der archäologischen Untersuchungen zahlreiche Bruchstücke von Alltagsgegenstände aus Elisabeths Lebenszeit geborgen werden. Hier sind an erster Stelle Scherben von Kochtöpfen zu nennen. Aus den Schriftquellen wissen wir, dass die Heilige auch eigene Kochversuche unternahm, ihre innigen Gebete lenkten sie allerdings so sehr von der Bereitung der Mahlzeiten ab, dass diese keineswegs schmackhaft gerieten und den Ärger ihrer Schutzbefohlenen erregten.
Abb. 3: Das Dreiergrab (Nr. 39) (Foto: Ronald Breithaupt und Ubbo Mozer)
Auch die Zeit unmittelbar nach Elisabeths Tod hinterließ im Boden zahlreiche Spuren, zunächst versuchte Konrad die fromme Gründung in Elisabeths Sinne weiter zu führen, der schon erwähnte, von ihm errichtete Konradbau diente wahrscheinlich als Hospital, hierfür spricht seine ungewöhnliche Länge, die zahlreiche Parallelen in hoch- und spätmittelalterlichen Hospitälern findet. Konrad wurde jedoch noch während des laufenden Heiligsprechungsverfahrens ermordet. Seine harte Linie als Ketzerverfolger hatte ihm Todfeinde geschaffen. So wurde sein neuer Hospitalbau über Elisabeths Grab wahrscheinlich gar nicht fertig gestellt, zumindest der Turm blieb wohl unvollendet. Der Deutsche Orden unter der Führung des Landgrafen Konrad, ein Schwager der Heiligen, übernahm das Hospital und begann ein groß angelegtes Bauprojekt, in dessen Zentrum die bis heute erhaltene Elisabethkirche steht. In den ersten Jahren nach dem Tod der Heiligen wurde Marburg zum Wallfahrtsziel, bald war von Wundern an ihrem Grab die Rede, die weitere Pilger anzogen – und ihre Erhebung zur Heiligen beschleunigten. Um den Konradbau über ihrem Grab erstreckte sich ein Friedhof. Die Bestattung möglichst in der Nähe der Heiligen war im Mittelalter sehr erstrebenswert, so erhofften sich die hier Beigesetzten am Tage des Jüngsten Gerichts, bei der Wiederauferstehung der Toten, Elisabeths Fürsprache. Dies war zweifelsohne der Grund, warum auch Elisabeth selbst in der Nähe der Franziskusreliquien vor dem Altar ihrer Kapelle beigesetzt werden wollte. 1970/71 wurden nördlich des Konradbaus insgesamt 16 Gräber freigelegt. Hier wurde auch ein Dreiergrab entdeckt, also die gemeinsame Bestattung von drei Personen, die offenbar gleichzeitig zu Tode kamen (Abb. 3). Auf dem Friedhof waren Frauen und Männer beigesetzt, direkt an der Südwand des Konradbaus, östlich des Zugangs, fand sich eine Doppelbestattung von zwei maximal sechs Monate alten Säuglingen. Derartige "Traufkinder" sind ein weitverbreitetes Phänomen, häufig wurden so vor der Taufe gestorbene Kleinkinder beigesetzt, die so mit dem von der Kirche herabtropfenden Regenwasser – gewissermaßen vom Himmlischen Vater persönlich – nachgetauft werden sollten. Der Friedhof um den Konradbau nahm also offensichtlich nicht nur Rittermönche des Deutschen Ordens auf – der Orden hatte 1234 nach der Ermordung Konrads das Hospital und das Grab der Heiligen in seine Obhut genommen -, sondern auch Frauen und Kinder. Die anthropologische Untersuchung der Bestatteten ergab keine Hinweise auf besondere Krankheitsbilder, wie sie etwa Lepra verursacht. Dementsprechend scheint es sich weder um Hospitalinsassen noch um Mönche zu handeln, sondern wahrscheinlich um Pilger oder Marburger Bürger, die hier ihre letzte Ruhe fanden.
Abb. 4: Die große Glockengussgrube (Nr. 26) (Foto: Ronald Breithaupt und Ubbo Mozer)
Neben diesen Überresten, die sich mehr oder minder unmittelbar mit dem Leben und Sterben der Heiligen Elisabeth in Verbindung bringen lassen, eröffneten die Ausgrabungen auch weitere Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Marburger Deutschordenshauses: Am Nordrand der Grabungsfläche wurden Mauerzüge der schon erwähnten Firmaneikapelle aufgedeckt. Es handelt sich um die Ruine des Hospitals der Deutschordensherren. Der Bau wurde zwar nach Ausweis der Schriftquellen im 1286 als Kapelle errichtet, diente aber nur in seiner Anfangszeit geistlichen Zwecken: Im späten Mittelalter lässt sich hier eine Weinstube mit Destille im ehemaligen Chor lokalisieren, die sehr zum Ärger der Marburger Wirte Wein und Spirituosen ausschenkte – hier münzten die Deutschherren ihre Immunität und Zollfreiheit in einen handfesten wirtschaftlichen Standortvorteil um.
Bedeutend sind auch die technikgeschichtlichen Hinterlassenschaften. Quer über das Gelände verläuft eine Bleiwasserleitung aus dem 13. Jahrhundert. Wahrscheinlich versorgte sie den Klosterbereich aus der bekannten Quelle unter dem Elisabethbrunnen. Darüber hinaus konnten zwei Glockengruben dokumentiert werden. Die größere der beiden Vorrichtungen diente höchstwahrscheinlich für den Guss der bis heute in der gotischen Kirche hängenden Elisabethglocke. Damit handelt es sich nicht nur um eine der größten bislang archäologisch erfassten derartigen Anlagen in Europa, sondern zugleich um eine der wenigen, die sich mit einer konkreten Glocke in Verbindung bringen lassen. Erhalten war der "Stand", also der Unterbau der Glockengussform sowie das Fundament des Bronzeschmelzofens in unmittelbarer Nähe der Form.
Der Inhalt von über 600 Fundkisten eröffnet Einblicke in das spätmittelalterliche und neuzeitliche Alltagsleben. An erster Stelle ist natürlich das breite Spektrum von Koch- und Essgeschirr zu nennen. Der schon erwähnte Konsum alkoholischer Getränke im Bereich der Firmaneikapelle muss geradezu volksfestartigen Charakter angenommen haben: erhebliche Mengen Geschirrbruchs und Spielsteine belegen ein buntes Treiben.
Die Auswertung der Grabungen an der Elisabethkirche stellt nur einen Mosaikstein im Puzzle der Marburger Stadtgeschichte dar, aber schon heute zeigt sich, dass archäologische Quellen ein neues Fenster in die Vergangenheit darstellen, das sachgerecht geöffnet werden sollte. Es bleibt zu hoffen, dass die Mittelalter- und Neuzeitarchäologie einen festen Platz in der Marburger Forschungslandschaft findet.
Verfasser:
Dr. Rainer Atzbach M.A.
Mittelalter- und Neuzeitarchäologe
e-mail: rainer.atzbach@gmx.de
Literaturhinweis:
Thorsten Albrecht und Rainer Atzbach, Elisabeth von
Thüringen. Leben und Wirkung in Kunst und Kulturgeschichte
(Michael-Imhof-Verlag Petersberg 2. erw. Aufl. 2007).