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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
Am 28.1.2007 starb Philippe Lacoue-Labarthe im Alter von 66 Jahren in Paris. Geboren am 6.3.1940 in Tours, lebte und unterrichtete er seit 1967 an der Universität Marc Bloch in Strasbourg zusammen mit seinem Freund und alter ego Jean-Luc Nancy, mit dem er auch zahlreiche wichtige Werke wie z.B. „L’absolu littéraire – Théorie de la littérature du romantisme allemand“ verfasste, für das sie auch einen renommierten Literaturpreis erhielten. Beide Philosophen machten Strasbourg zu einem Zentrum sowohl philosophischen als auch literarischen Austauschs. Neben dem Carrefour de littérature, der damals noch in den Räumen der Aubette stattfand, luden sie regelmäßig ihren Freund und Weggefährten Jacques Derrida ein, aber auch Sarah Kofmann, Alain Badiou, Paolo Fabbri u.v.a. Denken und Schreiben Lacoue-Labarthes wurde zentral von zwei Denkern geprägt: Heidegger und Hölderlin.
Im Folgenden habe ich den Abschiedsgruß von Jean-Luc Nancy an Philippe Lacoue-Labarthe übersetzt, der am 2.2.2007 in Libération erschien.
Alexander Chucholowski
An dich Philippe, ein letzter Gruß, ein letztes Adieu, ohne Aussicht auf einen Gott, da du dem nichts oder dir selbst entgegen gegangen bist, oder bist du vielleicht zuletzt zu uns gekehrt, zurück gekehrt, zwangsläufig den Weiten abgekehrt, denen du nicht entgegen gehst, weil sie nicht sind? An dich, der nunmehr in die einzige Präsenz eingetreten ist, die für dich beständig ist, in der Haltung und auf der Stele, auf der du die gefährliche Bewegungslosigkeit dessen entziffert hast, was vorgibt sich erkennen zu geben: die erfasste, aufgestellte Gestalt. Eingetreten in das Unerträgliche, sagtest du, dieser Stanze: das verwandelte Seiende, nichts als seiend, dem Unendlichen des Seins enthoben. Eingetreten in jenen Un-Ort des Seins, gegen den wir aufbegehren.
An dich, der auf die andere Bühne gewechselt hat um dort, zurück gekehrt, dieselbe Rolle zu spielen: die unmögliche Anpassung an den Helden des Selbst, an jenen Helden, den jeder in sich, als Selbst, statt seiner selbst zu empfangen hat, also das Unmögliche empfangend.
An dich, der die einzige noch mögliche Revolution vollendet hat, die deinem Verlangen nach souveräner Anarchie entsprach: die deiner verdrehten Augen, die uns nicht mehr sehen, und den Tränen ihren Lauf läßt. An dich, der sein Engagement gehalten hat, das einzige, zu dem dich eine dunkle Macht trieb, nämlich dein Bild in deinen Schatten zu holen.
An dich, dessen Blick es nach dem Offenen verlangte, mit den Worten Hölderlins, die du bei dieser Gelegenheit neu erfinden musstest. An dich, der überall nur Geschlossenes, Hindernisse, unerträgliche Grenzen, eine endliche Welt sah. An dich, der in Maximen und Worten, nicht in Wörtern und Reden sprechen wollte. Herausfordernde Worte, die du gezielt ausgesprochen hast. Worte, deren Heldenhaftigkeit in ihrem Aussprechen bestand. Du nanntest dies den „Mut der Dichtung“. Auch dies noch ein Wort deines Helden, beinahe ohne Gestalt und Statur und zurückgezogen in den Turm seines Wahns, jener, der am Ende mit dem tanzenden Namen Scardanellis[1] zeichnete. Jener, der um die Offensichtlichkeit des Himmels über uns wusste.
Dem Wahn hast du, Philippe, in die Augen gesehen. In seinen verwirrten Blicken betrachtetest, suchtest du das Nahen der anderen Bühne. Du sagtest immer, dass du in ihrer aller Wahn (Rousseau, Hölderlin, Nerval, Nietzsche, Artaud) das unmerkliche Spiel jener wähntest, die unter uns bereits auf der anderen Bühne spielen. Es war dein Paradox des Schauspielers: je mehr er das Wahre auf Abstand hält, desto näher kommt er der Wahrheit, dem Unbehandelbaren, dem Unnennbaren, der entstellten und entstellenden Wahrheit.
So ersannst du dir die Hauptfigur deines eigenen Heldenepos, den Darsteller, der all das verkörperte, was sich weder darstellen noch verkörpern lässt: das Wort, nicht das geformte und bedeutende, sondern das formende, anstimmende, ja das stammelnde. Das Dichterische, gewiss, aber ohne Poesie, ohne Poiesis: nicht das dichterische Werke hervorbringende, sondern dasjenige, das allein das unnachahmliche kindliche Stammeln nachahmt.
Es war das Kind, das du dir wünschtest und das du scheinbar selbst nie warst. Du spieltest ja so gut und so beharrlich, dass du bereits seit langem das Alter der Autorität und der erworbenen Erfahrung erreicht hattest. Schon immer hattest du das Alter, in dem einen nichts mehr überraschen kann. Das überraschte mich immer wieder aufs Neue. Stets wurden deine Gewissheiten flussaufwärts weiter. Vielleicht glaubtest du wirklich zu wissen, was es zu wissen gab. Vielleicht glaubtest du, du müsstest wissend sein, indem du diese Rolle spieltest, weil das Wissbare nichts anderes ist als das Spiel der Wahrheit: weil sie nicht ist, nichts Seiendes ist, steht sie wirklich auf dem Spiel, spielt sie sich wirklich ab und entzieht sich doch im Kern und im Prinzip jeder Darstellung (jedem Denken, jeder Kunst).
Man steigt nicht hinter die Darstellung, darauf hast du stets entschieden bestanden, ja sogar mit Nachdruck, empört, dass man Anspruch auf eine andere Präsenz als die des kalten, unnennbaren und nicht hinnehmbaren Todes erheben könne. Es ist die Darstellung, ihr Spiel, das uns lehrt, dass die Präsenz sich immer weiter in die Ferne zurückzieht, unendlich weit.
Deine ständige Revolte, das erboste Raunen, wandte sich gegen alles, was an die Präsenz glaubte oder vorgab zu glauben. Die Gestalt, sagtest du, jene der Macht oder der Kunst, jene des Menschen oder des unvorstellbaren Gottes. Die erwiesene, erfasste, identifizierte Identität. Jenes, was du, nicht ohne Grund, nicht allein im Denken Heideggers, sondern überhaupt in jedem Denken zu bedrohen gedachtest.
Nichts vorstellen, nichts sich vorstellen. Du hörtest jene Musik, die die Weiten erschloss und sie in der Weite hielt und sie uns nur nahe brachte, um ihre unüberbrückbare Entfernung zu vergrößern. So sahst du das Offene: alleine hörend, geschlossen, also dasjenige sich öffnen sehend oder hörend, was du mit jenem anderen Wort H[2] die Zäsur nanntest. Die Unterbrechung, die Schwebe, die Skandierung, die Stille, die Lücke, das Negative nicht als schwarzes Loch, sondern als Rhythmus.
Der Rhythmus und folglich die Phrase. Phrase, Satz, das war dein Titel, dein Wort, dein Atem. Die Phrase: nicht der Sinn, das Ziel oder die Richtung, sondern die Empfänglichkeit für das Umherirren. Die Zäsur, die Pause, mit der die Kadenz beginnt, die erhobene Hand des Schlagzeugers fern der Trommel, der plötzlich auf der Seite angehaltene Bogen, die Möglichkeit der Musik. D.h. ein weniges der Darbietung, die uns zufällt.
Eines Tages kam ich darauf, den Begriff Synkope zu benutzen und du mochtest diesen Begriff ebenfalls. Dort gelang es uns gewiss am besten einander zu berühren und es gab uns die Möglichkeit, auf einzigartige Weise unsere Leben und Gedanken zu teilen. Ja, zwischen uns bestand eine Spannung, eine Zurückhaltung der Präsenz, zahlreiche Zeichen, die von einem zum anderen Ufer wechselten und die stets notwendig aufgeschobene Überquerung. Aber die Differänz[3] Andenken zwischen uns an jenes Wort von Jacques[4] und an Jacques selbst, die Differänz unterscheidet sich von einem zum anderen letztlich wenig von der Differänz zu sich selbst.
Heute ist die unendliche Differänz zu Ende; die Zäsur verewigt sich, die Synkope bleibt offen. Trotz allem nicht ohne eine Schönheit, wie du weißt: ja, es ist dein tiefstes Wissen.
Anmerkungen:
[1] Name, mit dem Hölderlin seine letzten Gedichte
gezeichnet hat.
[2] Anspielung auf Hölderlin.
[3] Von Derrida geprägter Begriff, der sowohl das
Unterscheiden (différence) als auch das Aufschieben
(différer) umfasst.
[4] Jacques Derrida, dem beide freundschaftlich sehr
verbunden waren.
Auf Deutsch sind von Philippe Lacoue-Labarthe erschienen:
- Künstlerporträt. Eine Studie zu Lüthis ‹Just another
story about leaving›, übersetzt von Erwin Stegentritt,
AQ-Verlag, Dudweiler 1980
- Dichtung als Erfahrung, übersetzt von Thomas Schestag,
Edition Patricia Schwarz, Stuttgart 1991
- Die Fiktion des Politischen, übersetzt von Thomas
Schestag, Edition Patricia Schwarz, Stuttgart 1990
- Über das Weibliche hg. von Mireille Calle, Parerga,
Düsseldorf 1996
- musica ficta (Figuren Wagners), übersetzt von Thomas
Schestag, Edition Patricia Schwarz, Stuttgart 1997
- Metaphrasis. Das Theater Hölderlins, Zwei Vorträge,
übersetzt von Bernhard Nessler, diaphanes Verlag,
Freiburg/Zürich 2001
- Die Nachahmung der Modernen. Typographien II, übersetzt
von Thomas Schestag, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am
Rhein und Wien 2003
- Poetik der Geschichte, übersetzt von Bernhard Nessler,
diaphanes Verlag, Freiburg/Zürich 2003
- „Dialog über den Dialog“ in: Politik der Vorstellung.
Theater und Theorie hg. von Joachim Gerstmeier und
Nikolaus Müller-Schöll, Theater der Zeit Verlag, Berlin
2006
Wir bedanken uns bei Jean-Luc Nancy für die Abdruckerlaubnis.