Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 3


 

Timo Kölling

DIE ZEITLICHEN
(Für Astrid)

Wir sind, Das Licht, ein Stern
über dem fühlenden Wind.
Die sorgenden Schatten
deckt Sand.

Spiegel sind,
dessen, was sich begab
unter den ruhenden Wassern,
die denkenden Wolken.

Wenn Stürme
dunkeln, Flut
das Einst; der Schnee;
verhindert Sein Kommen ist.

Wir messen
mit Runen den Abstand; was
wir sind und nicht
sind, Das Licht, deckt Sand.

 

Im Gedicht "Die Zeitlichen" findet eine innere Bewegung statt, die eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt und doch in paradoxer Weise äußere Einsprengsel aufnimmt. Gleich die erste Zeile der ersten Strophe unterbricht ihren Verlauf: "Das Licht" ist nicht nur eine erläuternde Apposition zu: "Wir sind [...] ein Stern", sondern auch der Einschuss eines Anderen, das "wir sind und nicht / sind". Der uns umgreifende Ursprung, der uns zum "Stern" macht, ist auch das uns Fremde, "ein von außen in das Gedicht einbrechender Anruf" des "Schöpfungslichts" (Kölling). Solches Licht, sagt der Autor, "ist und ist nicht das Licht des Sterns, das wir sind. Dieses paradoxe Zugleich, das unauflösliche Ineinanderverschlungensein von Sein und Nicht-Sein ist die "Frage", die im Grunde beide Gedichte [dieses und das folgende: "Der Irrsinnige"] in einer Folge von Bildern entfalten, wobei letztlich das Bild selbst, als Bild, die Erkenntnismöglichkeit oder -unmöglichkeit des Bildes, in Frage steht".

Die tatsächlich nur paradox zu denkende Gleichheit von Sein und Nicht-Sein bezeichnet nach Heidegger das Wesen der den Menschen kennzeichnenden Gefahr schlechthin (vgl. hierzu besonders "Die Technik und die Kehre"). Eben das, das sich vom eigenen Wesen abkehrt, sich also gleichsam wesenlos macht, steht doch in der innigsten Beziehung zu ihm. Der "Sand", der die "sorgenden Schatten" deckt - was sich ins Sorgen verschattet, heißt in "Sein und Zeit" das "Man" - , behütet sie auch, ja, hält sie zusammen, so dass gerade das Entgegengesetzteste: "Schatten" und "Licht", doch ineinander sind.

Die zweite Strophe konkretisiert, in ihrer Bildabwandlung, das Licht-Sein des Menschen, das ihn aus jeder empirischen Sphäre, in der er lebt, auch heraushebt: "die denkenden Wolken" sind bloße "Spiegel" dessen "was sich begab / unter den ruhenden Wassern". Eigentliches Denken, sagt erneut Heidegger, ist ein geheißenes oder geschicktes; seine Aufgabe ist es, der reine Spiegel seines Ursprungs zu sein.

Die dritte Strophe verweist wiederum, wie der ganze Gedichtzyklus, auf den abwesenden Gott. Hier findet sich das zweite Einsprengsel: "der Schnee". Zunächst wird gefragt, ob angesichts der "Stürme" und der "Flut", also einer Geschichtszeit, die scheinbar keinen Maßstab des Wahren mehr kennt, überhaupt noch die Rede vom "Kommen" des Gottes sein kann - aber an dieser Stelle der höchsten Gefahr taucht plötzlich ein neues Bild auf. "Etwas Un- (Über- oder Unter-)menschliches bricht ein: das Geschehen des "Schnees" (Kölling). Hier markiert das Gedicht die Differenz zu seiner eigenen Identitätssuche. "Licht", "Stern" und "Schnee" treten in eine Konstellation, in der tatsächlich Sein und Nicht-Sein auf unlösbare Weise ineinander sind. Wir unterscheiden uns von unserem eigentlichen Selbst und sind, in der Identität mit ihm, eben diese Differenz. In der Wesensschicht des Menschen geht eine Bewegung vor, die etwas für uns selber völlig Rätselhaftes hat, und die doch erst hervorbringt, was unser Leben ausmacht. Es ist auch der - immanente - Bezug auf ein ihm Fremdes, das schwarz sein kann, wie Schrecken und Tod, und weiß, wie der, nicht nur Reinheit, sondern auch Kälte bedeutende, Schnee.

In den beiden Synkopen des Gedichts, um die herum sich seine Spannungsbewegung anordnet, tritt etwas zutage, das bisher durch jede Geschichtsepoche gewandert ist und sich jedem Strukturwandel assimiliert hat. Es hat nun auch die Zentrumsgestalten der Moderne verlassen und gewinnt eine neue Gestalt, die sich uns in manchen Momenten als Bild der Gegenwart gerade deswegen zeigt, weil sie deren hauptsächliche Kennzeichen dementiert.

Max Lorenzen

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