Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 3


 

Das herrschende dualistische Weltbild als Variationen einer Münchhauseniade
Skizzen einer philosophischen Komödie in vier Akten

von Friedrich Seibold

 

Historische Vorlage: Baron Münchhausen, reitend in einen Sumpf geraten, gibt vor, sich am eigenen Schopf mitsamt dem Pferd aus dem Sumpf gezogen zu haben.

Erste Variation: Das herrschende Weltbild gibt vor, man könne sich aus dem eigenen Denken herausdenken, indem dieses eine 'bewußtseins- d.h. denkunabhängige Welt' und damit ein 'außerhalb des Denkens' denkt.

Zweite Variation: Das herrschende Weltbild gibt vor, man könne denkend das notwendigerweise immer subjektive Denken verlassen, indem dieses die Bedeutung 'objektiv' denkt und sich damit in eine als solche nicht-gedankliche 'objektive Welt' zu versetzen vorgibt.

Dritte Variation: Das herrschende Weltbild gibt vor, man könne Wahrheit aus dem Denken herausnehmen, indem sie nicht zuletzt in nicht-gedanklichen 'objektiven' Tatsachen erkennbar sei, obwohl sie immer nur ein Denkresultat und damit im Denken ist.

Vierte Variation: Das herrschende Weltbild gibt vor, man könne frei wollen, wodurch ein freier Wille, notwendigerweise frei von allem, auch frei vom Denken sein, sich also aus dem Denken gedanklich herausnehmen lassen müßte, obwohl 'freier Wille' gedacht wird.

So wie Münchhausen an sich selbst ansetzend sich aus dem Sumpf heben will, so will das Denken in den vier Variationen, an sich selbst ansetzend, sich in ein Nicht-Denken heben, indem es 'außerhalb des Denkens', 'nicht-gedankliches Objektives' und 'frei vom Denken' seiner Bedeutung nach zu denken vorgibt.

Und was ist die Moral von der Geschichte? – Man lasse beim Philosophieren das Denken nicht außer acht, damit es sich nicht aus sich selbst heben will.

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