Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 3


 

José Antonio Marina: Lob der Intelligenz oder Die Überwindung der Dummheit. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006, 160 S., ISBN-10: 3-534-19870-0, ISBN-13: 978-3-534-19870-2, 24,90 €

Folgt man einer gängigen Definition des Menschen, so ist er jenes Wesen, das sich vor anderen Lebewesen durch Intelligenz bzw. einen hohen Grad derselben auszeichnet. Diese Definition macht geradezu das Selbstverständnis des Menschen aus, was nicht zuletzt die Rede vom animal rationale bestätigt. Aber auch dieses Eigenlob stinkt – nicht nur die Misanthropen halten sich die Nase zu. Legt man nämlich die anthropozentrischen Scheuklappen ab und wirft einen Blick in die Geschichte, so zeigt sich, dass das Menschengeschlecht eher durch Niederlagen als durch Triumphe seiner hoch gelobten Intelligenz geprägt wurde. Auf diese Dialektik von Klugheit und Dummheit geht der hier zu Lande weniger bekannte spanische Philosoph José Antonio Marina in seinem Buch mit dem Titel Lob der Intelligenz oder Die Überwindung der Dummheit ein. Da es sich um ein ernstes Thema zu handeln scheint, dürfte das Interesse an Marinas Buch nicht unbegründet sein. Vermag es dieses auch zu befriedigen?

„Mit diesem Buch“, schreibt Marina in der Einführung, „verstoße ich die Intelligenz von ihrem vermeintlichen Thron, wo sie sich den Aufgaben der reinen Vernunft widmet, mathematischen Nadelarbeiten, cartesianischen Klöppelspitzen, und mache sie mit dem Alltagsleben bekannt, mit den schlagenden Labyrinthen der Herzen, mit der unreinen praktischen Vernunft.“ (S. 9) Wie dieses Zitat erahnen lässt, wird Marina sprachspielerisch mit dem Thema umgehen, gleich seinem wesentlich berühmteren Landsmann, Ortega y Gasset, was beim skeptischen Leser die Befürchtung aufkommen lassen könnte, hier seien keine tiefsinnigen Gedanken zu erwarten. Marina versucht eine solche Missdeutung im Ansatz zu vermeiden, indem er auf Begriffe und Argumentationsfiguren zurückgreift, die in einer „seriösen“ wissenschaftlichen Literatur zum Einsatz kommen. Dass dies auch den Blick auf Ergebnisse neuerer neurobiologischer Forschung impliziert, dürfte sich mittlerweile von selbst verstehen – hoffentlich ist dies nicht nur die Konzession an den Bildungsgeschmack der Gegenwart. Wie auch immer, zur Wahrung des „heiligen“ Werts der Wissenschaftlichkeit bedient sich Marina – zumindest ansatzweise – eines disziplinspezifischen Vokabulars. So entwirft er in Grundzügen eine „Kartographie“ der Intelligenz und unterscheidet zwischen einer strukturellen und einer angewandten Intelligenz: Mit jener ist eine durch Intelligenztests erfassbare, sich durch einen operativen Charakter auszeichnende Intelligenz gemeint, mit der letzteren eine solche, die sich der Messung durch Tests entzieht und deren Sinn in der Praxis liegt. Allererst die Anwendung lässt die zunächst neutrale „Computer-Intelligenz“ zu einer nützlichen oder schädlichen werden. Würde diese Umsetzung reibungslos verlaufen, wäre es gar nicht nötig, sich mit den Ursachen der Dummheit zu beschäftigen. Doch die Intelligenz scheitert unaufhörlich – Marina will zeigen, was die Gründe dieses ständigen Scheiterns sind.

Es werden vor allem drei Ursachen der Dummheit angenommen: „Das Wirken störender geistiger Module, die Ineffizienz der ausführenden Intelligenz und eine Täuschung über die Hierarchie der Zusammenhänge.“ (S. 28) Im ersten Fall wird die angewandte Intelligenz von einem Modul der Computer-Intelligenz – soll heißen: einem der bewussten Steuerung sich entziehenden Mechanismus – gestört. Die Störungsfaktoren können aber auch in unkontrollierten Gefühlsausbrüchen liegen. Im zweiten Fall vermag es die Intelligenz nicht, auf geradem Weg zu ihrem Ziel zu kommen, sie verzettelt sich, macht sich das Leben selbst schwer. Betrifft dies also die Intelligenz als Fähigkeit des Planens, so wird im dritten Fall die Ebene der Zielsetzung anvisiert: Werden an sich intelligente Gedanken in weniger intelligenten Zusammenhängen gebraucht und verbraucht, so verdummt die Intelligenz. Der höchste Zusammenhang für einen Menschen ist aber sein individuelles Glück und daher kann man von einem völligen Scheitern seiner Intelligenz sprechen, wenn er sich bereits auf einer niederen Stufe den Weg dazu verbaut.

Marina verfolgt das Scheitern der Intelligenz auf vier Ebenen: der kognitiven, emotionalen, sprach- und willensbezogenen Ebene. Zunächst zum kognitiven Scheitern: Die Erfahrung eines Irrtums kann auch befruchtend auf die Intelligenz wirken. Der Kluge lernt aus dem Irrtum, der Dumme dagegen vermag es nicht, diesen zu durchschauen, und glaubt weiterhin, Recht zu behalten. Nach Marina verwandelt sich im letzteren Falle der Irrtum in ein eingekapseltes Modul. Es werden drei typische Verhaltensweisen dargestellt, in denen das kognitive Scheitern der Intelligenz fassbar wird. Die erste Verhaltensweise entspringt aus dem Vorurteil, die zweite aus dem Aberglauben, die dritte hat den Dogmatismus zur Ursache, allesamt irrationale Verhaltensweisen, die bereits zur Genüge beschrieben worden sind und die trotz des Bestehens eines Bewusstseins von ihnen nicht aus der Welt zu schaffen sind. Marina fügt dem nichts Neues hinzu – es werden allenfalls einige prägnante Beispiele zur Illustration dieser Überzeugungspathologien herangezogen. Den Hauptgrund für das Scheitern der Intelligenz sieht er in der Blockade der Realitätswahrnehmung als einer ihrer wichtigsten Funktionen durch die eben erwähnten eingekapselten Module, die umso gefährlicher sind, je weniger sie dem Bewusstsein des Betroffenen zugänglich sind. Auf kollektiver Ebene lässt sich als Pendant dazu die Beeinflussung der Fähigkeit der Überzeugungsbildung durch Mechanismen der Macht beobachten (dies wird etwas ausführlicher am Beispiel der charismatischen Figur Napoleons verdeutlicht, der es wie kein anderer zu verstehen wusste, die öffentliche Meinung seines Landes für seine Vorhaben zu gewinnen). Den Abschnitt über das kognitive Scheitern der Intelligenz beschließt Marina mit der Unterscheidung zwischen dem rationalen und irrationalen Gebrauch der Intelligenz – ersterer schließt uns für unsere Mitmenschen und unsere Umwelt auf, letzterer führt zur Einkapselung unseres Selbst in die eigene Privatwelt.

Das emotionale Scheitern der Intelligenz darf nach Marina nicht so verstanden werden, als ob nichts anderes als bestimmte Gefühle die Ursache dieses Scheiterns wären. Dies wäre ein verkürztes Verständnis der Sachlage. Vielmehr wird demgegenüber auf die (richtige) Mischung aus Erkenntnis und Gefühl hingewiesen, die die „wahre“ Intelligenz auszeichnet. Wie Ergebnisse aus der Gehirnforschung zeigen (Marina verweist auf Antonio Damasio), konkret der Nachweis der neuronalen Verbindung des Stirnlappens mit dem limbischen System, ist die rationale Entscheidungsfindung gefühlsdeterminiert. Trotz dieser Zusammenhänge, die auf eine Kooperation von Verstand und Gefühl hinweisen, entstehen Probleme dann, wenn die emotionalen Impulse außer Kontrolle geraten. Marina analysiert Fälle gescheiterter Liebe, übertriebener Eitelkeit, zu Drogenmissbrauch verführender Langeweile, pessimistischer wie optimistischer Gemütsstimmung, destruktiver Effekte des Neides, des Grolls und der Eifersucht. Um einer Pathologisierung der sog. „affektiven Stile“, wie er die Bestandteile des Charakters eines Individuums nennt, vorzubeugen, bedarf es seiner Ansicht nach einer „Psychologie des Entstehens“ (S. 66), welche das Zusammenspiel von Vererbung, charakterlicher Disposition und Sozialisation erforschen und damit die Grundlage für eine pädagogische Praxis liefern soll. Marinas Ziel ist einen entwicklungspsychologischen Ratgeber (!) zu schreiben, dessen Zweck in der Förderung der Intelligenz und der Formierung einer intelligenten Persönlichkeit liegen soll. Die Frage ist nur, an wen er sich richten wird – an dumme Menschen, damit sie endlich klug werden, oder doch an intelligente, damit sie noch cleverer werden?

Den in philosophischer Hinsicht wohl anregendsten Beitrag zum Scheitern der Intelligenz liefert Marina im Sprachkapitel. Es wird vom Phänomen der Sprache ausgegangen, ihrer Wichtigkeit in Prozessen der Selbsterkenntnis und der Kommunikation mit anderen Menschen. „Sprache hilft uns dabei, den versklavten Mechanismus unserer Computer-Intelligenz zu erkennen und zum Teil zu beherrschen. Mit ihr bekommen wir die selbständig agierenden Programme unseres Unterbewussten in den Griff.“ (S. 74 f. – Hierbei werden erneut neurobiologische, aber auch psychoanalytische Einsichten bestätigt.) Die Sprache dient dabei nicht nur der Kommunikation mit anderen, sondern ebenfalls (und das ist wichtig zu betonen!) der Kommunikation mit sich selbst. Aber auch dieses produktive System kann aus dem Tritt geraten: Ein Mangel an dieser Selbstkommunikation führt zur Unfähigkeit, sich selbst, seine Gedanken und Gefühle zu artikulieren, ein Übermaß derselben wiederum zu einer Art Autismus und zur Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen und zum Handeln überzugehen. Dabei sind pathologische Fälle wie jene, die durch Depression oder Halluzination verursacht worden sind, nur die offensichtlichsten Beispiele. Sprache scheitert jedoch täglich wie der Leerlauf der Kommunikation oder gar häufiges Schweigen in vielen Ehebeziehungen zeigt (auf diese Art von Beziehung weist Marina mit Bezug auf die entsprechende Literatur immer wieder hin: in der Ehe scheint die Intelligenz am schnellsten zu scheitern). Ein besonders einprägsames Beispiel ist die Verdoppelung der Kommunikation: Während man mit seinem Partner spricht, führt man im Inneren einen Dialog mit sich selbst und kommentiert für sich bestimmte Aussagen von ihm, ohne ihrem Sinn gerecht zu werden, etwa durch Unterstellung falscher Absichten. „Dieses Verbergen von Gedanken ist ein Scheitern der Sprache“, so Marinas lakonischer Kommentar zu einem fingierten Dialog auf S. 81. Abschließend werden vier Typen des Scheiterns der Sprache skizziert: die Abwesenheit der Sprache (sprich: Schweigen), der Automatismus eines Wortwechsels, der zum Streit führen kann, hermeneutische Täuschungen, hervorgebracht etwa durch „schlechte“ Metaphern, und kulturell mitbedingte geschlechtsspezifische Mechanismen des Ausdrucks(miss)verstehens.

Ausgehend von der Bestimmung des Willens als einer intelligent gesteuerten Motivation geht Marina in zwei Kapiteln den Gründen des Scheiterns der Intelligenz auf der voluntativen Ebene nach: zunächst auf der strukturellen, dann auf der Anwendungsebene. Die Handlungsplanung und deren Ausführung geraten aus den Fugen infolge des schädlichen Einflusses von kognitiven oder affektiven Modulen, die sich der Kontrolle entziehen: „Wenn sich jemand in seinem Kriterium täuscht, also nicht in der Lage ist, Impulse zu blockieren, oder wenn die Computer-Intelligenz die vorgegebenen Maßstäbe nicht beachtet, scheitert das ausführende Ich, scheitert der Wille.“ (S. 95 – Mit dem „ausführenden Ich“ ist jene Instanz gemeint, welche darauf aufpasst, welche Einfälle der Computer-Intelligenz das „Tor“ des Bewusstseins passieren werden.) Marina entwirft eine Typologie des Scheiterns des Willens – in nuce, versteht sich – und zwar untersucht er der Reihe nach folgende Fälle: den Mangel an Wünschen, die Versklavung des Willens durch Süchte oder Ängste, den Verlust der Impulskontrolle (impulsives Verhalten, Zwangshandlung, Automatismus), die sog. „Proc(r)astination“ (das ständige Aufschieben von Handlungen), die Unentschiedenheit, die zu Starrheit führende Routine, die Unbeständigkeit und schließlich die Verblendung durch irrtümliche Ansichten (der „Irrtum des Investors“: Vermehrung der Verluste durch sinnlose Investitionen in eine wenig nützliche Sache). Die Intelligenz kann aber auch bei der Wahl der Ziele scheitern. Entweder wählt ein bestimmter Mensch ein unrealistisches Ziel oder er kann sein eigenes Ziel nicht mit den Zielen anderer Personen arrangieren oder aber es gelingt ihm nicht, die individuellen Ziele mit seinen Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft zu vereinbaren. Perfektionsanspruch kann die eigene Arbeit zunichte machen, Angst vor dem Scheitern einer Beziehung gerade der Anfang von ihrem Ende sein, Glorifizierung individueller Ziele einen Mangel an Solidarität zur Folge haben. Welche fatalen Konsequenzen die Durchsetzung bloß egoistischer Ziele auf dem Terrain der Politik nach sich ziehen kann, lässt sich nach Marina besonders prägnant an der historischen Figur Napoleons verdeutlichen. Aus der geschilderten Problematik ergibt sich für die Intelligenz die Herausforderung, eine angemessene Wahl zwischen widersprüchlichen Plänen zu treffen, Ziele untereinander zu kompatibilisieren und an der Verwirklichung gemeinsamer, gesellschaftlich nützlicher Ziele zu arbeiten. Nach Marina hilft hierbei das Prinzip der Hierarchie der Ebenen, das uns vor allem vor die Wahl zwischen privaten und allgemein nützlichen Zielen stellt. Der private und der öffentliche Gebrauch der Intelligenz kollidieren unvermeidlich.

Von diesem Interessenkonflikt handelt das letzte Kapitel des Buchs. Neben der privaten gibt es auch eine kollektive Intelligenz, die Marina – fast tautologisch – als Produkt der Interaktion von intelligenten Individuen bestimmt. (Ob ein anderer Definitionsversuch, wonach die soziale Intelligenz mit der Summe der persönlichen Intelligenzen, der öffentlichen Interaktionssysteme und der Machtorganisationen gleichzusetzen sei, mehr Klarheit über die verhandelte Sache schafft, sei dahingestellt.) Behandelte er in den vorhergehenden Kapiteln vorwiegend den Gebrauch der Intelligenz beim Einzelnen, so überträgt er nun expressis verbis den Intelligenzgedanken auf Gruppen, Organisationen, Institutionen und ganze Gesellschaften, um dann von intelligenten und dummen Gesellschaften zu sprechen. Als dumm werden in der Regel totalitäre, militaristisch eingestellte und inhumane Gesellschaften gebrandmarkt (Beispiele: die spanische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, die französische während der Herrschaft Napoleons, die deutsche zur Zeit des Nationalsozialismus usw.), aber auch Gegenwartsgesellschaften, die im Zuge des Globalisierungsprozesses ihren Anteil an der Vertiefung des Gegensatzes von Arm und Reich haben. Die Gründe des Scheiterns der sozialen Intelligenz lassen sich ähnlich jenen des Scheiterns der persönlichen auf folgende Weise kategorisieren: Die Intelligenz scheitert im kognitiven Bereich, wenn in einer sozialen Gruppe Aberglaube, Dogmatismus und Fanatismus Oberhand gewinnen, im emotionalen, wenn der Einfluss destruktiver Antriebe und Stimmungen das Verhalten ihrer Mitglieder prägt, und im operativen, durch Setzung widersprüchlicher Ziele im Rahmen der Gesellschaft. Es ist nicht intelligent, vor der Machtübernahme auf die Werte der Freiheit und Toleranz zu pochen, nach der Machtübernahme diese jedoch mit den Füßen zu treten (kognitives Scheitern); es ist ebenfalls nicht intelligent, sich hedonistischen Gefühlen zu überlassen und das Gespür für friedliches Zusammenleben der Menschen fördernde affektive Zustände des Mitleids, der Achtung und der Bewunderung zu verlieren (emotionales Scheitern); erst recht ist es ein Zeichen mangelnder Intelligenz, soziale Probleme durch Gewalt beenden zu wollen, statt sie durch kluge Strategien für alle Seiten zufrieden stellend zu lösen (operatives Scheitern). In einer falschen Politik offenbart sich soziale Dummheit am reinsten. Damit das Glück als Ziel eines erfüllten individuellen Lebens erreicht werden kann, muss laut Marina zunächst die kollektive Intelligenz samt ihrer wichtigsten Schöpfung, des Werts der Gerechtigkeit, triumphieren, denn in Anlehnung an jenen berühmten Spruch Adornos könnte man sagen: Im dummen Leben gibt es kein gescheites.

Überraschenderweise fällt Marinas Fazit optimistisch aus. Hat er auf gut 150 Seiten exemplarisch das Fiasko der persönlichen wie kollektiven Intelligenz beleuchtet, wird auf den letzten Seiten seines Buches ein Loblied an die letzten Endes triumphierende Intelligenz angestimmt. Um wieder Vertrauen in dieses angeschlagene menschliche Vermögen zu gewinnen, bedarf es jedoch der Abwendung des Missverständnisses, wonach „dass Glück dumm macht und allein das Böse schöpferisch ist“ (S. 153). Glück ist nichts Banales, sondern etwas, das unser Leben mit Sinn erfüllt – es besteht in der Befriedigung des Wohlbefindens und der Schöpferkraft. Dabei wird ein geradezu klassisches Ideal heraufbeschwört: Der oberste Wert unseres Strebens sollte nämlich die Vollkommenheit sein, den Weg zu dieser ebnet aber die Weisheit, verstanden als ein Höchstmaß an Intelligenz, das uns sowohl zum privaten als auch zum politischen Glück (sprich: Gerechtigkeit) befähigt. Marinas Vorschlag ist daher eine Umwertung der Menschheitsgeschichte, derart dass statt einer deprimierenden Chronik der Irrtümer, Grausamkeiten, kriegerischer Auseinandersetzungen, mit einem Wort: aller Aussetzer der Intelligenz, welche diese Geschichte zweifellos geprägt haben, der Akzent auf die Großtaten des Menschentums, welche gerade der schöpferischen Intelligenz zu verdanken sind, gelegt werden sollte. Trotz seines leisen Optimismus lässt Marina im Rückgriff auf Nietzsches Wendung vom Menschen als dem „nicht festgestellten Tier“ den Ausgang der Geschichte dieser Spezies offen: „Noch ist nicht klar, ob die Weisheit oder die Dummheit triumphieren wird.“ (S. 156)

Die Beantwortung der zu Beginn der Rezension gestellten Frage, ob Marina mit seiner Publikation eine Befriedigung des Interesses am Problem der gescheiterten Intelligenz zu leisten vermöge, wird letztlich von der Art dieses Interesses abhängen. Jemand mit hohen theoretischen Ansprüchen dürfte nach wenigen Seiten das Buch wieder zur Seite legen; jener Leser bzw. jene Leserin, der/die nur einen flüchtigen Überblick über die Aspekte einer „Pragmatik der Intelligenz“ (so könnte man den Problembereich, den Marina behandelt, nennen) bekommen möchte, wird hier jedoch bestens bedient: Marinas essayistischer Stil, die pointierte Darstellung von Sachverhalten, die Fülle an Beispielen, der Verzicht auf eine ausufernde Sekundärliteratur und ermüdende Fußnoten eignen sich dazu, die Aufmerksamkeit einer breiteren Leserschaft für sich zu gewinnen, sie vielleicht sogar für einen Augenblick zu fesseln – wenngleich nur für einen Augenblick. Nun soll deshalb keineswegs Marinas Werk zu einem bloßen Mittel zum Zeitvertreib abgestempelt oder bloß für die Zuglektüre empfohlen werden – ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was dagegen für ein Studium der oft schwer verdaulichen „Tertiärliteratur“ aus dem akademischen Bereich sprechen sollte. Das Problem liegt anderswo. All jene stilistischen Vorteile vermögen nicht das Hauptmanko von Marinas Buch zu kaschieren, nämlich, so ungewöhnlich dies auch klingen mag, dass es keine These vertritt! Zwischen den Polen einer ernst gemeinten Unzufriedenheit mit der historischen Entwicklung der kollektiven Intelligenz und einem plötzlich daherkommenden Vertrauen in die intellektuellen Ressourcen der Gesellschaft hin und her schwankend, versäumt es Marina, sich zu einem unzweideutigen Verständnis von Intelligenz, überhaupt zu einem tragfähigen Konzept derselben hindurchzuringen, das im Stande wäre, die heterogenen kognitiven, emotionalen, volitiven und motivationalen Aspekte in sich zu bündeln. Durch den abrupten Gesichtspunktwechsel, den er am Ende seines Buches vornimmt, wo er die pechschwarze Brille des Pessimisten durch die rosarote des Optimisten eintauscht, schwächt er die eigene Argumentation ab, indem er die aufgezeigten Defizite der Intelligenz wieder herunterspielt. Die Provokation, die man am Anfang der Lektüre angesichts eines so prekären Gegenstandes vermutet hätte, geht auf diese Weise gänzlich verloren. So fehlt letztlich Marinas vermeintlich kritisch gedachter „Intelligenzdiagnostik“ der nötige Biss. Es bleibt daher fraglich, ob es ihm gelingen wird, mit seinen psychologischen und pädagogischen Ratgebern, die er noch zu schreiben beabsichtigt, zur Heilung der Menschheit von der Dummheit beizutragen. Denn – wie soll man einen Patienten heilen, wenn man gar nicht die genaue Diagnose seiner Krankheit gestellt hat?

Damir Smiljanic

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