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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
Vor 200 Jahren (genau gesagt im Winter 1806/7) entstanden Fichtes berühmte „Reden an die deutsche Nation“. Sie haben in späteren Zeiten dem Autor einen recht schlechten Ruf eingebracht - ungerechtfertigt.
Die Kritiken an Kant setzten gleich mit der Veröffentlichung seiner Hauptwerke ein: Die Lücken und die Willkür seines Systems waren zu offensichtlich. Fichte war zwar ein Parteigänger Kants und er sah seine Doktrin als Weiterführung des Kantschen Gedankens – tatsächlich blieb von der Gedankenwelt des Königsberger Gelehrten bei ihm aber kaum etwas übrig.
Wo ist der Ausgangspunkt Kantschen Denkens? Wo ist seine Basis? Es muss – und das blieb der rote Faden der verschiedenen Formen des späteren Idealismus – ein einziges Prinzip sein, ein Grund-satz. Ein solcher war bei Kant nicht zu erkennen. Die vielen Dualismen Kants, besonders der Form-Materie-Gegensatz wurden etwa von Hamann angegriffen. Letzterer kam sogar aus der Scholastik, von Thomas von Aquin. Mendelsohn und Jacobi sahen nicht ein, wie eine solche Trennung vorstellbar sein könnte. Dazu kommt – bei Fichte zentrales Motiv - die Subjektfrage: Das „Gemüt“ (Bewusstsein) des Menschen, in dem seine Denkformen a priori vorliegen, kann nur Phänomenon oder Noumenon, Erscheinung oder Ding-an-sich, sein: Ist es aber ein Phänomenon, gehören diese Formen zur Psychologie und haben sonst keinerlei übergeordnete Bedeutung; ist es ein Noumenon, dann ist es nicht erkennbar!
Fichte setzt nun ein über-individuelles absolutes Ich als reine Tätigkeit: die „Ichheit“. Das ist der Ausgangspunkt, das ist für ihn die Lösung. Die Existenz des Ich gehört nicht in den Bereich der Psychologie. Dem gegenüber muss ein Nicht-Ich sein. Beide Pole sind „teilbar“ und schränken sich in einer „Wechselbestimmung“ gegenseitig ein. Gegensätze können nicht ohne einander existieren, sie sind also nicht mehr die sturen Dualismen Kants. Freiheit, aber nicht losgelöst von der Beschränktheit, wird zum zentralen Thema seines Denkens:
„Wir müssten eine Freiheit aufzeigen, die nicht Freiheit wäre, wenn sie nicht beschränkt wäre; und eine Beschränkung, die nicht beschränkt würde, wenn sie nicht frei wäre.“ (1)
Dies gilt für das Individuum, dessen freien Willen und das Individuum neben ihm:
„Das Verhältnis freier Wesen zueinander ist daher das Verhältnis einer Wechselwirkung durch Intelligenz und Freiheit. Keines kann das andere anerkennen, wenn nicht beide sich gegenseitig anerkennen; und keines kann das andere behandeln als freies Wesen, wenn nicht beide sich gegenseitig so behandeln.“
Daraus ergeben sich „Urrechte“ wie Selbsterhaltung und Eigentum. Fichte – überzeugter Anhänger der französischen Revolution von 1789 - geht über eine rein formal-demokratische Gesinnung noch hinaus:
„Sobald also jemand von seiner Arbeit nicht leben kann, ist das, was schlechthin das Seinige ist, nicht gelassen... und er ist von diesem Augenblick an nicht mehr rechtlich verbunden, irgendeines Menschen Eigentum anzuerkennen.“ (2)
Die Entdeckung des Subjekts ist hier vollzogen! Man kann die Aufklärung noch spüren. Formalismen – wie der kategorische Imperativ – ergeben sich aus der Freiheit des Subjekts, sind also abgeleitet. Zu konkret war dieses Subjekt Mensch allerdings noch nicht. Es blieb in der Abstraktion der Aufklärung, ist jedoch bei Fichte ungeheuer stark, ein Bündel an Aktivität, das ja sein Nicht-Ich braucht, um sich überhaupt Grenzen setzen zu können.
„Wir sind Intelligenz um Wille sein zu können.“, schreibt er. Das klingt sogar schon nach Nietzsche.
Fichtes Position zur Revolution war immer eindeutig: Seine erste Veröffentlichung trug den Titel: „Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten“, danach kam „Beitrag zur Berichtigung der Urteile über die französische Revolution“.
Er entwickelte in einer späteren Schrift, dem „Handelsstaat", Konzepte, die über Rousseau und Robbespieres weit hinausgehen und frühsozialistischen Charakter haben. Contrat social und volonté générale Rousseaus bleiben aber Fichtes Grundlagen für seine Theorien.
Fichte als Jakobiner und Kosmopolit – und dann die große Wende zum deutschen Patrioten? So bestimmt nicht.
Der Staat hat für ihn seine Funktion, aber er darf nicht "dem durch das Sittengesetz vorgeschriebenen Endzwecke jedes Einzelnen" widersprechen, sondern er muss "auch noch den höchsten Endzweck jedes Einzelnen befördern".
Die Entwicklung des Staates muss ein bestimmtes Ziel haben – seine Auflösung. Durch das "allmähliches Fortschreiten zur größeren Aufklärung und mit ihr [die] Verbesserung der Staatsverfassung" wird die Rolle des Individuums kontinuierlich wichtiger, wird die Gemeinschaft der Individuen den Staat ersetzen können. Erfüllt der Staat in diesem Sinn nicht seine Pflicht, so hat, laut Fichte, ein jeder Mensch das Recht auf Revolution.
Hat Napoleon Bonaparte seine Pflicht erfüllt und die Revolution weiter vorangetragen? Laut Fichte war dies nicht der Fall: Napoleon war ein Verräter, er wendet sich gegen ihn und nicht gegen die große Revolution. Sie muss in Deutschland weitergehen.
Was sind nun ´Volk´ und ´Nation´ für ihn? Seit dem Faschismus sind es – vollkommen zu Recht – Tabubegriffe. Falsch wäre es aber, diese Tabuisierung in die Geschichte und in radikal andere historische Situationen zu tragen. Natürlich sind die Definitionen schwierig. Fichte:
"...ein Volk: das Ganze der in Gesellschaft mit einander fortlebenden und sich aus sich selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden Menschen, das insgesamt unter einem gewissen besonderen Gesetze der Entwickelung des Göttlichen aus ihm steht."
Das sagt nun fast nichts. Andererseits haben wir die Nation, die in Deutschland in Fichtes Epoche noch gar nicht existent ist. Für den Historiker Hobsbawm ´wird die Nation von jemandem erfunden und alle glauben daran´. Damit soll natürlich die historische Zufälligkeit der Nationenbildung unterstrichen werden: Das tausendjährige Bayern wurde keine Nation, aber die Schweiz; Kuwait soll eine Nation sein, aber nicht Kurdistan, usw.
Die deutsche Nation soll für Fichte durch Erziehung und Bildung (!) entstehen. Jeder kann sich der Nation zugehörig fühlen, unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit, wenn er die Werte dieser gemeinsamen Erziehung und Bildung akzeptiert. Dies klingt sehr modern und ausgesprochen verdächtig. Aber: Am Ende dieser langen Entwicklung „würde[n] alle Bürger eines Staats und zuletzt das gesamte Menschengeschlecht sich vereinigen zu gleicher gegenseitiger Achtung und achtender Behandlung".
Hier werden die wohl unterschiedlichen Werte letztendlich als gleichwertig anerkannt, denn die besonderen Charakteristika eines jeden Volkes sollen in der universellen Gemeinschaft bestehen bleiben. Hier wird eine „Leitkultur“ rigoros abgelehnt – denn genau das führt Napoleon vor: Die Herrschaft Frankreichs und der französischen Kultur über andere Völker und Nationen wird vom Kosmopoliten Fichte nicht angenommen. Die Hegemonie einer einzigen Nationalkultur würde "zur Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der Menschheit" führen.
Besonders wichtig für Fichte ist die Sprache:
"Es gibt Nationen, weil es Nationalsprachen gibt." Denn "...die Menschen [werden] von der Sprache [weit mehr] gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen."
An dieser Stelle taucht Fichtes Sprachpurismus auf, schlimmer noch, aus dieser angeblichen Reinheit und Unvermischtheit – die er der deutschen Nation noch in vielen Bereichen unterstellt - baut sich die Überlegenheit dieser Nation auf. Sprachhistorisch ist diese Auffassung ein ziemlicher Unsinn. Rassistisch wird Fichte zumindest nicht. So schreibt er:
"Ebensowenig wollte man auf den Umstand ein Gewicht legen, dass in den eroberten Ländern die germanische Abstammung mit den früheren Bewohnern vermischt worden; denn Sieger, und Herrscher und Bildner des aus der Vermischung entstehenden neuen Volkes waren doch nur die Germanen. Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung, die im Auslande bei den Galliern, Cantabriern u.s.w. geschah, im Mutterlande mit Slaven wohl nicht in geringerer Ausdehnung; so dass es keinem der aus Germaniern entstammenden Völker heutzutage leicht fallen dürfte, eine grössere Reinheit seiner Abstammung vor den übrigen darzuthun."
Trotzdem ist sein Stil so überzogen nationalistisch, patriotisch, ein Bild vom Deutschen zeichnend, das so gar nicht in die kommende Biedermeierzeit hineinpasst, dass der in seinem geschichtlichen und geistesgeschichtlichen Kontext positive Inhalt nur schwer erkennbar wird.
„Kosmopolitismus ist der herrschende Wille, dass der Zweck des Dasein des Menschengeschlechtes im Menschengeschlechte wirklich erreicht werde. Patriotismus ist der Wille, dass dieser Zweck erreicht werde zu allererst in derjenigen Nation, deren Mitglieder wir selber sind, und dass von dieser aus der Erfolg sich verbreite über das ganze Geschlecht.“ (3)
Hier wird ganz klar – wie Ernst Bloch sagt – ein „Zwischenglied eingeschaltet“.
In diesem Zusammenhang entwickelte Fichte die Auffassung, dass Kosmopolitismus allein gar nicht existieren könne, sondern sich sogar notwendigerweise in Patriotismus umformen müsse:
"...[Kosmopolitismus] kann aber nur eingreifen in die nächsten Umgebungen, in denen unmittelbar als lebendige Kraft er lebet und das ist [...] Und so wird dann jeglicher Kosmopolit ganz nothwendig, vermittelst seiner Beschränkung durch die Nation, Patriot; und Jeder der in seiner Nation der kräftigste und regsamste Patriot wäre, ist eben darum der regsamste Weltbürger..."
Was lässt sich, mit diesen abschliessenden Zitaten noch einmal zusammengefasst, mit Fichtes Nationalismus heute anfangen?
Es fehlt – und anders kann es nicht sein, wir sind im Jahre 1806 – eine Analyse des Imperialismus (heute: ´Globalisierung´), der das Verhältnis zwischen unterdrückten und Unterdrücker-Nationen heute definiert und dadurch zu einer vollkommen anderen Charakterisierung des Nationalismus führt. Zur Zeit Fichtes ging es im Kampf für die nationale Einheit in Deutschland ja erst um die Nationenbildung. Der Kampf gegen den deutschen Feudalismus in seiner speziellen Form der deutschen Kleinstaaterei unter der Parole der Einheit Deutschlands war angesagt. Eine Einheit, die demokratisch sein sollte. Die Geschichte des 19. Jahrhunderts hat Fichtes Vorstellung nicht verwirklicht.
Anziehend ist der besondere Gedanke vom Patriotismus als Vorstufe zum Kosmopolitismus. Fichte spricht von Deutschland und dem Imperator Bonaparte. Aber auch heute scheint es, dass Kosmopolitismus mit Konsumkultur amerikanischer Prägung gleichgesetzt wird. Ein Land, in dem es keine Coca-Cola gibt, muss rückständig sein. Und die Sprache, die für Fichte so wichtig war? Bei nordic walking kann man sich gut gegen mobbing relaxen, aber ist mushroom-searching nicht ein coolerer event?
Anmerkungen:
(1) Fichte, Versuch einer neuen Darstellung der
Wissenschaftslehre, 1797
(2) Fichte, Die Grundlage des Naturrechts, 1796/97
(3) Fichte, Die Republik der Deutschen..., 1807
Quellen:
Ernst Bloch, Leipziger Vorlesungen, Band 4, 1985
Peter Rohs, Johann Gottlieb Fichte, 1991