Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 3


 

Norbert Wokart: Schilfrohr
Aufzeichnungen 1981 - 2006

Auszüge I

 

Spazieren gehend will man nirgends ankommen, reisend schon. So gesehen, ist es nicht sehr klug, wenn wir das Leben mit einer Reise vergleichen.

„Schreib’ alles auf“, empfahl Jean Paul. Der Rat ist gut, noch besser ist der meine, später wegzuwerfen, was misslang. Wenige befolgten meinen Rat, Sokrates und Jesus nahmen ihn zu ernst. Doch ihre Versäumnisse machten Platon und die Evangelisten mehr als wett. Da mir solche Chronisten fehlen, muss ich mich, trotz mancher Skrupel, statt an meinen, mehr an Jean Pauls Ratschlag halten.

Ein barfüßiges Zigeunermädchen im langen, bunten Kleid, das abends auf der Hafenpromenade von Naxos billigen Modeschmuck an die Touristen verkauft, lehnt sich über die Mauer, blickt hinunter auf die Stadt und das Meer und isst dabei einen Sesamkringel. Als ich an die Mauer trete, um ebenfalls hinab zu sehen, bricht sie ihr Gebäck entzwei und reicht mir die eine Hälfte.

In der Mittagsstille auf einem Stein unter Ölbäumen zu sitzen und hinauszublicken auf das weite Meer, nichts habend, nichts begehrend, und so, im vollen Überfluss, den Gedanken zuzuhören, die der Wind mir zuträgt und vorüberträgt, das ist meine Vorstellung von der glücklichen Insel der Phäaken.

Man ändert seine Meinungen, seine Überzeugungen nie.

Ist man ganz da, ganz anwesend in der Gegenwart, kann man nicht darüber schreiben; denn das setzt Momente von Nichtanwesenheit voraus. Daher beruht auch dieses Buch auf einem Mangel an gelebtem Leben, wiewohl es genau das darzustellen versucht.

Mit der Erbsünde setzten die Menschen angeblich eine Sünde in die Welt, die so groß sein soll, dass uns nur noch Gott durch seinen Opfertod wieder davon erlösen konnte. – Übertreibt man es da nicht ein wenig mit dem, was der Mensch vermag?

Es verändert eine Geschichte und setzt sie in ein anderes Licht, wenn man bei der Lektüre Wein trinkt beziehungsweise Kaffee.

Die Bewohner des einsamen Hauses im Asterusia-Gebirge empfehlen mir, in der Nacht die Schuhe mit den Sohlen noch oben hinzustellen. Sonst könnten die Verstorbenen, die in Vollmondnächten manchmal in ihre früheren Wohnungen zurückkämen, in die Schuhe schlüpfen, die sie dann irgendwo stehen ließen, wo man sie nicht wiederfinde.

Gehen in der frischen Kühle des Morgens, Gehen in zikadenschriller Mittagshitze, Gehen am friedlich-sanften Abend und Gehen in monderhellter Nacht: vier Arten von Leben. Die fünfte: der Schlaf.

Große Kunst gibt einem das Gefühl, ein besserer Mensch zu sein.

Neuerdings wird es wieder Mode, Moral zu fordern, wie immer in Zeiten wirtschaftlicher Misere.

Nachdem sich die Kirchen schon lange fast ausschließlich auf die Propagierung von Moral beschränkt hatten, wiewohl es zur Moral weder der Kirchen noch überhaupt einer Religion bedarf, nun das offene Eingeständnis, dass sie unserer Welt überhaupt nichts mehr zu sagen haben: Die evangelische Kirche bietet Kurse im Spritsparen an!

Ist der, der träumt, nicht ein anderer als der, der den Traum erinnert?

Als ich auf dem Balkon das leere Blatt Papier vor mich hinlege, um mit der Arbeit zu beginnen, setzt sich eine Wespe auf das Blatt. Sie ist das erste Wort.

Selbst wenn man die Landessprache beherrscht, schweigt man in der Fremde anders als zu Hause.

Mit dem Niedergang der Religion geht auch der Niedergang des Fluchens einher. Was bleibt, ist Schimpfen. Aber welche wahrhaft gotteslästerlichen Flüche kannte noch mein Großvater!

„Eine Maxime“, schreibt Vauvenargues sehr zu Recht, „die erst bewiesen werden muss, ist schlecht formuliert.“

Ein Stück, in dem alle Personen ganz vernünftig reden, sich aber völlig irrwitzig verhalten: das ganz normale Leben.

Die meisten Menschen können nichts in Ruhe lassen; sie müssen immer alles befingern, beurteilen und darüber richten, und so beschmutzen sie es mit abschätzigem Blick und gierigen Händen.

Vor dem Kafeníon am Dorfplatz: Aus der Kirche wird hart an mir vorbei der Tote im offenen Sarg getragen. Ich erhebe mich, um ihm die Ehre zu erweisen, und da tritt der Vater des jungen toten Mannes vor mich hin und neigt den Kopf, weil ich seinem Sohn die Ehre erwiesen habe.

Ein leichtes Zittern, fast nur ein Frösteln der Haut, und ein dämlicher Gesichtsausdruck zeigen den größten Grad der Wollust an.

Über alles kann man reden, über seinen Ärger, Frust und Schmerz, über seine Freude, Wut und Trauer, selbst über seine Dummheiten und Laster. Nur nicht über seine Lust. Das ist allen peinlich. Man kann das begründen, verstehen kann man es nicht.

Wiesen und Wälder besänftigen das Herz, das Meer aber weitet es.

Man wird sich mit einer Biene nie über eine Blume verständigen können.

Gebete sind sublimierte Blasphemien.

Fast ein Vierteljahrhundert nach meiner Abreise als Student bin ich zum ersten Mal wieder in Marburg. Alle Ecken und Gassen sind mir noch vertraut, doch die alten Geschichten leben in ihnen nicht mehr. Ich kenne niemand mehr in der Stadt. Da passt es, dass der Tag nasskalt ist und ein unangenehmer Wind durch die Straßen bläst. So gehe ich ohne Bedauern, und erst nachträglich überkommt mich ein Gefühl von Wehmut und Verlust.

Herbstunwetter in Rethymnon. Der Regen prasselt nieder, als wolle er die Stadt ins Meer schwemmen. Gewaltige Mengen roten Sandes verstopfen die Gully, so dass wir, nass bis auf die Haut, durch die reißenden Wassermassen waten müssen. Wir sind, mitten in der Nacht, auf Herbergsuche.

Mitten auf der staubigen Dorfstraße verharrt eine Katze mit aufgehobener Pfote und sieht sich unschlüssig um. Ein Bild vollkommener Ratlosigkeit!

Odysseus soll also wieder nach Hause gefahren sein? Da erzählt Homer doch vermutlich nur eine erfundene Geschichte. Mir scheint Dante glaubhafter zu sein, der Odysseus nach Trojas Fall in die Welt aufbrechen lässt. Nach vielen Jahren, alt und müd geworden, erreicht er mit seinen Gefährten die Säulen des Herkules, also das Ende der bewohnten Welt, über das noch keiner je hinaus gefahren ist. Und da erinnert nun Odysseus seine Gefährten an die gemeinsame Herkunft, an den urgriechischen Drang nach Tüchtigkeit und Wissen und überredet sie, auch noch über die letzte Grenze hinaus zu fahren, der sinkenden Sonne zu, in menschenleere Weiten. Endlich sehen sie im Westen den Paradiesesberg aufragen, vor dem ein Sturm ihr Schiff zerschmettert. So wird es gewesen sein, jedenfalls treiben die Trümmer von Odysseus’ Schiff immer noch im Meer. Ich habe selber schon einige davon gesehen.

In der Nacht brennt nah beim Dorf der Wald. Springt das Feuer über die Straße, ist uns der Fluchtweg versperrt, und uns bleibt dann nur noch der Weg über das Meer. Mein Hinweis, noch sei es ja nicht so weit, und es gebe weit Schlimmeres, hat keine beruhigende Wirkung, weil sich mancher gerade nichts Schlimmeres vorstellen kann. (Suja, Kreta)

Von der alten, säulengeschmückten Terrasse geht der Blick weit über das herbstliche Land. Rebe reiht sich an Rebe. In spät sich erfüllender Pracht und schwer von Sonne und Duft reifen die Trauben heran. Raschelnd fallen Kastanien ins Laub. – Als würfe man schon einen verstohlenen Blick ins Paradies! (Slevogthof in Leinsweiler/Pfalz)

Man schreibt, wenn man gute Laune hat, und man schreibt, wenn man schlechte Laune hat. Warum sollte der Leser beides nicht merken?

Wer der Forderung, alles solle leichtverständlich sein, nachgibt, verhindert, dass das Denken geübt wird. Es kann ja nicht die Absicht eines Autors sein (wenn er denn eine hat), dass die Menschheit so dumm bleibe, wie sie sich darstellt.

Katastrophales Scheitern des Denkens: „Ich glaube zu wissen…“

Die Wut, die sich gegen alles Sinnliche richtet, ist die Wut auf das Leben selbst.

Schulkinder liegen platt auf dem Bauch am Boden des Campo. Alle Kinder der Welt malen auf dieselbe Weise: die Nase dicht auf dem Papier, den Stift in der Hand, als hielten sie einen Besenstiel, und mit ernstem, konzentriertem Gesicht. (Siena)

Zum letzten Mal in diesem Jahr stehe ich in der üppigen Pracht eines italienischen Gartens. Und die steinernen Damen auf ihren Postamenten erhöhen den Reiz, indem sie zwar knapp die Scham verhüllen, aber ihre hübschen Hintern durchaus sehen lassen. (Villa bei Pratolino, im November)

Wenn es nachmittags um 5 Uhr schon dunkelt, wie soll ich mich da überreden, nicht den Mut zu verlieren?

Das Lächeln der Mona Lisa ist ein Aphorismus, den nun schon Jahrhunderte auslegen.

Keiner lässt dich einsamer zurück als Gott. Die von Gott Verlassenen leben als Eremiten.

Ich hatte immer das Gefühl, nicht dazuzugehören.

Ein gutes Essen befriedigt nicht weniger als eine gute Idee. Leider stören sich beide wechselseitig ihre Kreise. (Mâcon, Burgund)

Um mit mir einverstanden sein zu können, müsste ich viel verändern: mein Verhalten, Tun, Denken und Empfinden. Aber hernach fühlte ich mich vielleicht nicht wohl damit; denn auch das Fehlerhafte und Ungeliebte gehört zu uns und ist ein Teil unserer Identität. Man sollte damit leben können, zumal sich doch auch die anderen schon daran gewöhnt haben.

Die humanitas war ein römischer Propaganda-Begriff. Daher seine reale Wirkungslosigkeit.

In Bildern ohne Zentralperspektive erschließen sich die Beziehungen der Personen und Räume leichter als in perspektivisch gemalten; denn im letzteren Fall tritt ein Interesse auf, das für das Thema des Bildes nicht nur belanglos ist, sondern es geradezu überdeckt. (Perivleptos-Kirche)

Hier in Mistras, der letzten Hauptstadt des byzantinischen Reiches, soll der Despotenpalast restauriert werden. Damit wird man nicht nur eine unvergleichlich schöne und anrührende Ruinenstätte zerstören, man wird auch den Geist des byzantinischen Philosophen Georgios Gemistos Plethon, der hier lebte und starb, aus den Trümmern austreiben.

Heute vor zwanzig Jahren geschah der Überfall ganz im Osten der Türkei, der mir jene Verwundung am Kopf brachte, deren Narbe mir immer noch und so auch heute wieder einen Wetterwechsel anzeigt. Es hätte damals auch mein Tod sein können.

Einfache Bauformen überzeugen, komplexe überreden.

„Hauptmann Bölckes Feldberichte“ aus dem Ersten Weltkrieg gelesen. Die arrogante Schnoddrigkeit, mit der dieser Fliegeroffizier wie alle seinesgleichen über den Krieg, seinen Beitrag dazu und vor allem über seine Gegner und deren Tod spricht, ist heute ganz unerträglich. Man ahnt, wozu eine solche Mentalität noch fähig sein würde – allerdings auch, dass sie unter anderen Umständen jederzeit wieder geweckt werden könnte.

Sie schließen die Augen auch vor den Schreien der Gefolterten.

Gäbe es Kriege, wenn sich die Gegner mit eigenen Händen erdrosseln müssten?

Selbst das Unerträgliche kommt mit sich zu Rande. Aber das erklärt noch lange nicht, weshalb auch so viele Menschen mit sich zu Rande kommen.

„Nein!“ scheint neben „Sorgt für mich!“ die Hauptinformation zu sein, die Babys uns vermitteln wollen. Wir erfüllen in aller Regel nur den zweiten Wunsch.

Politisches Informationsgespräch in einem Dorfcafé: „Bist du rechts oder links?“ – „Noch nicht einmal in der Mitte!“

Nach einiger Zeit draußen im abgelegenen Bergland fällt einem auf, wie still es ist. Kein Flügelschlag eines Vogels, kein Hauch eines Windes. Nur Stille, tiefe, anhaltende Stille, Totenstille – und in wachsender Beklemmung das plötzliche Gefühl, zu wissen, was panischer Schrecken sei.

Dass heute kaum noch einer Freude an einer gelungenen Periode oder, allgemeiner gesagt, am Satzbau hat, beweist, dass wir es nicht mehr mögen, wenn wir an die Komplexität der Welt, an die Wechselwirkung der Dinge und ihren bestimmten Zusammenhang erinnert werden.

Läsen und schrieben wir noch laut wie in der Antike, hätten auch wir noch Sinn für Rhythmus, Klang und Tonfall unserer Sprache.

Der Straßenköter, der Esel drüben am Zaun oder die drei Ziegen gegenüber auf dem Feld, was wissen sie von uns, und was denken sie über uns? Werden sie dereinst nicht Zeugnis wider uns ablegen?

Weit entfernt vom Haus traf ich meine Katze mitten in der Stadt auf dem Marktplatz. Sie begrüßte mich flüchtig und wandte sich dann gleich wieder ihren Geschäften zu. Erst jetzt zu Hause am Abend ist sie wieder so zutraulich und liebevoll, wie ich sie kenne. Ihre Beziehung zu mir muss also eine völlig andere sein als meine zu ihr.

Mit Katzen kann man keine Pferde stehlen, mit Hunden schon.

Erfolg sei das Ergebnis systematischer Arbeit, sagte ein Trainer im Fernsehen. Nachdem aber der Erfolg ausblieb, und die von ihm betreute Sportlerin verlor, darf man schließen, dass Misserfolg ebenfalls das Ergebnis systematischer Arbeit sei. Die meisten Sprüche sind nichts als Sprüche.

„Ein Rhein!“ (Judith auf der Brücke des Doubs in St. Ursanne).

Die Entwicklung des Menschen vom Kind zum Erwachsenen kommt mir manchmal vor, als entwickle sich der Schmetterling zur Raupe.

Ein Schäfer führt seine Herde über die Hügel. Ganz am Schluss geht, sehr langsam, ein hinkendes Schaf, das zwischendurch immer wieder stehen bleibt, ehe es humpelnd weiter geht, und neben ihm trottet der Hund, wartet, wenn es stehen bleibt, und geht dann mit ihm weiter. Man hat wirklich den Eindruck, er beschütze es. (Auvergne, im August)

Ein alter Mann schläft, halb sitzend, halb liegend, auf den aufgerollten Tauen am Bug des Schiffes.

Die alte Bauersfrau sitzt wieder wie all die Jahre zuvor neben ihrem Käse und den Eiern am Boden. Ein Esel trippelt vorbei und behindert die geduldigen Autos hinter ihm. Ein Fischer trägt eine Steige Fische mit silberglänzenden Bäuchen aus dem Boot. Eine Jacht läuft mit geblähtem Segel aus. Der Kaffee schäumt in der weißen Tasse. Es ist acht Uhr am Morgen. Der Tag wird heiß werden. (Naxos)

Das Mädchen stiehlt. Sie braucht die Sachen nicht, sie stiehlt sie nur, versteckt sie oder wirft sie weg. Gestohlenes interessiert sie nicht, nur noch nicht Gestohlenes.

Unbefangen böse ist der Mensch nur als Kind. Doch böse soll er nun einmal nicht sein. Also wird er in Pflicht und Zucht genommen, jede Eigenständigkeit gehemmt und jede freie Regung unterdrückt. So verliert er seine Unbefangenheit, ohne dass er das Böse verlernt. Er lernt nur, es heimlich zu tun, und so handelt er befangen böse und mit schlechtem Gewissen.

Ich halte mich nicht gern an Geländern fest. Was soll nur aus mir im Alter werden?

Ich lebe immer mehr in mir.

Jede Tugend, die zur Gewohnheit wurde, ist ein Laster.

Nichts deprimiert mehr als ein paar nasskalte Wind- und Regentage im winterlichen Süden, wenn man auf ein wenig Sonne hoffte. Epikur hat schon recht: Wer nicht hofft, wird nicht enttäuscht. Allerdings, hätte ich nicht gehofft, wäre ich gar nicht erst geflogen.

Etwas niederschreiben. Viele tun das wirklich.

Während der Arbeit an dem Buch „Antagonismus der Freiheit“ finde ich beim Sortieren alter Aufzeichnungen ein längst vergessenes Konzept zu einem Schulaufsatz. In diesem Aufsatz hatte ich nicht nur dieselben Thesen wie nun im Buch vertreten, sondern sie auch mit denselben Begriffen erläutert, ohne dass ich mich dieses Aufsatzes jemals wieder erinnert hätte. Im Unterschied zu meiner gegenwärtigen Arbeit war die damalige aber unbekümmerter formuliert und verzichtete auch auf schlüssige Begründungen. Während ich diese Aufzeichnungen wieder lese, verwandelt sich mein ursprüngliches Amüsement zunächst in Erstaunen und dann in ein diffuses Unbehagen, und seither frage ich mich, ob die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit mehr bedeuten kann als ihre Auswicklung, ja, ob sie überhaupt möglich ist.

Nachts während der Basler Fasnacht: Ein Zug maskierter Leichen zog durch die Stadt. Ihre schlurfenden Schritte waren nicht zu hören, die Trommeln, die einige schlugen, blieben stumm. Am Straßenrand standen schweigend die Zuschauer. Alle waren nackt, trugen aber auf der Stirn ein Aschenkreuz. Auf dem Dach des Rathauses saß rittlings Luzifer und lachte lauthals. Es war das einzige Geräusch.

Eine Touristin schlägt beim Eintritt in die Klosterkirche aus purer Gewohnheit ein katholisches Kreuz. Eine griechische Frau zeigt ihr, wie das orthodoxe geht. Beide lachen. Was unter Theologen Streit auslöste, hier ist es nur folkloristisches Beiwerk.

Man kann sich selbst nicht trösten. Aber es hilft, einfach gut essen zu gehen.

Er verstand nicht zu schmeicheln. Peinlich schienen ihm die Schmeichler zu sein, völlig rätselhaft aber die, die sich schmeicheln ließen.

Dem kriegerischen Geist zum Trotz ist in die weißgekalkte Ziegenmauer eine antike Marmorplatte mit einer lyraspielenden Frau eingelassen.

Ich kann gerade noch stehen bleiben. Nur eine Armlänge vor meinem Gesicht hat eine Spinne ihr Netz über den kaum begangenen Weg gespannt. Sie sitzt mitten in ihrem Netz, gelb und schwarz und unbeweglich. Obwohl ich keine Angst vor Spinnen habe, pocht mir doch das Herz. Keine Angst, aber schreckhaft! Wahrscheinlich war diese Konstruktion früher für das Überleben wichtig.

Funktionierte die Welt wirklich nicht ohne Platzbeschmutzer, Grippeviren, Streptokokken und Einem-nah-ins-Gesicht-Sprecher?

Die Ruhe und entrückte Selbstversunkenheit der griechischen Skulptur zu der Zeit, da sie wirklich klassisch war, sind die Absicht dieser Kunst, doch nicht ihr Ursprungsgrund. Die klassische Kunst bannt den Schrecken auf dem höchsten Punkt des Grauens und im Angesicht der wilden Gorgo. Im Kanon ist das Chaos unmittelbar präsent. (Olympia)

Der Zeustempel in Olympia zeigt die Idee des griechischen Tempels kurz vor ihrer Vollendung, der Parthenon in Athen kurz nach ihr. Die elegante Leichtigkeit, die jenem noch fehlt, hat dieser zwar, doch mangelt ihm die monumentale Klarheit, die jener noch hat. Den wirklich vollkommenen Tempel sucht man vergebens. Es kann ihn nicht geben; denn die Vollkommenheit des einen ist die Unvollkommenheit des anderen. (Akropolis in Athen)

Das wäre dem byzantinischen Philosophen Georgios Gemistos Plethon aber nicht recht gewesen, ausgerechnet an einer lateinischen Kirche bestattet zu werden, er, der alles Lateinische verachtete – und dann auch noch unter falschem Namen. Man kann sich nur damit trösten, dass in dem Sarkophag höchstwahrscheinlich die falschen Knochen liegen, und auch die noch nicht einmal komplett. (Tempio Malatestiano, Rimini)

Die etwa Vierjährige mit den schwarzen Haaren und den noch schwärzeren Augen, der ich leichtsinnigerweise sagte, welch zauberschöne Augen sie habe, unterbricht immer wieder ihr Spiel mit den anderen Kindern und kommt an meinen Tisch, damit ich in ihre zauberschönen Augen sehen kann. (Orta)

Kinder sind nie vulgär.

Als Kind hatte ich mir immer eine jüngere Schwester gewünscht. Ich sehne mich noch heute danach.

Die Nase ist der philosophische Sinn par excellence, der Sinn fürs Delikate und Subtile, und das Organ der leiblichen Lust beim Essen und bei der Liebe, bei der irdischen, wohlgemerkt, mit ihren unverhüllten Brüsten, die ungeschminkt das Viehische repräsentiert. Die Philosophen rümpfen daher gern die Nase vor den erogenen Zonen, aber auch vorm guten Essen.

Seit Platon über den Eros schrieb, gehört die Liebe ins Pantheon philosophischer Themen, die himmlische, nicht die irdische. Wer daher über sein Sexualleben als Bedingung seines Philosophierens so nachdenken würde wie Karl Marx über die Produktionsverhältnisse als Bedingung des menschlichen Geistes, gälte noch lange nicht als Philosoph, sicherlich jedoch als Schwein.

Osternacht in einer Pfälzer Weinstube. Von Auferstehung kann keine Rede sein, nur vom Hockenbleiben. (Schweigen/Pfalz)

Ein verbitterter Mensch hat etwas Abstoßendes, ein bitterer etwas Anrührendes. Vermutlich haben beide Zustände, trotz des gleichen Wortes, nichts miteinander gemein.

Die Demokratie ersetzte die gute Gesellschaft durch die Prominenz.

Alte Fotos in einem Trödelladen zeigen Bilder von einem Schlachtfeld. Der Unrat des Fleisches, die Ausscheidungen, schwärende, stinkende Wunden, Blut und Eiter, der faulende Leib. Erfanden wir die Würde des Menschen, um uns über die grausige Natürlichkeit hinweg zu lügen? (Bergamo)

Kirchen, Plätze und Paläste sind schon recht. Aber hier in Pavia habe ich auch das beste Risotto meines Lebens gegessen.

Denkt man einen Gedanken geradewegs zu Ende, gerät man unweigerlich in eine Sackgasse. Man muss sich also rechtzeitig seitwärts in die Büsche schlagen, wenn man weiterkommen will.

Ich weiß es auch nicht besser als die Worte, die ich dafür finde.

Nach langer Wanderung durch eine glutofenheiße Schlucht ein ländliches Zimmer direkt am Meer, ein erfrischendes Bad, und über der stillen Bucht färbt eine milde Abendsonne die Hügelspitzen golden. Vorfreude auf das Abendessen. (Kato Zakros)

Immer wurde bei uns zu Hause das Brot, ehe man es anschnitt, auf der Rückseite dreimal mit dem Messer bekreuzigt.

All meine Großeltern haben mir als Kind nie Vorwürfe oder Vorschläge gemacht, sich auch sonst nie in meine Angelegenheiten gemischt, höchstens nachgefragt, wenn ihnen etwas unklar war.

Von Peter, meinem Großvater aus der Stadt (ein kleiner, feiner Herr), blieb mir seine goldene Taschenuhr, von Nikolaus, meinem Großvater aus dem Dorf (ein kräftiger, hochgewachsener Mann), sein Seesel, sein altes, gebogenes Winzermesser. Irgendwo zwischen beiden verläuft mein eigenes Leben.

Ich will nichts mehr nur zur Kenntnis nehmen. Ich will mit den Dingen leben.

Philosophische Bemerkungen, die anderen philosophischen Aussagen desselben Autors nicht widersprechen, sind belanglos.

Ein guter Gedanke unterscheiden sich von einem weniger guten dadurch, dass er porös ist, dass die Welt in ihn einsickern und ihn zersetzen kann.

So viele Einsichten so vieler Philosophen! Und? Haben sie das Leben der Menschen schöner gemacht, besser, würdiger, menschlicher?

So lange man sich selbst nicht jeden Gedanken erlaubt, ist man noch nicht unabhängig.

Rickert warf seinem Kollegen Simmel, dem der systematische Geist suspekt gewesen war, vor, „geistreich“ zu sein, ein Vorwurf, den später Adorno wörtlich wiederholte. Wenn aber Reichtum an Geist die Sünde des Philosophen sein soll, was ist dann seine Tugend?

Ich bin im Paradies. Allerdings nur in dem von Maria Laach. Aber das ist ja auch sehr schön.

Die Szene ist von großer Würde: Schweigend, in langer Reihe, ziehen die Mönche in die Kirche ein. Jeder verneigt sich vor dem Altar, tritt zur Seite und geht an seinen Platz, wo er gesenkten Hauptes stehen bleibt. Manchen beugt das Alter, andere sind noch jung, doch alle haben ernste, gesammelte Gesichter. Der Gast aber steht als Fremder fremd dabei, und nie sprach sein Herz ein deutlicheres Nein. Gerade vor einem Gott werde ich den Kopf nicht neigen, schon gar nicht demutsvoll!

Wann eigentlich kam dem zum Menschen werdenden Lebewesen zum ersten Mal der Gedanke „Gott“ in den Sinn?

Die Bosheit und Rachsucht des jüdischen Gottes war so groß, dass man schließlich den Teufel erfinden musste. Gegen dessen Tücke wirkte Gott nun so milde und gütig, dass man ehrlichen Herzens glauben konnte, er sei die Liebe selbst.

Der Komplexität des einfachen Lebens sollte ich doch einmal einen Essay widmen!

Pan fraß meinen Strohhut. Für ein bloßes Tier war dieser Bock zu mächtig. Jetzt droht ein Sonnenstich. Oder habe ich ihn schon?

In Stunden, in denen ich mich wohl und mit der Welt in Harmonie befand, in denen ich ohne Stress, gesund und voller Energie gewesen bin, in solchen Stunden kam mir selten ein guter Gedanke.

In unseren düsteren, lichtarmen Gegenden kommen die Gespenster mitten in der Nacht. In der Lichterfülle Griechenlands aber am hellen Tag: Panischer Schrecken.

In kurzer Zeit kommen wir an Efeu, Lorbeer und Myrte vorbei, also an Dionysos, Apollon und Aphrodite.

 

Das Buch ist erschienen im Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2007, ISBN 978-3-8260-3609-5.

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