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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
Darsteller: Burt - Peter Radestock | Harold - Jürgen Helmut Keuchel | Adrienne - Christine Reinhardt
Inszenierung – Manfred Gorr a.G.
Ausstattung – Klaus Weber a.G.
Dramaturgie – Mareike Götza
Frühjahr 2007 – Die Situation ist wie immer bedenklich: Die globale Erwärmung erhitzt Gemüter wie Landschaft, durch die ob der Studiengebühren Studenten verzweifelt aber immer noch protestierend wanken, indes, das Watscheln Millionen übergewichtiger Deutscher bedrückt die Regierung weitaus mehr, und tapsen ist allein „cute Knut“ gestattet, da kann Deutschland sich ruhig anschicken, auf dem Weltjugendtag des Schlagers, dem Grand-Prix d’Eurovision, elendig auf Platz 19 zu verrecken.
In so eine Welt des Kummers paßt das Stück „Eine Bank in der Sonne“ von Ron Clark hervorragend.
In der Seniorenresidenz „Valley View Gardens“, genießen Harold und Burt den Großteil ihres Rentnerdaseins damit, jeden und alles mit scharfzüngigen Äußerungen zu kommentieren und vor allem sich gegenseitig mit Boshaftigkeiten zuzusetzen – wohlgemerkt aus Freundschaft, einer lebenslangen, echten Freundschaft zwischen zwei völlig wesensungleichen Männern, wie sie spätestens seit Jack Lemmon and Walter Matthau, dem „Odd Couple“, oder Statler und Waldorf aus der „Muppetshow“ bekannt ist.
Nicht, daß diese Lebensweise nur an ihrer altersbedingt verkümmerten Freundlichkeit Mensch und Umwelt gegenüber läge, auch die Lebenswelt der Residenz selber ist geprägt von einem von Lieblichkeit verhüllten Zynismus: Immer wieder ertönt eine wohlmodulierte Stimme (Uta Eisold), informiert, dirigiert und maßregelt die Alten. Diese werden also auffordert, im Haus zu bleiben, da ihre Gehhilfen zu viele Löcher in die Gehwege bohren würden, zur alphabetischen Massenimpfung abkommandiert und schlußendlich einfach aus ökonomischem Kalkül an die Luft expediert, da die Residenz verkauft wird.
In diese Welt spröder Harmonie bricht eines Tages die ehemalige Schauspielerin Adrienne ein und gibt den beiden willkommen-unwillkommen Gelegenheit, sich von neuem zu zanken – aus Eifersucht, aus Bockigkeit, als Reminiszenz an die Vergangenheit. Denn: „Eine Bank in der Sonne“ ist nicht nur ein Schmunzeln über Altmännertrotz sondern auch Wehmut über die verflossene Jugend, das schon längst aufgezogene Alter, die Marotten, die es im Gepäck mit sich trägt, und die es gilt zu hegen und zu pflegen, um sich am Leben zu erhalten. Und so – wenn auch der Vorstellungsraum von Beginn an mit Gekicher des Publikums erfüllt war – es blieb immer nur Gekicher, jenes offene, unbeschwerte Gelächter, das zu Atembeschwerden und Tränen führt, das blieb dem Publikum versagt. Vielleicht auch, weil sich anglo-amerikanischer Humor nur bedingt mit deutschem verträgt oder die Übersetzung aus Inkompatibilität der Sprachen hinkte.

Die Schauspieler jedenfalls lieferten Hervorragendendes, brillierten, funkelten, amüsierten: der pyjamatragende Burt alias Peter Radestock, mal versonnen, dann wieder bissig, sein Pendant und Antipode zugleich, der penibel gekleidete Harold, verkörpert durch Jürgen-Helmut Keuchel, der gekonnt den in die Jahre und Gewicht gekommenen Businessman a.D. mimt, durch eine neue Liebe dazu stimuliert, seine Memoiren schnaufend zu Papier zu bringen. Und so unbeweglich Harold/Keuchel sich gibt, so klapprig agil spielt Burt/Radestock, auf besagter Bank und um sie herum – außer einer Parklampe das einzige Bühnenaccessoire des Zweiakters. Man schiebt sich, tauscht die Plätze, rückt voneinander ab, lehnt sich aneinander an – die Bank als Dreh- und Angelpunkt zweier Existenzen, als locus amoenus des altersironischen Pärchens Plisch und Plum. Die Dritte im Bunde, der willkommene Eindringling: Adrienne Bliss, Christine Reinhardt, immer in lange flatternde Gewänder gehüllt, souverän, eben Diva von Kopf bis Fuß. Ohne zu zögern nimmt man ihr den ewig in Bewegung bleibenden Star ab, der alle in Aufruhr versetzt, Tanzabende und Ausflüge organisiert, noch immer mit Verbindungen zur Filmbranche spielt, genauso wie mit den Herzen ihrer Bewunderer, und dann, wie es Sterne eben tun, eines Tages wieder verschwindet.
Ein letzter Clou: Das Programmheft. In liebevoller Arbeit wurde ein Programmfaltblatt entworfen, das als Werbebroschüre für besagte Seniorenresidenz „Calley View Gardens“ daherkommt. Aus „Darstellern“ werden hier „Residenzbewohner“, die Verantwortlichen für Inszenierung und Ausstattung werden als „Residenzleitung“ vorgestellt, die „Qualitätsbeauftragten“ widmen sich der Dramaturgie und der Soufflage, das „Pflegeteam“ widmet sich unter anderem der Requisite, dem Ton, der technischen Leitung. Auch „Extras des Hauses“, nämlich Titelmelodie und weibliche Stimme werden gepriesen.
Oftmals sind es eben die Kleinigkeiten, die einen Theaterabend besonders erinnernswert machen.
Kurz und gut: Die „Bank in der Sonne“ ist wirklich ein Plätzchen, an dem man Halt machen sollte, um zu sinnieren und der Welt eben jenen ironischen Blick zuzuwerfen, den sie verdient hat.
Tanja von Werner
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