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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 4
Buch des Monats August
Der Umschlagdeckel des Gedichtbands zeigt auf gelbem Untergrund die mit dickem Schwarzstift gezeichneten Konturen eines eingezogenen Kopfes mit großen Ohren und spitzer „Dummer August“-Mütze. Der Buchtitel verweist, je nach Betonung des Wortes „August“, auf einen Clown oder auf den Sommer 2006, in dem die Autobiographie Beim Häuten der Zwiebel die Wellen der Kritik hochschlagen ließ. Dummer August ist Grass` Antwort in Form von Gedichten, Lithographien und Zeichnungen auf die wochenlange Feuilleton-Debatte um sein spätes Eingeständnis, dass er in den letzten Kriegsmonaten als 17- / 18-Jähriger zur SS gehört habe. Der Autor setzt sich selbstironisch und angreiferisch zugleich die Narrenkappe auf, unter der sich bekanntlich beschützter reden und schreiben lässt, und lädt seine Leser zu Worten und Bildern in einem lyrisch-literarischen Streit um Wahrheit und Lüge, Anschuldigung und Rechtfertigung ein. Der Leser sollte sich so unbefangen wie möglich darauf einlassen. Die „August“-Assoziationen geben den Texten etwas Schillerndes, Uneindeutiges, Komisches, Kritisches und Augenzwinkerndes, Ernsthaftes und immer wieder unterschwellig Aggressives, gelegentlich Abwegiges und sogar Ärgerliches, in jedem Fall aber wahrlich „Narrenhaftes“.

„Hart und Leicht“ ist das erste Gedicht überschrieben. „Was liegt, was der Wind bringt: / Steine und Federn“, das Schwere, Bedrückende, und das Flüchtige beschäftigen den Dichter, das, was eigentlich nicht zusammenzupassen scheint, aber überall herumliegt, zum Greifen nah ist, „von der Wiese gesammelt“ werden kann. Der Text aus drei Strophen mit zusammen elf Zeilen verbreitet einen Hauch von Melancholie und Einsamkeit. „Stille nimmt zu“ ist da zu lesen. Vom „Gebrabbel“ der „toten Freunde“ ist die Rede und davon, „wer was über wen gesagt hat.“ Bevor sich aber ein allzu larmoyanter Ton breit macht, findet der Dichter zu einer selbstironischen Distanz zurück. „Bald – ist zu ahnen – /“, heißt es am Ende, „werde ich nur noch mit mir plaudern, / redselig wie ich bin.“ Und das Spiel um Doppeldeutigkeiten kann, wer will, mitspielen und Worte wie „redselig“ und Zeilen wie „Endgültiges, damals, / als alle zugleich sprachen“ hin- und herdrehen und mit „August“-Bedeutung füllen.
„Steine“ und „Federn“, Dinge, die fassbar sind, festgehalten werden können mit der Hand, den Augen, der Sprache, die etwas Konkretes darstellen, immer aber auch mehr bedeuten können, waren schon immer in Grass` lyrischer Sprache präsent. In Fundsachen für Nichtleser (1997) stehen Verse wie „Gut in der Hand liegen Steine“ oder „Greifbar sind Stift, Feder, Pinsel, / tonige Erde, der Stein.“ und „Feuersteine […] liegen gut in der Hand: Jeder Wurf trifft.“ Um das Einfache – je dinglicher, umso anschaulicher – drehen sich viele der Gedichte und die simplen Dinge werden oft Bilder für etwas Neues, Komplexeres, Verstörendes.
Das Dinglich-Greifbare beherrscht auch die bildlichen Darstellungen in dem Band Dummer August. Da gibt es Pilze, ein häufiges Motiv bei Grass, Zwiebeln natürlich, wie könnten sie in einem „August“-Buch fehlen, rote Beete, Zuckererbsen, Mais , Artischocken, aber auch Zeichnungen eines Dorsches, eines Hundekopfs, von Kühen und Flundern, von Gartenhandschuhen und Schuhen. Dinge der unmittelbaren Umgebung sind dem Lyriker Grass wichtig, fast so, als wolle er sich am Eindeutigen, Nicht-Zerdiskutierbaren, Feststehenden, Nicht-Herumdeutelbaren Orientierungs- und Haltepunkte für seinen Clownsblick zurück suchen. So werden aus Garten- und Wiesenpflanzen Wundermittel gegen die „Trauer“, wie es im Text „An jenem Montag“ heißt:
„Dann zeichnete ich – und das half –
einen Distelzweig, Spitze nach Spitze,
zudem die Nacktschnecke, mein Wappentier.
Dann rief mich das Telefon.
Ja, sagte ich, es geht,
wenn auch langsam.“
Im letzten Drittel des Bandes ändern sich die Bildmotive. Die Zeichnungen zeigen jetzt – über viele Seiten hin – Bäume, knorrig, sich wirr verzweigend, unwirklich-wirklich,
„altstämmige Buchen.
Jede anders glatthäutig, gerunzelt, verästelt
und vielfüßig zu den Wurzeln hin
vom Moos besiedelt.“
Ein Wald, in dem sich der Zeichner und das lyrische Ich verlieren, auch verstecken können, der wuchtig, aber nicht erdrückend wirkt, sogar komisch ist mit seinen verdrehten Stämmen und Ästen, auf jeden Fall alt daherkommt, uralt und zauberwald-geheimnisvoll. Das Erdig-Handfeste, Alltägliche, Nahe, das, was sich anfassen lässt, beschäftigen den Künstler Grass. Er klammert sich an Dinge der Natur, die klar sind, nicht nach Lust und Laune interpretierbar. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum.
Im Gegensatz zu den einfachen Natur-Bildern sind die Texte mehrdeutiger, unruhiger, schillernder, bewegen sich zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen hin und her. So konkret die Texte auch Dinge benennen, (fast) immer ist für die, die „hellhörig“ lesen, noch etwas anderes da: die „August“-Bedeutung vieler Verse. Gerade an diesen Zeilen mit ihren Verweisen auf die Medienschelte des letzten Jahres kann der Leser ermessen, wie sehr die Diskussionen um das Eingeständnis der SS-Zugehörigkeit, ausgelöst durch ein FAZ-Interview und den autobiographischen Roman Beim Häuten der Zwiebel, Grass in seinem Selbstverständnis als Autor und als Person verunsichert haben. Immer wieder verschwindet in den Versen das ironisch-idyllische Naturbild hinter den „August“-Ereignissen, wird die weise Gelassenheit des lyrischen Ich gestört und verdrängt durch eine Haltung aus Verletztheit, Unverständnis und – auch das – aggressiver Angriffslust. Das Buch Dummer August ist Grass` eigensinnige, gelegentlich selbstgerechte, aber auch selbstironische und an vielen Stellen nachdenkliche, immer hochspannende Antwort auf den „altgedienten Verdacht“, den er, so scheint es, nicht loswerden kann.
„Beschönigung
Der Morgen ist schön.
Wolken bauschen sich schön.
Schön sind Federn und Steine.
Die Weite zum Horizont hin ist schön.
Schönfarbiges Moos auf morschem Holz.
Schön flammt dein Haar im Gegenlicht.
Schön im August sind Spinnweben;
und selbst sie,
die lauernde Spinne,
ist von erschreckender Schönheit.
Das alles und mehr
sag ich mir auf immer wieder:
Schön ist der Morgen …
und würg so den Ekel ab,
der mich faßt,
sobald ich – wider jede Vernunft –
die Zeitung aufschlage.“
Der Dichter reagiert in verschiedener Weise darauf, dass ihn der „Ekel würgt“ und ihm „das Lachen vergangen ist.“ – In einigen Texten bekennt er sich zu seinem „altbackenen Jammer“, zu seiner Ahnung, dass es „knüppeldick kommt, demnächst“ und dass ihm wie „dem einen, dem anderen Kaninchen / das Fell über die Ohren gezogen“ werde,
„auf daß ich nackt und bratfertig,
dann mürbe und mundgerecht sei:
die Leibspeise
mißliebiger Gäste.“
In anderen Gedichten gibt er sich selbstsicherer, spricht sich Mut zu:
„Erledigt,
endgültig erledigt,
sagen übereinstimmend
unsere literaturkundigen Kommentatoren,
die neuerdings das Geschehen im Ring
wortmächtig und für jedermann
zum Erlebnis machen;
doch soll – das ist in den warmen Stuben
aller Schnellschreiber zu hören – der Verletzte,
als man ihn wegtrug, die Namen
etlicher Heilpflanzen gemurmelt haben,
auch den der wahrheitsliebenden Binse.“
Wieder in anderen Texten schlägt der Autor – und Grass weiß, wie man jemanden mit Worten trifft, – zurück, teilt aus und schreckt dabei nicht vor „unkorrekten“ Tiefschlag-Worten zurück. Von „Zecken, die uns befallen“, ist da die Rede, von des „Scharfrichters Ehrgeiz“, dem „Schnellgericht / der Gerechten“, vom „gleichgestimmten Pack“, das „seine Ekelpakete / druckfrisch frei Haus“ liefert und vom „Gewerbe der Niedertracht“ mit seinen „Lügen“. Das Buch endet, unversöhnlich und überdeutlich FAZ-kritisch, mit Versen, die an Goethes Gedicht "Wanderers Gemütsruhe" angelehnt sind:
„Deshalb sage ich jetzt schon, wo – in Frankfurt am Main –
das Niederträchtige als das Mächtige
Hochgewinn zieht und trocknen Kot wirbelt,
verzichte sonst aber – bei aller Not –
auf überlieferte Reime.“
In solchen Zeilen setzt sich Grass direkter und ungeschützter als in den anderen Gedichten mit den „August“-Anfeindungen auseinander. Gerade sie verlieren dadurch allerdings auch an lyrischer Substanz, da sie sich zu stark von der Verletztheit und dem inneren Zorn des Autors funktionalisieren lassen. Diese Handvoll Texte, die nicht mit selbstironischer Gelassenheit und sensiblen Anspielungen, sondern mit einem unterschwelligen Jammer-Ton, mit Aggressivität und der doch eher „unlyrischen“ Absicht, jemanden niederzumachen, auf den „August“ reagieren, werden zu leicht angreifbarer Gebrauchslyrik. Allerdings gehören in ein Dummer August-Buch, in dem sich der Autor die Narrenkappe aufsetzt und sich so einen Freiraum für alle Worte schafft, ob sie dem Leser oder den Medien gefallen oder nicht, auch solche Verszeilen. Andere Mittel, sich zu wehren, als Gedichte, hat der Lyriker nicht:
„Kurzgefasste Gedichte
Ich habe nur euch.
Ihr reimt euch auf nichts.
Den Wald im Rücken, vor mir die See,
schrieb ich Wörter in Zeichnungen,
denen, was grad zur Hand war,
Motiv wurde: Heines Zuckererbsen,
ich unterm spitzen Hut,
der Hund, die Kühe am Zaun,
Bäume vereinzelt,
der Distelzweig.
Jetzt laß ich euch laufen,
auf daß ihr ausplaudert,
wie mir geschah im August.
Gedichte, kurzgefaßt
oder in Strophen gerottet,
ihr werdet nicht müde
auf schattenlos langem Weg;
noch immer nicht mundtot,
hab ich euch Beine gemacht.“
Fast in der Mitte des Gedicht- und Bilderbands steht ein Text, der sich allein wegen seiner Länge von den meist zehn- bis fünfzehnzeiligen anderen Gedichten abhebt. Es ist ein Loblied auf Laurence Sternes fast zweihundertfünfzig Jahre alten Roman Tristram Shandy, auf dessen „Schlingersätze“ und „Schwellkörper“, auf die „Küchenmagd Schußlichkeit“ bei der Geburt des Helden, die Predigten des „armen Yorick“, die „Schweifreden, / wie des Vaters Sermon über Vor- und Nachteile / der Beschneidung von Knaben“ und auf Onkel Toby „mit all [seiner] Mühe um Fortifikationen, / Hornwerke, das Belagerungswesen zur Zeit Vaubans / und des Spanischen Erbfolgekriegs“. Der Text mit dem Titel „Ich lese“ zeigt, wo Grass seine literarischen Verwandtschaften, Vorbilder und Wurzeln sieht: in den pikaresken Romanen eines Cervantes oder Grimmelshausen und den schelmenhaft-grotesken Figuren und den abschweifend-verschlungenen Erzählwegen eines Laurence Sterne.
Sternes Fabulierwelt kennt keine einfachen Kausalitäten oder ein überschaubares „Vorwärtserzählen“, sondern eher krumme, verwinkelte Erzählwege voller Zufälligkeiten und absonderlicher, grotesker Vorkommnisse, die sich am Ende dennoch zum Bild eines komplexen Weltausschnitts abrunden, so, wie aus dem vom Uhrenaufziehen unterbrochenen Zeugungsvorgang, mit dem Sternes Roman „weitschweifig“ beginnt, am Ende eben doch ein Held „herauskommt“, dessen Nase allerdings „plattgedrückt ist“ und dessen „Vorname auf immer und ewig / verhunzt bleibt.“
Tristram Shandy ist in dem Buch Dummer August mehr als nur ein versteckter Hinweis darauf, wie Grass sein Leben und natürlich auch seine Bücher, allen voran Beim Häuten der Zwiebel, verstanden haben möchte: nicht so, dass man aus dem fast achtzigjährigen Leben und den tausenden von Buchseiten Einzelereignisse einfach herauslösen kann, sondern so, dass alles, auch die SS-Vergangenheit, zu den krummen, unverständlichen, nicht ganz erklär- und auflösbaren Wegen eines Lebens gehört. „Ich lese“ endet denn auch anspielungsvoll:
„Als man in London das Grab des Schriftstellers Laurence
Sterne öffnete,
wurde zwischen Gebeinen – angesägt –
sein Schädel gefunden;
zu Zeiten der Aufklärung wollte wohl jemand wissen,
wo genau des Autors Humor seinen Schleudersitz hat.“
Eine Besprechung von Dummer August muss auf die ablehnende Kritik des Gedichtbandes im Frühjahr dieses Jahres hinweisen. Dass Grass „noch immer nicht mundtot“ ist, scheint einige Feuilletonisten nicht ruhen zu lassen. So kündigte der Spiegel (26. 3. 07) seinen Beitrag zum Erscheinen von Dummer August mit „SS-Mitmarschierer Günter Grass verteilt Autogramme“ und „Günter Grass schleicht sich in die Lager der Opfer“ an. Die FR (21. 3. 2007) schrieb: „Jetzt will der Täter das Opfer sein“ und „Wir sind froh, die deutsche Literatur um ein komisches Werk bereichert zu sehen.“ Die SZ (20. 3. 2007) spricht den Texten ab, Gedichte zu sein; sie seien „in Wahrheit Leserbriefe, Beschwerden beim Presserat oder sogar Zeitungsartikel, die nicht in das ihnen gemäße Medium gefunden haben“. Die FAZ (21. 3. 2007) gibt ihrer Kritik die Überschrift: „Ich war dabei – Das Treffen in Behlendorf: Günter Grass verarbeitet sein SS-Geständnis.“ – Die überregionale Presse hat das Erscheinen des Buches Dummer August zum Anlass genommen, die Feuilleton-Kritik und Häme des vorangegangenen Sommers fortzusetzen. Die Welt am Sonntag (1. 4. 2007) schreibt denn auch vom „übergeschnappten Schmähjournalismus“ und kritisiert das „intellektuelle Niveau“ der feuilletonistischen Auseinandersetzung mit Günter Grass.
Grass´ Art, mit seiner Vergangenheit umzugehen, ist offenbar für einige so anstößig, dass er möglicherweise nicht ganz unrecht hat, wenn er befürchtet, „ausgezählt“ zu werden. Das letzte Wort soll daher der Autor von Dummer August haben mit einem Gedicht, das direkter als andere den Vorwurf aufgreift, er habe zu lange seine ehemalige Zugehörigkeit zur SS verschwiegen und sich unglaubwürdig gemacht:
„Mein Makel
Spät, sagen sie zu spät.
Um Jahrzehnte verspätet.
Ich nicke: Ja, es dauerte,
bis ich Wörter fand
für das vernutzte Wort Scham.
Neben allem, was mich kenntlich macht,
hängt mir nun Makel an,
deutlich genug
für Leute
mit makellos weisendem Finger.
Schmuck für restliche Jahre.
Oder sollte Verkleidung,
der Mantel des Schweigens probiert werden?
Fortan umgäbe mich Stille
inmitten quakender Frösche.
Aber schon sage ich ja, nein und trotzdem.
Nicht zu bemänteln
ist sanktioniertes Unrecht.
Nie zu spät wird, was war und ist,
beim Namen genannt,
Makel verpflichtet.“
Herbert Fuchs