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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 4
Im Jahre 2002 wurde die Homepage des Genetikers Wolf-Ekkehard Lönnig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung (MPIZ) in Köln, vom Institutsserver entfernt. Auf dieser Homepage, die Lönnig seitdem privat und ohne erkennbaren Zusammenhang zum MPIZ betreibt, befinden sich zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze, in denen er unter anderem die Evolutionstheorie kritisiert und das Interpretationsschema „Intelligent Design“ als alternative Erklärung verwendet. Als der Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera, Professor am Institut für Biologie der Universität Kassel, davon Kenntnis erlangte, startete er eine Kampagne – er schrieb Briefe, E-Mails und kurze Artikel in Fachzeitschriften – gegen das MPIZ, bis es sich gezwungen sah, die Verbindung zu Lönnigs Seiten zu kappen.
Martin Neukamm und Andreas Beyer begründen in ihrem Aufsatz „Die Affäre Max Planck“, warum das Vorgehen Kutscheras gerechtfertigt gewesen und beileibe nicht, wie Lönnig behauptet, als Zensur zu fassen sei. Lönnig habe mit seinen Artikeln versucht, „die Grenze zwischen Glaube und Wissenschaft zu Lasten des Renommees der international anerkannten Max-Planck-Gesellschaft“ zu verschieben, „um seine Lehre vom ‚Intelligent Design’ im Umfeld wissenschaftlicher Forschung zu präsentieren, ihr auf diese Weise einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben und sie als das Ergebnis jahrelanger Forschung darzustellen“ (S. 233) – ein Vorgehen, das man nicht dulden könne („kann nicht angehen“, S. 234). Lönnig habe in diesen Artikeln „gegen den Naturalismus in den Realwissenschaften“ „polemisiert“ und damit gegen den Common sense der Scientific community verstoßen. Sicherlich, sind Neukamm/Beyer bereit zuzugestehen, dürfe „ein kompetenter Wissenschaftler“ (S. 235) auch die Evolutionstheorie kritisieren, aber diese Kritik müsse „wissenschaftlich“ und „konstruktiv“ (S. 235) sein. Und genau daran hapere es bei der von Lönnig und überhaupt dem Konzept des „Intelligent Design“. Seine Ansichten blieben Lönnig „unbenommen“ (S. 234), aber auf „der Homepage des Max-Planck-Instituts haben sie nichts verloren, da ihr wissenschaftlicher Wert mehr als fraglich ist.“ (S. 236)
Intelligent Design (ID) ist Kreationismus, der sich ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt hat – in dieser Bewertung sind sich alle Autoren des Sammelbandes einig. Und dürften mit dieser Einschätzung Recht haben. In umfänglichen Aufsätzen zerpflücken sie eins ums andere Argument, das die ID-Theoretiker gegen die Evolutionstheorie und für die ID-Theorie ins Feld führen, das „Boeing 747-Argument“ zum Beispiel, mit dem bewiesen werden soll, wie unwahrscheinlich eine zufällige Entstehung komplexer Lebewesen sei. Das wäre, argumentieren die ID-Theoretiker, als fahre ein Wirbelsturm über einen Schrottplatz und hinterlasse eine Boeing 747 oder ein Affe tippe wahllos auf einer Schreibmaschine herum und heraus käme ein Sonett von Shakespeare. Doch bei dieser Argumentation handelt es sich um einen Kurzschluss, meint Axel Meyer, denn evolutive Vorgänge vollzögen sich Stück für Stück, nicht auf einen Schlag. Die Boeing setze sich aus verschiedenen, weniger komplexen Einzelteilen wie Tragflächen und Reifen zusammen, und auch das Sonett bestehe aus einzelnen Wörtern, Sätzen und Versen. ID sei insgesamt aus wissenschaftlicher Sicht deshalb überhaupt nicht ernstzunehmen und solle am besten so wenig beachtet werden wie die Lehre der Raelistensekte.
Wenn ID also dem Bereich des Glaubens, der Religion zugeordnet werden kann, aber nicht der Wissenschaft – was ist dann unter Wissenschaft und wissenschaftlicher Arbeit zu verstehen? Darüber gibt erneut Martin Neukamm Auskunft. Neukamm bricht in seinem Aufsatz eine Lanze für den Naturalismus, bei dem es sich um „ein essentielles Grundprinzip der Realwissenschaften (handelt) und somit auch (um) die Grundlage jeder wissenschaftlichen Theorie“ (S. 165). Die „Realwissenschaften“ gingen insgesamt von der Annahme aus, dass die Welt erklärt werden können müsse, ohne die Hypothese „Gott“ einzuführen. Ausschließlich Prozesse, die gesetzmäßig abliefen und kausal beschreibbar seien, könnten zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung werden. Sobald übernatürliche Annahmen gemacht würden wie bei Kreationisten, wäre eine intersubjektive Auseinandersetzung nicht mehr möglich. Womit Neukamm zweifelsfrei recht hat – aber zugleich einen Hinweis darauf gibt, woran es liegen könnte, dass die Anti-Kreationisten so aggressiv gegen ihren Feind und alle, die sie dafür halten, losgehen. Neukamm: „Welcher Sinn bliebe von der Wissenschaft noch übrig, wenn man annähme, dass Naturgesetze und –konstanten in der Erdgeschichte durch einen Schöpfer veränderbar seien (...), dass er (...) beliebig intervenieren könne?“ (S. 178) Richtig: keiner. Und das ist das Problem, das die wissenschaftsgläubigen Atheisten umtreibt: Ihrer Religion drohte dann der Boden entzogen zu werden.
Was Herausgeber Ulrich Kutschera in zwei Artikeln zum Thema beizutragen hat, braucht nicht wiedergegeben zu werden. Es handelt sich um eine unangenehme Mischung aus heiliger Einfalt („Naturwissenschaft ist ein ideologiefreies Unternehmen“, S. 41), charakterloser Demagogie (vgl. die Fabel vom „erfolgreichen modernen Handwerksbetrieb (Metzgerei Peter Grosse, MPG“), die unverkennbar auf Lönnig und das MPIZ anspielt, S. 13-15) und schlechtem Deutsch (wenn zum Beispiel „vom Gott in der Bibel“ die Rede ist, S. 22). Von ähnlichem Kaliber ist der Beitrag von Thomas Junker, der über seine Teilnahme an einer Fernsehdiskussion mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn berichtet und dabei nicht wirklich etwas zum Thema beiträgt. Der Ertrag dieser drei Artikel besteht vor allem in der Erkenntnis, wie schlicht Religionskritik heutzutage ausfallen kann und wie anmaßend das Wissenschaftsverständnis mancher Evolutionstheoretiker ist.
Aus diesen Ergüssen geifernder Antikreationisten, die nicht besonders angenehm zu lesen sind, ragen zwei Aufsätze heraus. Uwe Hoßfelds historische Studie über den „Kirchenaustritt Ernst Haeckels im Jahr 1910“ ist auf jeden Fall informativ. Er dokumentiert in einem Appendix zu seinem Artikel außerdem die Erklärung Haeckels, die seinerzeit in einer Zeitschrift abgedruckt wurde – sehr löblich! Zweitens ist der Aufsatz von Reinhold Leinfelder bemerkenswert, Paläontologe und seines Zeichens Leiter des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin. Auch er entpuppt sich als scharfer Kritiker jedweden Kreationismus, dem er vorwirft, „die Gesellschaft zu spalten“ (S. 278). Ob dieser Befund zutrifft, kann dahingestellt bleiben; da diese Behauptung nur unzureichend begründet wird, klingt sie wenig überzeugend. Entscheidend ist Leinfelders Mahnung an die eigene Zunft, im Kampf gegen den Kreationismus nicht dogmatisch zu werden und Behauptungen aufzustellen, die sich nicht belegen lassen. Er fordert: „Die Grenzen zwischen spekulativer These, auf neuen Befunden basierender Hypothese und auf einer abgesicherten, jeden Falsifizierungsversuch bislang bestanden habenden wissenschaftlichen Theorie müssen kenntlich gemacht werden.“ (S. 278) Die Wissenschaft selbst habe Anteil an der Skepsis gegenüber den Erkenntnissen der Wissenschaft und der Konjunktur obskurantischer Auffassungen wie New Age oder eben Kreationismus, und zwar unter anderem deshalb, weil sie Hoffnungen geschürt habe, die fast notwendigerweise enttäuscht werden mussten. „Wissenschaftler müssen sauber argumentieren, dürfen nicht Hypothesen mit Realität verwechseln und sollten sich in religiöse Fragen, für die man weitgehend inkompetent ist, nicht mit wissenschaftlichem Anspruch einmischen.“ (S. 317)
Es scheint so, als sei es Leinfelder fast schon peinlich, dass sein Aufsatz zusammen mit denen der anderen Autoren im selben Band veröffentlicht wurde. Wie anders sollte man seine vorsichtige Distanzierung – insbesondere von den Ausfällen Kutscheras und Junkers, die er nicht beim Namen nennt – auf seiner privaten Homepage verstehen? Zwar freue er sich über die einhellige Ablehnung von Kreationismus und ID durch die Co-Autoren. Aber da er die einzelnen Texte im Vorfeld nicht gekannt habe, wolle er nun darauf hinweisen, dass manche „möglicherweise“ als Verunglimpfung empfunden werden könnten und dadurch der kreationistischen Strategie der Spaltung der Gesellschaft Vorschub geleistet werde. Schwarzweiß-Malerei sei allerdings ebenso unfruchtbar wie die Nichtbeachtung der Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis und Deutungskompetenz. „Aber die Frage nach dem Sinn des Lebens kann die Evolutionstheorie nicht oder zumindest nicht verbindlich für alle beantworten. Für viele Zeitgenossen steckt im Leben kein weiterer Sinn als der biologische Sinn der Fortpflanzung, viele andere sehen aber auch übergeordnete Sinnebenen. Das ist jedoch beides eine Frage des persönlichen Weltbildes, mit anderen Worten eine Glaubensfrage – die Evolutionsbiologie ist dafür nicht mehr zuständig – die Kreationisten allerdings auch nicht.“
Damit hat Leinfelder den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Problem der Antikreationisten besteht darin, dass sie die Voraussetzungen ihres Denkens nicht einmal ansatzweise thematisiert haben. Sie halten sich für „objektiv“ und ignorieren, dass auch sie Kombattanten in einer weltanschaulichen Auseinandersetzung um die Deutung des Lebens sind. In dieser Auseinandersetzung bewegen sie sich auf einem ähnlichen argumentativen Niveau wie die Kreationisten, weil sie mit wissenschaftlichen Kategorien Aussagen über einen Bereich machen wollen, der mit diesen Kategorien überhaupt nicht zu fassen ist. Eine Offenbarung kann nicht wissenschaftlich sein, Wissenschaft kann Glauben nicht ersetzen.
Der Ertrag der Lektüre des Buches ist nicht unbedingt gering, denn es informiert recht gut über Kreationismus und ID, auch wenn diese Positionen ein wenig langatmig dargestellt und ebenso langatmig widerlegt werden. Darüber hinaus sollte es studieren, wer Einblick in antikreationistisches Denken von bekennenden Atheisten (die nicht mit Agnostikern zu verwechseln sind) erhalten möchte. So unangenehm die Lektüre auch sein mag, so aufschlussreich ist sie.
Benno Kirsch