Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 4


 

 Timo Kölling

DER IRRSINNIGE
(Für Thor)

Atem umrundet uns gänzlich, aber
Wolken
bergen und Erde
uns in das Andere, rühren
fern und fremd uns an, Formen
längst gewesenen Seins.

Der Kern, der immer lebendige,
starb in das Leben, das nimmermehr unseres sei.
Der Geist
löste aus dem Kristall
das Feuer.

Zu retten aber ist vieles. Den Brand, die Zeit,
zu lindern kommen Seelen
manchmal aus innrem Geräum
unvergänglichen Tags.

"Starrte er nicht wie ein Tier?" Er sitzt
allein jetzt aber, und fern
von leichtgesprochenem Wort, schein-
erloschen am Fenster. Er denkt
wie Wolken; Schnee; und sieht wie
die wendenden Spiegel der Seen.

 

Das Gedicht knüpft "an den Erkenntnisweg von "Die Zeitlichen"" an (Kölling). Der uns umrundende "Atem" ist der Schöpfungsursprung schlechthin, das "Licht" der vorhergehenden Strophen. "Wolken" und "Erde", der "Horizont", in dem "wir uns immer schon befinden", sind "das "Andere" des "Atems"" (Kölling), das jetzt dem Blick auf sie wie etwas Unvordenkliches erscheint: Bereits hier beginnt die Selbsttransformation des Gedichts, dessen Erkenntnisblick niemals nur beschreibt, was vorliegt, sondern das, worauf er sich richtet, in eine eschatologische Perspektive rückt. Sie zeigt ihm, wie fremd unser "Sein" uns eigentlich ist - wir sind die Schattenbilder, die "Formen" eines längst Gewesenen, das wir, getrieben von unseren Sehnsüchten und Intentionen, zu einer Scheinwirklichkeit zitieren.

Der "Kern" dieses unseres Lebens bleibt, wiewohl er sich doch in es entäußert - seine Weise des Sterbens - , "der immer lebendige", allem Sein exterritoriale. Der zweite Vers der zweiten Strophe mündet in den Konjunktiv eines Postulats: Dieses Leben sei "nimmermehr unseres", dasjenige nämlich, das den Wert seines Daseins gerade in der Differenz zu seinem Ursprung begründet. Aber statt nun freudig entgegenzunehmen, dass wir offenbar doch in der Differenz zu unserem Herkommen an ihm partizipieren, wendet sich die Selbsterkenntnis des Gedichts wiederum einem Negativen zu und dementiert solcherart den eigenen Fortschritt: "Der Geist löste aus dem Kristall das Feuer" - der "Geist", der seinen Ursprung erinnernd heraufruft, setzt und verschärft in diesem Akt, seiner Individuierung, den Hiatus zwischen sich und seinem außerzeitlichen Beginn. Kölling: "Ineins mit der Schöpfung ist sie, die Schöpfung, auch schon rückgängig gemacht; das Feuer ist reine, verzehrende Differenz, Zeichen also, dass in der Natur keine Erlösung ist."

Von welcher Natur ist die Rede? Offenbar gerade nicht von der physischen, sondern von unserer geistigen. Die aufhebende Tätigkeit der Vernunft lebt im Setzen von Differenz, aber diese Form der Unterscheidung und Selbstunterscheidung ist und begründet ihr Sein, ihre Natur; und das, was nur ist, sei es als Bewegliches schlechthin, als "Feuer", schließt sich von Erlösung aus.

Diese ist nur denkbar als antizipierende Leistung archetypischer, aus dem numinosen Raum echter Gegenwart aufsteigender "Seelen", deren eine, Hölderlin, in der letzten Strophe genannt wird. "Er denkt / wie Wolken; Schnee; und sieht wie /die wendenden Spiegel der Seen" - Teil der Natur und ihr doch nicht zugehörig, in sich gegenwendig - die Gedanken der Wolken sind der fallendende Schnee, ist das gemeint? Aber "Schnee" ist durch zwei Semikola aus dem Satzverlauf herausgehoben und ein Einsprengsel, wie "Licht" in den "Zeitlichen". Was die eigene Natur ganz und gar auf sich nimmt: also sie, gemäß ihrer Nicht-Identität mit sich selber, zugleich ist und nicht ist, "denkt" sie als Konstellation von Sein und Ursprung und "sieht" wie dasjenige, das im Sehen verwandelt, was es sieht und in seinem Blick, mit den Worten der Mystik, "die Dinge aufhebt zu Gott". Die Dinge, das Sein, die Menschen, die radikal von ihm getrennt sind. Noch einmal sei der Autor des Gedichts zitiert: "Das Bewusstsein der nicht stattfindenden Erlösung stiftet hier einen Frieden, der dem Alltagsbewusstsein als "Irrsinn" erscheinen muss."

Die Schau der Welt als in sich, vollendet, Negatives verharrt nicht in ihm, sondern bezieht es auf den "wendenden Punkt" (Rilke, Sonette an Orpheus). Es ist, als sähe sie es von einer Kraft durchwaltet, die aus seiner exterritorialen Mitte aufsteigt: Beide sind ineinander und zugleich schlechthin getrennt; so ist auch der "Schnee" Reines und tötende Kälte gleichermaßen.

Wie im kultischen, so waren auch im ästhetischen Gegenstand Nähe und Ferne auf intrikate Weise verbunden. Was geschieht mit dem Bild ihrer Relation im nachmodernen Zeitalter? Die "Erlösung" verliert ihren Zeitkoeffizienten (und damit allerdings auch ihre archetypisch-antizipatorische Erscheinungsweise).  Was nun, in einer zuhöchst intensivierten Bedeutung, Frieden heißen kann, steigert das energetische Potenzial seines "Irrsinns" zum Bewusstsein der Parallelität aller Existenz: Unerlöstes und Erlöstes, Schrecken und Glück, treten in paradoxer Gleichzeitigkeit zusammen und bilden eine Doppelgestalt des Rätselhaften oder Fremden, das sich jeder auf Einheit drängenden Erkenntnisintention mit Leichtigkeit entzieht. In Köllings Versen treffen zwei ästhetische Konzeptionen, die moderne und die ihr folgende, aufeinander; beide streben danach, sich mit Verständnis zu begegnen und solchermaßen die Möglichkeit, den Rahmen, für die Stiftung einer Zeitebene, in der die untergehende und die - vielleicht - heraufkommende, die mittelpunktorientierte und die plurale, Dichtung, in einen neuartigen Konnex gelangen können, zu schaffen.

Max Lorenzen

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