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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 4
Die an der Universität Konstanz lehrende Philosophin Monika Kirloskar-Steinbach macht in ihrer Studie deutlich, dass sich die Philosophie dem Globalisierungsprozess stellen muss. Die Konfrontation mit dem Fremden ist keine „anormale“ Begebenheit, sondern die Lebensnotwendigkeit einer jeden Kultur. Toleranz hat für die Autorin einen pragmatischen Aspekt. Nur durch sie können die im Pluralismus entstehenden Konflikte geschlichtet werden. Sie ist die Bedingung für ein friedfertiges Nebeneinander von unterschiedlichen Lebenskonzeptionen.
In ihren Ausführungen stellt die Verfasserin die Positionen der derzeitig am häufigsten rezipierten interkulturellen Philosophen vor. Kirloskar-Steinbach unterscheidet zwischen intrakultureller und interkultureller Philosophie. Unter intrakultureller Philosophie versteht sie die Auseinandersetzung von Philosophen unterschiedlicher Positionen eines Kulturraumes mit einer philosophischen Position oder einem einzelnen Philosophen, wobei sie Hegel als Beispiel anführt, den Hauptvertreter des deutschen Idealismus. Ein solcher Dialog muss zumindest von zwei, in der Regel jedoch von mehreren Gesprächspartnern geführt werden. Diese können sowohl Links- sowie Rechtshegelianer als auch Kritiker dessen Systementwurfs sein. Die Autorin bezeichnet diese Form des Dialogs mit dem Begriff ‚Polylog’, der von dem Wiener Philosophen Franz Wimmer geprägt wurde. Dieser Terminus findet seine Begrenzung jedoch darin, dass er die heute gerade wichtigen Religionsdialoge unverständlicherweise ausschließt. Interkulturelle Philosophie zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass Vertreter unterschiedlicher Kulturen ihre jeweils eigenen Traditionen mit den Philosophien anderer Kulturräume vergleichen. Hierbei wird ausdrücklich die Religionsphilosophie mit eingeschlossen. Dabei werden sie feststellen, dass es bei diesem Vergleich sowohl Überlappungen als auch unterschiedliche Positionen gibt. Es gilt nicht nur, die dabei entstehenden Spannungen auszuhalten, sondern diese als für das eigene Denken als fruchtbar anzusehen und nicht mittels Rhetorik den Dialogpartner durch Überredung oder Überlistung zum eigenen Standpunkt hinüberzuziehen. Toleranz ist hier als reziproke Haltung aufzufassen, indem sie das Andere in seiner Andersheit nicht nur duldet, sondern auch anerkennt.
Wie der Philosoph Ram Adhar Mall, einer der Begründer der interkulturellen Philosophie, darlegt, gehören Verstehen wollen und Verstanden werden wollen unabdingbar zusammen. Mall zu Folge kann zwar eine allgemeine Vernunft postuliert werden, allerdings muss stets darauf geachtet werden, dass sich diese in vielerlei Gestalten präsentieren kann, die jeweils kulturspezifisch sind. Die Autorin folgt Heinz Kimmerle, der bis 1990 den Lehrstuhl für Grundlagen der interkulturellen Philosophie an der Erasmus Universität Rotterdam innehatte, wenn dieser darlegt, dass es, im Gegensatz zur Technik, in der Philosophie und der Kunst keinen objektiv auszumachenden Fortschritt gibt. Kimmerles Position hängt mit seiner Skepsis gegenüber dem gängigen Vernunftbegriff zusammen. Er bringt seine Sorge darüber zum Ausdruck, das schriftlose Traditionen, wie sie zum Beispiel in den afrikanischen Kulturen vorhanden sind, in den interkulturellen Diskursen von vornherein außer acht bleiben.
Die interkulturelle Philosophie ähnelt dem Kommunitarismus, da beide die Vorgeprägtheit des Menschen durch seine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft herausstellen. Sie setzt sich jedoch insofern vom Kommunitarismus ab, indem sie herausstellt, wie angesichts der Globalisierung unterschiedliche kulturelle Einflüsse auf den Einzelnen einwirken. In der Begegnung mit dem Anderen soll man gerade das Fremde tolerieren, weil es Bedingungen schaffen kann, den eigenen Horizont zu erweitern. Eine andere Position zu tolerieren muss jedoch nicht gleich mit deren Anerkennung zusammenfallen. Insbesondere kann eine Anerkennung des Anderen als Person nicht ohne weiteres auf alle seine Ansichten oder Praktiken übertragen werden.
Einer multikulturellen Gesellschaft steht die Autorin durchaus kritisch gegenüber, da sie hier zu Recht die Gefahr sieht, dass die jeweiligen Kulturen nebeneinander existieren, ja sogar Monaden bilden können, die einen offenen Dialog ausschließen.
Die Verfasserin rekurriert auf Kant, wenn sie herausstellt, dass in einem liberalen Staat der einzelne Mensch einen Zweck an sich hat. Die Autonomie des Subjekts impliziert Toleranz. Ein liberaler Staat muss seine Bürger als Gleichberechtigte in einer politischen Gemeinschaft ansehen. Mit Karl Popper und dem kritischen Rationalismus liegen die Grenzen der Toleranz in der Akzeptanz intoleranter Weltanschauungen. Grenzenlose Toleranz kann letztendlich nur die Aufhebung der Toleranz zur Folge haben.
Kirloskar-Steinbach vertritt insofern ein liberales Staatskonzept, als sie fordert, dass der Staat so wenig wie möglich in die Sphäre des Privaten eingreifen soll. Mit John Rawls teilt sie die Meinung, dass sich der Staat gegenüber individuellen Lebenskonzeptionen so neutral wie möglich verhalten soll. Von einem jeden Bürger werden jedoch die Tugenden der Zivilität, der fairen Kooperation und des vernünftigen Handelns gefordert. Die Neutralität eines Staates hat jedoch ihre Grenzen, wenn es zu Anfeindungen oder Ausgrenzungen von Minderheiten, insbesondere von Behinderten, sozial Benachteiligten oder religiösen sowie ethnischen Minderheiten kommt. Außerdem muss diese Staatsform die Menschenrechte wie z.B. körperliche Unversehrtheit des Einzelnen und Meinungsfreiheit garantieren. Außerdem ist für die Autorin das Recht auf Bildung ein unveräußerliches Grundrecht. Kirloskar-Steinbach propagiert insofern keinen „Nachtwächterstaat“, als sie von einem jeden Staat ein spezifisches Existenzminimum für jeden Bürger garantiert wissen will. Es stellt sich hier die Frage, ob der ausgezahlte Geldbetrag in Zeiten, in denen Vollbeschäftigung in Industriestaaten eine Illusion ist, nicht ein Bürgergeld sein sollte, welches seit vielen Jahren von dem Politiker Kurt Biedenkopf und derzeit auch von der Partei „die Grünen“ gefordert wird.
Als Beispiel dafür, wie sehr die Forderungen einer Verfassung und die gesellschaftliche Praxis auseinanderdriften können, führt die Autorin ihr Heimatland Indien an. Zwar sei die Gleichstellung der unterdrückten Kasten von den Verfassungsvätern vor sechzig Jahren gefordert worden, doch bleibe sie so lange noch nicht eingelöst, wie die Kastenzugehörigkeit den Zugang zu Grundgütern und staatlichen Ämtern bestimme. Hier müsse der Staat die Toleranzgrenze neu ziehen und Chancengleichheit herstellen, um ökonomische Differenzen zu verringern.
Mit dem Philosophen Ottfried Höffe unterscheidet die Autorin zwischen institutioneller bzw. politischer Toleranz, die ein liberaler Staat einzuhalten hat, und personaler Toleranz, die vom Individuum ausgehen muss. Authentische Toleranz ist für Höffe eine kritische Selbstständigkeit, die in Konkurrenzsituationen bestimmte Konflikte erst gar nicht aufkommen lässt, da die notwendigen Auseinandersetzungen nicht mit der unerbittlichen Schärfe eines Religionskrieges geführt werden können.
Abschließend stellt die Autorin die Frage, welche Bedeutung die Toleranzidee der politischen Philosophie für die interkulturelle Philosophie hat. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass fremdartige Erfahrungen in der Zivilgesellschaft nicht zu vermeiden sind. Ein Dialog mit dem anfangs als störend empfundenen Anderen könne sich durchaus lohnen und bei kritischer Reflexion die eigene Meinung bereichern. In der interkulturellen Philosophie soll eine gemeinsame Position erarbeitet werden, die dem partikularen kulturellen Kontext Rechnung trägt. Toleranz kann für den interkulturell Philosophierenden durchaus auch ein schmerzlicher Prozess sein, der vom Tolerierenden Anstrengungen und Selbstbeherrschung verlangt, da die Toleranzreflexionen im alltäglichen Leben umgesetzt werden müssen. Die interkulturelle Philosophie ist also nicht mit der transkulturellen Philosophie zu verwechseln, die als Weltphilosophie die unterschiedlichen Philosophien mit einer Klammer zusammenfasst, deren Inhalte nahezu erdrückt und die Differenzen außer Acht lässt. Interkulturelle Philosophie ist immer auch als Transformation einer bloß monokulturellen Zentriertheit anzusehen. Gerade in der westlichen Welt gebe es aber noch immer Philosophen, die die europäischen oder amerikanischen Traditionen von denen anderer Kulturen abschotten wollten.
Mit dem Philosophen Hamid Reza Yousefi teilt sie die Meinung, dass die herkömmlichen Toleranzkonzeptionen häufig eine „Gehäusetoleranz“ praktizieren. Hierbei wird versucht, das Andere für die eigenen Zwecke, seien sie politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Natur, zu vereinnahmen. Die interkulturelle Philosophie kann ein monologisches Toleranzverständnis jedoch nur zurückweisen, denn die Anerkennung der Andersheit des Anderen bildet einen ihrer wichtigsten Grundsätze. In der von Yousefi konzipierten 'Angewandten Toleranz', die auf den Ansätzen des Religionswissenschaftlers Gustav Mensching beruht und von Yousefi weiterentwickelt wird, ist die Toleranz ein Gebot der Vernunft und eine Praxisorientierung zugleich. Sie will einen entscheidenden Beitrag zu einem vertrauensvollen Klima zwischen den Kulturen leisten und ist damit gerade in der heutigen Zeit von großer Bedeutung für die Friedens- und Konfliktforschung.
Kirloskar-Steinbach fordert auch eine kritische Auseinandersetzung mit den verfassungsmäßigen liberalen Staaten. Immerhin sei der Liberalismus in den Kolonialismus und den Imperialismus verstrickt gewesen. Während man im eigenen Land die Freiheitsrechte hoch gehalten habe, seien sie in außereuropäischen Ländern von denselben Politikern beschnitten worden. Der Liberalismus, dies hat gerade die Geschichte der Demokratie in Deutschland von der Paulskirchenverfassung bis zur Gegenwart gezeigt, erfordert immer eine gewisse Abstraktion von der Lebenswelt. Ihm fehlt die emotionale Bindung, wie sie andere politische Strömungen oder Weltanschauungen mit sich bringen. So ist es bezeichnend, wenn es im Dritten Reich zwar einen patriotischen, einen christlichen, einen sozialistischen und einen kommunistischen Widerstand gegeben hat, jedoch keinen liberalen.
Der in einem eingängigen Stil verfassten Studie ist eine große Verbreitung zu wünschen. Sie eignet sich nicht nur als Lektüre für den Fachphilosophen, sondern dürfte für alle an praktischer und politischer Philosophie interessierten Lesern von Interesse sein, wie auch für diejenigen, die erkannt haben, dass der Dialog der Kulturen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit ist. Auch für den Philosophie- bzw. Ethik- oder Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe könnte sie herangezogen werden.
Hermann-Josef Scheidgen