Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 4


 

Thorsten Paprotny: Die philosophischen Verführer. Nachdenken über die Liebe. Darmstadt: primus verlag, 2006, 229 Seiten, ISBN-10: 3-89678-579-6, ISBN-13: 978-3-89678-579-4, 19,90 €

Ein etwas anderer Blick auf ihre Geschichte zeigt, dass die Philosophie nicht nur vom Namen her Liebe zur Weisheit ist, sondern dass sie ebenso Weisheiten über die Liebe zu bieten hat. Philosophische Reflexion des rätselhaften Phänomens der Liebe geschieht allerdings – vor allem bei großen Denkern – nicht "nebenbei", aus einer alltäglichen Laune heraus, sondern steht oft im Kontext der Darstellung einer bestimmten "Lehre", erfüllt somit selbst eine systematische Funktion. Sie entfaltet sich in der Regel dort, wo sich (lebens-)metaphysische, anthropologische und ethische Überlegungen überschneiden. Philosophie der Liebe ist bereits ein Themengebiet für sich, das schon zum Gegenstand einer immer mehr anwachsenden Sekundärliteratur geworden ist.

 

In die Reihe der neuesten Rekonstruktionsversuche des philosophischen Diskurses über die Liebe fügt sich auch die Arbeit des jungen Philosophen Thorsten Paprotny (*1971) ein: "Die philosophischen Verführer. Nachdenken über die Liebe". Inspiration für die Abfassung dieser Arbeit war u. a. eine Episode aus Paprotnys universitärem Alltag: Als ein gewisser Philosophieprofessor unter donnerndem Beifall der Zuhörer eine "bedeutungsschwangere" Vorlesung über "Moral und Metaphysik" beendet hatte, fand sich kurz darauf an der Tafel die den akademischen Rahmen sprengende Frage eines Studenten: "Und wo bleibt die Liebe?" (Vgl. S. 12) Wie dem Titel des Buches zu entnehmen ist, geht es dem Verfasser um die Ausarbeitung einer an historischen Beispielen orientierten Theorie der philosophischen Kunst der Verführung – aber auch Ernüchterung in Sachen Liebe, wie man der Vollständigkeit halber hinzufügen muss. Er unternimmt, wie er selbst bemerkt, "auf abseitige[n] oder vielen unbekannte[n] Pfade[n] des Denkens" (S. 18) einen Streifzug durch die Philosophiegeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, dabei von der üblichen Epochenteilung Gebrauch machend, d. h. es folgen der Reihe nach Betrachtungen über die Behandlung der Liebesthematik in der antiken, mittelalterlichen, neuzeitlichen und modernen Philosophie.

Den Auftakt macht erwartungsgemäß der Meisterdenker, wenn es um Fragen der metaphysischen Be- und Ergründung der Liebe in der Antike geht, Platon, mit seinem berühmten Dialog „Das Gastmahl“. Paprotny hebt aus der Reihe der von den Teilnehmern dieses Gastmahls vorgetragenen Erörterungen der Natur des Eros den aristophanischen Mythos vom „Kugelmenschen“ heraus. Nach diesem Mythos war der Urmensch kugelförmig, wurde jedoch wegen seiner höheren Ansprüche, welche die Vorrangstellung der Götter zu untermauern drohten, von letzteren in zwei Hälften zerteilt. Der menschliche Liebestrieb ist daher als Reflex des Vereinigungswunsches der auf diese Weise halbierten Kugelmenschen zu verstehen (nach Paprotny hat dieser Mythos bereits in die Alltagssprache Eingang gefunden, wie die Rede von der „besseren Hälfte“ bestätigt). „Die Liebe, so wie in diesem Mythos von ihr berichtet wird, verbindet Getrenntes neu. So lernen wir, dass nur tatsächlich Passendes sich dauerhaft auf beste Weise zueinander fügt.“ (S. 32) Der Halbgott Eros hat die Rolle des Vermittlers bei der Versöhnung der gespaltenen menschlichen Natur mit sich selbst. Aus der Unterscheidung zwischen der materiellen und geistigen Zeugungskraft (jene kommt gewöhnlichen Sterblichen, diese sich durch ihre Werke verewigenden Schaffenden) und der Annahme einer Ausrichtung des schöpferischen Tuns an der Idee des Guten, kommt Paprotny zum Schluss, dass bei Platon – und eventuell auch über ihn hinaus – die philosophische Kommunikation selbst über eine erotische Ebene verfügt, wenn sie sich dem Guten zuwendet.

Als Nächstes wird Ovids "Ars amatoria" vorgestellt, die, obwohl sie kein im engeren Sinne philosophisches Werk ist, dennoch einige Weisheiten über das bunte Treiben der Geschlechter vorzuweisen hat. Im Gegensatz zu Platons tiefgründigem Werk, das mit metaphysischen Denkmitteln an das Phänomen der Liebe herangeht, bezieht das Buch des Dichters Impulse aus subtilen Beobachtungen zwischenmenschlicher Beziehungen im alltäglichen Leben, ist somit - wie man es von einem römischen Autor erwarten kann - eher praktisch orientiert. Nach Paprotny "lesen sich" daher "Ovids Anleitungen zur Liebeskunst wie eine geistreiche Einführung in die 'Jagd' oder eine Anweisung zur handwerklichen Meisterschaft" (S. 47) Es geht um konkrete Fragen des Umgangs mit dem anderen Geschlecht (natürlich richtet sich das Buch in erster Linie an männliche Verführer), die Art wie man eine Dame ansprechen soll, Orte und Gelegenheiten, die sich für amouröse Abenteuer eignen, Kunst der Konversation und "Liebeswerbung per Brief", das Spiel der sinnlichen Reize, sogar um Raffinessen beim Körperkontakt, ja selbst um das Herausfinden des richtigen Moments zum Küssen. Das Ganze hört sich aus heutiger Sicht als eine Art populär-psychologischer Ratgeber, wenngleich poetisch "aufgepeppt", an, doch Paprotny weist in seiner Darstellung zu Recht auf die verborgene philosophische Dimension der "Ars amatoria" hin: "Ovids 'Liebeskunst' verblüfft durch subtile anthropologische Einsichten, erweist sich mit zunehmender Lektüre immer weniger als Anleitung zum Don Juanismus, sondern als eine sachliche Auseinadersetzung mit dem Phänomen der Liebe in einem höchst verlockenden Gewande." (S. 64)

Auf den ersten Blick etwas überraschend gesellt sich im zweiten Kapitel den beiden antiken Autoren jener Denker hinzu, der als der Begründer des Existenzialismus bereits auf der Schwelle zur Moderne steht: Sören Kierkegaard, dessen "Entweder-Oder" ein wahrer Klassiker auf dem Gebiet der Philosophie der Liebe ist. Doch was zunächst als Anachronismus erscheint, entpuppt sich beim genauen Blick als konsequente Fortführung der Argumentation in diesem Kapitel, da es um die Darstellung solcher Ansätze, die sich mit dem Wesen der Verführung befassen - und wie das Beispiel Ovids zeigt, sogar Ratschläge dazu geben. So wird denn auch der dänische Existenzphilosoph als "fantasievoller Theoretiker der kunstvollen Verführung" (S. 73) charakterisiert, der paradoxerweise selbst als Verführer gescheitert ist. Seine problematische Beziehung zu Regine Olsen wurde ihm zum Anlass für eine tiefgründige Reflexion der Liebe – letztlich kam er über eine konsequente Selbstanalyse zu diesen Einsichten. In seiner Unterscheidung zwischen der "sinnlichen" und "seelischen Liebe", ferner zwischen dem Don Juanismus und dem Liebesbund der Ehe prallen ästhetische Selbstgefälligkeit und moralische Werte aufeinander. Kierkegaards persönliche Tragödie lag wohl darin, dass er es nicht vermochte, sich nach der einen Seite hin zu entscheiden und danach konsequent zu leben: "Kierkegaard beschwor wortmächtig die Magie der Verführung, ohne selbst in Wirklichkeit verführen zu können, und lobte die Zweisamkeit der ehelichen Bindung, ohne je die solipsistische Existenz zu überwinden." (S. 86)

Im dritten Kapitel seines Buches nimmt Paprotny den geschichtlichen Faden wieder auf, indem er zunächst zwei Repräsentanten der mittelalterlichen Philosophie zu Wort kommen lässt, die zwei größten Autoritäten dieser Epoche: Augustinus und Thomas von Aquin. In keiner Phase der Menschheitsgeschichte ist die Spannung zwischen der Aufrechterhaltung strenger moralischer Ansprüche einerseits und einer lebensbejahenden Einstellung in Gestalt der Liebe andererseits so groß wie in der christlichen Philosophie. Es wäre jedoch verfehlt, dieser bloß Einseitigkeit, etwa im Sinne der Pflege eines asketischen Lebensstils, zu unterstellen. Gerade bei jenen Koryphäen christlichen Denkens spielt die Liebe eine wichtige Rolle. Augustins Ausspruch: "Liebe und tu, was du willst" ist stellvertretend dafür. Nun ist keineswegs die Liebe zum anderen Geschlecht das Modell, an dem sich das augustinische Denken orientiert. Vielmehr macht der Bischof von Hippo die soziale Dimension des Liebens stark. Der Liebende trägt Sorge für seine Mitmenschen. Jedoch muss die Liebe "absichtslos" sein, nicht aus einer vorgetäuschten Barmherzigkeit heraus soll dem Bedürftigen geholfen werden, sondern aus Liebe zu ihm, die wiederum der Liebe zu Gott entspringt. Paprotny spricht daher von einem "himmlischen Bezug" der augustinischen Betrachtungen. Selbst bei der partnerschaftlichen Beziehung steht die Liebe zu Gott im Vordergrund: "In der Weise, dass Frau und Mann sich als Kind Gottes wissen, vermögen sie auch zueinander zu finden und verbunden zu sein." (S. 96) Auch bei Thomas von Aquin ist Gott der Mittelpunkt der Betrachtungen über die Liebe. Liebe ist beim Aquinaten die Quelle aller Tugenden, mit ihr findet man das rechte Maß im Handeln, sie trägt entscheidend zum Zusammenhalt innerhalb der menschlichen Gemeinschaft bei und eröffnet schließlich den Weg zu Gott. Im Gegensatz zur Erkenntnis, welche auf der Grenze zwischen Subjekt und Objekt insistiert, wird die Liebe als "Einswerdung" bestimmt, in der jene Grenze aufgehoben wird. Liebe zu Gott schätzt Thomas höher als die Erkenntnis Gottes ein, was auch daran liegt, dass letztere durch die erstere bedingt ist. Von der "echten" Liebe ist jedoch die "Eigenliebe" abzusondern, welche bereits eine Verfallsform darstellt, denn in der Liebe soll sich der Einzelne nicht auf sich selbst, sondern auf den Anderen richten. "Ungeordnete Liebe zu sich selbst ist jeglicher Sünde Ursache", lässt Paprotny den "doctor angelicus" verkünden. Entsprechend der strengen Lebenshaltung der christlichen Moral wird die Triebhaftigkeit negativ konnotiert, sie lässt den Menschen unter sein Niveau sinken. "Die Liebe hingegen zieht den Menschen nach oben." (S. 104) Bei Thomas lässt sich zusammenfassend so etwas wie ein Zirkel des Liebens und Geliebtwerdens ausmachen: "Die Menschen verdanken Gott, der die Liebe ist, ihr Dasein. Sie entstammen der Liebe, darum lieben sie – und weil sie lieben können, müssen sie aus der Liebe kommen." (S. 105)

Ähnlich wie im zweiten macht Paprotny im dritten Kapitel einen Zeitsprung – er wirft einen Blick auf die christliche Philosophie des 20. Jahrhunderts. Exemplarisch werden die Betrachtungen zur Liebe bei dem pessimistischen Religionsphilosophen Romano Guardini und Ladislaus Boros, einem Religionswissenschaftler, herangezogen. Guardini, ein gegenüber dem Zeitgeschehen skeptisch gesinnter Geist, thematisiert nach Paprotnys Worten "die Kollision zwischen dem Triebgeschehen und [den] normativen Ansprüchen der Moral" (S. 108). Er verurteilt die Reduktion der Liebe auf ein bloßes Triebgeschehen, ohne die Rolle des Geschlechtstriebs im menschlichen Leben zu verkennen. Doch ihm geht es um ein anderes Verständnis der Geschlechtlichkeit, nach dem sie in ein ganzheitliches Bild des Menschen als Person integriert werden soll. Dem modernen Auswuchern der Sexualität zwecks Bestätigung der individuellen Autonomie setzt Guardini die Institution der Ehe entgegen, deren Zweck konservativ in der Aufzucht der Nachkommenschaft gesehen wird. Paprotny wirft ihm deshalb Engstirnigkeit vor, welche einen kritischen Blick auf bestimmte Missstände, wie z. B. die Instrumentalisierung von Frauen, vereitelt. Außerdem meint Paprotny, dass Guardini "ein schales, letzthin mattes Bild der Familie [liefert], die die patriarchalische Herrschaftsstruktur abbildet" (S. 109). Er fragt sich warum der strenge Christ Guardini nicht eine positivere Sicht auf die moderne, abseits der Konventionen sich bewegende partnerschaftliche Beziehung entwickelt habe. Im Vergleich zu seinem Zeitgenossen Guardini hat der Religionswissenschaftler Boros auf strenge moralische Ansprüche verzichtet und eine optimistischere Sicht auf die Liebesdinge entwickelt. Paprotny weist in seiner Darstellung auf die metaphysische Komponente der Ausführungen Boros' zur Liebe, welche u. a. darin zu sehen ist, dass sie als Stiftung einer Wir-Beziehung gleichzeitig die Begegnung mit Gott, das "Hineinwachsen ins Absolute" mit einschließt. Letztlich wird auch hier der transzendierende Charakter der Liebe sichtbar, dessen Aufweis ein gemeinsames Merkmal des Nachdenkens über Liebe bei christlich orientierten Autoren ist.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Philosophie der Liebe zur Zeit des deutschen Idealismus. Zwei Züge lassen sich hier besonders herausgreifen, die bei den bislang behandelten Ansätzen nicht so ausgeprägt waren: die allgemeine Skepsis gegenüber dem Phänomen der Liebe oder zumindest einer romantischen Überhöhung derselben und die Diffamierung der Frau. Paprotny kontrastiert dies mit dem fortschrittlichen "Programm" der Aufklärungszeit, dem sich auch diese Philosophen in ihren Gedanken verschrieben haben. Der Widerspruch ist nicht zu übersehen. Gerade bei Kant fällt dieser Selbstwiderspruch besonders auf. Hat er sich bei der Aufstellung seines "kategorischen Imperativs" bemüht, eine allgemein akzeptierbare Regel zu formulieren, deren Befolgung von jeder-mann (?!) moralisches Handeln und friedliches Zusammenleben der Menschen gewährleisten sollte, so scheint diese Taktik auf dem Gebiete der Liebesbeziehungen nicht zu besonderem Erfolg zu führen. Es ist eben schwierig mit der rigorosen Pflichtethik Liebesprobleme zu meistern: "Der kategorische Imperativ mutet auch auf seine Weise außerordentlich unerotisch an", so Paprotnys lapidare Bemerkung (S. 125). Was bei Kant negativ auffällt sind seine Vorurteile, die er über das weibliche Geschlecht als solches hatte. Besonders problematisch ist die Identifizierung des männlichen Geschlechts mit Rationalem, des weiblichen mit Irrationalem bzw. Emotionalem. Nach der kantischen Interpretation des platonischen Mythos müsste eine "Hälfte" des Kugelmenschen aus männlicher kritischer Vernunft bestehen, die andere Hälfte dagegen wäre die diffuse weibliche Gefühlswelt. Obwohl er sich nach Paprotny als "Kolporteur tradierter Vorurteile und abgeschmackter Allerweltsweisheiten" (S. 132) zeigt, gibt es selbst beim Königsberger prominentesten Junggesellen eine Reihe feiner Beobachtungen zur Liebe und vor allem zum Verliebtsein, die von einem feinen anthropologischen Gespür zeugen. So zeigt er, dass der wirklich Verliebte eher scheitert als der Verführer, da er sich nicht wie dieser ungezwungen zu benehmen vermag, soz. weil er die Regeln des Liebesspiels nicht beherrscht. Außerdem warnt er vor allzu großen Erwartungen, zu denen man vor allem im Stadium des frischen Verliebtseins neigt, nämlich dann, wenn die Leidenschaften den Verstand außer Kraft setzen. Letztlich bleibt er ein "anthropologischer Realist", der mit beiden Füßen auf dem Boden des Alltags bleibt, und der den verliebten Menschen die Ehe empfiehlt, ohne ihre Gefahren (etwa das Erstarken der Eifersucht) zu verkennen. In dieser Hinsicht blieb er seinen Prinzipien nicht treu, wie sein eigenes Leben gezeigt hat, denn er zog das Abenteuer des Denkens dem Abenteuer der Ehe vor.

Einiges was bei Kant – sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht – als Zug des Philosophierens über Liebe auszumachen ist kehrt auch bei Hegel wieder. Ähnlich wie bei jenem hat das Frauenbild beim Vollender des deutschen Idealismus restriktive Züge. Er macht sich wie sein intellektueller Vorgänger Kant und später sein Antipode Schopenhauer über die Bildungsbemühungen der Frauen lustig, beklagt das Fehlen des "Idealen" bei ihnen, kritisiert ihre oberflächliche Denkweise, warnt vor ihrer Betätigung auf dem Gebiet der Politik usw. (Gerade beim letzten Punkt unterstellt ihm Paprotny eine gewisse Realitätsblindheit, wenn man sieht, wozu alles Männer in der Politik (un)fähig waren oder sind.) Gemäß seiner konservativen preußischen Haltung, wie sie in seinen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie sichtbar werden, wird die Ehe als Maß der (irdischen) Dinge angesehen, wenn es um Liebe geht. Die institutionalisierte Liebe hat gegenüber (noch) offenen Formen der Liebesbeziehung den Vorteil, dass sie die bloße Subjektivität und Zufälligkeit überwindet, welche das Merkmal letzterer ist. Er unterscheidet des Weiteren zwischen dem "subjektiven" und "objektiven Ausgangspunkt" der Ehe: Ersterer liegt in einer bloßen Neigung und Empfindung der Liebenden, letzterer in der Aufgabe der individuellen Persönlichkeit zu Gunsten der Einheit, welche aus zwei Personen besteht. Hegel selbst scheint sein Glück tatsächlich in der Ehe gefunden zu haben, wie sein Lebenslauf zeigt. Paprotny zitiert zu Beginn des entsprechenden Abschnitts das pathetische, ästhetisch eher minderwertige Gedicht, das Hegel seiner späteren Gattin Marie von Tucher gewidmet hat. Und obwohl ihn diese sehr geliebt hat, stellt Paprotny nüchtern fest: "Aber auch einem Philosophen wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel vermochte eine kluge Gattin nicht alle Torheiten eines bigotten, biedermeierlichen Konservativismus auszutreiben." (S. 163)

Nach Kant und Hegel (den deutschen Idealisten im engeren Sinne) wird Arthur Schopenhauers Beitrag zur Philosophie der Liebe dargestellt, der erst recht von der persönlichen Situation des Denkers geprägt ist. Im Gegensatz zu den Idealisten verweist der grimmige Misanthrop auf die Macht des Geschlechtstriebs, der sich die Maske des Eros aufsetzt, um sein teuflisches Spiel zu betreiben. Der "Metaphysiker der Geschlechterliebe" sieht den Endzweck der Liebe in der "Propagation", der Fortpflanzung, sie steht also im Dienste des sog. "Willens zum Leben". "Der 'Wille zum Leben' bedient sich der Menschen und fügt sie zusammen, erstrebt eine Objektivation, das Kind nämlich, welches beide zeugen." (S. 170) Das Bewusstsein der Liebenden, die sich gegenseitig bewundern, wird von diesem tückischen Willen getäuscht. Paprotny hat Probleme mit Schopenhauers skurril anmutender Lebensmetaphysik und kann sich mit deren Ideen so wenig anfreunden wie mit den extremen Ansichten Kants und Hegels. Seine Kritik an Schopenhauers Konzept des triebgesteuerten "Verblendungszusammenhangs" des Lebens fällt recht scharf aus, obwohl er den Scharfsinn und sprachliche Brillanz des Pessimisten schätzt: "Die dezidiert konservative, gleichsam ausgesprochen unphilosophische [sic!] Haltung des Denkers befremdet, seine Ansichten über die Differenz der Geschlechter erweisen sich als gesellschaftlich damals durchaus goutierte, faktisch aber abstruse Konstruktionen bornierter Biedermeierlichkeit, die zudem auch dem Geist der Aufklärung schroff entgegengesetzt sind." (S. 183)

Paprotny schließt seinen Streifzug durch die Geschichte des philosophischen Diskurses über die Liebe mit einem Blick auf die moderne Philosophie. Diese geht in manchen ihrer Formen auf Konfrontationskurs mit der abendländischen Metaphysik und ist dann oft auch religionskritisch motiviert, doch gibt es daneben auch moderne Vermittlungsversuche, welche unter neueren Denkbedingungen die transzendentalen Aspekte der Liebesproblematik zu beleuchten suchen. Nun greift sich Paprotny aus der Reihe möglicher Kandidaten drei recht unterschiedliche Denker heraus: den Analytiker Bertrand Russell, den Phänomenologen Max Scheler und den Existenzphilosophen Karl Jaspers. Zunächst gilt das Interesse Russells Buch "Ehe und Moral", für das er den Literaturnobelpreis bekommen hat. "Es handelt sich um einen schwungvoll verfassten Bericht, um eine kleine Geschichte der Liebe, pointiert und mit aufklärerischem Pathos, kurzum: das Plädoyer eines liberalen Moralisten für einen freisinnigen, humanistischen und undogmatischen Umgang mit den Phänomenen Ehe und Moral, Liebe und Sexualität." (S. 185) Russell hat gleichermaßen die engstirnige Liebesauffassung der offiziellen religiösen Doktrin angegriffen, ebenso wie er sich gegen "modephilosophische" und pseudo-wissenschaftliche Strömungen seiner Zeit (vor allem die Psychoanalyse und den Marxismus) zur Wehr gesetzt hat. Dennoch bleibt er Paprotny zufolge in manchen Punkten "einem munter formulierenden Aufklärertum verhaftet" (S. 191). Zudem dürfte sein Plädoyer für die Kinderzeugung zum Zweck der Disziplinierung des Verhaltens von Liebenden in "postmodernen" Zeiten für Irritationen sorgen.

Auf die Darstellung des Russell'schen Verständnisses von Liebe folgt eine Betrachtung der phänomenologischen Theorie der Liebe bei Scheler, in der der Mensch emphatisch als "ens amans" bezeichnet wird. Scheler wendet sich mit seiner Theorie ausdrücklich gegen jene Philosophien, welche das Rationale überbewerten und das emotionale Moment im Erleben der Welt und des Anderen vernachlässigen. Er teilt dem Menschen ein Ordnungsschema der Liebe ("ordo amoris") zu, das ihm den Weg zu Gott ebnet (wie man sieht, spielen auch bei Scheler religiöse Motive bei der Bestimmung der Liebe mit). Im Gegensatz zur Wendung "Liebe macht blind" macht sich der Phänomenologe für die Metapher des Sehens durch Liebe stark: "Die Liebe führt dazu, eigentlich sehend zu werden." (S. 208) Seine Theorie nimmt sogar idealistische Züge an, "idealistisch" in dem Sinne, dass in der geliebten Person ein Ideal erblickt wird, das von der Liebe fühlend erfasst wird, obwohl es noch nicht verwirklicht worden ist. Nach Paprotnys Einschätzung hat Scheler wichtige Vorarbeit zu einer Theorie der Liebe geleistet, in der Vernunft und Gefühl kooperieren könnten. Schließlich wird als ein weiterer differenzierter Beitrag zur Liebestheorie Jaspers' Beschreibung der "enthusiastischen Einstellung", des "liebenden Verstehens" und der "existenziellen Kommunikation" skizziert. "Klarsichtig zeigt der Philosoph, dass die Liebe weder als überschäumende Leidenschaft noch als triebgebundene Daseinsmacht ihren adäquaten Ausdruck findet, die sozusagen den von Liebe entflammten, verwandelten Menschen gänzlich erfasst und besitzt. Sie besteht ausschließlich als Hingezogensein, also in der existenziellen Kommunikation, zu etwas, zu jemand anderem, welcher den Bezugspunkt und das Ziel dieser Kraft bildet." (S. 215) Auch bei Jaspers öffnet sich mit der Liebe das Tor zur Transzendenz, auch wenn diese bei ihm bezeichnenderweise abgründig ist. So vermischen sich bei Jaspers metaphysische bzw. semi-religiöse Motive mit existenzialistischen – gerade am Beispiel der Liebe wird dies deutlich. ?

Paprotnys Buch ist all jenen zu empfehlen, die etwas müde geworden sind von der oft Kopf zerbrechenden Lektüre philosophischer Klassiker und welche sich einmal auch über die Vorurteile der Philosophen amüsieren möchten. Dieser interessante Streifzug durch die Philosophiegeschichte lässt auch die Persönlichkeit des jeweiligen Denkers zum Vorschein kommen, die oft hinter dem œuvre verschwindet, was zum Stereotyp vom etwas weltabgewandten Elfenbeinturmbewohner beigetragen hat, obwohl wir gerade Philosophen einige der tiefsten Einsichten in die Natur der Liebe verdanken. Paprotnys Ausführungen zur philosophischen Liebesproblematik lassen sich daher auch als Empfehlung an den Philosophierenden verstehen, beim Denken nicht die Liebe außer Acht zu lassen, sondern aus eigenen Liebeserfahrungen – egal ob sie nun positiv oder negativ verlaufen sind – , buchstäblich seine Lehre(n) zu ziehen. Vielleicht wird eines Tages Paprotny selbst derjenige sein, der uns mit einer neuen philosophischen Sicht der Liebe überrascht. Das bleibt diesem jungen, stilistisch begabten Autor zu wünschen.

Damir Smiljanic

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