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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 4
Historische Romane sind in, mehr denn je. Man kann sich bei dem regalweit lauernden Überangebot nicht des Eindrucks erwehren, daß heutzutage jedermann zur Feder greift, in der Meinung von genialen Geistesblitzen getroffen worden zu sein. Von diesem Drang bleibt anscheinend niemand verschont, weder die inspirierte Hausfrau, der unzufriedene Uniprofessor noch der bockige Repräsentant des Hochadels. Daß es sich oftmals weniger um Eingebung, als vielmehr um eine Heimsuchung des Lesers handelt, wird schlichtweg ignoriert. Welch ein Glück also, daß Verlage, Lektoren und Agenten sich aufgemacht haben der alles niederwalzenden Flut intellektueller Schreibwut Einhalt zu gebieten und Auslese zu halten. Doch unter den Tausenden an eingereichten Skripten Auswahl zu treffen, die nicht zu geistiger Diarrhöe des Lesenden führt, scheint schier unmöglich. Es stellt sich also die Frage, welches die Kriterien sind, denen ein gelungener moderner Roman gerecht zu werden hat.

Nun, zum einen ist es sicherlich eine Frage der Sprache, die über Druck oder Nichtdruck entscheidet. Wir brauchen flott Geschriebenes, durch Syntax und Lexik light eine kalorienarme Kost, die zugleich aber den Mangel an Ausdruck und Vokabular geschickt zu verbergen weiß, kurz intellektuelles Junkfood, das durch Salatblätter und Paprikaschnipsel - Sex und Gewalt – sich als ein zehn Gänge Menu tarnt. Ein gelungner Roman ist möglichst etwas für eben jenes Durchschnittspublikum, das zwischen Kita, Edeka und Bushaltestelle und irgendeinem mehr oder weniger frustrierenden Job tagein- tagaus hin- und herpendelt, dabei aber noch nicht so fahl in der Birne geworden ist, daß es all seine Träume aufgegeben hätte. Noch sitzt es nicht allabendlich überwältigt vor dem Fernsehen, und noch hat es Lebenszeit und Intelligenz nicht gänzlich im Internet zu Tode gesurft.
Für eben dieses Publikum wurde auch „Der Pfaffenkönig“ geschrieben. Er liest sich glatt wie Butter, ein Satz, der über eine verwirrende Anzahl an Zeilen geht muß erst gefunden werden. Da ist nichts Irritierendes, und so etwas beruhigt den Leser doch ungemein.
Ein erfolgreiches Buch bedarf zudem eines klaren Plots - was natürlich ein schriftstellerischer Allgemeinplatz ist. Zudem kann es nicht schaden, sich an bekannten Erfolgsmodellen der Literatur zu orientieren, wie da wären der heraufziehende Tod des Protagonisten, lebensgefährlich getroffen vom Feind, seine unerfüllte und ergo unglückliche Liebe zu einer hohen, schönen und ungemein edlen Dame, sein vergeblicher Versuch diese zu vergessen und schließlich sein Scheitern an einer Welt, der er doch eigentlich nur Gutes wollte. Wie gemein. Und doch: wie archetypisch.
So also liegt Heinrich Raspe niedergestreckt von dem maledeiten Armbrustbolzen eines Feindes in tödlicher Agonie auf der Wartburg und wartet auf sein baldiges Ende. Er zieht Resümee, läßt sie alle vorbei defilieren, die sein ereignisreiches Leben emsig bestückt haben: hessische und thüringische Adelige, den Kaiser, den Mainzer Erzbischof, seinen Bruder Konrad, den Beichtvater und Ketzerjäger Konrad von Marburg, Ehefrauen, Huren und vor allem aber Elisabeth, die genauso innig geliebte wie unerreichbare Schwägerin.
Heinrich wird König, versucht alles, um Elisabeth zu vergessen, verheiratet sich dreimal, zeigt einen fatalen Hang zu leichten Mädchen – und scheitert auf ganzer Linie. Doch Ende gut, alles gut, als Heinrich endlich tot ist (er hat hierzu immerhin 405 Seiten gebraucht), empfängt ihn die geliebte Heilige im Himmelreich. Das ist ein Stoff, aus dem Legenden gewoben werden – und Bestseller.
Vor dem Himmelreich – „...ein einziges gleißendes Licht. Hellblau. Veilchenblau“ – jedoch liegt die Welt der Mittelalters in Thüringen, Hessen, Mainz, Ravenna. Spätestens seit Hollywood und den diversen Mittelaltermärkten, die landauf landab grassieren, weiß jeder wie diese Welt auszusehen hat. Sie ist bunt, die Leute tragen komische Hüte, sprechen etwas gestelzt und freuen sich ansonsten auf der Welt zu sein. Es gibt auch duftendes Fladenbrot aus dem Steinbackofen; wie die anderen auserlesenen Spezereien wird es von wahren Strömen an Dunkelbier und Met die durstigen Kehlen hinabgespült. Natürlich kann es in dieser Welt auch mal etwas ruppig zugehen. Etwas zumindest. Dafür gibt es die wackren Rittersleut und das Hudelvolk – eben diejenigen, die sich zu lange die Kehlen haben durchspülen lassen und sich schlußendlich gelüstig geben.
Über diese Jahrmarkswelt ist „Der Pfaffenkönig“ Herr und Gebieter. Iris Kammerer bekennt freimütig: „Im Idealfall ist ein historischer Roman eine Übersetzung dessen, was man von der damaligen Welt begriffen hat, eine Darstellung, die für heutige Leser nachvollziehbar ist.“ Eine Kirmes ist nachvollziehbar, ein von Licht und Schatten zerrissenes Mittelalter hingegen?
Zu dessen rosaroter Sonderausgabe gehören natürlich aber auch entsprechende Charaktere. Der Sterbende, einst ignorant, nunmehr in sich gekehrt, still verzweifelt aber irgendwo doch hoffnungsvoll: Heinrich Raspe; die organisierte Ehefrau, die sich mit liebevolle Strenge um den Helden des Buches kümmert: Beatrix v. Brabant; der etwas unbeholfene jüngere Bruder, der sich Zeit seines Lebens nicht vom älteren hat emanzipieren können: Konrad v. Thüringen; der wissende Kleriker: Pater Wigo, Beichtvater des Helden, dem es obliegt aus dem wenn nicht rohen Klotz, so doch zumindest planen Gesellen jenes feinfühlige Wesen herauszukratzen, das ein Held nun mal zu sein hat; der intrigante Politiker, dem der Sinn angeborener Weise nach Macht steht: Siegfried v. Eppstein, seines Zeichens Erzbischof von Mainz; die gute, gütige, schöne madonnengleiche Lichtgestalt: Elisabeth v. Thüringen und schließlich der bösartige Fanatiker, dem alles, vor allem der Tod Elisabeths, anzulasten ist: Konrad v. Marburg.
Tatsächlich ist der Protagonist des Geschehens, Heinrich v. Thüringen, ein politisch derartig unbedarftes Gemüt, daß sein Aufstieg zum deutschen König Wunder nimmt. Naiv soliden Charakters steht er da und wundert sich, wie die Welt einfach nur so sein kann. Er leidet regelmäßig unter der nicht erfüllten Liebe zu Elisabeth, der verklärten Schwägerin, die wann immer sie an ihm auch nur in größter Entfernung vorbeizieht, Veilchenduft in die Nase steigen läßt. Das vermögen auch der schlimmste Unrat, die schwärendste Wunde und ärgste Krankheit nicht zu verhindern. Entsetzt blickt Heinrich auf die sterbende Elisabeth, und außer sich vor soviel menschlichem Elend, kommt es in einem obskuren Marburger Etablissement zu einem folgenschweren (Heinrich wird anschließend religiös), Zusammentreffen mit einer prallen Dirne -, die im Gegensatz zu Elisabeth jedoch nach fauligen Zähnen und billigem Fusel riecht. Und während in der Hütte nebenan Elisabeth ihre Seele aushaucht, läuft in der Spelunke alsbald ein Kontrastprogramm der ganz anderen Art ab. Acht lange Seiten tobt sich Heinrich detailgetreu und hautnah auf einer Hure ab - in „Vorahnung auf die Feuer des Purgatoriums“. So etwas will das Publikum, all die kleinen sexuell enttäuschten, unerkannten, unerhörten, pubertierenden Leserinnen, denen bei solcher Lektüre schier die Augen aus dem Kopf quellen.
Daß die erhoffte oder vielmehr kalkulierte Wirtschaftlichkeit eines Romans natürlich auch ein Kriterium ist, das über seine Drucklegung entscheidet, ist naheliegend. Doch bei solch billigen Szenen wandelt sich der berühmt-berüchtigte Slogan „sex sells“ zu dem ablehnenden Kommentar „sex smells“. Es stellt sich auch die Frage – aber dahinter werden wir wohl nie blicken – was die Autorin zu solchen letztendlich vor allem frauenverachtenden Schmuddelszenen verleitet hat. Etwa ein die Verkaufsstatistiken gründlich analysierender Verlag?
Leider ist es mit diesem respektlosen Blick in Dero landgräfliche Unterwäsche nicht getan. Heinrich, selber trotz versuchten Anlaufs nicht in der Lage einen Sproß in die Welt zu setzten, zudem gefrustet, daß ihm Elisabeth versagt geblieben ist, will seinen schließlich kleinen Bruder Konrad in den heiligen Stand der Ehe bugsieren, damit es jetzt endlich mal los geht mit der Erbenproduktion. Wie niederschmetternd als er nun erfahren muß, daß diese seine letzte Hoffnung prompt „wider des Fleisches“ begehrt.
Da hilft es auch nichts, daß Konrad als Sühne beabsichtigt in den Deutschen Orden einzutreten. Im Gegenteil. Niemals wieder wird man die Geißel auf der Konradtumbe mit der gleichen Unschuld betrachten können.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie aus zwei der hochpolitischsten Charaktere des Mittelalters, Mitglieder einer ambitionierten und zu allen Mitteln entschlossenen Familie, Burschen werden, deren politischer Verstand der Qualität einer gatschigen Pflaume gleicht. Nicht, daß es bei den weiteren Figuren des Romans anders wäre. Auch Friedrich II., - imperator semper augustus, stupor mundi -, erweckt lediglich den Eindruck eines gestelzt vor sich hin parlierenden Deppen.
Aber diese Welt eines mittelalterlichen Jahrmarkts verlangt ja auch nicht nach mehr. Da geht es nicht um Politik und Intrige, nicht um eine kritische Sicht der Dinge und einen erschütternden Neuansatz. Die unzufriedene Halbschwester ist nun mal unzufrieden, das Präfix halb läßt es per se ahnen, und deswegen ist sie natürlich auch schiefmäulig und triefäugig; Elisabeth ist so wie die legendäre Überlieferung es gebietet und nicht anders. Was für eine Enttäuschung, wenn die Freiheiten des Schriftstellers nur genützt werden, um sich als Zuckerbäcker zu betätigen oder dem Althergebrachten zu genügen. Aber klar, hier soll ja auf Nummer sicher gegangen werden, denn wer solcherlei Romane liest, will keine verzweifelte Analyse politischer Abgründe oder klangvolles Lamentieren über die zwei Seelen in der zerrissenen, zerstochenen oder anderweitig gequälten Brust und schon gar nicht die Demontage einer Heiligen. Da paßt es auch, daß die Autorin Namen um Namen historischer Persönlichkeiten nennt, ohne ihnen ein wirkliches Gesicht zu verleihen. Es ist die Freude am Klang des Namens, mit ihm wird Mittelalter geschaffen, da braucht es weiter keiner Beschreibung.
So wird also die unvollkommen lebendige Welt beiseitegeschoben. Alles wirkt steril, rein und geordnet, selbst obskure Gasthäuser, denn in ihrem Schmutz entsprechen sie doch nur dem, was der Leser des 21. Jahrhundert von einer Kaschemme des 13. erwartet.
Aber ja, Iris Kammerer hat zu Recht geschrieben: „Ein Schriftsteller kann und will nicht Vergangenheit rekonstruieren.“ Dafür haben wir Historiker. Und dennoch: Eines darf man nie vergessen. Es geht hier um Vergnügen – und wenn der Autor sich und dem Publikum gefällt, so soll es recht sein.
Und vielleicht ist sie auch besser so, jene rosarote Jahrmarktswelt, die an die Robin Hood-Filme der 40ger Jahre erinnert, und in der Heinrich Raspe vermutlich wie Errol Flynn und Elisabeth wie Olivia de Havilland aussehen. Diese Filme haben ja auch Generationen zum Träumen angeregt und es war gut so, wie sie waren. Warum muß man auch immer in Kummer, Leid und Intrige wühlen?
Honni soit qui mal y pense.
Tanja v. Werner