Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 4


 

Norbert Wokart: Schilfrohr

Aufzeichnungen 1981 - 2006

Auszüge II

Religiöse Menschen behaupten gern, ohne Gott sei das Leben und die Welt sinnlos. Dieses Wort verrät ihr Problem; denn sinnfrei ist noch lange nicht sinnlos. Diese billige, dumme Verwechslung ist der Grund für manche Verheerungen in den Seelen und den Köpfen und in Folge davon in der ganzen Welt.

Wer alle Widersprüche, Unstimmigkeiten und Eintrübungen in unserem Wissen und Empfinden auflösen wollte, verhielte sich wie einer, der in einem Bild die Unterschiede der Farben zu beseitigen versuchte.

In einem Straßencafé beugt sich eine junge Frau über mich und fragt, ob ich Norbert heiße. Offenbar kennt sie mich, während ich vergebens in ihrem Gesicht nach Spuren der Vertrautheit forsche. Schließlich muss ich ihre Frage ein wenig ratlos bejahen, worauf sie lachend und im breitesten pfälzischen Dialekt erklärt: „Dann bisch’t moin Unkel!“ Es ist meine Nichte, die ich seit ein paar Jahren aus den Augen verloren hatte, die ich nun aber nach und nach an ihrer ganzen Art wieder erkenne. Im Grunde hat sie sich wenig verändert. (Neustadt)

Ich kenne einen, an dessen Arbeitsplatz hängen Stiche von Platon, Mendelssohn und Kant an der Wand. Das sind seine Philosophengötter, Vorbilder und Kollegen zugleich. Gewiss sind es auch ehrenwerte Männer, und dennoch ist es ein wenig lächerlich, sich mit solchen Bildern zu umgeben. Sieht man dem Frommen seine Heiligenbilder nach, so kann man die des Intellektuellen doch nicht billigen.

Sein Erfolg war, dass er keinen hatte, waren doch die Fähigkeiten, die man braucht, um erfolglos zu sein, immer die Hauptquellen seines Glücks.

Wer den Satz, Erfolgreiche hätten Erfolg, als analytisches Urteil missversteht, verkennt seine Brisanz.

Am interessantesten ist das, was einen nichts angeht.

Wenn man mehrere Stunden über das salzige Meer gefahren ist, verlieren sich hinter einem alle Gerüche. An Land muss die Nase lernen, alles wieder ganz neu zu riechen.

Ankunft in Naxos: Früher erzählte ich begeistert von dem, was mich begeisterte. Heute bin ich darin schweigsam geworden. Es hat keinen Sinn, wenn man begeistert zu Unbegeisterten spricht: „Sage nicht dem ersten besten: ‚Ich liebe das Meer.’ Es könnte ihm gleichgültig sein“ (Alfred Grünewald).

Das Kloster ist schon lang verlassen. Doch im Schatten seiner uralten Platanen sprudelt noch immer, kühl und frisch, seine heilige Quelle. Schimmernde Libellen sind die einzigen Gespielen der Nymphe im Quell. (Kloster Panajías)

Sokrates oder Diogenes philosophierten auf dem Markt. Man stelle sich das einmal bei Heidegger oder Habermas vor! Obwohl – einige der heutigen Philosophen sind im Fernsehen recht aktiv!

Der Polytheismus hat den Vorteil, dass man sich einem anderen Gott zuwenden kann, wenn einer nicht recht spurt.

Museen sind die Altersheime der Statuen. Daher ihr müder Blick, ihr starres Verharren, ihre erloschenen Erinnerungen. (Nationalmuseum)

Um Aufmerksamkeit zu erregen, genügt es, Aufmerksamkeit zu erregen.

Das Leben ist viel zu kurz, als dass die Jagd nach Geld und Ruhm und Glück sich lohne.

Als er die angestrebte Planstelle endlich bekam, atmete er tief durch. Es war zum letzten Mal in seinem Leben.

Ihr Kleid war gleichzeitig zu kurz und zu lang.

Aphrodite als schwarzer, glänzender Stein.

In dem großen Flieger von Larnaca nach Paphos sitzen morgens um 5 Uhr nur drei Personen. Ich kann mir keine größere Einsamkeit denken als inmitten der unbelebten Technik.

Nachdem der Fötus einer hirntoten Frau, deren biologische Funktionen künstlich aufrechterhalten wurden, bei einem überraschenden Abortus gestorben war, versicherten die behandelnden Ärzte bei einer Pressekonferenz, dass Mutter und Kind noch kurz vor Beginn der Wehen „völlig gesund gewirkt“ hätten. Welch frohe Botschaft: Die Frau war tot, aber gesund!

Im Krieg geboren. Früh vertraut mit Leid und Tod. Als kleiner Leute Kind immer in bescheidenen Verhältnissen. Sommers barfuß zur Schule, um Schuhe zu schonen. Auch später nie zu Geld gekommen, nicht einmal lange in Lohn und Brot. Kein Haus, keine Kinder, kein Amt und die Karriere immer noch vor mir. Keine Moden mitgemacht und keinen Sport betrieben, auch nie sonderlich robust gewesen. Nirgends Mitglied geworden und mit bedeutenden Persönlichkeiten nicht bekannt. Das Oeuvre schmal. Nie Auszeichnungen erhalten, Preise oder Orden. Eine lapidare Existenz aus Nicht und Nein. So erklärt sich wohl ein freier Sinn, doch woher kommt die Heiterkeit, wo auf diesem Weg kam sie nur in mein Leben? Und woher rührt der Zauber, den das Leben für mich hat?

Wenn jetzt alle, die ich je gekannt habe, kämen, um mir zum neuen Jahr Glück zu wünschen, ich würde viele gar nicht mehr erkennen.

Andere wissen immer gut, was man soll, während man selber noch nicht einmal weiß, was man will.

Jugend heißt Einatmen, Ausatmen heißt Alter.

Einer der schönsten griechischen Sätze: „Gänzlich ist der Liebe noch keiner entronnen oder wird ihr entrinnen, solange es Schönheit gibt und Augen sehen“ (Longos: Daphnis und Chloe).

Seine Tugend fiel nicht sehr ins Auge, weil kein Laster ihren Glanz erhöhte.

In Bordeaux sitzen Eisesser vor Eisbechern. Mit langen Löffeln nehmen sie Eis, führen es zum Mund und sehen dann, mit leerem Blick, lange reglos verharrend, in die Ferne. Kaffeetrinker machen das nicht.

Vorgestern die Kinder, die den Mädchen beim Tanz zusahen. Sie standen da mit offenem Mund, selbstvergessen staunend, neidlos bewundernd.

Montesquieu glaubte, früher sei es einfach gewesen, ein Philosoph zu sein; denn man habe nur über wenige, noch dazu ganz allgemeine Fragen nachgedacht, und wer sich dazu geäußert habe, sei eben schon ein Philosoph gewesen. Montesquieu irrt; denn wer sich früher, als noch der Mythos die Welt erklärte, auf eine so hohe Abstraktionsebene begab, der bedurfte einer solchen Kälte und Kühnheit des Geistes, dass wir, für die Philosophie und Wissenschaft etwas Selbstverständliches ist, uns davon kaum noch eine Vorstellung machen können. (La Brède)

Der junge Goethe ist mir näher als der alte. Doch der sterbende hat eine Größe, die ich bewundere. Sein Blick, schreibt sein Arzt Vogel, „drückte die gräßlichste Todesangst aus.“ Chapeau!

Der seiner selbst gewisse Mensch zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er weiß, was er will; denn dies weiß jeder, auch das Kind, selbst das Tier. Doch zu wissen, was er nicht will und von sich abzuhalten, was ihm nicht zugehört, ist die Kunst des reifen Menschen. Sie zu lernen, erfordert Überwindung, sie anzuwenden, Mut.

Seit Vergil liegt Arkadien in der Campagna. Doch mein Arkadien war schon immer das karge, einsame und gebirgige Land im Zentrum der Peloponnes. Seiner herben Gegenwart erfreue ich mich mehr als des schönsten Traums.

Bedenkt man in einer ruhigen Minute, welche Gedanken, Bilder oder Empfindungen einem die letzten fünf Minuten durch den Kopf gingen, kommt ein so chaotisches Konglomerat zu Tage, dass man sich wundert, wie sich aus so etwas über Jahrzehnte hinweg ein halbwegs gerader Lebensweg entwickeln konnte.

Jeder wird feststellen, dass sich im Lauf der Jahre seine Ansichten, Vorlieben, Urteile, ja selbst sein Geschmack vielfach verändern, nur nicht seine Gedanken. Sie scheinen sich in einem Ich ohne Alter, also auch ohne Erfahrungen zu bilden.

Ich bin mittlerweile zu alt, um noch schlechten Wein zu trinken, aber noch nicht alt genug, um mich konsequent an diese Einsicht zu halten.

Warum muss, wer A sagt, auch B sagen?

Wer sich auf die Moral beruft, handelt oft inhuman, also unmoralisch.

Eine Krähe fliegt schräg gegen den Herbststurm an, dreht ab und schießt wie ein Pfeil davon.

Das Beduinenmädchen, vielleicht acht Jahre alt, aber so sicher, stark und selbstbewusst, dass man ihre Grenze nie überschreiten könnte. Kein Kind mehr und noch keine Erwachsene, nur ein Mensch. Hier, in diesem abgelegenen Wüsten-Wadi muss ich ihn finden!

Es gibt Augenblicke, die leuchten weit in die Zukunft hinein, und wenn diese dann Gegenwart ist, leuchten sie immer noch aus der Vergangenheit.

Nach dem Jüngsten Gericht sitzen die Guten im Himmel und die Bösen in der Hölle, und zwar für alle Ewigkeit. Ja, lohnt sich denn der ganze Aufwand für so ein banales Ergebnis?

Die entsetzliche Vorstellung, einmal nicht mehr zu sein, ist für manchen nur deshalb nicht entsetzlich, weil er sich selbst als Toter als immer noch Seiender vorstellt.

Nach dem Sandsturm: Die Ferne ist ganz nah, jede noch so kleine Einzelheit schmerzhaft deutlich zu erkennen. Auf Dauer wäre eine solche Klarheit nicht zu ertragen.

Mein Urgroßvater Paul war ein rechtschaffener, wenn auch in den ärmlichsten Umständen lebender Winzer und Ofensetzer gewesen. Nicht ohne Rührung gehe ich heute an dem bescheidenen Haus in Königsbach vorüber, in dem er sein Leben lang wohnte, und wenn ich die uralten Sandsteinplatten betrachte, die durch den Garten führen, oder die ausgetretenen Stufen vor der Tür, ist mir manchmal, als sähe ich ihn dort noch selber gehen. (Königsbach/Pfalz)

Am Schluss saßen bei meiner Großmutter fünf Generationen am Tisch: Sie selbst, ihre Töchter, ihre Enkel, von denen einer eine Tochter hatte, die noch als Kind ein Kind bekam. Es war eine fröhlich-chaotische Gesellschaft, warmes Leben mit einem Schuss Anarchie, und es schmeckte wie ein kräftiges Butterbrot. (Diedesfeld/Pfalz)

Eindrücke: Gestern die tiefen Schrunden in der Rinde eines Baumes, wie das Gesicht eines sehr alten Menschen. Und heute die Säule im Heraion mit den verschobenen Säulentrommeln, so unkorrekt und schief wie das Leben selber. (Samos)

Ein weißes Segel draußen auf dem Meer. Fast scheint es still zu stehen. Und eine weiße Möwe, die mit ausgebreiteten Schwingen in den Lüften ruht.

Der alte stumme Bettler mit dem Knotenstock fordert seinen Tribut. Ohne Gruß und ohne Dank schlurft er danach weiter. Seit Jahren ist das mein Eintrittsgeld nach Naxos.

Die geländerlosen Außentreppen kykladischer Häuser sind ein schönes Symbol für ein „Denken ohne Geländer“ (Hannah Arendt). Nicht dass solches Denken gefährlich wäre – mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass häufig Menschen von kykladischen Treppen herabgestürzt wären –, aber man kann sich nicht anlehnen und sich auf nichts stützen. Das hält beweglich und ist dem Menschen im Denken und Handeln angemessen. (Mykonos)

Die Frau in dem ländlichen Gasthaus mitten in Slowenien geniert sich, dass sie uns nichts Besseres vorsetzen kann. Dabei ist das Essen vorzüglich. Sie glaubt es nicht. Erst mein sichtbarer Appetit zaubert ein verschämtes Lächeln in ihr Gesicht.

Eselsbrücke: Am 27. August wurde Hegel geboren, am 28. Goethe, am 29. machte der Weltgeist eine schöpferische Pause, und am 30. August erblickte ich das Licht der Welt. (Im Heurigen in Wien)

Auf dem Matzleinsdorfer Friedhof in Wien hat ein Vater seinem Sohn, der durch ein einziges Buch berühmt wurde und sein Leben in Beethovens Sterbehaus selbst beendete, auf das Grab geschrieben: „Dieser Stein schließt die Ruhestätte eines Jünglings, dessen Geist hiernieden nimmer Ruhe fand. Und als er die Offenbarungen desselben und die seiner Seele kundgegeben hatte, litt es ihn nicht mehr unter den Lebenden. Er suchte den Todesbezirk eines Allergrößten im Wiener Schwarzspanierhause und vernichtete dort seine Leiblichkeit.“ Wenige Gräber weiter steht unter dem Namen eines anderen Toten als Summe seines langen Lebens: „Bäckermeister und Hausbesitzer“.

Mozart soll gern Leberknödel mit Sauerkraut gegessen haben. So habe ich doch wenigstens dies mit einem Genie gemeinsam! (Figaro-Haus)

Was von der üblichen Moral zu halten ist, zeigt sich daran, dass sie mit der schäbigsten und verbrecherischsten Gesinnung, ja sogar mit den daraus sich ergebenden Taten völlig verträglich ist.

Ich vertraue nur Menschen, die die Schlechtigkeit in sich selber suchten, in der Überzeugung, nur darin liege der Keim für eine andere, bessere Welt – und die sie dann auch wirklich in sich fanden.

Seit Stunden fällt nun Schnee und hüllt die Stadt in sein weißes Leichentuch. Ich schüttele die Philosophie aus dem Kopf und gehe ins Kaffeehaus. Die Damenkapelle spielt Strauß und Lanner, und am Nebentisch streitet der alte Herr Hofrat S. wie üblich mit der alten Frau Kammersängerin, ebenfalls S., über den größten Mumpitz. Da ist man in Gedanken fast schon draußen auf dem Zentralfriedhof, während man doch ganz gemütlich im Kaffeehaus sitzt. Der Tod kann ja heiter werden! (Wien, Café Central)

Selbst das religiöse Empfinden ist heute sentimentalisiert.

Ich kann in Frieden gehen.

Demokratie heißt, ohne Ansehung der Person entscheiden. Aber unser Prinzip der Persönlichkeitswahl ist genau das Gegenteil davon.

Überhaupt die immerselbe Erfahrung: Die meisten hören aufmerksam zu, doch dann fragen und debattieren sie, als hätten sie nichts gehört, was sie zum Nachdenken hätte bringen können.

Aus gegebenem Anlass: Im Mai kann jeder Trottel heiraten, der November ist für die wahren Liebhaber.

Noch einmal Wallbergs „Natürliche Zauberkünste“. Ein Rezept „wider alle (!) Krankheiten“: „Wenn man ein Stück Schweinenfleisch in des Patienten Urin kochet, bis es gar einseudt, alsdann frischen Urin von eben demselben daran geußt, abermals einkochet, und dieses auch zum 3tenmale verrichtet; hernach dasselbige Fleisch einem hungerigen Hunde oder Schwein (aber nicht zum Nachtheile anderer Menschen,) zu fressen fürwürft, so wird solches Vieh mit der Krankheit inficieret werden und crepiren, der Patiente aber genesen.“

Es wäre töricht, auf die Argumente der Gegner zu verzichten. Deshalb kann man kein Anhänger sein, weder einer Religion, noch einer wissenschaftlichen Schule oder politischen Partei, schon gar nicht ein Anhänger seiner eigenen Meinungen.

Wenn man sein ganzes Leben damit verbrachte, Wissen zu erwerben und zu vertiefen, mutet es einen schon befremdlich an, wenn man eines Tages erkennt, wie nichtig selbst das tiefste und reichste Wissen ist.

Schwalben schwirren durch die milde Frühlingsluft. Doch sie bringen nichts als Tod und Verderben in den reinen Himmel.

Wenn man eine weite Reise macht, scheint die Erde kleiner zu sein, als wenn man in die nächste Kreisstadt fährt.

Die kleine romanische Kapelle auf dem niedrigen Hügel mit den grauen Felsplatten davor und den südlichen Büschen und Bäumen, das gezackte Spielzeuggebirge dahinter und daneben das graue Steindorf mit der zerfallenen Burg und den Olivengärten ringsum. Ein ganz stimmiges Bild und gerade deshalb immer wieder überraschend. (St. Sixte bei Eygalières)

Kinder verstehen, Fragen zu stellen, ganz besonders solche, auf die man keine Antwort weiß. Bei ihnen kann man wieder lernen, was Erwachsene oft verlernten, dass Fragen für sich bestehen können, und dass sie mehr sind als bloße Vorstufen zu Antworten. (Kind auf der Freyung in Wien, das seinen Vater ganz unschuldig zur Verzweiflung treibt.)

In dem unsinnig hohen Café in Kurunochori sitzen zwei schweigsame Alte. Das knackende Olivenholz im offenen Kamin als einziges Geräusch.

So lange ich am Schreibtisch ruhig fortarbeite, bin ich in Gedanken, Worten und Werken ein durchaus moralischer Mensch. Das ändert sich aber, wenn ich aufstehe und mich dem Leben zuwende; denn da kommen gleich Anforderungen ins Spiel, von denen man in seinem Geistesleben weder behelligt wird noch überhaupt etwas ahnt.

Selbstliebe gilt als Laster, weil man sie mit Selbstsucht verwechselt. Liebte sich aber jeder selbst, könnte man sich alle moralischen Appelle sparen.

Die wuscheligen Haare umrahmen das fast mädchenhafte Gesicht, aus dem zwei frische Augen den Betrachter offen ansehen. Der zupackende Ausdruck dieser Augen widerspricht ein wenig dem fröstelnd in einen weiten Wollmantel gehüllten Leib mit den verschränkten Armen. Das Bild zeigt eine junge Frau, die ich flüchtig kannte, und bedeckt fast ganz den aufrecht stehenden marmornen Stein, vor dem ein frischer Strauß tiefdunkler Rosen steht. Sie wurde achtzehn Jahre alt. Näher war mir der Tod schon lange nicht mehr als eben jetzt, da ich unvorbereitet in diese lebenshungrigen Augen sehe.

Das junge Mädchen auf dem Balkon unter mir heißt nicht nur Eva, sie trägt auch deren Kostüm. Ob wohl auch Eva, das Original, so reizvoll war? (Lutro)

Natürlich kommen wir in der Welt nicht zurecht. Wir sind ja für das Paradies gemacht.

Ein sonndurchglühter Nachmittag unter einem Johannisbrotbaum. Ziegen weiden um mich her, kommen neugierig näher, beäugen mich mit ihren leicht dämonischen Augen, meckern kurz und ziehen mit ihren Glöckchen bimmelnd weiter. Es würde mich nicht wundern, wenn jetzt Chloe zwischen den Bäumen hervorträte, und bin dann doch enttäuscht, dass sie es nicht tut.

Man kämpft oft gegen seine Müdigkeit an. Dabei ist nichts schöner, als sich seiner Müdigkeit zu überlassen. Sie in allen Fasern zu spüren, ist ein ganz animalischer Genuss.

So still und ruhig sind die Tage hier in diesem Tal, fern der Welt, vergangen, dass zwar die Zeit vorüberging, doch nicht eigentlich voran. Erstaunen, dass schon wieder Silvester ist.

Sich etwas herausnehmen. Nimmt man diese Redensart wörtlich, hat man eine präzise Beschreibung für die aphoristische Kunst.

Das Schilf am Eurotas-Fluss. Sein leichtes Rauschen im Wind: das Flüstern der Antike.

Nackte Berge. Leeres Land. Weite Blicke. Verlassene Dörfer. Hohe Turmhäuser, teils geborsten teils ganz zusammengebrochen. In blauem Dunst das Meer. Eindruck erstarrter Geschichte, als lebe das Land ganz in sich und seiner herben Vergangenheit. Nimmt es von dem Heutigen überhaupt noch Notiz? (Mani)

Klug wäre jeder gern, mancher hält sich gar dafür, gewöhnlich freilich in der Form von clever und gerissen. Weise aber will niemand mehr heißen, im Gegensatz zu früher, als man aufrichtig und naiv nach Weisheit strebte, nach einem Zweck also, nicht nur nach einem Mittel.

Am frühen Nachmittag gehen wir in die Stadt, unter der Mauer den Strand entlang. Ein heiterer Tag. Am späten Nachmittag gehen wir den Weg zurück, oben auf der Mauer, fröstelnd im scharfen Wind, und unten schäumen die Wellen. Ein stürmischer Tag. (St-Malo, im Juli)

Der Weg nach Aradhena war früher ein beschwerlicher Maultierpfad. Heute ist er zur Asphaltstraße ausgebaut. Damals war ich allein mit den Bergen, Ziegen und schweigenden Hirten. Heute fahren Touristen in klimatisierten Mietwagen vorbei. Ich bin zu Gast in meiner eigenen Geschichte.

Neuerscheinungen zur Buchmesse: Die Verarmung unserer Kultur kann man auch daran ablesen, dass man unter Literatur fast nur noch die Gattung des Romans versteht, wobei viele moderne Romane nur längere Erzählungen sind.

Zur Rangordnung unserer Werte: Während das Benzin immer teurer wird, kündigt ein Buchprospekt Senecas Werke "zu stark reduzierten Preisen" an.

Ein Aphorismus ist keine wissenschaftliche Aussage. Er ist höchstens banal oder schlecht formuliert, oder man kann nichts mit ihm anfangen. Doch er artikuliert eine Erfahrung, die nicht ernst nimmt, wem sein Inhalt nicht passt. Die Diarrhöe für alle, die Aphorismen lesen, ohne sie lesen zu können!

Ich werde meinen Verleger beim nächsten Mal bitten, nur meine Belegexemplare zu drucken.

"Gott hat uns gerettet", sagte einer, nachdem tausend andere ertrunken waren.

Abgezehrt, sehr alt, sehr greisenhaft, mit leicht geöffnetem Mund, so liegt er im Sarg, das Gesicht gezeichnet von den Leiden der letzten Monate. Sein Traum war, einmal nach Jerusalem zu reisen. Vielleicht klappt es ja jetzt mit dem himmlischen. Er ist der fünfte Schulfreund, den wir begraben, und ich frage mich wieder, ob sich denn der ganze Aufwand mit dem Leben lohne, wenn es dies dann war.

Ich habe in meinem Leben mehr Geld für Trinkgeld ausgegeben, als ich mit meinen Büchern verdiente.

Einmal möchte ich mir das Wort doch erlauben. Ich war nie glücklicher, nie erfüllter von Ideen, Kraft und Lebensfreude als in den letzten Jahren. Leider wird es so nicht bleiben bis in die allerletzten!

Man hält die Theorie von den welthistorischen Persönlichkeiten, die den Gang der Welt bestimmen, längst für überholt. Sie stimmt aber doch. Gestern wurde einer der meistgesuchtesten Terroristen getötet, und sogleich stieg der Kurs des Dollars und der Ölpreis sank.

Der Himmel ist schmerzhaft blau. Die alte Maria sitzt auf einem Stuhl und blickt über das Meer hinaus ins Nichts. Sie wartet.

Ein alter Mann ist gestorben. Es ist keine große Nachricht für die Welt. Aber mir war er ein Freund, und der Welt fehlt nun ein großherziger, freundlicher Mensch, ohne dass sie davon weiß.

Sich auf den Weg machen. Aber, wohin?

 

Das Buch ist erschienen im Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2007, ISBN 978-3-8260-3609-5.

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]