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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 5
Bad Boller Rilke-Tagungen haben Tradition. Seit 1996 wird, in den Räumlichkeiten der dortigen Evangelischen Akademie, zu verschiedenen Themen über Rainer Maria Rilke gesprochen. Als sich vom 21. bis 23. September 2007 die Internationale Rilke-Gesellschaft in Bad Boll traf, saßen Rilke-Freunde und Spezialisten in ungewöhnlich großer Runde zusammen. Knapp 120 Interessierte hatten sich am Tagungsort versammelt, um das Thema »Rainer Maria Rilke – Das Buch der Bilder« zu diskutieren. Von weit und weiter her waren sie angereist: aus ganz Deutschland, Europa und der Welt. Unter den Anwesenden aus Dresden, Georgia, Jerusalem, Oxford oder Paris, waren Künstler und Fans, Antwortsuchende, Denker und Dichter, Detektive, Seher und Zuhörer: ein jeder mitteilsam auf seine Art.
Durch die Tagung führte Brigitte Furche (Bad Boll). Sie empfing, organisierte, arrangierte, kommentierte und wenn es sein musste, schlug sie auch den Gong zum nächsten Tagungsakt: »Dauer, aus Ablauf gepresst, / um-gegossener Stern…: Gong!«, Rilke hätte wohl seine Freude daran gehabt. Überhaupt wurde unmittelbar nach der Begrüßung deutlich, dass Rilkes Dichtung heute nicht mehr als nur ›lesbarer‹ Text wahrgenommen wird. Die Gedichte, wie auch die Prosa Rilkes, laden zu vielfältiger Rezeption und Darstellung ein: zur pantomimischen etwa, wie Friederike Gräf (Bollschweil) mit ihrer Interpretation des »Drachentöters«, einer Prosaskizze von 1901, bewies; oder zur gesanglichen Darbietung von Rilke-Gedichten aus dem Buch der Bilder: unter dem Titel »…wie Saiten tiefer Melodien…« rezitiert von Sabine Wandelt-Voigt (Stuttgart) und musikalisch begleitet von Kartrin Ellger (Leinfelden-Echterdingen). Madeleine Felber (Zollikerberg, CH) komplettierte das ›Gesamtkunstwerk‹ durch eine Ausstellung ihrer so genannten »Textbilder«. Die Bildende Künstlerin hatte sich einzelnen Gedichten des Buchs der Bilder über einen synästhetischen Zugang genähert. Indem sie die Buchstaben- oder Lautfolgen des Dichters in Farben übertrug, schuf sie einen ganz neuen, visuellen Zugang zu Rilkes Sprache und eigentlich elf äußerst farbenfrohe Öl-Bilder, die am Tagungswochenende exklusiv in der Akademie zu sehen waren.

Die Kunst lieferte den Rahmen zu den programmatischen Vorträgen und Werkstätten. Als erste Referentin sprach Renate Scharffenberg (Marburg/L.) zum Thema »Rilke, Axel Juncker und das Buch der Bilder«. Die ehemalige Privatassistentin Anton Kippenbergs und Herausgeberin der Briefe an Axel Juncker gilt in der Rilke-Forschung derzeit als wohl bedeutendste Kennerin von Leben und Werk des Dichters. Bereits 1953 promovierte die Wissenschaftlerin mit einer Arbeit zur Buchgestaltung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der sie sich auch ausgiebig mit der Ausstattung von Rilkes Werken auseinandersetzte. Nun ließ sie das Publikum in Bad Boll an ihrer reichen Erfahrung über den 1902 noch »jungen Dichter« teilhaben und berichtete von Rilkes in der Anfangszeit vorherrschenden, zumeist finanziellen Nöten. Zudem brachte sie in ihrem Vortrag – und das mögen nur Wenige bemerkt haben – Auszüge aus noch unveröffentlichten Briefen.
Gerald Stieg (Paris) setzte die Vortragsreihe mit seinem Referat unter dem Titel »Paris - Gedichte im Buch der Bilder« fort. Der gebürtige Salzburger, der an der Pariser Sorbonne lehrt, schilderte den ›Erlebnishorizont Paris‹, dem Rilke zur Entstehungszeit des Buchs der Bilder ausgesetzt war. Aus eigenem Erleben zeichnete Stieg die Orte und Stimmungen der Metropole nach, die bei Rilke auf eigenartige Weise verdichtet wieder auftauchen. Zugleich gab er einen Vorgeschmack auf die kommende Tagung der Rilke-Gesellschaft, die vom 17. bis 21. September 2008 in Paris stattfinden wird, dann mit einem Schwerpunkt zu Rilkes Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (Informationen unter www.rilke.ch).
Als dritte Referentin folgte die Jenaer Privatdozentin Jutta Heinz (Bissingen) mit ihrem Vortrag zur »Rollenlyrik im Buch der Bilder«. Sie widmete sich intensiv dem Motiv des ›Blinden‹, das sich in der lyrischen Tradition nicht nur bei Rilke, sondern auch bei Hölderlin, Wedekind, Heym und anderen nachweisen lässt.
Zusätzlich zu den Vorträgen bot die Rilke-Tagung erneut die bereits bewährten Werkstätten: in insgesamt sechs Kleingruppen wurde gemeinsam, unter professioneller Leitung, diskutiert. Neben der arrivierten Forscherriege konnten diesmal mit Eva-Tabea Meineke (Wiesbaden) und Andrea Cipolla (Mainz) zwei noch junge Moderatoren für diese Sektion gewonnen werden. Während Frau Meineke zum Gespräch über »Mädchen und Liebe im Buch der Bilder« einlud, lockte Herr Cipolla zum Austausch über die »gemalten Bilder« in den Gedichten. Die rege Teilnahme an diesen Angeboten zeigte, dass gerade das Engagement des Wissenschaftlernachwuchses gefragt ist. Überhaupt setzt ein Umdenken in der Rilke-Gesellschaft ein. Verstärkt öffnet sie sich den Ideen jüngerer Akteure und beginnt, diese zu fördern. Es durfte als positives Zeichen in diesem Sinne verstanden werden, als der Präsident der Rilke-Gesellschaft, August Stahl (Merzig), in seiner Einführungsrede den Doktoranden Ivo Theele (Paderborn) als aktuell Jüngsten in der Runde, offiziell begrüßte.
Eine überraschende Besonderheit im Ablauf der Rilke-Tagungen stellt nach wie vor das »Foyer Rilke« dar. Die ursprüngliche Idee, allen Tagungsteilnehmern die Möglichkeit zu geben, mit eigenen Kurzvorträgen von maximal zehn Minuten Länge die Tagung mitzugestalten, ging auch diesmal auf. Tina Simon (Leipzig), die Moderatorin des Foyers, konnte ein abwechselungsreiches Spektrum von Beiträgen ankündigen: So las etwa der Schriftsteller Jörg Neugebauer unter dem Stichwort »Rilke« Gedichte aus seinem aktuellen Lyrikband Die langen Ruder. Der in Rilke-Kreisen bestens bekannte Klaus E. Bohnenkamp (Stuttgart) referierte über zwei von ihm übernommene Briefeditionen: zum einen Rilkes Briefwechsel mit Norbert von Hellingrath (1910-1916), dessen Publikation für 2008 geplant ist, und zum anderen der noch in Vorbereitung befindliche Briefwechsel des Dichters mit der Verlegergattin Elsa Bruckmann (1910-1919). Gabriele Werner (Dresden), die erst kürzlich im Staatsarchiv Basel drei Briefe Rilkes an Paula Modersohn-Beckers Schwester Milly entdeckt hatte, stellte diesen wichtigen Fund vor. Einen ersten Einblick in ihre derzeit noch in Arbeit befindlichen, wissenschaftlichen Beiträge gaben Farroll Kahn (Oxford) und Arne Grafe (Bielefeld). Beide forschen derzeit zu Personen aus Rilkes engstem Umfeld: Kahn über »The Excluded Rilke«, genauer zu Rilke und Merline (d.i. Baladine Klossowska) und Grafe über Rilkes Münchner Arzt Wilhelm von Stauffenberg. Zudem präsentierte Davide Finco (Genua) Abschnitte aus seiner Arbeit über den Einfluss des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen auf Rilke. Für Aufsehen und Beifall unter den Zuhörern sorgte schließlich der flämische Abgeordnete Dirk de Cock (Lebbeke, BE). Während der Parlamentssitzungen in Brüssel geht er regelmäßig seiner Leidenschaft nach und übersetzt ganz nebenbei Rilke-Gedichte ins Niederländische. Auf De Cocks Internetseite (www.dirkdecock.be) findet man z.B. Rilkes »Grabmal eines jungen Mädchens« aus den Neuen Gedichten in deutscher und der vom Belgier angefertigten, flämischen Fassung:
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Grabmal eines jungen Mädchens
Wir gedenkens noch. Das ist, als müßte
– jenes Gottes. |
Grafsteen van een jong meisje
We denken er nog aan. Het is, als moet
– van gene god. |
Diese Übertragungen lässt er anschließend – wie die Sitzungsprotokolle beweisen – in seine Reden einfließen. Einige seiner Übersetzungsarbeiten trug de Cock in Bad Boll vor.
Bei allen Teilnehmern begehrt war auch diesmal wieder die von Erich Unglaub in Zusammenarbeit mit Katharina Noss (beide Braunschweig) und Curdin Ebneter (Sierre) gestaltete Broschüre mit Briefen und Rezensionen zum Buch der Bilder. Der vom Insel Verlag gestiftete und nicht für den Handel hergestellte Band wurde eigens vom zuständigen Lektor, Peter Höfle (Frankfurt am Main), überbracht.
Nach drei Tagen intensiven Rilke-Gesprächs ließ August Stahl die Tagung ausklingen. Mit einem luziden Vortrag über Rilkes Gedicht »Schluszstück«, das mit den Worten »Der Tod ist groß« anhebt, erinnerte er daran, dass keiner der Rilke liest, an den großen Themen der menschlichen Existenz (Leben, Liebe, Tod) vorbei kommt. Denn neben einer lebensbejahenden Stimmung (»Hiersein ist herrlich«) durchzieht das Werk des Dichters ebenso eine ständige Reflexion über die Vergänglichkeit. Auch in Rilkes frühem Gedichtband, dem Buch der Bilder, »diesem zarten Buche«, wie ein Rezensent einst schrieb, müsse der Leser darauf gefasst sein.
Nach diesem Verweis auf Rilkes Todesmetaphorik war ein Ende der Tagung absehbar. Niemand rechnete noch mit einer Zugabe. Völlig unerwartet trat dennoch der Brite Christopher Sloan (Schwäbisch-Gmünd) ans Redner-Pult und bat um letzte Aufmerksamkeit für einen kurzen Nachtrag:
»Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es erfüllt mich mit großer Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass außer Herrn Farrol Kahn ein weiterer Absolvent der ehrwürdigen Universität Oxford unter Ihnen weilt, nämlich ich, und dass ich auch Mitglied in einer Reihe von dort ansässigen Institutionen bin, die auf dem Gebiet der Sprachforschung tätig sind. Eine davon trägt den Namen ›The Oxford Institute for Communication Research‹, und in dem Jahresbericht, den ich im Dezember 2006 erhielt, erschien folgender Beitrag, den ich Ihnen in seiner ursprünglichen englischen Fassung vortragen möchte:
How to Control a Conversation
In order to control a conversation, it is useful to have one or two rhetorical tricks or devices to hand. The famous Oxfordaccent, for example, is not so much a way of pronouncing the words as a way of setting the pauses; these, if they occur at all, should come not at the end of sentences but in the middle. It is assumed that no-one will be so impolite as to interrupt you in the middle of a sentence; and somebody who has mastered this technique can therefore effectively talk without fear of ever having to listen. However, in order to capture the conversation at the beginning it is necessary to break the flow. A very effective way of doing this is name-dropping. The name which you introduce into the conversation must be one that worries your audience; they must feel that they have heard the name, at some stage, and ought to know something about its bearer, but they cannot recall any definite item of information about him. Research has proved that German literature and philosophy is by far the richest field in which to find names of this type. Avoid the heavyweights; if you mention Goethe, Mann, Kant, or even Grass, the risk is too great that somebody in your audience will be able to make an intelligent comment about them. But there are plenty of others. As always at the end of the year, we give our recommendations for the three names which in the year following are most likely to stop the conversational flow. In third and second place respectively are ›Stifter‹ and ›Schopenhauer‹. But the supreme name for 2007, the one guaranteed to kill any conversation stone dead, is ›Rilke‹.« [2]
Neben einem Verweis auf das erhoffte Wiedersehen in Paris, blieb August Stahl zur Verabschiedung der Teilnehmer letztlich ein unter Lächeln hervorgebrachtes: »Stay happy!«
Arne Grafe
[1] Inhaber der Übersetzungsrechte ist Herr Dirk de Cock
(Lebbeke, BE). Originaltext und Text der Übersetzung
werden nach den Texten auf der Website des Übersetzers
(www.dirkdecock.be) zitiert.
[2] Für die Übersendung der digitalen Fassung seines Vortrags
danke ich ausdrücklich Herrn Christopher Sloan (Schwäbisch
Gmünd).