Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 5


 

Karl Christian Friedrich Krause, Ausgewählte Schriften, Bd. I, Entwurf des Systems der Philosophie. Erste Abtheilung enthaltend die allgemeine Philosophie, nebst einer Anleitung zur Naturphilosophie. Jena und Leipzig 1804. Herausgegeben und eingeleitet von Thomas Bach und Olaf Breidbach, Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart-Bad Cannstatt 2007, 188 S. ISBN 978-3-7728-2341-1, 198 €

Die Herausgeber dieser auf sechs Bände geplanten Ausgewählten Schriften Karl Christian Friedrich Krauses preisen ihren Autor an wie sauer Bier. Sie listen in einem 35 Seiten (!) umfassenden Verzeichnis der Werke all seine selbständigen Schriften, Beiträge in Periodika und Lexika und manches mehr auf und kommen dabei auf ansehnliche 256 Titel und wollen seine ungebrochene Bedeutung dadurch plausibel machen, daß sie der Rezeption ihres Favoriten bis in die entlegensten, zumeist spanisch sprechenden Winkel der Welt nachforschen. Wer derart aufdringlich den Stellenwert eines Philosophen herausstreicht, der hat, so ist anzunehmen, eine Ahnung davon, daß dieser das Werben bitter nötig hat und auf es angewiesen ist. Ob es allerdings nützt? Ich hege Zweifel.

 

Dieser Entwurf des Systems der Philosophie nebst einer Anleitung zur Naturphilosophie liest sich wie ein mehr als hundertseitiger Gottesbeweis. Wie soll man den Gedankenaustausch mit einem Autor führen, der, nach der Art eines orthodoxen Theologen, von Anfang an ganz und gar unkritisch all das voraussetzt, was er hernach in Form fingierter Schlußketten entsprechend willkürlich ableitet? Sein „oberstes, einziges Axiom“ ist noch nicht einmal ein Vor-urteil (sic), sondern allenfalls ein Vor-satz (sic), aus dem bloß zum Schein deduziert wird. In Wahrheit vielmehr werden auf der Grundlage von Wortanklängen bekenntnishafte Festsetzungen getroffen. Das wissen auch die Herausgeber, wenn sie in ihrer 43-seitigen Einleitung konstatieren, Krause habe „die Naturphilosophie ... von der Naturforschung“ abgekoppelt und sie „als eine in und für sich stehende Disziplin“ begriffen, „die sich im weiteren weder auf die neueren Erkenntnisse der Naturforschung noch auf die Natur selbst, sondern eben nur auf die in der Naturphilosophie selbst schon gewonnenen Prinzipien“ (24 f.) beziehe.

„Die Welt“, so lautet Krauses „oberstes, einziges Axiom“, „ist eine, eine ganze, sich selbst gleiche, harmonische, organische, schlechthin unendliche, unbegründete, vollendete; also (!?, F.-P.H.) eine absolute; sie ist das einzige Absolute und Reale, das Wesen der Wesen, das Wahre An sich“ (53/1). Theologisches mischt sich mit Weltanschaulichem, so daß selbst die paar und ohnehin rar gesäten vergleichsweise nüchternen Einsichten des Mathematikers Krause, wie beispielsweise die, daß der mathematische Punkt nichts begrenzt und durch nichts begrenzt ist (63/13), oder daß „im Unendlichen ... keine Grösse zu schauen“ ist, „weil alles Grosse ein Endliches, ein Reales innerhalb bestimmter endlicher Grenzen ist“ (66/17), die Neigung des Autors verraten, sogar dieses Wenige dadurch unbrauchbar zu machen, daß sie vor allem mit dem irreführenden Mittel vager sprachlicher Analogien in spekulative Zusammenhänge einsortiert werden, in denen sie als solche nichts verloren haben. Er ist, mit Schiller zu sprechen, „auf den Abweg“ geraten, „in den sowohl die Spekulation als die willkürliche und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt“.

Die Herausgeber sehen das, was bleibt ihnen auch anderes übrig, letztlich ganz genauso, wenn sie hinsichtlich der Krauseschen Naturphilosophie konstatieren, daß sie „in ihrer Axiomatik gegründet und entsprechend als eigene, nur in sich weisende Disziplin“ (29) konstituiert sei. Es ist dies eine Variante der von Hegel als das triste Spielen der Liebe mit sich selbst belächelten sterilen Selbstbefriedigung, in der allenthalben nur das aufgewiesen wird, was vollkommen unkritisch vorausgesetzt worden ist. Gute Dienste tut hier immer die sogenannte apagogische Beweisart oder die deductio ad absurdum: man stipuliert, imaginiert die Negation der Abmachung, die sich als widerspruchsvoll deswegen entpuppt, weil sie der Stipulation widerspricht; sie soll nicht sein, weil die ihr kontrastierende Festsetzung sein soll. Ad absurdum geführt wird quasi die mathematische Schlußart der Regeldetri: „Wenn die untergeordneten Einheiten innerhalb endlicher Grenzen wären, so müsste das Universum aus der Zusammensetzung lauter Endlicher bestehen, also könnte es nicht unendlich sein“ (63/13). „Alle Einheiten sind in, mit und durcheinander im Absoluten. Sollten sie auser einander sein, so wäre das Absolute nicht in sich eines. Daher sind sie, mit ihren Grenzen ineinander“ (64/13) Quod erat demonstrandum. Oder bündig, präzise und unmißverständlich schließlich auch so: „Denn wäre, um es auch so kurz darzuthun, das Gegentheil, so wäre die Welt nicht in sich absolut harmonisch und auf absolute Weise unendlich, wider das Axiom“ (123/79).

Eigentlich ist es ein Jammer! Was für ein insgesamt vergeblicher und verlorener Aufwand an Arbeit und Energie. Denn die Welt, wie Krause sie entworfen hat, existiert, von den wenigen Ausnahmen sachhaltiger Erkenntnisse abgesehen, vermutlich lediglich im Kopfe eines Menschen: in demjenigen ihres bemühten, gottgefälligen Erfinders. Seine Welt ist aus den phantasievollen Tiefen der religiösen Begeisterung geschöpft. Er selbst weiß dies und hält sich, wie sein Zeitgenosse Schelling, darauf auch noch etwas zugute, wenn er all diejenigen passenderweise exkommuniziert, die sich seinen Vorsätzen anzuschließen nicht bereit und willens sind. Die tautologische, gegen Kritik immunisierende Botschaft lautet: „Wer dieses Princip nicht eingeht, für den muss die ganze folgende Darstellung der Natur im Weltganzen undurchdringlich und aus einer ihm verschlossenen Welt sein“ (54/2). Oder wie es bei den Herausgebern heißt: „Die Naturphilosophie expliziert als ‚reine Naturwissenschaft‘ oder als ‚Wissenschaft der Natur a priori‘ nur mehr das in dem ihr vorausgesetzten Prinzip Erschlossene“ (40). Damit liegen sie gar nicht so falsch, wenngleich kritisch anzumerken bleibt, daß ein Schluß, der aus einem vorausgesetzten Prinzip schließt, nicht mehr und nicht weniger als eine Petitio principii, ein Zirkel ist. Dieser Zirkel des Denkens ist, nachzulesen auf der Seite 124, bzw. 79 der Originalpaginierung, Krauses Credo: „Dass aber der obersten Voraussetzung (dem Axiome) objective Gültigkeit zu komme, aus welchem erst die Untrüglichkeit der anschauenden Vernunft folgt, kann durch nichts bewiesen werden, und ist die absolute Voraussetzung, ja in jedem Beweise der möglich ist, wird, wenn man sich selbst recht versteht, nichts anderes gefordert, als dass“ – nichts leichter als das! – „man von dem zu Beweisenden zeigen soll, dass es in jener obersten Voraussetzung gelegen.“

Frank-Peter Hansen

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