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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 5
Vorbemerkung. Am 25. August hat Johann Gottfried Herder Geburtstag. „Eselsbrücke: Am 27. August wurde Hegel geboren, am 28. Goethe, am 29. machte der Weltgeist eine schöpferische Pause, und am 30. August erblickte ich das Licht der Welt. (Im Heurigen in Wien)“. Eine herrlich freche, sympathisch selbstbewusst-bescheidene „Aufzeichnung“ von Norbert Wokart („Schilfrohr“, in der neuesten Forum-Ausgabe) – Herders Geburtstag fehlt. Unwillkürlich fügte ich für mich zu der ´Eselsbrücke´ das ´fehlende´ Datum hinzu. Zumal die in den „Aufzeichnungen“ von Norbert Wokart spürbaren Denkbewegungen mit ihrer sanften und zugleich fordernden Offenheit mich an Herders ´Geistesbewegung´ erinnerten. „Was in einem solchen Geiste für eine Bewegung, was in einer solchen Natur für eine Gärung müsse gewesen sein, lässt sich weder fassen noch darstellen.“ (Goethe über Herder in ´Dichtung und Wahrheit´, Zweiter Teil, 10. Buch). All dies zusammen Anlass genug, Notizen zum Pädagogen Herder, entstanden als Reaktion auf die gegenwärtige Bildungspolitik, zu ordnen und zu ergänzen. Das Ergebnis: diese ´Erinnerung´. Gemessen an dem Standard, den Herder einfordert und begründet, erweisen sich die sog. „Bildungsstandards“ und „Standardtests“ als technokratische Machwerke einer inhaltlich rat- und konzeptlosen Bildungspolitik. Mit Bildungsstandards ist Bildung im wahrsten und schlimmsten Sinn des Wortes an ihr Ende gekommen - Norbert Wokarts „Schilfrohr“ fiele glatt durch alle Bildungsstandardstandardtests. „Ich muss also“, mit Herder zu reden, „etwas weiter ausholen“ (Zitat aus der Sprachursprungsabhandlung), – um meine These von der provozierenden Aktualität, der aktuellen Provokation Herders stark zu machen.
Sei spontan! Sei kreativ! Sätze, Befehle, bestens geeignet, Spontaneität und Kreativität gründlich auszutreiben. Lerne! Als Satz, als Befehl über den Schuleingängen – eine Phantasie, die mich nicht loslässt. Manchmal ist dort, oder im Eingangsbereich, auch zu lesen: ´Nicht für die Schule, (sondern) für das Leben lernen wir´. Diesen Satz immerhin hat Johann Gottfried Herder gewählt als Motto für eine seiner Schulreden.
„Ich bin also jetzt in Weimar“, schreibt Herder am 13. Oktober 1776 (am 1. Oktober war die – vierköpfige – Familie Herder in der Residenzstadt eingetroffen) „nicht Prediger so schlechtweg (...), sondern Oberhofprediger, Oberkonsistorial- und Kirchenrat, Generalsuperintendent, Pastor Primarius und zehn Dinge mehr“. Zu den ´zehn Dingen mehr´ gehört das Amt des Ephorus des Weimarer Wilhelm-Ernst-Gymnasiums. Dem Ephorus Herder unterstehen der Direktor und das Kollegium der Schule; er hat den Vorsitz bei den jährlichen Prüfungen, hält zu deren Beginn und Ende jeweils eine Rede. „Vitae, non scholae discendum“, unter dieses Motto stellt er seine Rede vom Juli 1800. Ich zitiere daraus einige Stellen.
„Was tun wir, wenn wir gehen, sprechen, zeichnen, tanzen lernen? Nicht wahr? wir üben und vollführen ein Werk; wir machens nach, bis wirs können, bis es gelingt, mit unsern Kräften mit unsern Gliedern. So bei sichtbar in die Augen fallenden Künsten; bei unsichtbaren und bei der unsichtbarsten von allen dem Denken findet das Lernen auf keine andre Weise statt. Seine Gedanken kann mir der Lehrer nicht eingeben, eintrichtern; meine Gedanken kann, will, und muss er durch Worte wecken; also dass sie meine, nicht seine Gedanken sind. Worte sind bloß das Instrument, dies muss ich mit eignen Kräften, auf meine Weise brauchen lernen, oder ich habe nicht gelernet. Der beste Prüfstein also, ob jemand etwas gefasst hat, ist, dass er’s nachmachen, dass er’s selbst vortragen kann, nach seiner eignen Art, mit seinen eignen Wörtern. Merkt euch dieses ihr Katecheten: Das ewige Wenden und Drehen vom Subjekt aufs Prädikat, vom Prädikat aufs Subjekt: ´wer hat dich erschaffen? wen hat er erschaffen?´ ist noch kein Katechisieren, sondern ein leibhaftes Wortjähnen ((=Wortgähnen)), da man den Mund zur rechten und linken, auf und abwärts zieht und immer doch nichts als den jahnen Fuhrmannslaut: ahi, oho! sagte. In eignen Worten muss man katechisieren; eigne Worte muss man dem Katechisierten herauslocken seine eigensten Worte, diese, diese allein bezeichnen seine eignen Gedanken. Ihnen muss man folgen, an sie seine eignen Gedanken knüpfen; so lernt man lehrend, so lehrt man lernend.
[ ... ] Eigne Bildung erlangt man unter der Hand und Leitung eines rechtschaffnen Lehrers nur durch eignen Fleiß, durch eigne Bildung. [ ... ]
Was heißt dem ((= für das)) Leben lernen? Offenbar was nützlich im Leben ist, was angewandt werden kann, wodurch wir besser leben lernen. Da aber das Leben so viel und mancherlei bedarf, da der Anwendungen und Nutzbarkeiten so viele und gewiss nicht alle unmittelbare sind, indem eine Kenntnis auf die andre bauen, der andern forthelfen muss: so wäre es sehr töricht, bei allem was ich lerne, zu fragen: wozu kann ich’s anwenden? was wird mirs bringen oder helfen? Tor, übersiehst du dein Leben, und weißt alle Umstände vorher, in die du kommen kannst? Weißt du, was in jedem Geschäft, in jeder Minute brauchbar oder entbehrlich sei? Wenn du Geld sammlest, fragst du, oder weißt du bestimmt voraus, wozu du es anwenden, wenn du eine Sprache lernst, weißt du, mit wem du die Sprache sprechen werdest? Also führt sich der Ausdruck ´dem Leben lernen´ darauf zurück, dass man sich selbst in allen seinen Anlagen und Fähigkeiten, in Seelen- und Leibeskräften zu dem bilde was Leben heißt, an sich, soweit es die Gelegenheit, Zeit, Umstände verstatten, nichts roh, nichts ungebildet lasse, sondern dahin arbeite, dass man ein ganz gesunder Mensch fürs Leben und für uns angemessne Wirksamkeit im Leben werde. Hiedurch bekommt also jeder seine eigne Lektion zu lernen, die für ihn und für keinen andern gehöret. Wie einer seine Seelkräfte, seine Organe, seine Umstände; seine Lebenszwecke, seine Kräfte und das Maß derselben am besten kennt und durch Erfahrung erprobt, so lerne Er für sich und für keinen andern, für sein Leben. [ ... ]
Wer vor lauter Fleiß in der Schule dumm wird, wer sich blödsinnig, hypochondrisch, schwach und krank studieret, wer Seelkräfte bildet und den Körper vernachlässigt, gleich als ob er ein purer puter (=reiner, bloßer) Geist wäre, wer eine Seelkraft z.B. die Einbildungskraft, das Gedächtnis, ohne die andre, den Verstand die Überlegung pfleget, wer für den Kopf studiert ohne ans Herz zu denken, und ein andrer, der immer nur in Empfindung schwimmen will, ohne sich mit kalter Kühnheit richtiger Begriffe zu befleißigen, wer mit allem tändelt, und eine ernste, anhaltende Mühe wie die Hölle fliehet, alle diese lernen nicht fürs Leben; denn im Leben muss der ganze ungeteilte Mensch, der gesunde Mensch mit allen seinen Kräften und Gliedern, er muss mit Kopf und Herz, mit Gedanken, Willen und Taten, nicht etwa nur im Spiel, sondern auch im höchsten Ernst, nicht nur wohlgefällig sondern auch mächtig wirken; wer dies nicht kann, wer sich hiezu nicht frühe geübt hat, der hat nicht fürs Leben gelernet.“[1]
Eine humanistische Rede - was das Vertrauen in die Selbstkompetenz des Lernenden angeht. Eine fordernde Rede - was den Anspruch an die ´ernste, anhaltende Mühe´ des Lernenden angeht. Eine radikale Rede - was das Prinzip der Selbstverantwortung des Lernenden für sein Lernen angeht. Eine konsequente Rede - was die Anwendung dieses Prinzips auf die Rede selbst und deren Zuhörer (Leser) angeht. Eine dialektische Rede - was den Doppelblick auf Lehrende und Lernende angeht. Eine ganzheitliche Rede - was den Doppelblick auf „Kopf“ und „Herz“, auf „Empfindung“ und die „kalte Kühnheit richtiger Begriffe“ angeht. Eine aktuelle Rede des ´alten´ Herder - was den ´neuesten´ Stand der Lernforschung angeht.
Ein bisschen weniger distanziert thesenhaft: An dieser Rede Herders gefällt mir, dass ihm gelingt, wovon er spricht, mit seinen Gedanken ´mein´ Nachdenken über Lernen anzuregen. Er legt keine Definition vor, er spricht von lernfördernden Haltungen, die den Lernenden in seinen je eigenen, in Eigenverantwortung gestalteten Lernprozess entlassen. Die schnell mit dem Kuschelpädagogikvorwurf zur Hand sind, werden ebenfalls klar abgefertigt. So nebenbei und ganz selbstverständlich, konsequent aus dieser Haltung erwachsend, ist auch noch vom ´aktiven Zuhören´ die Rede – „Ihnen (den ´eignen Gedanken´ des ´Katechisierten´) muss man folgen, an sie seine eignen Gedanken knüpfen“. Außerdem gefällt mir, dass die neueste Lernforschung den alten Herder bestätigt.
Ich zitiere zwei Autoren. Zunächst den Pädagogen Ulrich Herrmann [2]:
„Das Kind lernt offensichtlich von sich aus, von selber, ziemlich rasch, wenn genügend Gelegenheiten gegeben werden“. - „Was das Kind ´von selber´ gelernt hat ... das hat tatsächlich das Gehirn selber erzeugt.“ - „Das Gehirn erzeugt Wissen sowie die zugehörige Bedeutung auf eine Weise, die unserem Bewusstsein und damit auch unserer willentlichen Beeinflussung entzogen ist. Dieser Befund der Gehirnforschung steht in einem scharfem Gegensatz zur herkömmlichen Auffassung von Lernen als Informationsverarbeitung, eine Auffassung, die meint, das Gehörte bzw. Gelesene müsse nur auf geeignete Weise präsentiert und abgespeichert werden, damit es im Bedarfsfall wieder abgerufen werden kann. Nichts ist falscher als die Vorstellung, das Gehirn funktioniere wie ein Datenspeicher, denn in Wahrheit ist es ein Datenerzeuger.“
„Gelernt wird nicht nur am besten, wenn damit eine Aktivität des Lernenden verbunden ist, sondern wenn diese Aktivität auch Spaß macht. Denn dieses Wohlbefinden setzt Botenstoffe frei, ohne deren Vorhandensein und Wirkung nichts gelernt werden kann, weil die elektrischen Impulse als Träger der Information nicht weitergegeben werden.“ - „Sind Schulen auf breiter Front eine Institution der Verhinderung von Spaß am Lernen und dadurch von Lernerfolgen? Die Gehirnforschung würde dies so sehen müssen, denn Leistungsmessung und Leistungsbewertung erfolgen in der Regel in angst- oder stress-besetzten Situationen, in denen das Gehirn kein verzweigtes, sondern nur isoliertes Faktenwissen zur Verfügung stellen kann. Es wird also nicht nur nicht ermittelt, was die Schüler wirklich können, sondern die Art der Ermittlung vermittelt den meisten von ihnen noch dazu das entmutigende Gefühl, dass ihre Anstrengungen entwertet werden. Eine andere Lehrerausbildung für einen anderen, sozusagen ´gehirngerechten´ Unterricht müsste hier ansetzen.“
„Schüler wollen sich und die Welt verstehen, und was bekommen sie geboten? ´Stoff´ laut Lehrplan, demnächst noch auf Flaschen gezogen, die man ´Bildungsstandards´ nennt. Die nicht wenigen guten Lehrerinnen und Lehrer haben sich ihre Expertise mühsam und auf sich gestellt aneignen müssen, Unterstützung hatten sie dabei kaum. Einen krasseren Widerspruch kann es kaum geben als denjenigen zwischen Normierung von Leistungen, die unter erfolgswidrigen Umständen zu erbringen sind, und den Einsichten der modernen Gehirnforschung in die Voraussetzungen und Bedingungen erfolgreichen individuellen nachhaltigen Lernens und Leistens. Eine Schulpolitik hat dies zu verantworten, die die Schulen durch unpädagogische Vorgaben und Vorschriften dereguliert hat.“
Und den Psychologen, Psychiater, Hirnforscher, Philosophen Manfred Spitzer [3]:
„Vermitteln kann man eine Mietwohnung oder vielleicht sogar eine Heirat. ´Stoff´ jedenfalls kann man nicht vermitteln! Ebensowenig wie Hunger. Hunger produziert sich jeder selbst, und Lernen produziert sich auch jeder selbst. Jeder auf seine Weise; und jeder lernt auch auf seine Weise und eben genau dasjenige, was in das Gefüge seiner Synapsengewichte am besten passt (...). Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass bereits die Rede von Vermittlung – vielleicht sogar von Werten – völlig an der Realität des Lernens vorbei geht. Gehirne bekommen nichts vermittelt. Sie produzieren sich selbst! Wer hat uns denn das Laufen oder das Sprechen vermittelt? – Niemand als wir selbst!“
„Man spricht heute gerne von Vernetzung, die am besten horizontal und vertikal sein soll (...) Die Sache ist ganz einfach: Es geht darum, dass die Schüler das Gelernte mit ihren eigenen Erfahrungen verbinden müssen. Dies ist keine ´Kann-Bestimmung´, nach dem Motto: Wenn möglich, sollte auch noch darauf (wie auf vieles andere auch) geachtet werden. Nein, wenn der Schüler es nicht schafft, die Inhalte, um die es in der Schule geht, mit seiner ganz individuellen Lebenserfahrung in Verbindung zu bringen, wird er letztlich nichts lernen. Vielleicht werden ein paar ´Leerformeln´ hängen bleiben, mit großem Aufwand, und ohne jede Wirkung auf Verhalten.“
Herders Schulrede ist keine Sonntagsrede, in der halt mal so eben, pathetisch - und im übrigen folgenlos, da kein wirkliches Bildungskonzept dahinter steht - etwas zum ´Lernen´ gesagt wird. Dafür nur ein Beleg, von vielen möglichen, ein Ausschnitt aus den ´Briefen zur Beförderung der Humanität´. In diesen ´Humanitätsbriefen´ denkt Herder (auch) über - wir würden heute sagen - Bildungspolitik, über Erziehung und Gesellschaft nach. Und es ist kein Zufall, dass er das tut im Kontext eines kleinen Abrisses seiner Anthropologie, seiner ´Humanitätsphilosophie´. Ohne solche Fundierung verkommt Bildungspolitik zu technokratischer Organisation standardisierter Arbeitsmarktqualifikation.
„Mit dem Leben des Menschen fängt seine Erziehung an: denn Kräfte und Glieder bringt er zwar auf die Welt, aber den Gebrauch dieser Kräfte und Glieder, ihre Anwendung, ihre Entwicklung muss er lernen. Ein Zustand der Gesellschaft also, der die Erziehung vernachlässigt, oder auf falsche Wege lenkt, oder diese falsche(n) Wege begünstigt, oder endlich die Erziehung der Menschen schwer und unmöglich macht, ist insofern ein unmenschlicher Zustand. Er beraubt sich selbst seiner Glieder und des Besten, das an ihnen ist, des Gebrauchs ihrer Kräfte. Wozu hätten sich Menschen vereinigt, als dass sie dadurch vollkommenere, bessere, glücklichere Menschen würden. Unförmliche also oder schiefausgebildete Menschen zeigen mit ihrer traurigen Existenz nichts weiter, als dass sie in einer unglücklichen Gesellschaft von Kindheit auf lebten: denn Menschen zu werden, dazu bringt jeder Anlage genug mit sich.“ [4]
Ich gebe zu, Herders aufklärerischen Optimismus, seine Utopie von einer Gesellschaft mit ´vollkommeneren, besseren, glücklicheren´ Menschen können wir nicht mehr mit ihm teilen. Wohl aber seine – aktuelle - Kritik am „Zustand“ einer Gesellschaft, der „die Erziehung vernachlässigt“. Ich komme am Ende meiner Überlegungen darauf zurück.
Im übrigen wusste Herder, wovon er sprach - aus eigener Erfahrung. [5] „J.G. Herders Lebensweg ist der mühsame, beschwerliche Aufstieg des begabten deutschen Kleinbürgersohnes im 18. Jahrhundert aus widrigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen.“ So urteilt ein Biograph. [6] Eine Episode lässt dies sehr konkret werden. Der Mohrunger Diakon Sebastian Friedrich Trescho gewährt dem jungen Herder kostenlose Unterkunft, der erhält gegen Schreiberdienste zusätzlichen Unterricht, darf die Bibliothek benutzen. Hören wir aus Treschos späteren Bericht:
„Mein ganzer Büchervorrat stand dem jungen Herder offen, und wenn ich gefunden hätte, dass und was er daraus etwa für sich läse, hätte ich abmerken können, wohin seine Neigung ging. Aber hier stand mir sein durch Schülersklaverei furchtsam gemachter Geist entgegen. Nie sprach er etwas mit Offenheit und mit einer dreisten Gebärde, sondern beantwortete meist schon das, was ich ihm etwa zu bestellen auftrug. Seine Stimme war nur halblaut, und er blieb tief in sich verschlossen. Nie sprach er von selbst, und es war ihm nichts zu entlocken, woraus ich ihn für etwas anderes als ein gewöhnliches Geschöpf, gleich andern Bürgerkindern, die die Schule besuchten, halten konnte ...
Im folgenden Winter bekam ich die ersten deutlichen Spuren seines Genies und seiner geheimen Beschäftigungen zu durchblicken. Der Zufall entdeckte, was die Kunst und gewöhnliche Aufmerksamkeit auf ihn nicht entdecken konnte. An einem Abend, da er mit brennendem Licht in seine Schlafkammer ging, empfand ich eine geheime Unruhe, ob er auch vergessen möchte, das Licht, wenn er sich zu Bette gelegt hätte, auszulöschen. Nach einer halben Stunde schlich ich mich in seine Kammer und welch Schrecken! Ich fand ihn bis aufs Hemd entkleidet auf dem Deckbett in tiefem Schlaf - um ihn herum eine Menge alter und neuer Bücher, zum Teil aufgeschlagen, auf dem Fußboden liegen - und in der Mitte derselben das brennende Licht. Wie froh war ich, jedem möglichen Schaden zuvorkommen zu können. Ich durchsah die Bücher; es waren meistens, soweit ich mich erinnere, griechische und lateinische Klassiker und eine Menge deutscher Gedichte. Ich löschte das Licht aus und ging zu Bett. Vermutlich hatte er die Bücher schon am Tage dahin zusammengetragen, und der Überfall von Schlaf hinderte ihn diesmal an ihrem Gebrauch. Natürlich musste mir hiebei die Überraschung, was eigentlich für ein Geist in meinem lieben Herder atmete, über alles angenehm und doch zugleich kummervoll sein. Die kleine Warnung, die ich ihm am Morgen wegen seiner Unvorsichtigkeit gab, war bald geendet. Aber nun die Empfindung meiner Teilnahme an der Wahl der Bücher, die ich da fand, und die Frage, ob er fähig sei, sie zu benutzen, dauerte länger. Er antwortete bloß sehr einsilbig, dass er sich Mühe gebe, sie zu verstehen. Und nun entdeckte ich, dass ich statt eines Mohrungschen lateinischen Schülers einen Mann vor mir sehe, der durchaus in eine ganz andere Entwicklungsschule seines großen Geistes versetzt werden müsste, wenn nicht eine Art von Geistesmord an ihm verübt werden sollte, wodurch ein Leben in seinen ersten Atemzügen erstickt wäre, welches zu großen Zwecken geschaffen war. Zugleich bekannte ich ihm meinen Kummer, dass ich dazu vorderhand keinen Rat wüsste. Die Armut der Eltern und meine eigne kärgliche Brotstelle ließen mich auf keine Aussicht, ihm zu helfen, denken, denn in jedem Betracht musste er in Königsberg näher zur Akademie bereitet werden.“ [7]
Hochbegabt, aber arm, zu arm fürs Studium – keine Chance! Das kommt uns bekannt und aktuell vor. Aktuell? Kann Herders Bildungsdenken tatsächlich für uns unmittelbar aktuell sein?
„Herders gesamtes Werk kreist um den Autonomiegedanken.“ Mit diesem Satz beginnt Max Lorenzen seine Überlegungen zu zwei Gedichten Herders. [8] Und er weist zurecht darauf hin, „dass die Idee der Autonomie ihren geschichtlichen Ort hatte. Es gibt sie nicht ohne ihr beigeordnete Einsamkeit, Entfremdung und Versuchung zur Hybris.“ Seine Folgerung daraus für uns heute: „Die Sehnsucht nach den fast verlorengegangenen Inhalten der aufstrebenden bürgerlichen Epoche stimuliert das heutige Interesse an Bildung. Diese beinhaltet folglich Hinwendung und Distanz zugleich. Vielleicht schafft sie so einen kontemplativen Raum, in dem wir unseren Ursprüngen begegnen können, sie verlebendigen und uns auch von ihnen abgrenzen. Solche Bildung wäre auf ihre Weise eine Einübung in eine undogmatisch-freie geistige Haltung.“ Von Gedichten Herders und ihrem „Nachhall“ ist hier die Rede. Und seine Bildungskonzeption?
Herder sieht, denkt Autonomie stets dialektisch und insofern auch ihre andere Seite, ihre Gebundenheit. Der Mensch ist ein Natur-, ein Erdengeschöpf. Das wird z.B. deutlich im ersten, programmatischen Satz der ´Ideen´. „Vom Himmel muss unsre Philosophie der Geschichte des menschlichen Geschlechts anfangen, wenn sie einigermaßen diesen Namen verdienen soll.“ [9] Im gesamten ersten Teil der ´Ideen´ versucht Herder sehr konsequent mit einem naturalistischen Ansatz das Wesen des Menschen zu beschreiben, zu erfassen. „Wir setzen also alle Metaphysik bei Seite und halten uns an Physiologie und Erfahrung.“ [10] Herder sieht auch klar die Gefahren der Autonomie, die ´Entfremdung und Versuchung zur Hybris´, der Mensch kann „ärger als ein Tier werden.“ [11] Ebenso klar sieht er die Verpflichtung, die sich aus der Autonomie ergibt, fasst diesen Sachverhalt in ein eindrucksvolles Bild. „Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung; er stehet aufrecht. Die Waage des Guten und Bösen, des Falschen und Wahren hängt in ihm: er kann forschen, er soll wählen. Wie die Natur ihm zwo freie Hände zu Werkzeugen gab und ein überblickendes Auge, seinen Gang zu leiten: so hat er auch in sich die Macht, nicht nur die Gewichte zu stellen, sondern auch, wenn ich so sagen darf, selbst Gewicht zu sein auf der Waage.“ [12] Ohne Selbstbindung, Selbstverpflichtung ist Autonomie für Herder nicht vorstellbar. Der ´erste Freigelassene der Schöpfung´ ist auch „in seiner Bestimmung ein Geschöpf der Herde, der Gesellschaft“. [13] Wenn Herder, als ´Praktiker´ - erfahrungsgesättigt – über Bildung spricht, dann weiß er, wovon er spricht. Er hat – theoriegesättigt – ein Ideal, an dem er die Wirklichkeit misst, von dem her er die Wirklichkeit kritisiert.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Herders Bildungstheorie eine unerhörte und unmittelbare Aktualität. Sie stellt für uns immer noch – ohne den Umweg über eine interessenstimulierende Sehnsucht nach fast verlorengegangenen Inhalten der aufstrebenden bürgerlichen Epoche – eine Provokation dar. Die ihr implizite Kritik an einem Zustand der Gesellschaft, der die Erziehung vernachlässigt, der unförmliche und schief ausgebildete Menschen hervorbringt, hat nichts an Berechtigung verloren. Die Schärfe dieser Kritik ist es, welche die eingangs genannte Schuleingangsüberschriftsphantasie provoziert hat. Eine ganz andere Überschrift für Schuleingänge, von ganz anderer Qualität, die allerdings hat wiederum Herder auch zu bieten. Eine gegen den bildungsstandardisierten, standardgetesteten und damit endgültig angepassten, unförmlichen Menschen.
„Man muss sich also für (=vor) nichts so sehr, als für dem einseitigen Zerstücken und Zerlegen hüten. Wasser allein tuts nicht, und die liebe kalte spekulierende Vernunft wird dir deinen Willen eher lähmen, als dir Willen, Triebfedern, Gefühl geben. Wo sollte es in deine Vernunft kommen, wenn nicht durch Empfindung? würde der Kopf denken, wenn dein Herz nicht schlüge? Aber Gegenteils, willt du auf jedes Pochen und Wallen deines Herzens, auf jeden Nachhall einer gereizten Fiber, als auf die Stimme Gottes merken, und ihr blindlings folgen: wo kannst du hingeraten? da alsdann dein Verstand zu spät kommt. Kurz, folge der Natur! sei kein Polype ohne Kopf und keine Steinbuste ohne Herz: lass den Strom deines Lebens frisch in deiner Brust schlagen, aber auch zum feinen Mark deines Verstandes hinauf geläutert, und Lebensgeist werden.“ [14]
Anmerkungen
[1] Johann Gottfried Herder. Werke in zehn Bänden.
Bd. 9/2. Journal meiner Reise im Jahr 1769. Pädagogische
Schriften. Hrsg. von Rainer Wisbert. Deutscher
Klassiker Verlag. Frankfurt a.M. 1997, S. 810 ff.
[2] Lernen findet im Gehirn statt – Die Herausforderungen
der Pädagogik durch die Hirnforschung. Ursprünglich ein
Vortrag am 29.2.2004, SWR 2. Jetzt auch in: Ralf Caspary
(Hrsg.):Lernen und Gehirn. Der Weg zu einer neuen
Pädagogik. Freiburg im Breisgau (Herder Verlag)
2006, S. 85 – 98.
[3] Manfred Spitzer: Lernen. Gehirnforschung und die
Schule des Lebens. Heidelberg-Berlin (Spektrum,
Akad.Verl.) 2002, S. 416 f.
[4] Johann Gottfried Herder: Werke in zehn Bänden. Bd. 7.
Briefe zur Beförderung der Humanität. Hrsg. von Hans
Dietrich Irmscher. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt
a.M. 1991, S. 124.
[5] in doppelter Hinsicht: aus der eigenen Biographie und
aus seiner Tätigkeit als ´oberster Pädagoge´ in Weimar.
Einige Stichworte zu Herders 'Praxis': Als
Oberkonsistorialrat und Superintendent ist Herder
zuständig für das Kirchen- und Schulwesen des Landesteils
Sachsen-Weimar; 1783 erhält er von Herzog Karl August den
Auftrag, einen Plan für eine Reform des Schulwesens in
Sachsen-Weimar auszuarbeiten; 1785 Vorschläge zur Reform
des Weimarer Gymnasiums; 1786 Einführung eines neuen
Lehrplans und Gründung eines Seminar für Landschullehrer,
dessen erster Direktor Herder wird. Er empfand sich – und
dies lag in der Tat nicht nur an seiner
subjektiv-einseitigen Wahrnehmung! – in seinen
Reformbemühungen zunehmend in Stich gelassen (vom Herzog,
von Goethe).
[6] Wilhelm Dobbek: Johann Gottfried Herders Jugendzeit in
Mohrungen und Königsberg. 1744 – 1766. Würzburg, 1961, S.
1.
[7] Zitiert nach. Johann Gottfried Herder im Spiegel
seiner Zeitgenossen. Briefe und Selbstzeugnisse. Hrsg. von
Lutz Richter. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 1978,
S. 36 f.
[8] „Das innere Olympia“ und „Das Gesetz der Welten im
Menschen“, in Marburger Forum 5 (Jg. 2004), Heft 2.
[9] Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit.
Werke, Bd. 6. Hrsg. von Martin Bollacher. Deutscher
Klassiker Verlag, Frankfurt a.M. 1989, S. 21.
[10] Ebd. S. 111.
[11] Ebd. S. 146.
[12] Ebd. S. 145 f. Vielleicht kein Zufall, dass – auch in
Herders Text – Selbstverpflichtung und Gefährdung so nah
beieinander stehen.
[13] Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Hrsg. von
Hans Dietrich Irmscher. Stuttgart (Reclam), 1966, S. 95.
Auch in dieser Abhandlung lässt sich sehr schön Herders
naturalistischer Ansatz verfolgen. „Doch ich tue keinen
Sprung. Ich gebe dem Menschen nicht gleich plötzlich neue
Kräfte, keine sprachschaffende Fähigkeit wie eine
willkürliche qualitas occulta. Ich suche nur in den vorher
bemerkten Lücken und Mängeln (i.e. des Naturwesens Mensch
gegenüber den Tieren) weiter.“ Ebd. S. 24. „Man hat sich
die Vernunft des Menschen als eine neue, ganz abgetrennte
Kraft in die Seele hinein gedacht, die dem Menschen als
eine Zugabe vor allen Tieren zu eigen geworden und die
also auch, wie die vierte Stufe einer Leiter nach den drei
untersten, allen betrachtet werden müsse; und das ist
freilich, es mögen es so große Philosophen sagen, als da
wollen, philosophischer Unsinn.“ Ebd. S. 27. Ein frühes
Beispiel für den naturalistischen Ansatz bildet der
Entwurf des knapp Zwanzigjährigen: „Versuch über das
Sein“. (Werke Bd. 1. Frühe Schriften. 1764- 1772. Hrsg.
von Ulrich Gaier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt
a.M. 1985, S. 9 – 21. Vgl. auch den Kommentar, ebd. S. 844
– 864.) Der Kant-Hörer, Kant-Schüler Herder argumentiert,
Kant genau lesend (und produktiv weiterdenkend), mit Kant
gegen Kant, der – nach Herders Ansicht – einen logischen
Begriff (´Sein´) gegen einen Erfahrungsbegriff vertauscht.
Herder entwickelt hier zugleich Ansätze seiner
Anthropologie und Erkenntnistheorie, Raum und Zeit sind
nicht – wie bei Kant – transzendentale Bedingungen der
Möglichkeit des Wahrnehmens und Erkennens, sondern
sinnlich erfahrbare Gewissheiten. Damit sind Gedanken der
Sprachursprungsabhandlung der ´Ideen´ grundgelegt; die
Analyse der Lebensbedingungen des Menschen gehört zur
Sprachphilosophie, zur Geschichtsphilosophie – zur
Bildungsphilosophie.
[14] Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele.
Bemerkungen und Träume. In: Werke Bd. 4. Schriften zu
Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774 – 1787.
Hrsg. von Jürgen Brummack und Martin Bollacher. Deutscher
Klassiker Verlag. Frankfurt a.M. 1994, S.361 f.