![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 5
Das Herzstück des Bandes bilden die fünfzehn Briefe, die Editha Klipstein im Sommer 1915 zwischen dem 5. Juli und dem 4. August an ihre Freundin Ilse Erdmann in Laubach schrieb.
Es waren zwei Gründe, die sie in diesem Kriegssommer – ihr Mann stand im Feld – bewogen, nach München zu reisen. Einmal war da ein Auftrag an die 35jährige Malerin, ein Gemälde des französischen Malers Jean Baptiste Chardin, „Die Rübenputzerin“, in der Münchner Pinakothek zu kopieren, zum anderen hatte sie ihrer Freundin, die derweilen ihren kleinen Sohn hütete, versprochen, Rilke aufzusuchen, dessen – nur briefliche – Verbindung zu Ilse Erdmann im Vorjahr abgerissen war.

In diesen Briefen nun berichtet Editha Klipstein, wie es ihr ergeht mit diesen beiden so unterschiedlichen Vorhaben. Und natürlich steht im Mittelpunkt die Begegnung mit Rilke. Ilse Erdmann kannte die Adresse der Pension Pfanner in der Finkenstrasse, wo Rilke im Vorjahr gewohnt hatte, und schon am zweiten Tag ihres Aufenthalts in München macht sich Editha Klipstein dorthin auf, findet aber ein nur noch in der obersten Etage bewohntes Haus, und als sie läutet, wird ihr zwar die Tür geöffnet von einer „rotblonden Dame im Kimono“, aber sogleich erfährt sie, die Pension sei „vollkommen aufgelöst“. Dann aber wird ihr ein Zimmer angeboten – das Zimmer, in dem Rilke selbst bis vor kurzem gewohnt habe – die Dame ist seine Freundin, die Malerin Loulou Albert-Lazard.
Wir verdanken Editha Klipstein eine hübsche Beschreibung: „Sie scheint eine geschiedene Frau (Scheidung noch nicht ganz vollzogen) und sicher ist, dass sie viel durchgemacht hat. Ihr Aeusseres: Ein schöner Kopf, knabenhaft scharf geschnittene Züge, rotes Haar, eine sehr entschiedene Nase, hellgrüne Augen – Nicht unsympathisch das Ganze: in diesem Fall fast rührend, was wohl zusammenhängt mit Frau Alberts starkem Hinken.“ (13)
Mit den Bildern ihrer Gastgeberin kann Editha nicht viel anfangen, aber auch mit ihrem Chardin hat sie Schwierigkeiten: „Die Gemüseputzerin ist ein Werk von solcher Vollkommenheit, dass man es nur mit einer Skizze kopieren dürfte. Nun soll ich aber eine vorschriftsmäßige Kopie machen. Mir kommt das unmöglich vor. Ich glaube es wird schrecklich werden.“ Tatsächlich hat sich eine solche Skizze erhalten, die einen wenn auch flüchtigen Eindruck vermittelt. (41)
Schon am Abend des 10. Juli kommt es dann zur Begegnung mit Rilke; Frau Albert hat Gäste eingeladen, das Malerehepaar Caspar-Filser, Hausensteins, Klees, Furtwänglers, Wolfskehls – und Rilke. Editha beschriebt ihren ersten Eindruck: „Sein Gesicht erinnerte mich sogleich an die Bilder, die ich von ihm gesehn. Aber das Leben ist doch immer noch sehr anders. Eine schöne Stirn, feste Augen, ein zu voller Mund, Schnurrbart. Ein sehr häufiges Lächeln, das fast etwas Verlegenes hat. Und so bewegte sich der ganze Rilke, sehr rücksichtsvoll, - vor jedem kleinsten Sichvordrängen zurückschreckend, was sich auch bei der Wahl der Sitzplätze zeigte. Also wir sprachen gleich von Dir, und so natürlich, als fingen wir in der Mitte der Bekanntschaft an.“ (15)
Es wird ein festlicher Abend, aber der Krieg ist immer gegenwärtig: „Frau Albert sah unter den anderen Frauen noch fremdartiger und rothaariger aus als sonst. Es konnte mir immer klarer werden, was Rilke so an ihr angezogen hatte, gerade in seiner Kriegsverwirrung. Alles an ihr hat etwas von dem durchaus Internationalen, Unverpflichtenden, Ablenkenden.“ (ebd.) Für Rilke sei der Krieg wirklich eine Katastrophe…
In ihrem achten Brief berichtet Editha dann von ihrer Teestunde bei Rilke in der Widenmeyerstrasse bei den Picassos in der Wohnung von Hertha Koenig, die diese ihm während ihrer Abwesenheit auf ihrem Gut in Westfalen zur Verfügung gestellt hatte. Das Gespräch geht, nachdem die Bilder betrachtet worden sind, zunächst auf Ilse Erdmann ein, die Leidende, und auf den körperlichen Schmerz überhaupt. Dann erzählt Rilke von der Entstehung der „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“: „Eigene Erinnerung sei es nur im sublimierten Sinn“. (21) Aber auch auf seine schwere Jugend kommt er zu sprechen, auf Russland und Schweden. „Er habe einmal Lust gehabt, in Deutschland eine Schule zu gründen, wie er sie in Schweden angetroffen, diese Lust aber wieder verloren. In Deutschland würde immer gleich alles zu einem Befehl: sich frei zu entwickeln.“ (ebd.)
Länger wird über Flaubert gesprochen, schließlich aber lässt sich Rilke von Editha aus ihrer Zeit in Spanien erzählen, vom Maler Ignacio Zuloaga, den sie dort besuchte, und der Rilke aus Paris vertraut war. Auch von Venedig ist die Rede, von der Duse: „Rilke ging mit ihr, die Wohnung betrachten“, die ihr angeboten worden war. “Die Treppe sei in den dritten Stock hinauf eine Palasttreppe gewesen. Dieses Schauspiel, die Duse sie hinansteigen zu sehen! Die erste Treppe wie eine Fürstin, die zweite zögernd, etwas asthmatisch – die dritte wie eine Bettlerin.“ (24) Als Editha aufbricht, verspricht Rilke ihr eine Übersetzung aus dem heiligen Augustin, die er begonnen habe.
In den folgenden Tagen lernt Editha Klipstein Regina Ullmann kennen, trifft Mathilde Vollmoeller wieder, die sie aus Paris kennt, jetzt verheiratet mit Hans Purrmann, dem Maler.
Rilke begegnet sie häufiger in einem vegetarischen Restaurant, hat ein weiteres schönes Zusammensein mit ihm. Daraus erinnert sie: „Er sprach darüber, dass nicht wir die ‚Werke’ formen, sondern dasjenige, was zustande kommen soll, verbraucht uns Menschen, je nachdem ob wir guter oder nutzbarer Stoff sind. Der Gesang entringt sich der Materie, lässt ihre Leiden zurück und schwebt über allen, alle segnend, deren Blut er getrunken.“ (25/26)
Im vorletzten Brief, vom 3. August, heißt es: „Der zweite Nachmittag bei Rilke war fast noch schöner als der erste. Wieder war die Betrachtung der Bilder das Erste. Rilke war ganz aufgeregt über einen neuen Picasso, der bei Caspari zu sehen sei.“ (30) Es handelt sich um das Bild „Der Tod Pierrots“, das Rilke in einem langen Brief für Marianne Mitford beschreibt (20.7.15). Bei diesem Besuch stehen Ilse Erdmann und ihr Bruder Lothar im Mittelpunkt, Lothar, der in Laubach aus dem Feld erzählte: „In Ypern, - die Furchtbarkeit der ersten Straßenkämpfe dort, die Furchtbarkeit der Panik. Vollkommene Verwandlung des Menschen in etwas anderes, in ein Ungeheuer aus der Apokalypse. Rilke sagte: ‚Ja, das Erste ist immer das Eigentliche, vielleicht das einzige Erleben, - selbst bei dem Entsetzlichen tritt die Gewohnheit ganz schnell ein, - das Wagnis der ersten Wahrnehmung aber ist wie ein körperliches Wagnis, - ein tollkühner Sprung der Augen in etwas noch nie Geschautes’.“ (31)
Zum Abschied bringt Rilke ihr die erste Fassung von Flauberts „Éducation sentimentale“ zurück, die Editha ihm geliehen hatte. „Ein seltener Mensch, ja, das ist er wahrlich…“ (33)
Viele Jahre später hat Editha Klipstein, die inzwischen als Schriftstellerin mit ihrem ersten Roman „Anna Linde“ (1935) bekannt geworden war, ihre Erinnerungen an Rilke aufgezeichnet, 1948 in einem Entwurf, 1952 als einen Essay für den Sammelband „Gestern und heute“, in den dieser jedoch nicht aufgenommen wurde. Ihre Briefe an Ilse Erdmann hatte sie nach dem Freitod der Freundin 1924 zurückerhalten, sie lagen ihr also vor, als sie ihre Erinnerungen niederschrieb.
Auffallend ist es, wie sich über die Jahre alle Spontaneität verloren hat, die die Briefe auszeichnet. Einige Beispiele mögen das bezeugen. So etwa die Beschreibung Loulou Albert-Lazards: „Eine Erscheinung war sie, die überall auffallen musste. Getürmtes rotes Haar, ein bleiches zartes Gesicht mit entschiedener schöner Nase, - die Gestalt von der gebrechlichen Festigkeit und Fülle einer Rokokodame, das starke Hinken, Folge einer Kinderlähmung, machte diesen Schaden fast rührend; denn ein sehr eigenwilliges Temperament wünschte ihn immer wieder zu besiegen, das fühlte man sogleich.“ (203)
Oder: „Die Wohnung der abwesenden Frau Hertha Koenig stand Rilke ganz zur Verfügung. Wir saßen auf einem großen Divan, uns gegenüber ein mächtiger Picasso, wohl Frau Koenigs Eigentum. Zwischen Rilke und mir stand das Teebrett. Die Unterhaltung war ganz zwanglos und natürlich voller Inhalt. Rilke erzählte von Finnland [!], von Russland und den Tolstois …“ Und weiter: „Rilkes Besuche, die nun mir ganz allein galten, waren mir natürlich sehr kostbar. Ich sprach selber zuviel, was mir jetzt leid tut, ich hätte immer nur ihn erzählen lassen sollen. Aber trotz des Genusses erwachte in mir die erste Enttäuschung: dass, obwohl er zu mir allein sprach, es doch eigentlich ganz unpersönlich blieb.“(210) Davon ist doch in ihren Briefen nichts zu spüren, im Gegenteil, dort rühmt sie seine „Kälte“, die es ihr erleichtere, mit ihm zu sprechen (vgl. S.22).
Rolf Haaser, der die Texte zusammengestellt hat, bringt diese Erinnerungen im Anhang, der im Weiteren wichtige Briefe und Tagebuchauszüge enthält – von besonderem Gewicht ist der lange Brief, den Editha Klipstein nach Ilse Erdmanns Tod an Regina Ullmann schrieb und den diese an Rilke weitergab.
Für den Leser, der weniger vertraut ist mit den „Spuren eines ‚ausnahmsvollen Jahrs’“, wie Haaser es nennt, gibt er im Mittelteil des Bandes ausführliche Erläuterungen zu jedem einzelnen der Briefe, wodurch sich ihr Hintergrund mit Leben füllt. Darüber hinaus bietet er zwei „Exkurse“ aus den „Spanischen Erinnerungen“ Editha Klipsteins und ein „Schluß-Tableau“, den Blick auf den Laubacher Klipsteinturm.
In seinen „Bemerkungen und Beobachtungen zu Editha Klipsteins München-Briefen aus dem Sommer 1915“ schließt der Verfasser, wie er sagt „eine kleine, nichtsdestoweniger markante Lücke in der bisherigen Rilke-Biographik. Aber nicht nur die Person Rilkes gewinnt für den bestreffenden Zeitraum des Sommers 1915 an Anschaulichkeit, sondern gewissermaßen unter der Hand lassen sich für wichtige Personen aus Rilkes Umfeld deutlichere Konturen ziehen.“ (40).
Dieses Versprechen wird in vielen Einzelzügen eingelöst – unterstützt von den beigegebenen Abbildungen: auf die „Rübenputzerin“ wurde schon hingewiesen, eine aquarellierte Bleistiftzeichnung Editha Klipsteins auf Papier mit handschriftlicher Bezeichnung: „Rainer M. Rilke. Finkenstr. München 1915…“ (144) kommt leider nicht gut genug zur Geltung, im Original ist sie weit aussagekräftiger. Die vielen Photographien aus der Zeit erweitern noch einmal mehr den Umkreis, zumal auch zeitgenössische Werke, u. a. von Loulou Albert-Lazard, Karl Caspar, Paul Klee und Felix Klipstein einbezogen sind.
Schließlich sei auf die „Editorische Vorbemerkung“ des Verfassers hingewiesen, die Auskunft gibt über den Überlieferungsstand und die Quellenlage – z. B. sind die Briefe an Ilse Erdmann nur als Abschriften vorhanden und möglicherweise von Editha Klipstein schon in einzelnen Zügen überarbeitet. Haaser begründet auch, warum er keinen Stellenkommentar versucht hat – eigentlich ein Glücksfall, denn seine Art der Hintergrunderschließung ist weitaus leserfreundlicher als es Anmerkungen sein können.
Renate Scharffenberg