Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 5


 

Karl-Heinz Nusser: Menschenrechte und Leistungsgerechtigkeit. Philosophische Lehren in den Zeiten der Globalisierung. merus Verlag, Hamburg 2007, 184 Seiten, ISBN 10: 3-939519-15-4, ISBN 13: 978-3-939519-15-7, 17,90 €

Wenn es zum Wesen des Menschen gehört, dass er frei ist, alles zu tun, diese Freiheit aber zugleich den Menschen gefährdet, wie können dann dieser Freiheit Grenzen gezogen werden, ohne sie und damit den Menschen selbst zu negieren? Diese zentrale Frage der praktischen Philosophie hat seit der griechischen Antike zahlreiche Denker immer wieder umgetrieben und die veränderte Lebenswelt hat sie zu stets anderen Antworten geführt. Karl-Heinz Nusser verhandelt in seinem schmalen Bändchen einige Positionen dieser Tradition unter dem Blickwinkel einer Politischen Ethik für eine globalisierte Welt.

 

Unter Politischer Ethik versteht Nusser die Reflexion auf diejenigen allgemeinen Prinzipien, „die gegeben sein müssen, damit überhaupt ethisch gehandelt werden kann“ (S. 25). Dabei geht er von einem unlösbaren Zusammenhang von Politik und Ethik sowie von Recht und Ethik aus, der legitimations- und rechtstheoretisch eingeholt sein müsse. Grundlage dieses Gedankens ist die Annahme, dass es „[a]ufgrund einer gemeinsamen Menschennatur und ihrer Hingeordnetheit auf das mit der Vernunft erkennbare Gute [...] einen gemeinsamen Begriff von Recht und Freiheit und sozialer Wirklichkeit“ gebe (S. 13). Die Achtung dieser „Menschennatur“ sowie einer dem Menschen eignenden „'unantastbare[n] Würde'“ (S. 14f.) bilden die im Menschenrechtskatalog fixierten allgemeinen „ethischen Voraussetzungen“ sowie die „anthropologischen [...] Grundlagen“, die man verstehen müsse, um einen „Wegweiser für richtiges Handeln zu schaffen“ (S. 26). Einen solchen 'Wegweiser' unternimmt Nusser aufzustellen, indem er die ethischen Grundlagen der politischen Philosophie kritisch evaluiert.

Die notwendige Verbindung von Politik und Ethik (oder Moral, Nusser ist hier unentschieden) wird im ersten Kapitel entwickelt. Das zweite und längste Kapitel hat die politische Philosophie Platons und Aristoteles' zum Gegenstand, an denen sich Nusser systematisch auch am stärksten orientiert. Er betrachtet die Veränderungen von Platons idealem Staat der Politeia zu einem pragmatischeren Modell in den Nomoi hin sowie die Abwehr des platonischen Idealismus in Aristoteles' wirklichkeitsnäherer Philosophie. Hinsichtlich der bei Aristoteles betonten Gemeinwohlorientierung sei die Position der Nikomachischen Ethik immer noch aktuell. Im dritten Kapitel diskutiert Nusser den Philosophen, den er nur als Rückfall hinter die antike Philosophie begreifen kann: den materialistischen Theoretiker des isolierten, vorteilsbedachten Einzelindividuums, Thomas Hobbes. Eine Gemeinwohlorientierung kann Nusser hier nicht finden; so geht er weiter zu Kant, den er als Vertragstheoretiker liest, der den Vertragsschluss anders als Hobbes „aus der moralisch-rechtlichen Pflicht der praktischen Vernunft gegenüber begründet“ (S. 118). In Kapitel 5 diskutiert Nusser die Eigentumsproblematik entlang John Rawls' Theorie der Gerechtigkeit als Verteilungsgerechtigkeit. Hier kritisiert er das Differenzprinzip, u.a. weil es auch diejenigen „am schlechtesten Gestellten“ besser stelle, die „sich wegen mangelndem Fleißes usw. ebenfalls in dieser Gruppe befinden. Auf diese Weise würde Faulheit belohnt werden“ (S. 135). Die Kapitel 6 und 7 sind nicht mehr autorenzentriert, sondern behandeln Probleme des modernen Nationalstaates, darunter erstens die Frage, ob eine Nation wie Deutschland „einen deutschen Patriotismus“ ausbilden könne, der kein krankhafter Nationalismus sei (S. 138), und zweitens, wie wir mit der ökologischen Herausforderung umgehen sollen, in die wir durch die wissenschaftlich erweiterten Möglichkeiten des Könnens geraten sind und hinsichtlich derer wir die Grenzen des Sollens und Dürfens reflektieren müssen. Abschließend resümiert Nusser das Vorgetragene und stellt hier auch endlich vor, was unter Leistungsgerechtigkeit zu verstehen ist, nämlich „dass die Leistung der Maßstab für das Verdienst sein muss“, dass also „Arbeitswillige“ gerecht entlohnt werden müssen und nicht durch zu großes Risiko des modernen Kapitalismus bedroht werden dürfen (S. 172f.).

Der Band zeichnet sich durch seine Kürze und seinen klaren Ausdruck aus. In jedermann verständlichen Worten skizziert Nusser einige der wichtigsten Positionen der politischen Philosophie, unterstützt wird diese Deutlichkeit durch Schaubilder und grau unterlegte zusammenfassende Kästen. Wenn Nusser in einer Fußnote die Bedeutung des Wortes 'Holocaust' erläutert (S. 151), ist man geneigt zu glauben, es handle sich um ein Buch, das ich sich an einen denkbar uninformierten Leser wende. Zugleich allerdings verlangt das Buch dem Leser relativ viel ab, denn die einzelnen Ansätze werden sehr knapp dargestellt. Zur bloßen Verdeutlichung eines Argumentes gegenüber 'Insidern' sind sie hingegen zu lang geraten. Es fragt sich also, welche Leser das Buch ansprechen soll.

Für philosophisch Vorgebildete hält weiterhin die Kritik etwa an Hobbes, er gehe vom isolierten Individuum aus und verstehe den Bürgerkrieg als „Normalsituation des Menschen“ (S. 101) oder die an Rawls, dass der Urzustand eine „widersprüchliche Abstraktion“ sei (S. 135) nicht nur nichts Neues bereit (bzw. ist inzwischen sogar durch vorsichtigere Lektüren differenziert), sie ist zum Teil auf ärgerliche Weise falsch begründet. So behauptet Nusser, die Macht des Souveräns bei Hobbes sei uneingeschränkt, da das Recht auf Selbsterhaltung aufgegeben werde (vgl. S. 101). Das ist nun gerade nicht der Fall; kann der Hobbes'sche Souverän die Erhaltung seiner Individuen nicht mehr garantieren, so übt er keine legitime Herrschaft mehr aus. Zudem ist es nicht richtig, dass Hobbes' Theorie des Politischen nicht am Gemeinwohl orientiert sei, es ist vielmehr zentrales Element seiner Theorie. Nusser führt mit Otfried Höffe und Wolfgang Kersting zwar zwei Hobbes-Lektüren auf der Höhe der Forschung in den Fußnoten an, hat sich in seiner Lesart aber offenbar einen eigenständigen Zugang bewahren können.

Der Titel verspricht eine Diskussion „philosophischer Lehren in den Zeiten der Globalisierung“, doch mit wesentlichen Momenten der Globalisierungsdiskussion hat sich Nusser gar nicht befasst, so etwa mit dem Problem der Ungleichzeitigkeit, dem nationaler rechtlicher Richtlinien, die im Ausland umgangen werden können oder dem extremer Ungleichgewichte zwischen Erster und Dritter Welt, um nur einige Punkte zu nennen. Den philosophisch gebildeten Leser verwirrt weiterhin der ungebrochene Umgang mit ethischen und anthropologischen „Grundlagen“, deren Problematisierung im Sinne einer kritischen Philosophie Nusser nicht einmal zu erwägen scheint. Dafür können die Lesenden erfahren, dass Nusser die Rechtschreibreform für verfehlt hält, dass ausländische Mitbürger deutsch lernen müssen (vgl. S. 148), dass wir nicht nur eines Verfassungspatriotismus, sondern eines „allgemeinen Patriotismus“ bedürfen, in dem „das Gemeinwohl den gefühlsmäßigen Rang bekommt, der ihm zusteht“ (S. 152), dass Atomkraft zwar eine risikobehaftete Angelegenheit sei, alternative Energien aber auch „nicht unproblematisch“ seien, weshalb „die Option für Atomkraft an Bedeutung gewinnt“ (S. 162, S. 166), dass Tierexperimente ebenfalls problematisch seien (S. 165) und dass die Stammzellforschung mit dem Prinzip der Menschenwürde nicht zu vereinbaren sei (vgl. S. 169). Diese Haltung zu aktuellen Problemen mag man im Einzelnen teilen oder nicht, darüberhinaus sei die Frage dahingestellt – um eine von Nusser gerne verwendete Formel zu verwenden – ob eine philosophische Auseinandersetzung der richtige Ort für ihre Äußerung sein kann.

Nele Schneidereit

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]