Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 6


 

J. Baudrillard, E. V. Noailles: Gesprächsflüchtlinge, Übers. v. Richard Steurer, Passagen Verlag, Wien 2007, 152 Seiten, ISBN 978-3-85165-780-7, 18,90 €

Bei dem hier vorliegenden Band handelt es sich zweifelsohne um eine fatale Strategie, um metaphysische oder post-, trans-, simulmetaphysische Dichtung vom Feinsten. Alles wird bis zum Äußersten ge- , übertrieben, die Wirklichkeit, das Denken, die Illusion abgetrieben, sich selbst treiben lassend, subjekt- und substanzlos, reines Fließen, Transfusion, Transfiguration, Trans – panta rhei. Denken geschieht, ereignet sich, akteur- und sinnlos, freies Spielen der Illusion sowie ihres Gegenteils sowie ihrer Überbietung und Auflösung, ihrem Verschwinden sowie dem Verschwinden ihres Gegenteils, der Wirklichkeit. Wie bei einem Wasserfall stürzt das Denken sich hier scheinbar in die Tiefe, die dann doch nur Oberfläche ist. Einen genauen Eindruck dieser Form der Dichtung, die sich dichtet, verdichtet zur Ununterscheidbarkeit, Gleichgültigkeit, Indifferenz, gewinnt man nur durch einige Zitate: „Warum muss man die Illusion durch das Reale bannen?“(52) „Vielleicht gibt es eine duale und unlösbare Ambivalenz des Denkens: ein Denken, das die absolute Desillusionierung der Welt will, und ein Denken, das versucht, die Welt zur Illusion zurückzubringen. [...] Das Denken produziert das Reale, die Realität als Herausforderung der Illusion.“ (54) „Aber man kann sich vorstellen, dass die Illusion sich rächt, indem sie das Reale in die Simulation stößt, sodann ins Virtuelle und in die integrale Realität.“ (55) „Das Reale könnte eine Franse der Illusion im Inneren des Möbiusbandes sein. [...] In dieser Weise ist das Reale vielleicht das, was der Illusion erlaubt, ihre radikale Form anzunehmen und die Brechung der Illusion im Realen wäre das, was ihre eigene Form vervollständigt.“ (63) „[...] eine radikale, ursprüngliche (initiatorische) Form, die der Illusion – das Reale ist die erschöpfte, desintensivierte Form davon – und die Simulation, noch desintensivierter, die minimale Phase.“ (67) usw. usw.

Geradezu nebenbei bietet diese Poesie einen Durchgang durch das Denken, die Illusion des Denkens, ihre Simulation bei Baudrillard. Es werden zahlreiche aus anderen Werken bekannte Begrifflichkeiten, Trugbilder von Begrifflichkeiten wie Wirklichkeit, Illusion, Simulation, Überbietung, Exzess erwähnt, vorrangig dominieren aber Begriffe wie Niedergang, Auflösung, etc. die ein trügerisches Bild, ein Trugbild der Wirklichkeit zu beschreiben meinen von einer Wirklichkeit, deren Ableben sie konstatieren und nostalgisch bedauern, da einerseits die Realität als Produkt des Denkens Auflösung ist, andererseits die übrigbleibende Lösung unerträgliche Schwebe ist, anfangs- und ursprungslos, damit auch ziel- und sinnlos. Der Dialog erweist sich performativ als die Illusion, das Spiel, das er denkt oder zu denken vorgibt, mit jener anderen Denkform, die nicht analytisch auflösend, sondern Transfusion, Transmutation, Fließen ist, darin wir stets in denselben und in einen anderen Fluss steigen, Widersprüche selbst zum Widerspruch werden, die entwirklichte Wirklichkeit Wirklichkeit wird, nicht ist. Am Ende ist es kein Denken, sondern Reflexion von etwas, was Denken war. So bedeutet für Baudrillard die Begriffsbildung eines Phänomens bereits dessen Verschwinden durch die Reflexion, die dieser Begriff erlaubt. So ist dieses Buch ein Abgesang auf das Verschwinden jener Realitäten, Illusionen und Simulationen, die es in Begriffe fasst, die Reflexion auf die Selbstauslöschung des Baudrillardschen Denkens, das nur noch Reflex, Reflektion, Reflexion ist (oder sollte man mitspielen? Seine Refektion, Defektion, Reflux ...?). Vermutlich hänge ich noch zu ernsthaft der Realität der Illusion oder der Illusion der Realität nach, so dass ich mir zumindest etwas mehr philosophisches Fingerspitzengefühl erwartet hätte: „Das Bild ist die Schnittstelle des Lichts, das vom Objekt kommt und des Lichts, das vom Blick kommt. –Das ist großartig! Das steht bei Platon? –Ich hoffe, ansonst ist es Teil meiner falschen Zitate!“ (109) Darauf lässt sich nur mit Baudrillard selbst entgegnen: „Es genügt nicht, zu delirieren, um besonders zu sein. Es genügt nicht, unverständlich zu sein, um genial zu sein.“ (127) Q.E.D.

Alexander Chucholowski

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