Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 6


 

Heiligkeit inmitten der Welt

von Karl Hagemann

Elisabeth von Thüringen war eine Heilige mit einem außerordentlichen Leben. Ist Heiligkeit aber nur etwas für Landgräfinnen des 13. Jahrhunderts? Was bedeutet Heiligkeit für den gewöhnlichen Christen im 21. Jahrhundert? Können und sollen auch ein Busfahrer, eine Schauspielerin, ein Hartz IV - Empfänger, ein Börsenmakler, ein Profifußballer oder eine alleinerziehende Hausfrau heilig sein? Im Folgenden soll es mehr thesenartig um unterschiedliche Aspekte der objektiven Bedingungen der Möglichkeit einer Heiligkeit in christlicher Perspektive gehen.  

 

Die Heiligkeit Gottes

Zu Zeiten Elisabeths von Thüringen bis heute gilt: Heilig ist allein Gott. Ein Mensch ist nur heilig, insofern er an der Heiligkeit Gottes teilhat, nur als Geheiligter. Gott ist reiner Geist. Die objektive Heiligkeit Gottes besteht in seiner absoluten Seinsfülle und Vollkommenheit, die subjektive in dem uneingeschränkten Wollen seines Gutseins. Die geoffenbarte Dreifaltigkeit Gottes kann in Analogie zum menschlichen Geist als Selbsterkenntnis (Logos) und Selbstbejahung (Hl. Geist) plausibilisiert werden (Augustinus).  

 

Heiligkeit und Freiheit

Der Mensch als Geschöpf fiele ins Nichts, wenn er von Gott nicht in seinem Sein erhalten würde. Der Mensch ist deshalb nicht "ins Nichts gehalten" (Sartre), sondern gehalten von Gott. Ohne Gott kein Mensch. Der Mensch ist nie einsam. (Jesaja 45, 19: "Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht." (unmittelbar zu Zion)). Der Mensch ist nicht zur Einsamkeit verdammt (Camus), sondern zur Gemeinsamkeit mit Gott berufen. Jeder Mensch ist von Ewigkeit her vor aller Zeit ein Gedanke Gottes. Ohne den absoluten Geist gibt es keinen endlichen Geist. Ohne einen menschlichen Geist gibt es keinen Heiligen Geist im Menschen. Die Bestimmung des Menschen ist es, dem Anruf des liebenden Gottes, der ihn erschaffen hat, zu antworten.

Heiligkeit bedeutet volle Selbstverwirklichung des Menschen. Nur der Heilige verwirklicht sich selbst. Der Mensch ist von Gott auf Gott hin geschaffen. Gott zu lieben bedeutet keine Fremdbestimmung, keine Selbstentfremdung, weil das eigene Selbst von Gott ist. Die alte Antithese von Auto-Nomie (Selbstgesetzgebung) und Hetero-Nomie (Fremdgesetzgebung) ist aufgehoben in der Synthese der Theo-Nomie (Gesetzgebung Gottes). Heiligkeit verwirklicht die im Menschen angelegte Gottesoffenheit und Gottesbezüglichkeit. Das Übernatürliche ist das dem Menschen Natürliche, auch wenn der Mensch durch eigene Leistung nichts Übernatürliches bewirken kann. Heilig zu leben, ist die dem Menschen natürliche Lebensweise. Kein Mensch ist wirklich religiös unmusikalisch. Gott raubt dem Menschen nicht seine Freiheit (so Sartre), sondern schenkt sie ihm. Nur der Heilige ist wirklich frei. Die Abkehr des Menschen von Gott (Sünde) ist zugleich eine Abkehr von seinem wahren Selbst. Sünde besteht im Kern nicht darin, dass Gott den Menschen nicht liebt, sondern dass der Mensch sich nicht von Gott lieben lässt.  

 

Heiligkeit und Liebe

Heiligkeit ist weder dinghaft noch distanzhaft, sondern personale Begegnung der Liebe, Herzenseinheit. Der absolute Geist kommuniziert mit dem kontingenten Geist. Heiligkeit besteht in der Beziehung von Gott als Person zum Menschen als Person, von Du zu Du, von Herz zu Herz. Der Mensch ist, weil Gott ihn von Ewigkeit her sah und in der Zeit ins Sein gerufen hat. Ich bin geliebt, also bin ich. Der Mensch ist Person, weil Gott ihn anruft. (Jesaja 43,1: "... ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir" (unmittelbar bezogen auf Israel).) Dieser Ruf Gottes ist zugleich ein Ruf zur Heiligkeit, zur Gemeinschaft mit Gott.

Heiligkeit heißt, Gott aus ganzem Herzen und ganzer Seele zu lieben, mit all seinen Gedanken und all seiner Kraft (vgl. Markus 12, 30; Deuteronomium 6, 4f.: "Höre, Israel ! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.") "Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Markus 12, 31; Levitikus 19,18). ("Ich habe euch immer gesagt, dass wir die Menschen fröhlich machen müssen" (Elisabeth v. Thüringen).) Die Liebeseinheit mit Gott beginnt auf Erden und findet ihre Vollendung in der Gemeinschaft mit Gott nach dem irdischen Tod.

Gott ist der ganz Andere und der ganz Innere zugleich. Gott ist uns innerlicher ist als wir uns selbst innerlich sind (Augustinus). Nur das dem Menschen innere Du Gottes schlägt eine Brücke zum äußeren Du des anderen Menschen. Nur mit Gott als Vater wird der andere zum Bruder und zur Schwester. Ohne Vater kein Bruder und keine Schwester. Ansonsten bleibt der andere uneinholbar fremd - bei aller "Unmöglichkeit der wissenden Sicherheit um einen Menschen" (H. Arendt). Das Ja zum Anderen schließt Fremden- und Feindesliebe ein. Ein Nein zum anderen bedeutet ein Nein zu Gott. Gott ging aus sich heraus ("nahm Knechtsgestalt an" (Paulus)), damit der Mensch auf den Menschen zugeht. Wer den Nächsten nicht liebt, den er sieht, liebt auch Gott nicht, den er nicht sieht (Paulus).  

 

Heiligkeit und Sünde

Der Mensch ist Ebenbild Gottes und ein Nichts und Sünder zugleich. Gott macht den Menschen zu seinem Ansprechpartner und Freund ("Nicht mehr Knechte nenne ich Euch, sondern Freunde"). Die Heiligen sind die Freunde Gottes, Kinder Gottes, Mitglieder der Familie Gottes. Die Freundschaft mit Gott lässt sich nicht verdienen, nicht erleisten (Luther). Mit der Hilfe Gottes muss der Mensch sich jedoch von ihm beschenken lassen. ("Alle Menschen sind von Gott zum Heil in Christus berufen. Allein durch Christus werden wir gerechtfertigt, indem wir im Glauben dieses Heil empfangen. Der Glaube selbst ist wiederum Geschenk Gottes durch den Heiligen Geist, der im Wort und in den Sakramenten in der Gemeinschaft der Gläubigen wirkt und zugleich die Gläubigen zu jener Erneuerung ihres Lebens führt, die Gott im ewigen Leben vollendet" (Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche (1997).)

Gott erhält das Sein auch in seiner Dynamik. Gott ist der Herr der Geschichte. Nichts geschieht ohne seine Vorsehung. Nichts ist Zufall. Dies bedeutet keine Determination und keine Prädestination (so Calvin). Gott respektiert die Freiheit des Menschen als notwendige Voraussetzung für eine Liebe zu ihm. Jeder Augenblick im Leben eines Menschen hat einen Sinn. In jeder Situation liegt Aufgabe und Gabe.

Der Grundsatz: "Alles gereicht zum Guten!" (Paulus) ist weder Placebo noch Opium. Die reale Welt macht nur Sinn, wenn auch das Kreuz Sinn macht. ("Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen" (Bonhoeffer).) Die Ungerechtigkeit, das Leid der Welt nimmt in der Weltzeit kein Ende. Das Himmelreich auf Erden ist eine Utopie. Das bloße "Prinzip Hoffnung" (Bloch) der Abgesang der Hoffnung. Gott ist überall, nur nicht im sündhaften Willen des Menschen. Das Böse ist ein Mangel an Gutem (Origines, Augustinus). Gott ist und bleibt jedoch bei dem Träger des sündhaften Willens. Gott lässt die Sünde zu, nicht weil er die Sünde will, sondern weil er die Freiheit zur Liebe will. Wenn Gott nicht in Ausschwitz war, ist er nirgendwo. Ohne Gott kein Himmel, ohne Gott keine Hölle.  

 

Heiligkeit des Leibes

Die Heiligkeit des Menschen erfasst ihn als ganze Person. Der Mensch ist mit Leib und Seele zur Heiligkeit berufen. Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Die geistige Seele ist Form des Leibes (Aristoteles). Die Einheit von Seele und Leib ist substantiell. Die Seele ist in jedem Teil des Leibes. Im großen Zeh ist die Seele nicht anders präsent wie im Gehirn. Das Gehirn ist Organ, nicht Sitz der Seele. Daran ändern auch neue bildgebende Verfahren nichts. Der Leib gehört zur menschlichen Person nicht als Gefängnis (Platon) und nicht als Maschine mit dem Gehirn als Maschinenführer. Leiblichkeit und konkret die Sexualität des Menschen sind von Gott gewollt.  

 

Heiligkeit und Mittlerschaft

Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werden konnte (Johannes Chrysostomus; Meister Eckhart). Heiligkeit des Menschen bedeutet Vergöttlichung des Menschen durch Gott. Heiligkeit ist Teilhabe an der göttlichen Natur. Der ewige Gott nahm in der Zeit eine menschliche Natur an, damit der zeitliche Mensch für alle Zukunft an seiner göttlichen Natur teilhaben kann. Der Mensch kann sich nicht selbst aus seiner Gottferne befreien. Selbsterlösung ist Hybris. Es bedarf der Hilfe Gottes. Nur Gott kann eine Brücke zwischen sich und dem Menschen schlagen. Allein durch Gott kommt der Mensch zu Gott. Gott selbst wurde zum Brückenbauer, zum Pontifex maximus, durch seine Menschwerdung. Zwischen dem Menschen und Gott gibt es nur einen Mittler und einen Priester, Gott selbst, der die menschliche Natur angenommen hat.

Das Angebot Gottes für die Menschen beschränkte sich nicht auf eine bestimmte Zeit oder auf einen bestimmten Ort. Christus schuf sich für die Zeit nach seiner Auferstehung die Kirche als Organon in der Zeit. Die Kirche ist das Werkzeug Christi. Der Heilige Geist ist die Seele der Kirche. Die Kirche ist Volk Gottes und gegliederter, organischer, übernatürlicher ("mystischer") Leib Christi (Paulus). Es gibt nur einen Gott, einen Mittler und eine Kirche. Heiligkeit ist eine kirchliche oder sie ist keine. ("Die Kirche ist heilig, aber sie wird gebildet von Männern und Frauen mit Grenzen und Irrtümern" (Benedikt XVI.).) Heiligkeit ist kein Sololauf zu Gott. Wo Liebe ist, ist Gott. Wo Gott ist, ist Christus. Wo Christus ist, ist Kirche. Gott wirkt und schenkt Liebe, wie er will und wo er will. (Der Heilige Geist weht, wo er will.) Er hat eine sichtbare Kirche gegründet als gewöhnlichen Weg der Menschen zu ihm. Dies nimmt ihm nicht die Freiheit, auch außerhalb seiner sichtbaren Kirche zu wirken. Die Menschen können außerhalb der institutionellen Kirche als geplanter Straße auch über Um- und Irrwege zu ihm gelangen. Viele sind in der Kirche, die draußen sind, und viele sind draußen, die in der Kirche sind (Augustinus).  

 

Ruf zur Heiligkeit kraft Taufe

Mensch sein heißt, zur Heiligkeit berufen zu sein. Christ sein heißt, geheiligt zu sein in Christus Jesus (Paulus). Heiligkeit inmitten der Welt heißt, diese Taufgnade und Taufberufung zu leben. Nicht weil man Papst oder Mitglied des Gemeindekirchenrates ist, ist man heilig, so gut dies alles sein mag. Ein Straßenkehrer ist nicht anders zur Heiligkeit berufen wie ein Papst und kann heiliger sein wie ein Papst. Ämter und Engagement in der Kirche haben der Heiligkeit der normalen Gläubigen in deren Alltag zu dienen und sind nicht Inbegriff der Heiligkeit. Heiligkeit in der Welt bedeutet weder Klerikalisierung der Laien noch Laisierung der Kleriker.

Zur Heiligkeit ist jeder berufen, nicht nur ein Priester oder ein Ordensmann. Das Taufpriestertum eines jeden Gläubigen zu betonen, bedeutet nicht, das Weihepriestertum zu leugnen oder den Ordensstand aufzugeben (so Luther). Jeder Christ, Frau oder Mann, hat kraft Taufe eine "priesterliche Seele" ("Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft ...", 1 Petr 2, 9; II. Vatikanisches Konzil). Nicht der Amtspriester ist der bessere Christ, sondern der, der Christus mehr liebt.

Steine sind nicht heilig und machen nicht heilig. Sie können nicht eins werden mit Gott in Liebe. Heilige Orte und Heiligtümer sind in einem nur abgeschwächten, abgeleiteten Sinn heilig, weil sie ganz dem Dienst, der Erinnerung des einzig heiligen Gottes gewidmet sind. Gott ist in einem Kuhstall nicht weniger präsent als in einer Kirche (Meister Eckhart). Ausgenommen ist das Allerheiligste, wo Gott in der besonderen Weise der eucharistischen Präsenz gegenwärtig ist. Nicht heilige Orte oder Dinge machen heilig. Sie sind nur Hilfsmittel. Der Geruch der Heiligkeit des normalen Gläubigen ist der von Schweiß, nicht von Weihrauch (Puhl).  

 

Heiligkeit in der Gesellschaft

Heiligkeit in der Welt ist nicht apolitisch, aber auch nicht politisiert oder parteipolitisch. Heiligkeit in der Welt ist politisch nur erträglich, wenn sie verbunden ist mit Achtung der Religionsfreiheit der Anderen (II. Vatikanisches Konzil) und mit einem politischen Pluralismus (Ich bekämpfe deine Meinung, aber ich kämpfe darum, dass du sie sagen darfst (Voltaire)), ohne in einen Relativismus zu verfallen. Dies bedeutet: Verzicht der kirchlichen Gemeinschaften auf politische Steuerung der Laien. Dies muss korrespondieren mit der politischen Eigenverantwortlichkeit der Laien in der Politik. "Hier stehe ich und kann nicht anders !" (Luther) ist Jedermanns Devise. Deshalb ist nun nicht jeder ein Privatpapst, vielmehr ist Verantwortung mit gebildetem Gewissen und Ethos zu verbinden.

Die transzendente Verankerung der Heiligkeit befreit den Menschen vom "Man" (Heidegger) zum "Ich" und "Du" (Buber), reißt ihn aus der Gleichschaltung durch die Matrix der Bewußtseins- und Konsumindustrie heraus, bewahrt ihn vor "Verlassenheit" (H. Arendt) und führt ihn zu einer kritischen Emanzipation vom Zeitgeist. Der Heilige lebt im permanenten Widerstand zur Scheinwelt.  

 

Heiligkeit und Wissenschaft

Jede existierende Seinsform hat ihren Grund im Erkennen Gottes. Der Logos Gottes begründet die Welt und macht sie ein-sichtig. Die Vernünftigkeit des Seins, die Wahrheit der Dinge (Pieper), beruht darauf, dass sich der Geist Gottes, die Melodie Gottes in seine Schöpfung eingeschrieben hat. Wissenschaft ist nur ein Nachvollzug der Gedanken Gottes. Ein Gegensatz von Wissenschaft und Glauben ist von daher a priori ein Scheingegensatz. Es gibt eine Chiffre Gottes in der Natur ("Die Natur ruft von Gott" (Voltaire)). Die Hinwendung zur Schöpfung, zur Welt, entfremdet nicht von Gott, sondern folgt seinen Spuren.  

 

Heiligkeit in der alltäglichen Arbeit

Heiligkeit im Alltag ist möglich, weil Gott alltäglich ist. Der alltägliche Gott ist ein Gott der kleinen Dinge. Nur das Konkrete ist wirklich wirklich. Die Selbstwerdung und die Vergöttlichung des Menschen durch Gnade vollzieht sich nur im Hier und Jetzt, im konkreten Diesem und Jenem, nicht im Gestern und im Morgen, nicht im Anderswo und Anderssein.

Der Alltag als Treffpunkt mit Gott schließt keinen Bereich aus. Ob man eine Nobelpreisrede hält, die Windeln des Kindes wechselt, im Urlaub am Strand liegt oder einen Berg erklimmt: nichts ist belanglos, nichts gottlos. Der natürliche Wert einer menschlichen ehrenvollen Handlung liegt darin, dass sie eine menschliche Person verrichtet (Papst Johannes Paul II.), der übernatürliche Wert hängt davon ab, ob und wie sie von der Liebe zu Gott durchdrungen ist (Theresia von Liseux). Nicht die Bezahlung, nicht der Ruhm, nicht das gesellschaftliche Prestige sind entscheidend. Die Idolisierung der Erwerbsarbeit, die "Häresie der Tüchtigkeit" (D.v.Hildebrandt) ist eine implizite Verneinung sowohl des natürlichen als auch des übernatürlichen Werts der menschlichen Tätigkeiten. Dies bedeutet keine Nivellierung unterschiedlicher Sachwertigkeit (D.v.Hildebrandt). Geld, Ruhm, Macht, Form, Schönheit, Jugend oder Fitness sind nicht in sich schlecht - entscheidend ist, ob sie dem Dienst an anderen dienen. Ein Bild von Rembrandt ist der Sache nach wertvoller als das Bild der vierjährigen Tochter zum Geburtstag ihrer Mutter. Der Person und der Liebe nach kann das Geburtstagsbild des Kindes aber wertvoller sein als ein bezahltes Auftragsbild von Rembrandt.

Die Arbeit ist zu heiligen, nicht zu vergötzen. Die Arbeit zu heiligen heißt, sie aus Liebe zu Gott und zu den Menschen zu verrichten. Die Ausrichtung auf Gott setzt Lauterkeit der Absicht ("Alles meinem Gott zur Ehre") und das Ringen um eine gut getane Arbeit voraus. Arbeit ist Teilhabe des Menschen an der Schöpfung Gottes und für den Christen auch Teilhabe an der Erlösung der Welt durch Christus. Das Mischungsverhältnis von Kreativität und Stupidität der Arbeit wechselt, die Schöpfungs- und Erlösungsdimension einer jeden Arbeit bleibt. Wenn Gott Mensch wurde, ist Gott nichts Menschliches fremd. Erlösung fand nicht nur durch Tod und Auferstehung statt, sondern auch in den Jahren der unscheinbaren Arbeit Jesu in Nazareth. Die Göttlichkeit Christi war in der Werkstatt keine andere als am Kreuz. Heiligkeit im Alltag bedeutet, das verborgene Leben Jesu leben. Arbeit wird so zum Gottesdienst.

Eine gegenseitige Durchdringung von Arbeit und Gebet gelingt nur in einer lebendigen Gottesbeziehung. Nur der Beter verwandelt die Arbeit in Gebet. Ansonsten droht die Anbetung der Welt statt der Anbetung Gottes. Nur kontemplativ mitten in der Welt gelingt Heiligkeit inmitten der Welt: "Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein" (Rahner).

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