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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 6
Seit Jahrzehnten erfreut sich in gewissen Zeitschriften eine Bildform großer Beliebtheit, an die sich die Frage knüpft: „Wo steckt der Mensch?“ Eingewoben in eine Textur aus Linien und Strukturen sei – so wird behauptet – eine Person verborgen; aus einem Gewirr bedeutungsloser Formen soll Information herausgelesen, in einem Netz linearer Bezüge soll ein Individuum verortet werden.

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Die sogenannte bildende Kunst findet sich seit jeher in der nämlichen Lage. Überall dort, wo sie sich Ernst nimmt, tritt sie auf als die Bemühung, den Menschen auszumachen: herauszufinden, was ihn ausmacht, also aus einem Geflecht widersprüchlicher Informationen und im Spannungsfeld von Besonderem und Allgemeinem so etwas wie die „Wesensmerkmale“ eines Individuums zur Anschauung zu bringen.
Doch sieht sich dieses humane Grundanliegen der künstlerischen Praxis seit einiger Zeit in einer prekären Lage. Durch mechanische Abbildungsverfahren wie die Fotografie und neuerdings die grenzenlosen Manipulationsmöglichkeiten des Digitalen wird die Krise des Menschenabbildens unübersehbar: Die Kunst der Oberfläche versagt angesichts der mühelosen und folglich massenhaften Produktion von Images. Die Wahrheit hat sich auch hier verlagert: Das „Eigentliche“ erschöpft sich nicht mehr im Augenschein und dessen unentwegter Wiederkehr. Aussehen sagt nichts mehr aus.

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Neue Porträts braucht das Land! Nicht etwa, weil es einen neuen Menschen gäbe, wohl aber, weil die alten Abbildungsmodalitäten gegenüber dem, was man als das Zentrale eines Individuums erachtet, mittlerweile ins Hintertreffen geraten sind. Das Kriterium der Ähnlichkeit – überkommener Maßstab jeder Porträtkunst – ist in Auflösung geraten. Denn das Charakteristische wird nunmehr jenseits der Oberfläche lokalisiert, also auf einer Ebene, die üblicherweise von der Bildniskunst nicht erfasst wird. Individualität findet nicht mehr dort statt, wo sie traditionell gesucht, gefunden und reproduziert wurde; neue naturwissenschaftliche Einsichten haben eine neue Definition von Persönlichkeit hervorgebracht: eine ganz andere physische Verortung von dem, was herkömmlich als Identität bezeichnet wird.
Neue Porträts werden also gesucht. Und sie finden sich in den Arbeiten von Ingrid Hermentin. Denn diese Künstlerin ist es, die den Paradigmenwechsel vollzieht und jenen aktuellen Typus des Bildes entwickelt, der tiefer greift: der unter die Haut geht, der verborgenere Schichten erschließt, gravierendere Informationen vermittelt und fundamentaleren Kriterien gehorcht als dem der äußeren Ähnlichkeit.
Ihr Verfahren nennt Ingrid Hermentin „Transkription“: zu verstehen als ein mehrschichtiger Bildfindungsvorgang, an dessen Anfang die technische Umwandlung der physischen Gestalt in eine digitale Existenzform steht: die computergestützte Auflösung konkreter Körperlichkeit in eine kybernetisch behandelbare Zeichenfolge. Um zu einem adäquateren Abbild des Körpers zu kommen, bedarf es also zunächst eines Vorgangs der Umschreibung aller sichtbaren Strukturen: Der Körper muss entkörperlicht werden, um im digitalen Zustand dem gestaltenden Zugriff zugänglich zu sein. In einem weiteren Schritt wird dann das in die Pixel-Struktur überführte Abbild überlagert von der umfangreichen Palette desjenigen Zeichenmaterials, mit dem die biowissenschaftlichen Spezialisten dem Individuum auf der Spur sind – von den Visualisierungen, mit denen die DNA-Sequenzierung arbeitet, aber auch von weiteren Verschlüsselungen, die im wissenschaftlich-technischen Umgang mit den Eigenschaften lebendiger Wesen entwickelt worden sind: von maschinell lesbaren Codes bis hin zu kalligraphischen Spuren handschriftlicher Notationen aus dem Labor-Alltag.
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In dieser komplexen Verschränkung und Schichtung der Symbolsysteme und Vergegenständlichungsstrategien erörtert Ingrid Hermentin die Frage nach der Identität – nach deren physiologischen, aber auch philosophischen Ort. Ihr Prozess der Bildfindung ist daher zugleich einer des kritischen Befragens, des Infragestellens derjenigen Kriterien, nach denen Identität bemessen wird: Ist das Individuum kongruent mit der Summe der ihm extrahierbaren Informationen? Oder doch vielleicht mehr als das Ergebnis solcher Rechenoperationen? Als sich die diesjährige Kasseler documenta unter anderem die Leitfrage nach dem „bloßen Leben“ stellte, hätte sie hier eine vertiefende Antwort finden können.
Bei der Entwicklung der Möglichkeiten des innovativen Porträtierens ist sich die Künstlerin zunächst selbst am nächsten: Am Anfang waren jene Köpfe, die das vernetzte Zusammenwirken genetischer, kultureller und technologischer Systeme am eigenen Leib erprobten. Stand Ingrid Hermentin mit diesen physiognomischen Transkriptionen am Rand eines digitalen Abgrunds, geht sie mit ihrem Projekt „Transkriptionen_dechiffriert“ einen entscheidenden Schritt weiter. Ihr Ansatz verschärft sich: von der Simulation zum biogenetischen Erstfall. In dieser neuen Werkserie nämlich wird ihr authentisches DNA-Muster, ihr eigener genetischer Fingerabdruck, in ihre Selbstbildnisse eingebaut. Lebende Bilder entstehen, in denen die Künstlerin ihre Individualität auf die radikalst mögliche Weise zur Schau stellt.
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Und sie verlangt diese Selbstentäußerung auch von anderen: Fünf Frauen hat sie gefunden, die sich einverstanden erklärten, ihre mit Hilfe einschlägiger Fachinstitute gewonnenen persönlichen Daten (Daten, wie sie persönlicher nicht sein können) für eine künstlerische Bildstruktur zur Verfügung zu stellen. Konfrontiert mit ihrem eigenen Erbe, hatten sie dieses zur Kenntnis zu nehmen und zugleich öffentlich darüber Auskunft zu geben. Ihre Modelle waren also bereit, sich selbst einzubringen in einen eigenartig berührenden Vorgang, den wohl nur diejenigen recht zu empfinden vermögen, die es selbst existentiell betrifft – wird doch statt des flüchtig-zufälligen (zum Beispiel fotografischen) Abbilds, dessen Authentizität jederzeit durch den Hinweis auf eben die Flüchtigkeit und Zufälligkeit des festgehaltenen Augenblicks problemlos bestritten werden kann, nun eine unanfechtbare Stellungnahme geliefert: eine objektive Analyse, in der – wenn auch verschlüsselt – Wohl und Wehe der Betreffenden eingeschrieben sind.
Und diese Porträts sind rücksichtslose: Sie orientieren sich nicht mehr an den historischen Errungenschaften der Gattung, noch stellen sie in Rechnung, wie die Dargestellten selbst gesehen werden wollen. Außerdem geht dieses zeitgemäße Abbildungsverfahren auf Kosten der Wiedererkennbarkeit. Denn die genetisch manipulierten Physiognomien bringen – jenseits von Illusion und Schein – andere Merkmale zum Ausdruck als das der Abbildlichkeit; von physiognomischer Anwesenheit kann kaum noch die Rede sein. Subjektive Ähnlichkeit wird in Richtung eines objektiven Bildes zurückgedrängt. So wird mit zunehmender Detailgenauigkeit das Abbild zum Suchbild: Je exakter das Porträt gerät, desto unidentifizierbarer wird es. Folglich wäre der höchste Grad an Übereinstimmung mit der Wirklichkeit dann erreicht, wenn alle naturalistischen Elemente restlos im Rauschen der Pixelstruktur aufgegangen sind – d.h. wenn auch der räumliche Abstand, der bis dato einen Wiedererkennungseffekt garantiert hatte, nicht mehr hilft. Ingrid Hermentins Formel „Information auf Distanz“ gewinnt in ihren jüngsten Dechiffrierungen eine neue Facette: Hier schmilzt die Differenz zwischen Subjekten und Objekten, Künstlerin und Publikum rücken den Modellen näher als es je möglich war, zugleich aber ist die Distanz so groß wie nie zuvor.
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Die Frage nach den Bedingungen einer zeitgemäßen und zugleich wahrhaftigen visuellen Widerspiegelung von Wirklichkeit führt also zu synthetischen Physiognomien: zu einem Menschen-Bild, wie es noch keines gab, zu einem Abbild, das exakter (der Realität entsprechender) abbildet als alle jemals praktizierten Darstellungsverfahren es vermochten. Es ist wahrer, doch ist es zugleich auch fremder. Denn es wirkt unvertraut, vielleicht sogar erschreckend in dem Maße, wie es sich nicht mehr an die Gattungskonventionen hält, sich eben gerade nicht mehr mit der sichtbaren Realität in Deckung befindet, nicht mehr den Augenschein bestätigt. Im Verlauf dieser Addition von Zeichensystemen tritt die gemeinte Person – zur Kenntlichkeit entstellt – mehr und mehr zurück hinter einem informativen Schleier. Schicht um Schicht verhüllt sich das Antlitz, während sich die Wahrheit über das Individuum enthüllt. Es ist der Mensch sich dort am ähnlichsten, wo er sich selbst nicht wiedererkennt.
Ingrid Hermentins Arbeitsweise zeigt auch, dass es heute mit der solistischen Existenz des Künstlertums nicht mehr weit her ist. Für ihre Bilderstellung braucht und sucht sie die Zusammenarbeit mit Vertretern der Humangenetik, deren Resultate, aber auch deren Visualisierungsverfahren sie in ihre eigenen implantiert.
So bewegen sich diese exakten Menschenbilder zwischen den Polen, in die auch die zugehörigen Wissenschaften eingespannt sind: zwischen Utopie und Horror, zwischen der Befreiung durch Wissen und der Unterdrückung durch eben dieses Wissen, zwischen der Erlösung von den Nachteilen des analogen Lebens, vom Manko, Mensch zu sein, und der Beherrschung, der totalen Manipulation als umfassende Machtausübung über das, was bislang als Teil der sogenannten „Schöpfung“ unbeeinflussbar hinzunehmen war. Ingrid Hermentins analytische Bilder analysieren also die Fragwürdigkeit der körperlichen Hinfälligkeit ebenso wie die Hinfälligkeit dieser Hinfälligkeit selbst. Diese Bilder erzählen somit auch von der Antiquiertheit des Körpers: vom Wunsch, den Körper, wenn schon nicht ganz auf ihn verzichtet werden kann, wenigstens wunschgemäß herzurichten. Die Künstlerin stellt die Grundfrage nach den Konditionen des Mensch-Sein-Könnens in einer Welt, die auf dem Sprung zu sein scheint, die physische Existenzform als bloßes „First Life“ zu entwerten und zugunsten virtueller Seinsformen hintanzustellen. Sie thematisiert daher auch Identitätskrise und Realitätsflucht des modernen Individuums, das sich zunehmend lieber in kybernetischen Räumen als in den Fährnissen des analogen Alltags aufhält.
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Ingrid Hermentins Arbeit steht also am Beginn eines 9. Schöpfungstages: jener Phase des nun auch visuellen Kommentierens der Art und Weise, in der sich der Mensch am 8. Tag seinen eigenen Vorstellungen gemäß zu erfinden begonnen hatte. An diesem historischen Zeitpunkt transportieren ihre Abbilder von Menschen nicht mehr nur eine künstlerische Thematik, sondern zugleich eine ethische. Ingrid Hermentin stellt mit ihren Mitteln sowohl die Kunst als auch die Naturwissenschaften in Frage, indem sie die gesellschaftlichen Möglichkeiten künstlerischer Betätigung ebenso befragt wie die humanen Intentionen der wissenschaftlichen. Ihre computergenerierten Bildwelten entstehen im Spannungsbogen zwischen dem Machbaren und dem Zulässigen. Denn die Frage nach dem Verhältnis des faktisch Herstellbaren zum individuell Wünschbaren stellt sich ja nicht nur im Bereich der wissenschaftlichen, sondern genau so akut in dem der ästhetischen Praxis.
Dieses konstruktive Destruieren bewegt sich also auf der Höhe der Zeit – und wurzelt doch zugleich in der Tiefe der kulturellen Tradition. Denn das Buch der Natur entziffern zu können – die Lesbarkeit der Welt –, ist eine Metapher, die sich insbesondere die Romantiker nicht entgehen ließen, findet sich doch in der Vorstellung von der umfassenden poetischen Verschlüsselung des Unendlichen die große Legitimation des Ästhetischen: Worauf die ganze Wissenschaft hinausläuft, ist – Kunst.
Und dann trifft die Künstlerin plötzlich auf Gleichgesinnte: auf Bestätigung aus unerwarteter Richtung: auf jemanden, der mit durchaus anderen Absichten der Individualität zu Leibe rückt und dennoch zu verwandten Resultaten gelangt: Ingrid Hermentin entdeckt, dass der Braunschweiger Genom-Spezialist Helmut Blöcker sich gleichfalls mit Transkriptionsvorgängen beschäftigt: mit einem Verfahren, DNA-Sequenzen nicht nur sicht-, sondern auch hörbar zu machen, in Töne bzw. Tonfolgen umzuwandeln. Unerhörtes, nie Gehörtes geschieht: In einem Umschreibungsprozess, der Gene sich in Akkorden zu artikulieren veranlasst, vermag Helmut Blöcker jedem Individuum die ihm – und nur ihm – eigene Melodie auf den Leib zu schreiben. Mit seinen Messungen am Puls des Lebens ist der Forscher der Existenz auf der Tonspur auf der Spur.
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Es war daher ebenso konsequent wie naheliegend, dass Ingrid Hermentin ihre „digitalen Frauen“ auch unter diesem Aspekt der Tonwerdung des Fleisches analysiert haben und von sich hören lassen wollte. Diese Personen, denen in den Chiffren der Existenz ihr genetisches Schicksal auf der Stirn geschrieben steht, steuern den Soundtrack des Menschen, die Erkennungsmelodie eines Lebens bei. Die ent- und wieder verschlüsselte Mikrostruktur des Körpers gibt Laute von sich, und diese minimalistischen Frequenzen formieren sich zur akustischen Signatur, in der die Ich-Verfasstheit aufgehoben ist. Was uns unterscheidet, ist was uns verbindet: nichts als einige Tonhöhen und -abfolgen.
Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, belegt die harmonische Übereinstimmung der konkurrierenden Erkenntnismodelle. Indem der visuellen Komposition die musikalische zur Seite gestellt wird, eröffnet sich ein optischer Klangraum, worin die persönlichkeitsgebundenen Geräusch-Kulissen wie hörbare Bildunterschriften den Exponaten beigegeben sind. Allerdings ist es eine ungemütliche, eine beunruhigende Musik, die uns da entgegenschallt, klingt sie doch wie Hilferufe aus der Zelle, wie der schrille Aufschrei des gequälten Einzelnen unter dem Druck des totalen Zugriffs, wie unversöhnliche Klagelaute, hektische Klopfzeichen aus dem Innersten: wie das erschreckte Kreischen des genetisch bloßgestellten Lebens, das uns die Aufgabe stellt, aus den hektischen Rhythmen seiner Botschaften Schlüsse zu ziehen.
Bild und Ton kommentieren sich gegenseitig: Helmut Blöcker lässt die Dimension hören, die Ingrid Hermentin anschaulich macht. Die Vertonung verbündet sich mit der Verbildlichung, und erst beide gleich getakteten Ereignisse zusammen ergeben diese Janusköpfe, die als Abbilder lebendiger Menschen, als Porträts von nie gekannter Vollständigkeit gelten dürfen. „Wie ein Januskopf“, heißt es über den Helden in einem Roman Gustav Meyrinks, „konnte er in die jenseitige Welt und zugleich in die irdische Welt hineinblicken und ihre Einzelheiten und Dinge klar unterscheiden: er war hüben und drüben ein lebendiger Mensch“. Ingrid Hermentins Heldinnen sind solch lebendige Menschen, die hüben und drüben gleiche Anteile haben: an den Realisaten im digitalen Jenseits wie an der vitalen Körperlichkeit diesseits der Bilder und Geräusche.

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Und auch die Künstlerin selbst partizipiert an zwei Sphären: Mit ihrer Arbeit überspannt sie die Kluft zwischen den „zwei Kulturen“, die Charles Percy Snow für die westlichen Gesellschaften in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts diagnostiziert hatte: jene Kluft, die eine Verständigung zwischen den durch Ausbildung, Wissen und Denkstrukturen getrennten Kulturbereichen nahezu unmöglich gemacht hat. Ingrid Hermentin sucht mit ihrem wissenschaftsästhetischen Bildprogramm die Verständnisbarriere zwischen den Repräsentanten einer naturwissenschaftlich-technischen und einer künstlerisch-literarischen Intelligenz zu überbrücken. Ihr Werkbegriff, in dem die beiden parallelen Instanzen der Welt- und Menscherkenntnis zusammenarbeiten, subjektiviert die Naturwissenschaften und objektiviert die bildende Kunst. Die Künstlerin erschließt auf diese Weise einen Kreativitätsraum, der positioniert ist zwischen Atelier und Labor, zwischen dem Realisierungsort der individualistischen und der allgemeingültigen Welterkenntnis. Sie ist damit einer „normativen Ästhetik“ (wie sie bereits vor Jahrzehnten von Max Bense oder Herbert W. Franke postuliert wurde) näher als dem Mainstream des herrschenden Kunstbegriffs, der selbst dort noch auf eine subjektivistische Ästhetik aus ist, wo er sich gegenwärtig vehement sozial geerdet geriert.
Unverhofft eröffnet also die doppelte Transkription mit der Transformation des flüchtigen Lebens in eine repetierbare Folge visueller und akustischer Zeichen eine neue Perspektive des individuellen Überdauerns. Denn dieser innovative Existenzmodus hat dem Konservativen die Permanenz voraus: die Verlängerung der biologischen Seinsweise in eine digitale, somit konservierbare, transportable, reproduzierbare. Das im Zuge der Aufklärung notgedrungen aufgegebene Konzept der Unsterblichkeit erhält hier neuen Auftrieb. Überdauern wird möglich nach einer Radikalkur: nach Änderung des Aggregatzustandes. Die neue Gestalt – eine Pixel-Reihung und (parallel dazu) eine Melodie, beides ins Unendliche prolongierbar, weil speicherbar und nach Belieben abrufbar. Die Idee der unbegrenzten Wiederholbarkeit, der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“, rückt plötzlich aus dem Status belächelter Philosophen-Spekulation in den des Möglichen. Jeder Mensch kann im Zeitalter seiner visuellen und nunmehr auch akustischen Reproduzierbarkeit eine Art Dorian Gray mit umgekehrtem Vorzeichen sein: Das Individuum mag getrost altern, liegt doch jederzeit das zeitenthobene Zeichenrepertoire seiner selbst parat.
Die kulturelle Perspektive ist es demnach, die uns mit der biologischen Perspektivlosigkeit des Lebens versöhnen könnte. Denn die Braunschweiger Ausstellungsinszenierung zeigt auch, wie die beim forschenden Wissenserwerb vollzogene Zerstückelung des ganzheitlichen Organismus revidiert werden kann von der Komposition einer ewigen Melodie des Seins; dem Zerfall der Gestalt in natürlicher wie analytischer Hinsicht folgt unmittelbar die Heilung durch die Kunst.
So führen die Pixel-Ströme von Ingrid Hermentins tönender Bilderschau also mitten hinein in den aktuellen, global relevanten Diskurs zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft – und werden daher auch vielleicht einmal bei einer documenta Beachtung finden.