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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 6
STEFAN GEORGE
Der Widerchrist
Dort kommt er vom berge.. dort steht er im hain!
Wir sahen es selber.. er wandelt in wein
Das wasser und spricht mit den toten.
O könntet ihr hören mein lachen bei nacht:
Nun schlug meine stunde.. nun füllt sich das garn..
Nun strömen die fische zu hamen.
Die weisen die toren - toll wälzt sich das volk..
Entwurzelt die bäume.. zerklittert das korn..
Macht bahn für den zug des Erstandnen.
Kein werk ist des himmels das ich euch nicht tu.
Ein haarbreit nur fehlt und ihr merkt nicht den trug
Mit euren geschlagenen sinnen.
Ich schaff euch für alles was selten und schwer
Das Leichte.. ein ding das wie gold ist aus lehm..
Wie duft ist und saft ist und würze -
Und was sich der grosse profet nicht getraut:
Die kunst ohne roden und säen und baun
Zu saugen gespeicherte kräfte.
Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich..
Kein schatz der ihm mangelt.. kein glück das ihm weicht..
Zu grund mit dem rest der empörer!
Ihr jauchzet.. entzückt von dem teuflischen schein..
Verprasset was blieb von dem früheren seim
Und fühlt erst die not vor dem ende.
Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog..
Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof..
Und schrecklich erschallt die posaune.
Zur Beantwortung der Frage, weshalb Stefan George das Gedicht »Nova Apocalypsis« - siehe letzte Folge - nicht in das eigene Werk aufgenommen, sondern Karl Wolfskehl zur Verfügung gestellt hat, bietet sich an, nach einem Gedicht in Georges Werk selbst zu suchen, das der »Nova Apocalypsis« dem Gehalt nach entspricht. Tatsächlich gibt es ein »Parallel«-Gedicht. Es heißt »Der Widerchrist« und ist Teil des Buches »Der Siebente Ring« (1907). Auch Ernst Morwitz setzt in seinem »Kommentar zu dem Werk Stefan Georges« die beiden Gedichte in Beziehung zueinander.
Die Bezeichnung des Antichrist als »Fliegengott« wiederholt sich hier in dem Wort vom »Fürst des Geziefers«. Aber während der »Fliegengott« der »Nova Apocalypsis« nur das Volk selbst in dem unverbesserlichen »Naturzustand« des bornierten Stumpfsinns und der entfesselten Dreistigkeit ist, tritt der »Fürst des Geziefers« im »Widerchrist« tatsächlich als mythische Gestalt auf.
In der ersten Strophe spricht das Volk. Es behauptet, den wiederkehrenden Christus gesehen zu haben: er habe Wasser in Wein verwandelt und mit den Toten gesprochen. Die nächste Strophen lassen den Widerchrist selber zu Wort kommen. Bei Nacht, wenn keiner ihn hören kann, lacht er über die Einfalt der Menschen, und freut sich, daß seine Stunde nun gekommen ist. Das Volk strömt ihm zu wie die Fische in das Fangnetz, den »Hamen«. Weise und Toren wälzen sich in so großer Masse heran, daß sie achtlos das nährende Getreide zertreten und die fruchtbaren Bäume entwurzeln - eine Anspielung vielleicht auf die Vierte Bitte des Vaterunser, die hier in ihr Gegenteil verkehrt wird: niemand achtet mehr auf das Brot für den heutigen Tag, für das Gott doch gesorgt hat. Indes errichtet der Widerchrist den Trug, es gebe kein Werk des Himmels, das nicht auch er vollbringen könne. Da die Sinne des Volkes »geschlagen« sind, bemerkt es nicht, daß bei jedem der Werke des Widerchrist »ein Haarbreit« fehlt, das es von der göttlichen Vollkommenheit trennt. Dieses »Haarbreit« spiegelt sich auch in der Form des Gedichts: in jeder Strophe wird ein Reim angedeutet, aber verfehlt.
Diese Gedankenfigur, daß Werke und Gedanken, denen »das Letzte fehlt«, wie es in einem anderen Gedicht heißt, in ihr Gegenteil sich verkehren, kehrt bei George ständig wieder. Auch das »gut Gemeinte« kann so zum Werk des Widerchrist werden. Dieser errichtet den Schein, daß alle Güter - es sind sowohl materielle wie geistige gemeint - für jeden und ohne Anstrengung zu haben seien, weiß aber selbst um das Vergebliche, das darin liegt, Gold aus Lehm herstellen zu wollen. Er verklärt das törichte Unterfangen jedoch zum Wagnis: selbst »der große Prophet« - Morwitz vermutet, daß hier Moses gemeint ist - hätte sich nicht wie er, der Widerchrist, getraut, ohne die Mühe des Rodens, Säens und Bauens die in der Erde gespeicherten Kräfte zu gebrauchen, zu »saugen«, wie George sagt, um deutlich zu machen, daß es sich bei den Erdkräften um ein verborgenes Heiliges handelt, um eine esoterische Dimension, der man sich nur mit Scheu nähern darf. Sie liegt nicht einfach zum Gebrauch frei, sondern muß angezapft werden, von einer Sphäre in die andere übergeleitet werden. Hier klingt Georges Kritik der technischen Moderne an, wie sie in großartiger Weise in dem späten Gedicht »Der Mensch und der Drud« gestaltet ist.
Der »Fürst des Geziefers«, so faßt die siebente Strophe zusammen, verbreitet sein Reich, indem er das Volk glauben läßt, kein Schatz mangele ihm, kein Glück entziehe sich ihm. Das Volk fordert, der »Rest der Empörer« - alle also, die dem Trug des Widerchrist noch nicht verfallen sind - solle zugrunde gehen. Die letzten beiden Strophen sind doppeldeutig: die Rede des Widerchrist geht in die Rede des Dichters selbst über, der aber gleichwohl prophetisch die Perspektive des Widerchrist einnimmt, ja geradezu mit ihm zusammen sich über die Not freut, die über das Volk hereinbrechen wird, da es dem Widerchrist vertraute. Der Dichter beschreibt das entzückte Jauchzen des Volkes, während es alles verpraßt, was an Reichtümern ihm überliefert ist. Erst vor dem Ende, so lautet die prophetische Verkündigung, die aus einer unbestimmten Zukunft gleichsam in die Gegenwart projiziert ist, da diese Gegenwart jederzeit anbrechen kann, fühle das Volk die Not, in der es sich eigentlich schon befindet. Dann nämlich seien die Quellen versiegt, und die Zunge hänge am trocknenden Trog. Ein apokalyptisches Bild schließt das Gedicht ab: während »schrecklich« die Posaune erschallt, irrt das Volk »ratlos wie Vieh« durch den Hof, der brennt - und den es selbst in Brand gesetzt hat. Die Genugtuung des Widerchrist angesichts des vollbrachten Werks verschmilzt mit der des Dichters, der es voraussah, und der in dem gleichwohl als »schrecklich« gefürchteten Schicksal den Keim einer Erneuerung erblickt. Darin gründet eine moralische Zwiespältigkeit, die, wie in der Dichtung Georges im ganzen, so auch hier sich manifestiert. Ihr tiefster Grund ist die Einheit von Dichtung und Mythos. Das Gedicht »Nova Apocalypsis« in seiner Schilderung dessen, was am Menschen »ewig« - da naturhaft - schlecht ist, durchbrach diese Einheit und durfte deshalb in dem »Ring« des Georgeschen Werks keine Stelle haben. Das Gedicht »Der Widerchrist« biegt diesen Bruch zurück in den Mythos. Zu fragen ist, ob nicht, indem sich das Ästhetische als Mythisches setzt, der Mythos auf die Ebene des Ästhetischen nivelliert wird; ob nicht der fruchtbare Sinn der augustinischen Trennung von Heils- und Völkergeschichte hier in fataler Weise verschwimmt. Die Gefahr des georgeschen Mythos läge dann in dem magischen Kurzschluß, der das göttliche Wissen um den Zusammenhang von Zerstörung und Schöpfung unmittelbar auf die Sphäre des Geschichtlichen projiziert.
Timo Kölling