Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 6


 

Jörn Müller/ Hanns-Gregor Nissing (Hrsg.): Die Lüge. Ein Alltagsphänomen aus wissenschaftlicher Sicht, WBG, Darmstadt 2007, 196 Seiten, ISBN 978-3-534-20123-5, 49,90 €.

Mit dem hier rezensierten Konvolut legen die Herausgeber und zugleich Mitautoren, der Bonner Philosoph Jörn Müller und sein Kollege, der Bensberger Philosoph Hanns-Gregor Nissing, ein interdisziplinär angelegtes Werk vor, in der Absicht, „die wissenschaftliche Erforschung des Alltagsphänomens Lüge zu bündeln und es aus der Sicht verschiedener Wissenschaften begrifflich zu bestimmen wie zu bewerten“ (S. 9).

Die Entwicklungen in jüngster Zeit sind von der Nezessität gekennzeichnet, Eindimensionalität durch Mehrdimensionalität der Betrachtung zu ersetzen (Vgl. S. 9f.). Dazu zählt, dass „neben theologischen und philosophischen insbesondere psychologische, soziologische und ästhetische Gesichtspunkte verstärkt zum Tragen kommen“ (S. 9f.). Es ist den Editoren, dieser Perspektivenerweiterung Rechnung tragend, gelungen, namhafte Autoren wie u. a. den Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff und den Regensburger Psychologieprofessor Helmut Lukesch, zur Mitarbeit zu gewinnen. In Totum 8 Beiträge auf 189 Seiten stellen die verschiedenen Wissenschaftszweige vor. Die philosophische Darstellung bildet die Einführung und findet sich gleichsam teilweise in den folgenden Artikeln wider (Vgl. S. 59ff., S. 104ff. und S. 175ff.).

Der Sammelband beginnt mit Hanns-Gregor Nissings titelgebendem Beitrag: „Die Lüge – Ein Alltagsphänomen aus wissenschaftlicher Sicht“ (S. 7-25). Nissing führt in das Thema ein und versucht eine Typologie der Lüge in der gegenwärtigen Diskussion zu entwerfen (Vgl. S. 9 ff.). Dabei treten drei Faktoren, welche für diese neuere Anschauungsweise verantwortlich zeichnen, zutage. Der erste Faktor spiegelt die „grundlegende Skepsis gegenüber allen kategorischen und prinzipiellen Moralvorstellungen“ (S. 10) wider, welche nicht zuletzt schon in den Schriften von Friedrich Nietzsche (Vgl. S. 11) zu finden ist. Der zweite Faktor berücksichtigt, dass es landläufig eine „umfassende Erfahrung von Unwahrhaftigkeit und Lüge in unseren sozialen Bezügen und Institutionen“ (S. 12) gibt. Der dritte Faktor nimmt Bezug auf die „Neubewertung des Wahrheits- und Wirklichkeitsverhältnisses des Menschen und eine Ästhetisierung des Scheins“ (S. 15). Schließlich und endlich nennt Nissing im zweiten Teil seiner Einführung „interdisziplinäre Sammelbände zum Thema Lüge“ (S. 16ff.), bevor er mit dem dritten Teil, der Kurzeinführung in die vorliegenden Artikel (Vgl. S. 20ff.), zum Ende seines Beitrags kommt.

Jörn Müller schließt mit seinem Artikel „Lüge und Wahrhaftigkeit. Eine philosophische Besichtigung vor dem Hintergrund der Sprechakttheorie“ (S. 27-55) luzid an die Ausführungen Nissings an. Sein Anliegen ist es, mit Rückgriff auf philosophiegeschichtlich relevante Beiträge (Vgl. S. 28ff.) und die moderne Sprechakttheorie (Vgl. S. 34ff.) einerseits „eine adäquate Definition der Lüge“ (S. 27) zu finden und andererseits der „Frage nach der Bewertung der Lüge in der Philosophie“ (Ibid), nachzugehen. Stringent entwickelt er in drei Teilen sein Vorhaben. Es gelingt Müller trotz aller Stringenz, knapp und allgemein verständlich zu bleiben.

Für den literaturwissenschaftlichen Beitrag (S. 57-86) zeichnet der Regensburger Professor für Romanische Philologie, Jochen Mecke verantwortlich. Er vertritt in seinem Artikel „Lüge und Literatur. Perspektivenwechsel und Wechselperspektive“ einen, zu den Ausführungen Müllers, gegenteiligen Ansatz. Für ihn lässt sich die moralische Bewertung der Lüge, wenn wir seinem Fazit zum ersten Teil seines Beitrages folgen wollen, „nicht allein aus ihrer sprachlichen Struktur ableiten, sondern hängt wesentlich von den Zielen ab, die mit ihr verfolgt werden“ (S. 66). Gemäß dem Titel seiner Arbeit, stellt Mecke die Dichotomie der Lüge in der Literatur vor. Zum einen sind literarische Fiktionen keine Lügen (Vgl. S. 68f.); es können aber zum anderen trotzdem literarische Formen der Lüge existieren, die sich aber nicht „auf die semantische Beziehung zur Bedeutung oder auf den referenziellen Bezug zur Realität, sondern auf die expressive Funktion des Zeichens“ (S. 74) beziehen. Im Schlussteil des Artikels wird eine ästhetische Betrachtungsweise der Lüge vorgestellt. In ihr gewinnt Mecke die Erkenntnis, dass ein weiteres Lügenphänomen, der „strukturellen Lüge“ (Vgl. S. 79), existiert.  

Helmut Lukesch gewährt in knapp 30 Seiten Einsicht in psychologische Erkenntnisse zum Thema Lüge. So ist in seinem Artikel „Lügen und Täuschen“ aus psychologischer Perspektive eine Erweiterung des Begriffes der „Wortlüge“ auf „nicht-semantische“ und „implizite Kommunikationsformen“, wie z. B. die „paraverbalen Merkmale der Sprache“ (Lautstärke, Tonfall, etc.) und den „kommunikativen Wert nonverbaler Merkmale des Sprechers“ (Körperhaltung, Mimik, etc.) (S. 88), vorzufinden. Des Weiteren stellt Lukesch fest, dass das „Lügen ein prozesshafter Vorgang“ (S. 89) ist, der auf diversen „kognitiven Voraussetzungen“ des Lügners, wie u. a. der Repräsentation von „eigenen und fremdpsychischen Zuständen im eigenen kognitiven System“ (S. 90) beruht. Moralpsychologische Überlegungen und Untersuchungen runden das gewonnene Bild ab.

Aus pädagogischer Sichtweise beleuchtet Volker Ladentin, Professor der Historischen und Systematischen Pädagogik an der Universität Bonn, das Phänomen Lüge. Im vorliegenden   Beitrag „Bildung und Lüge. Reflexionen über eine kategoriale Unvereinbarkeit“ (S. 103-128) beschäftigt sich der Autor damit, wie „über Lüge gesprochen wurde und wird, wie man mit ihr in Theorien oder Diskursen umging und umgeht, wie man mit ihr umgehen könnte“, denn dies ist „Gegenstand der pädagogischen Reflexion der Lüge“, „freilich stets bezogen auf die Methoden, mit denen man irgendwas […] als Lüge identifiziert oder bezeichnet und mit denen man das so Bezeichnete untersucht“ und „nicht also, was Lüge ist“ (S. 107).

Konzis gibt der Münsteraner Professor für Kommunikationswissenschaft, Joachim Westerbarkey mit seinem Artikel „Illusionsexperten. Die Verschleierung von Macht durch PR und Medien“ einen Einblick in die medientheoretische Behandlung des Phänomens der Lüge. So zeigt Westerbarkey im Schwerpunkt seines Beitrags, wie es den „Mächtigen“ also den „Spitzenvertretern ökonomischer und politischer Organisationen“ (S. 133), gelingt, ihre „Macht“ mit althergebrachten Mitteln von Tarnung und Täuschung (Vgl. S. 134ff.) unter Berücksichtigung moderner Möglichkeiten wie Werbung, Öffentlichkeitsarbeit (Vgl. 136f.) und Product Placement (Vgl. 137f.) zu erhalten.

Den längsten Beitrag steuert der Düsseldorfer Rechtsanwalt und Dozent für IT-Recht, Markus Rössel, mit dem Aufsatz „Wahrheit als Rechtsgut? Die Lüge in juristischer Sicht“ (S. 141-174) bei. Er hält zu Beginn fest, dass die Lüge als solche nicht gesetzlich definiert ist (Vgl. S. 141f.) und somit ihre juristische Relevanz nur im Zusammenhang mit anderen Rechtsgütern zu suchen sei. Er findet hierzu im Anschluss Beispiele für eine mögliche Beeinträchtigung der Grundrechte wie z. B. der allgemeinen Handlungsfreiheit (Vgl. S. 150f.) und des Persönlichkeitsrechtes (Vgl. S. 167). Andererseits scheint es jedoch ein Faktum zu sein, dass die Lüge „ein zulässiges Mittel zur Rechtsverteidigung bzw. zum Rechtsgüterschutz“ (S. 172, vgl. S. 162ff.) sei.

Eberhard Schockenhoff beschließt mit seinem profunden Beitrag „Das Recht der Wahrheit. Begründung und Reichweite der Wahrheitspflicht aus der Sicht der katholischen Moraltheologie“ (S. 175-189) die multidimensionale Herangehensweise an das Phänomen Lüge in diesem Band. Er gliedert seinen Beitrag in zwei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit „wirkungsgeschichtlich bedeutsamen Lösungsansätzen in Bezug auf Begründung und Reichweite der Wahrheitspflicht und erörtert diese unter systematischen Gesichtspunkten (Vgl. S. 175ff.). Der zweite Teil skizziert „das Modell eines theologisch-ethischen Wahrheitsverständnisses“ (S. 175, vgl. S. 181ff.) mit, wie Nissing in seinem einleitenden Beitrag präzis festhält, Orientierung an den „Grunddimensionen der Sprache“, bezieht darüber hinaus die „personale Ausdrucksqualität der Sprache und den kommunikativen Sinn der Wahrheit“ (S. 23, vgl. S. 185ff.) ein.

Es bleibt zu konstatieren, dass mit diesem Band ein durchwegs faktenreiches, auf der Höhe der wissen­schaftlichen Forschung stehendes Werk vorliegt, welches aber auch dem interessierten Laien – nicht zuletzt durch die ausführlichen Literaturlisten und den historischen Einblicken bei Nissing und stärker noch bei Müller – einen guten, multidimensionalen Zugang für die weiterführende, selbstständige Beschäftigung mit dem Themenkomplex gibt.

Negativ zu erwähnen bleibt die Nicht-Aufnahme eines Vertreters evolutionsbiologischer Provenienz. Obwohl man die Schlüsse, die Wissenschaftler dieser Disziplin in einem über ihren Wissenschaftszweig hinausgehenden Sinne ziehen, nicht teilen muss, sollte man zumindest die in dieser Disziplin gewonnenen Erkenntnisse, um auch wirklich einen umfassenden Einblick in die gängige Diskussion geben zu können, zur Diskussion stellen. Da nützt es auch nichts, wenn die Herausgeber darauf verweisen, dass „es sich beim Schluss von der evolutionstheoretisch, biologisch oder kulturanthropologisch unterfütterten Beschreibung der Genese der Lüge auf die imperativische Geltung oder Nichtgeltung einer moralischen Norm um einen Kategorienfehler und ,naturwissenschaftlichen Fehlschluss’ und damit um eine Überschreitung der Kompetenz einzelwissenschaftlicher Zuständigkeitsgebiete handelt“ (S. 12). Nur Helmut Lukesch geht in seinem Beitrag lobenswerterweise kurz auf Ergebnisse der Evolutionsbiologie ein, wenn er von einem „evolutionären Mechanismus“ spricht, der „Lügen- und Täuschungsverhalten“ hervorbringt. Damit, so Lukesch weiter, ist in der Regel „ein (Selektions)Vorteil in Situationen sexueller Konkurrenz, der Ernährung oder des Kampfes verbunden“ (S. 98).

Ungeachtet dessen zählt dieser Sammelband sicherlich zum Besten, was auf dem deutschsprachigen Markt momentan zu diesem interdisziplinären Thema erhältlich ist.

Jürgen Koller

 

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