Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 6


 

Bernulf Kanitscheider: Die Materie und ihre Schatten. Naturalistische Wissenschaftsphilosophie, Aschaffenburg: Alibri Verlag 2007, 213 Seiten, ISBN 3-86569-015-7, 20,00 €

„Es muss den von Philosophie Durchdrungenen grämen, dass in den Fragen der Welt so selten und so wenig auf ihn gehört wird. Dabei hätte Weisheit auch einen Überlebenswert – für alle“ (S. 32). So schließt die Einleitung, die Bernulf Kanitscheider seinem neuen Buch Die Materie und ihre Schatten. Naturalistische Wissenschaftsphilosophie voranstellt. Diese Einleitung, eine „intellektuelle Biographie“ Kanitscheiders, in der der Leser erfährt, welche „Lebensumstände“ ihn zu seiner „Weltsicht“ (S. 11) geführt haben, verdient es, mit aller Aufmerksamkeit gelesen zu werden. So seltsam nämlich zunächst eine solche hinführende Selbsterzählung in ein Buch, das vorgibt, eine „szientifische Alternative zur Ideologie“ darzustellen und damit eine „Rückkehr zur ‚literarischen’ Kultur der Philosophie“ (S. 49) endgültig abzuschneiden, anmutet, so aufschlussreich erweist sie sich für das anschließend vorgestellte theoretische Programm. So scheint vor allem ein lebenspraktischer Grundsatz bemerkenswert, den der kleine Bernulf von seinem Vater empfing und der an den entscheidenden Weichenstellungen seiner theoretischen Selbstverständigung wieder auftaucht: „Gefahren, die man sich nicht selbst ausgesucht hat, darf man moralisch gerechtfertigt umgehen“ (S. 12). So darf etwa die Frage, ob der rationale Zugang zur Welt nicht zuletzt auf irrationalem Boden wurzelt, durch eine einfache Abblendungsgeste ausgeschaltet werden: „Wenn man sich einmal von der […] Idee der Letztbegründung getrennt hat […], muss die Wendung zur Vernunft auch nicht mehr als irrationaler Schritt gefasst werden“ (S. 17). Auch das Selbstverständnis des Naturalismus als „Ausschlussthese“, als das Diktum also, „dass bestimmte Entitäten und Prozesse und entsprechend bestimmte Erklärungsmuster in der Welt nicht vorkommen“ (S. 66), weil sie „wegen ihrer algorithmischen Amorphheit philosophisch verdächtig sind“ (S. 61), fügt sich gut in diesen väterlichen Rat. Sich von Problemen trennen dadurch, dass man sie „moralisch gerechtfertigt“ für schlicht nicht vorhanden erklärt – das ist der aus hartem Szientismus und gefälliger Witzigkeit zusammengeflochtene rote Faden dieses Buches. Kurz: die alles Verdächtige, Gefährliche, Widersprüchliche und Fragwürdige als das „Unmoralische“ beiseite legende Ideologie eines „Bürgers, der ganz unideologisch ein gutes Leben verbringen will“ (S. 11).

Das Buch besitzt zwei Teile, einen theoretischen und einen praktischen. Damit wird dem von Kanitscheider schon in früheren Büchern hochgehaltenen systematischen Anliegen Rechnung getragen, das praktische Orientierungspotenzial der Wissenschaften hervorzuheben [1]. Es soll sich nämlich unmittelbar aus dem theoretischen Programm ergeben, das die „verlässlichste Orientierung“ liefert, weil es stets „auf dem jüngsten Stand der Information ist“ (S. 51). Ausgangspunkt ist dabei die Einsicht in die „Selbstorganisation des Universums“ und die daraus entspringende „naturalistische Gesamtkonzeption der Welt“ (S. 69). Die materielle Basis ist nicht „gesetzlos oder strukturell amorph“, sondern „besitzt die Fähigkeit zur Selbstorganisation“ (S. 131), sie ist nicht träge und tot, sondern lebendig und „kreativ“ [1]. Ihre Lebendigkeit und Kreativität sind gleichwohl insofern begrenzt, als sie „einer grundsätzlich erkennbaren Gesetzesstruktur“ folgen, denn: „entscheidend“ (für den Szientisten) ist „die Regularität“ (S. 9). Und zwar auch in Bezug auf Phänomene, die sich der Einordnung in einen konsequenten Naturalismus zu entziehen scheinen – die im Titel des Buches auftauchenden „Schatten“. Das Ziel des ersten, theoretischen Teils des Buches besteht demnach darin, „die Natur dieser Schatten zu klären“, um, wie es mit der dem Autor eigenen abgründigen Arglosigkeit heißt, „den Verdacht zu zerstreuen, dass es doch Bereiche gibt, wo die Schulweisheit nicht hineinreicht“ (S. 10). Wie zerstreut er nun diesen Verdacht?

Zunächst durch die ebenso großzügige wie paradoxe Zusammenfassung eben dieser auf „Regularität“ ausgerichteten „Schulweisheit“ mit dem Kosmos, der „von den Tiefen des Weltraums über die Vielfalt der komplexen Welt bis hinein in das Ultramikroskopische der Subquantenwelt“ (S. 9) reichen soll. Sie ergibt immerhin, dass das, was wir „Intelligenz“ nennen, ein „peripheres, temporal begrenztes Phänomen ist, das angesichts eines zeitlich unendlichen Universums kaum Gewicht besitzt“ (S. 204). „Objektiv betrachtet wird die kleine ‚geistige Schwankung’ in der materiellen Entwicklung des Universums völlig untergehen“ (S. 200). Dennoch ist diese „kleine ‚geistige Schwankung’“, die sich hier selbst „objektiv“ betrachtet, offenbar in der Lage, den Kosmos auf die öde Landschaft zu verpflichten, die der Naturalismus uns vorführt. Entgegen der „ideologisch“ geprägten Tradition nämlich, die ihre „Sinnversprechen“ von einem apokalyptischen Ende her empfing, soll die gegenwärtige wissenschaftliche Einsicht auf ein „langsames, unspektakuläres, asymptotisches Auslaufen der kosmischen Prozesse“ (S. 186) verweisen, das heißt darauf, dass sich die lebendige Kreativität der materiellen Basis aufs Ganze gesehen immer mehr einer „inaktiven Leere“ anschmiegt (S. 187). In diesen Zustand „kosmischer Verödung“ und „gähnender Langeweile“, in dem die Welt nichts anderes mehr vorzuzeigen hat als das, was die „ontologisch sparsamste philosophische Hypothese“ (S. 78) der „Schulweisheit“ in sie hineinlegt – Regularität –, sind wir heute übergetreten. Wie lässt sich in einem solchen Universum, das zwar „keine Mitte, keinen Rand und kein Ziel“ (S. 206) besitzt, aber dennoch bis in seine letzten Regungen wissenschaftlich fassbar sein soll, ein „gutes“, ein „gelingendes Leben“ führen?

Der zweite, sehr viel schmalere Teil des Buches ist „in praktischer Absicht geschrieben“ und soll „eine Reihe von praktischen Grundsätzen für die Bewältigung der Probleme des Alltags und für das Ziel eines gelungenen Lebens ins Auge fassen“ (S. 10). Als maßgeblich stellt Kanitscheider hier den Zusammenhang von naturalistischer und hedonistischer Welteinstellung heraus. Da der Naturalismus alles Transzendente ablehnt, beschränkt sich sein Ethos unmittelbar auf die „temporäre[n] Zusammenballungen der Elementarbausteine alles Seienden“ (S. 217), das heißt, er begreift das menschliche Dasein unmittelbar aus seiner „materiellen Konstellation“ (S. 218) heraus. Da es eine Urtendenz des Lebendigen nach Lust gibt (eine Einsicht, die in ihrer tieferen, wilden Komplexität nicht weiter verfolgt wird), ergibt sich die materialistische „Lust-Ethik“ auf gleichsam „natürliche“ Weise. Es besteht eben kein Hiatus zwischen der materialen Trägersubstanz und den „emotiven Zentren des Gehirns“ (S. 26). Aufgrund dieser natürlichen Koinzidenz ist es nicht nur möglich, Emotionen, Empathien, Einstellungen und Welthaltungen in eine objektivierende wissenschaftliche Sprache zu übertragen (S. 87) – Kanitscheider spricht von einer „digitalen Rekonstruktion des Seelenlebens“ (S. 75) –, es ergibt sich auch der „pragmatisch vorteilhafte Zugang“ (S. 20) zu ihrer gezielten pharmakologischen Manipulation. Denn, wie er beteuert, eine „drogeninduzierte alternative Wahrnehmung steht mitnichten im Gegensatz zu einer naturalistischen Weltauffassung. Die stofflichen Zusammenhänge, welche die außergewöhnlichen Bewusstseinszustände hervorrufen, sind bekannt […]“ (S. 154) und stellen damit „keine Gefahr für die Grundannahme des Naturalismus dar“ (S. 159). Mittels solcher chemischen Eingriffe (durch wen eigentlich?) kann so nicht nur der Tatsache Rechnung getragen werden, „dass den Menschen ein Zug zur Virtualität innewohnt, der sie vielleicht mehr noch als die Rationalität prägt“ (S. 154). Auch die „Sorgenatur des Daseins“ lässt sich durch einen „gezielten Eingriff in das Räderwerk der Neurotransmitter“ (S. 53) beheben, etwa dort, wo melancholische „Überreaktionen“ auf den Verlust eines transzendenten Weltbildes „gedämpft“ werden sollen [2]. Angesichts dieser zynischen „pharmakologischen Anthropologie“ wirkt Kanitscheiders Empfehlung, durch alle erdenklichen „materiellen Konstellationen“ und Lebensalter hindurch möglichst viel Sex zu haben („Lebensfreude“), wie eine kuriose, überflüssige Randnote.

Wer nun erwartet, dass dieses launige Programm irgendeine sinnvolle Wendung erfährt, und sei es nur durch einen kurzen Moment des Schreckens, findet sich enttäuscht. Die durch einen tiefen Affekt gegen alles Problematische vorgenommenen „Selektionen“ (S. 66) theoretischer Art haben die Fähigkeit der als „Schatten“ bezeichneten Lebendigkeit, mehr als induzierte Virtualität zu sein, in diesem Fall offenbar so nachhaltig destimuliert, dass jede Form des sinnlichen Widerspruchs nur als „Verdacht“ auftreten kann, der (wenn nötig auf chemischem Wege) „zerstreut“ wird. Als „von Philosophie durchdrungen“ (S. 32) kann man das Ganze sicher nicht bezeichnen. Bleibt zuletzt der intellektuelle Gefahren gerne umgehende „Bürger“, dessen Wunsch im Vordergrund steht, „ganz unideologisch ein gutes Leben [zu] verbringen“ (S. 11), und der als Wissenschaftler heute das Vorrecht genießt, seine nurmehr auf ein paar Elementarpartikel verdünnte Wirklichkeit tapfer für den Kosmos schlechthin ausgeben zu dürfen: „Damit müssen wir leben!“ (S. 206). Müssen wir? Nietzsche, auf dessen „Subversivität“ sich Kanitscheider gerne beruft, hätte es, freundlich genug, wohl so genommen: „Der Epikureer sucht sich die Lage, die Personen und selbst die Ereignisse aus, welche zu seiner äusserst reizbaren intellectuellen Beschaffenheit passen, er verzichtet auf das Uebrige – das heisst das Allermeiste – , weil es eine zu starke und schwere Kost für ihn sein würde“ [3].

Cathrin Nielsen

Anmerkungen:

[1] Vgl. auch Bernulf Kanitscheider: Von der mechanistischen Welt zum kreativen Universum. Zu einem neuen philosophischen Verständnis der Natur, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1993.
[2] Ebd., S. 10.
[3] Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Kritische Studienausgabe Bd. 3, hg. von G. Colli und M. Montinari, Berlin/New York 1988, S. 544.

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