Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 6


 

Monika Kirloskar-Steinbach: Gibt es ein Recht auf Immigration? Politische und philosophische Positionen zur Einwanderungsproblematik, Wilhelm Fink Verlag, München 2007, 260 Seiten, ISBN 978-3-7705-4420-2, 32,90 €

Ziel der Habilitationsschrift ist es zu untersuchen, „ob und wie die Hauptparadigmen der gegenwärtigen Politischen Philosophie – Liberalismus und Kommunitarismus – die Immigrationsproblematik in ihre Überlegungen integrieren.“ (S. 12) Dementsprechend konzentriert sich die Arbeit weitgehend auf die Darstellung dieser beiden Hauptpositionen der Politischen Philosophie. Neben Liberalismus und Kommunitarismus aus maßgeblich philosophischer Sicht werden dabei noch Traditionalismus und Universalismus aus vorwiegend alltagspolitischer Sicht angeführt. Ersteres ist sehr gut gelungen, letzteres nur bedingt.

 

Politische Positionen zur Immigration im Sinne von Positionen aus dem politischen Spektrum, also von Politikern, Parteien, politischen Institutionen usw. bilden den Ausgangspunkt der Arbeit. Sie haben ‚ergänzenden’ Status und fungieren nur als „Praxisbeispiele [,und zwar ausschließlich] aus Deutschland“. (S. 12) Das ist schade, denn die Autorin vermag es (in Kapitel 2 u. 3) hervorragend, die zueinander divergenten und zum Teil auch in sich widersprüchlichen (philosophischen) Tiefenkonzepte in den Äußerungen deutscher Politiker konsistent herauszuarbeiten. Der Versuch, „der deutschen Debatte […] eine philosophische Dimension“ zu geben, (S. 16) ist denn auch nur bedingt geglückt. Zwar werden die angelsächsischen Modelle als mögliches Kontrast- und Fundierungsprogramm dezidiert dargestellt, jedoch fehlt ein (zumindest die Arbeit abschließendes) Kapitel über ihre Adaptionsfähigkeit in die derzeitige politische Diskussion. Zudem wird der philosophische Liberalismus der Gegenwart zwar ausführlich rekonstruiert (Kapitel 4), Vertreterinnen und Vertreter liberaler Politik aber kommen in diesem Abschnitt nicht zu Wort. Der Bezug des Liberalismus auf die Politiktradition in Deutschland ist sogar vollständig ausgeklammert.

An der Darstellung der politischen Philosophie ist zunächst auffällig, dass nicht nur die „alten“ attischen Philosophen fehlen, sondern auch der Deutsche Idealismus, seine Weiterentwicklung, die Kritik an und die Auseinandersetzung mit ihm im 19. und 20. Jahrhundert fast vollständig ausgeblendet ist. Fichte wird zu Beginn (im Eingangszitat des Vorworts) und zu Ende des Buchs (in einer Anmerkung) zwei Mal erwähnt; auch der Name Hegel fällt nur am Rande, als Marginalie: „Zum Beispiel: Hegel hat moniert, dass das römische Rechtssystem […]“ (S. 98) Im Personenregister ist Hegel gar nicht genannt. Die Rekonstruktion erfolgt eben nicht problemgeschichtlich, sondern ist rein synchron angelegt und geographisch restringiert. Ausführlich behandelt werden (fast) ausschließlich zeitgenössische angelsächsische Philosophen, vornehmlich aus USA.

Die Restriktion hat aber auch ihr Gutes: Die Darstellung der (grundlegenden) Positionen der zeitgenössischen angelsächsischen Philosophie ist in vollem Umfang gelungen, insbesondere unter thematischer Rücksicht: unter Bezug auf die Immigrationsproblematik. Einziger Wehrmutstropfen: Die „Fragen des Asyls“ und der Asylproblematik werden vollständig und die Flüchtlingsproblematik weitgehend „ausgeklammert.“ (S. 16)

Der Aufbau der Kontroverse ist klar und einfach, das Gliederungsprinzip dem entsprechend kontrastiv dualistisch angelegt: Liberalismus vs. Kommunitarismus ist das Leitthema.

Beide Blöcke – zur Rekonstruktion von Liberalismus einer- und Kommunitarismus andererseits – sind zudem ihrem Ziel nach einheitlich konstruiert: auf den Vergleich beider Positionen unter dem Aspekt der nationalen Identität hin.

Sorgfältig und sehr ausführlich entfaltet wird zunächst die Position des liberalen Kulturalismus unter Rekurs auf seine Hauptvertreter Kymlicka und Carens (Kapitel 5). Daran anschließend werden deren Immigrationskonzeptionen vorgestellt (Kapitel 6 u. 7). Den Abschluss der Betrachtung des Liberalismus bildet die „Rekonstruktion einer liberalen nationalen Identität“ (Kapitel 8), in dem der für beide Konzeptionen grundlegende „Begriff der nationalen Identität“ (S.145) besprochen wird.

Nachfolgend wird die kommunitaristische Position entfaltet. Der Kommunitarismus kommt dabei primär nicht an sich, sondern (vornehmlich) funktional ins Spiel: als Kontrastfolie, als Gegenposition, als Kritik am Liberalismus (Kapitel 9). Ziel des Kommunitarismus sei „eine Korrektur der liberalen Theorie und Praxis“. (S. 161) Erst im nachfolgenden Kapitel, das sich mit der liberalistischen Immigrationskonzeption auseinandersetzt (Kapitel 10), werden die unter dem Begriff des Kommunitarismus subsumierten Positionen, wenn auch zugeschnitten auf einen einzelnen Aspekt, den der Immigration, nun nicht nur als Kontrastprogramm zur liberalistischen Immigrationskonzeption, sondern auch (verstärkt) in ihrer Eigenständigkeit gewürdigt.

Der Vergleich zwischen Liberalismus und Kommunitarismus wird dann unter Bezug auf den Begriff der nationalen Identität, jetzt aus Sicht des Kommunitarismus, abgeschlossen (Kapitel 11).

So ausführlich die politische Dimension zur Sprache kommt, so wenig aber die juristische. Die rechtsphilosophische Problematik, insbesondere im Zuschnitt auf die im Titel der Monographie gestellte Frage nach dem Menschenrecht, insbesondere nach dem auf Immigration, spielt eine untergeordnete Rolle. Im Untertitel des Buchs ist denn auch nur von „politische[n] und philosophische[n, nicht aber von juristischen] Positionen“ die Rede.

Fazit:

Kirloskar-Steinbachs Habilitationsschrift ist für alle, die sich mit der Immigrationsproblematik näher beschäftigen (wollen oder müssen), sehr lesenswert. Denn die Monographie gibt einen tiefen, facetten- und kenntnisreichen Einblick in die aktuelle angelsächsich-geprägte philosophische Diskussion zur Politischen Philosophie im Allgemeinen und zur Immigrationsproblematik im Besonderen. Die Monographie schließt in der Tat eine Kenntnis-„Lücke“, (S. 16) bereichert und vertieft das politische, zumal immigrationspolitische Grundverständnis. Zudem ist der Vortrag stets auf das Wesentliche hin konzentriert und in allen Teilen stringent und überzeugend.

Leider aber werden in der Theoriebildung die problemgeschichtliche (abend- und erst recht morgenländische) Fundierung und in der Fruchtbarmachung für die politische Praxis historische, wirtschaftliche und sozial-soziologische Aspekte weitgehend ausgeblendet. (Äußerliches Zeichen hierfür ist die von der Autorin bewusst vorgenommene Ausblendung der Asylproblematik.) Die aus dem Studium der Arbeit gewonnene Erkenntnis ist denn auch nur bedingt auf die Alltagspolitik adaptierbar.

Georg Simet

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