Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 6


 

Reinhard Junker/Siegfried Scherer: Evolution. Ein kritisches Lehrbuch. Gießen: Weyel Lehrmittelverlag, 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2006. ISBN 3-921046-10-6. 24,90 €

Auch moderne Gesellschaften haben ihre Mythen, große Erzählungen, die von charismatischen Männern tradiert wurden. Eine davon ist die, dass sich alles Leben dieser Erde auf einen einzigen Ursprung zurückverfolgen lasse und dass demzufolge der Mensch als ein naher Verwandter des Affen anzusehen sei. Erzählt hat diese Geschichte zuerst der britische Naturforscher Charles Darwin, und zahlreiche Epigonen haben sie wiederholt und abgewandelt, im Grundsatz aber immer wieder bekräftigt. Denn Darwins Theorie, heißt es einstimmig, sei so gut belegt, dass sie als Tatsache angesehen werden könne und alle anderslautenden Erklärungen über den Ursprung des Lebens bloßer Glaube seien, jedenfalls keine wissenschaftliche Dignität beanspruchen könnten.

Allerdings wird diese Harmonie hin und wieder von einzelnen – zumeist religiös inspirierten – Querulanten gestört, die sich beharrlich weigern, besagte Theorie für der Weisheit letzten Schluss zu halten. Und zu jenen, die sich auch noch mit wissenschaftlichem Anspruch der großen Darwinschen Erzählung entgegenstellen, gehören die beiden Autoren des vorliegenden Bandes. Sie laufen mit ihrem Buch nun schon seit gut zehn Jahren gegen den Anspruch der Vertreter der darwinistischen Evolutionstheorie (ET) auf Deutungshoheit über die Ursprungsfrage an – und das, wie es scheint, durchaus nicht erfolglos: Konzipiert als Schulbuch, ist das „kritische Lehrbuch“ ein Bestseller, obwohl es von keinem Kultusministerium für den Unterricht empfohlen wurde. Dafür wird in Internet-Blogs, in Zeitschriften und auf amazon.de heftig um seine Inhalte gestritten. Und einer von Junkers und Scherers schärfsten wissenschaftlichen Kritikern hat sogar ein eigenes Werk verfasst, das er ausdrücklich als Gegenentwurf zum „kritischen Lehrbuch“ verstanden wissen will. Nachdem das „kritische Lehrbuch“ mit einer eigenen Homepage im Internet vertreten ist (evolutionslehrbuch.info), richtete auch er eine Seite ein, um sein eigenes Buch zu bewerben (evolutionslehrbuch.com).

Der schwerste Vorwurf, der dem „kritischen Lehrbuch“ gemacht wird, ist der der Unwissenschaftlichkeit. Doch der ist haltlos; auch ein naturwissenschaftlicher Laie wie der Rezensent erkennt, dass es sich um ein Meta-Argument handelt, mit dem einer inhaltlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen werden soll. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bei dem Buch handelt es sich im Gegenteil um eine richtig gute – weil sachliche und transparente – wissenschaftliche Darstellung der offenen Fragen der Evolutionsforschung. Wie der Untertitel verrät, gehen die Autoren nämlich nicht darauf aus, ein Lehrbuch über Evolution vorzulegen, sondern die darwinistische Theorie der Evolution auf ihre Plausibilität zu prüfen. Ihren Hintergedanken verschweigen sie dabei nicht: Sie wollen der vorherrschenden naturalistischen Interpretation eine schöpfungstheoretische entgegensetzen.

Da die Kritik auf wissenschaftlichem Niveau formuliert wird und auch die Grenzen der eigenen Argumentation nicht verschwiegen werden, entpuppt sich das Buch insgesamt als sehr gehaltvolle und schwierige Lektüre, die durch die sehr gute grafische Aufmachung allerdings etwas erleichtert wird. In sieben Abteilungen mit insgesamt 16 Kapiteln breiten Junker/Scherer ihre Kritik an der ET gut nachvollziehbar aus. Angefangen mit einer Einführung in die Wissenschaftstheorie und der Erläuterung der wichtigsten Grundbegriffe, erläutern sie sodann detailliert den Forschungsstand: Evolution auf organismischer Ebene, molekulare Evolution und historische Evolutionsforschung sind die Stationen ihrer Tour de force durch die Evolutionsbiologie, die mit einem Kapitel „Grenzüberschreitungen“ abgeschlossen wird. Mit „Grenzüberschreitung“ werden auch über das gesamte Buch verteilte, farbig unterlegte Kästen betitelt, in denen die vorgestellten offenen Fragen aus schöpfungstheoretischer Sicht gedeutet werden.

Wenn Junker, Scherer und viele andere, die sich wie sie gegen den Mainstream auflehnen, als „Evolutionskritiker“ apostrophiert werden, handelt es sich um eine nur zum Teil zutreffende Bezeichnung. Zumindest die beiden Autoren sind nicht angetreten, jede evolutive Änderung anzuzweifeln, sondern sie setzen sich lediglich mit einer Teilhypothese des Darwinismus auseinander: dass im Verlauf langer Zeiträume neue Baupläne des Lebens entstanden seien, die sich qualitativ von ihren weniger komplexen Vorgängern unterscheiden. Nur diese Teilhypothese, also der vermutete Prozess einer „Makroevolution“ ist strittig. Dass es auch eine „Mikroevolution“ gibt, nämlich die Veränderung von Bauplänen innerhalb einer Art, wird angesichts des – auch aus der Sicht gläubiger Christen unproblematischen – Befundes nicht geleugnet: Dass der Dackel kein Wolf ist, aber ihn dennoch zum Ahnherrn hat, ist evident und empirisch nachprüfbar. Auch zählen Junker/Scherer Darwin zu den großen Gestalten der Biologie und erkennen ausdrücklich an, dass der ET ein prominenter Platz in der Biologie gebührt.

Die Achillesferse der ET ist der Artbegriff, denn was das genau ist: eine „Art“, darüber besteht keine Klarheit. Die ET-Vertreter versuchen immer wieder, diese Problematik kleinzureden, ignorieren sie oder behaupten, hier gebe es nichts zu diskutieren. Dagegen weisen Junker/Scherer völlig zu Recht darauf hin, dass jeder Systematisierung rezenten Lebens oder fossiler Befunde – und überhaupt jeder Theorie – ein gerüttelt’ Maß an Willkür und Subjektivität innewohnt, sie jedenfalls immer unvollkommen und im Fluss befindlich ist. Legitimerweise schlagen sie alternativ vor, das Taxon des „Grundtyps“ zu verwenden, das alle Individuen umfasst, die sich direkt oder indirekt miteinander kreuzen. Der Vorteil dieses Taxons liege darin, dass es sowohl genetische als auch morphologische Artbegriffe umfasse und dadurch Unterscheidungsschwierigkeiten umschiffe. Darüber hinaus sei experimentell nachprüfbar, welche Arten einander zuzuordnen seien, weshalb eindeutige Grenzen gezogen werden könnten und dadurch überhaupt erst eine handhabbare analytische Grundlage für das Reden über Evolution geschaffen werde.

  

Als Beispiel für einen Grundtyp nennen Junker/Scherer etwa die Gänsevögel, die „Entenartigen“ und die „Wehrvögel“, bei den Pflanzen gibt es „Nelkenwurzartige“, „Weizenartige“ oder „Streifenfarngewächse“, bei den Tieren identifizieren sie auch „Hundeartige“, „Pferdeartige“, „Meerkatzenartige“ und viele mehr. Sie veranschaulichen ihr Konzept am Beispiel der „Fasanenartigen“: Truthahn, Haushuhn und Jagdfasan kreuzen untereinander. Da der Jagdfasan aber auch mit dem Königsfasan kreuzt, gehört dieser zum selben Grundtyp, auch wenn er nicht mit den drei Erstgenannten kreuzt.

Doch so plausibel das Konzept und seine Herleitung auch sein mag, so sehr wird es von ET-Vertretern angefeindet, denn seine Verwendung hat weitreichende Konsequenzen für die Frage nach dem Ursprung des Lebens: Es ist kompatibel mit einer schöpfungstheoretischen Deutung und tritt damit in direkte Konkurrenz zur naturalistischen bzw. materialistischen. In einem der „Grenzüberschreitung“-Kästen schreiben die Autoren: „Im gesamten experimentell zugänglichen Bereich der Mikroevolution ... sind alle Veränderungen mit Sicherheit innerhalb der Grundtypengrenzen geblieben. Diese Befunde lassen die Deutung der Grundtypen als Schöpfungseinheiten zu.“ (S. 46)

Junkers und Scherers Herangehensweise ist grundnüchtern und nachvollziehbar und deshalb überzeugend. Die Daten – an diese erkenntnistheoretische Binsenweisheit sollte man sich erinnern – sprechen nämlich nicht für sich selbst, wie viele glauben machen wollen, sondern müssen gedeutet werden. „Fakten“ und „Tatsachen“ werden gewissermaßen konstruiert. Deshalb kann, ja: muss man sich bei der Deutung von nicht weiter begründbaren weltanschaulichen Vorentscheidungen leiten lassen. Wichtig ist dabei dann bloß, die weltanschauliche Vorentscheidung offenzulegen. Wenn man diese Regel befolgt, lässt es sich wissenschaftlich sauber theoretisieren; und da Junker/Scherer dies tun, haben sie mit dem Grundtypenkonzept ein ernstzunehmendes Gegenmodell zum unscharfen Artbegriff der ET-Vertreter zur Hand. Während der Mainstream – durchaus nicht schlecht begründet – annimmt, dass sich die Vielfalt des Lebens auf einen einzigen Ursprung zurückverfolgen lässt, nehmen Junker/Scherer auf dieser Basis eben eine andere – nicht minder gut, sondern eher sogar besser begründete, weil begrifflich reflektierte – Position ein. Als Ergebnis ihrer weltanschaulich grundierten Interpretation der Daten können sie eben nicht ausschließen, dass ein Schöpfungsakt stattgefunden hat.

Dass die Autoren mit ihrer Vorgehensweise unter „Kreationismus“-Verdacht stehen, ist eigentlich verständlich, vor allem wenn man berücksichtigt, dass die die öffentliche Diskussion dominierenden ET-Verfechter in der Regel nicht zu begrifflicher Klarheit oder gar Selbstreflexion fähig sind. Wie anders die Autoren: Scherer etwa, der heute Lehrstuhlinhaber für Mikrobielle Ökologie an der TU München ist, liebäugelte eigenen Aussagen zufolge als Student mit dem Kreationismus amerikanischer Prägung. Inzwischen ist er aber davon abgerückt und distanziert sich davon: „Nach meinem Verständnis erheben die Schreiber der Urgeschichte der Heiligen Schrift den Anspruch, über das anfängliche Handeln Gottes mit der Menschheit in einer geschichtlichen Dimension zu berichten. Dabei steht das Gerichts- und Erlösungshandeln Gottes im Mittelpunkt. Ich kann es aus verschiedenen Gründen nicht nachvollziehen, wenn die Urgeschichte der Heiligen Schrift im Kreationismus sozusagen als naturkundlicher Text gelesen wird.“

Einer Diffamierung Scherers als „Kreationist“ und seiner Forschung als „kreationistisch“ sollte damit eigentlich der Boden entzogen sein. Aber es ist ohnehin gleichgültig, aus welchem persönlichen Motiv jemand die schöpfungstheoretische Deutung bevorzugt. Einzig entscheidend ist es – ceterum censeo –, die jeder Wissenschaft innewohnenden, vorausgehenden weltanschaulichen Annahmen offenzulegen – so, wie es Junker/Scherer im „kritischen Lehrbuch“ mit bemerkenswertem Ergebnis vorexerzieren: Gerade weil sie so sehr darauf beharren, wissenschaftlich zu verfahren, eröffnet sich ihnen überraschenderweise Raum für die Schlussfolgerung, dass der Ursprung des Lebens eben nicht als Folge von Mutation und Selektion zu interpretieren ist. Hier liegt die Gefahr für das Deutungsmonopol der ET, denn sie ist der der Naturalisten vom Grundsatz her gleichberechtigt und vom heuristischen Gehalt ebenbürtig, und erklärt die Aggressivität, mit der sie bekämpft wird. Schade eigentlich, denn die Autoren weisen zu Recht darauf hin, dass die Konkurrenz zweier Interpretationsschemata nicht als Gefahr, sondern als Chance begriffen werden sollte: „Es könnte sein, dass der genuin schöpfungstheoretische Ansatz, nach Mechanismen programmierter Variabilität zu suchen, ganz neue Fragestellungen und damit Forschungsergebnisse hervorbringt.“ (S. 304) Auf dieses Potential aufmerksam gemacht zu haben, ist das Verdienst des „kritischen Lehrbuchs“.

Benno Kirsch

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