Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Ethik im 21. Jahrhundert. Editorial zum Schwerpunkt 2008

In diesem Jahr werden wir uns mit dem heutigen, dem Stand der Ethik im 21. Jahrhundert auseinandersetzen. Dazu eine erste Orientierung.

 

I. Der Unterschied zwischen Ethik und Moral

Philosophie und Lebenswelt haben oft nicht viel miteinander zu tun. Bei der Ethik als Teildisziplin der praktischen Philosophie ist das anders: Ihr ist gerade daran gelegen, die kollektiven und individuellen Moralentwürfe im Alltag der Menschen kritisch zu untersuchen. Damit ist zugleich etwas über den Unterschied zwischen Ethik und Moral gesagt, über Begriffe, die häufig fälschlicherweise synonym gebraucht werden.

Es geht bei Ethik und Moral um zwei Ebenen des Diskurses über menschliches Verhalten: Die Ethik stellt Bedingungen der Möglichkeit einer moralischen Beurteilung dieses Verhaltens auf, die Moraltheorien. Davon gibt es eine ganze Menge, die man nach bestimmten Kriterien ordnen kann, zumeist nach den Prinzipien, die ihnen zugrunde liegen („Streben“, „Sollen“, s. Abschnitt III). Moraltheorien ihrerseits liefern vernünftige Beurteilungskriterien für denjenigen, der sie anerkennt. Ein Mensch handelt dann im konkreten Fall moralisch, wenn er sich im Einklang mit dem allgemeinen Prinzip der Moraltheorie befindet. Sprechen wir über Ethik, dann suchen wir Fehler in den Moraltheorien, indem wir ihre Prinzipien auf Begriffe wie Verallgemeinerbarkeit, logische Kohärenz, Vereinbarkeit mit anderen normativen Systemen (Wissenschaft, Recht, Religion usw.) etc. beziehen; urteilen wir hingegen über Moral, suchen wir Fehler im konkreten Verhalten eines Menschen (im Hinblick auf eine anerkannte Moraltheorie).

Moralische Sachfragen („Ist es moralisch gut, Terroristen vor der Ausübung ihrer Arbeit zu töten?“, „Ist es moralisch gut, außerhalb des Ehestandes sexuelle Beziehungen zu unterhalten“?, „Ist es moralisch gut, Pflanzen/Tiere/Menschen zu klonen?“ usw.) lassen sich bezogen auf eine Moraltheorie beantworten (Frage zwei in bezug auf die Morallehre der katholischen Kirche etwa mit einem deutlichen „Nein!“). Ethische Reflexion hat nun die Aufgabe, die Moraltheorie, die zu dieser Antwort führt, zu analysieren.

Zunächst müsste dazu – ich bleibe im Beispiel – die moraltheoretische Argumentation selbst untersucht, also der Frage nachgegangen werden, wie sich das Prinzip einer speziellen Morallehre (hier: der Sexualmoral) in die Struktur der grundlegenden Prinzipien der katholischen Morallehre einbettet (also: in das Menschenbild) und ob die Spezialnorm innerhalb dieses Normensystems richtig abgeleitet ist. Hier geht es um die Begründetheit von Unter-Sätzen (einzelne Prinzipien) aus Ober-Sätzen (Grundprinzipien) innerhalb einer Moraltheorie, also um deren innere Kohärenz. Es wäre ferner zu prüfen, ob das dem „Nein!“ im Beispiel zugrunde liegende Prinzip („Menschen sollten außerhalb des Ehestandes keine sexuellen Beziehungen unterhalten.“) überhaupt einsichtig ist (etwa durch Vergleich mit anderen, konkurrierenden Moraltheorien, die abgeschwächte oder gar gegenteilige Prinzipien beinhalten, gewonnen aus einem System abweichender Grundprinzipien, in die sich die in Frage stehende Spezialnorm nicht einpassen lässt) und/oder vereinbar ist mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Anthropologie.

Philosophische Ethik ist also in erster Linie argumentationstheoretische Analyse, oder anders: Es ist die Aufgabe der Ethik, unseren Moralvorstellungen auf den Grund zu gehen.

 

II. Deskription, Normation, Meta-Analye. Ebenen der Argumentation

Dieser Aufgabe versuchen Ethiker auf drei Ebenen gerecht zu werden: auf der deskriptiven Ebene, der normativen Ebene und der Meta-Ebene. Auf der deskriptiven Ebene wird beschrieben, was ist. Psychologen, Soziologen, Ethnologen und Anthropologen liefern empirische Daten über tatsächlich gelebte Moralvorstellungen. Philosophen strukturieren die in der Geschichte erarbeiteten Argumente und die gewonnenen Erkenntnisse und liefern so die Basis für die Arbeit auf der normativen Ebene. Auf dieser wird dann darüber beraten, was sein soll. Hier findet die Kritik des beschriebenen Materials statt, sowohl der empirischen Daten, wie auch der historischen Argumente. Es findet also eine Reflexion auf Moral und Moraltheorie statt. Auf der Meta-Ebene findet nun eine Reflexion auf die Ethik selbst statt. Ihre Instrumente und Techniken werden durchleuchtet, die von ihr verwendeten Begriffe analysiert. Es geht also um mehr als um die „Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung“, es geht um die Bedingungen der Möglichkeit ethischen Argumentierens, also um die allgemeinen Bedingungen dafür, Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung aufstellen zu können.

Dazu ein Beispiel: Sei p der empirische Befund, dass in einer Kultur K regelmäßig zum Zweck der Unterhaltung Babys gefoltert werden. Sei q die Auffassung einer Moralvorstellung MV, dass es moralisch verwerflich ist, Babys zum Zweck der Unterhaltung zu foltern. Dann entspricht MV der Moraltheorie MT, wenn es in MT ein Prinzip P1 gibt, zu dem q einen Unterfall darstellt, etwa: „Es ist nicht gut, Menschen zum Zweck der Unterhaltung zu foltern.“ P1 lässt sich zum Grundprinzip GP verallgemeinern: „Niemand soll gefoltert werden.“ Die Ethik müsste nun die „Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung“ von p(K) durch q(MV) untersuchen, also schauen, ob q(MV) ein Unterfall von P1(MT) ist und ob P1(MT) kohärent zu GP(MT) verallgemeinerbar ist. Es könnte sich für den Fall der „Baby-Folter zu Unterhaltungszwecken“ zum einen die Frage stellen, ob zwischen „Menschen“ (menschliche Lebewesen) und „Personen“ (Menschen, die fähig sind, „Wünsche zweiter Ordnung“, „Meta-Gedanken“ oder „Interessen“ zu entwickeln) zu unterscheiden ist, zum anderen, ob es Zwecke geben könnte, die Folter rechtfertigen, in denen es also „gut“ wäre zu foltern, etwa die damit möglicherweise zu erreichende Vereitelung eines Terroranschlags. Die Meta-Ethik fragt nun nach den Bedingungen, unter denen diese Fragen beantwortbar sind.

Kurzum: (1) MV hält p mit q nicht für „gut“, (2) MT liefert mit P1 und GP Leitsätze, die untermauern, dass MV richtig ist, es also richtig ist, p nicht für „gut“ zu halten, (3) die Ethik gibt Auskunft darüber, ob MT richtig ist, es also richtig ist, mit MT MV für richtig zu halten, die besagt, dass es richtig ist, p nicht für „gut“ zu halten und (4) die Meta-Ethik fragt: Was heißt „richtig“? Was bedeutet „gut“?

 

III. Streben und Sollen. Grundtypen moraltheoretischer Begründungsmodelle

Im Laufe der letzten 2500 Jahre haben Menschen immer wieder versucht, Moraltheorien zu entwickeln. Dabei lassen sich modellhaft zwei Grundtypen unterscheiden: die teleologischen und die deontologischen Ansätze. Aus ihren Annahmen erwachsen die klassischen Antagonismen der Ethik, die Gegensätze von zweckgerichteter Tugend und prinzipieller Pflicht, von Glück und Gerechtigkeit, von „gutem Leben“ und „rechtem Leben“, von Streben und Sollen. Diese grundlegende Differenz wird in vielen Ethik-Einführungen paradigmatisch durchdekliniert an Aristoteles’ eudaimonia und Kants kategorischem Imperativ, wobei die teleologische Front motivational durch den Konsequentialismus (Prinzip: Gut ist, was gute Folgen hat; bekannt aus utilitaristischen Theorien), die deontologische durch den Intentionalismus (Prinzip: Gut ist, was aus guten Motiven getan wird; bekannt aus der Strafrechtstheorie) gestärkt wird.

Fraglich ist auch, wie sich in den Theorien das Gute als das mit der Moral der Gemeinschaft Übereinstimmende mit dem Guten des glücklichen Gelingens individueller Lebensvollzüge paart. Zu klären ist, wie sich die Güte zum Glück verhält und das Glück zur Güte, unter welchen Umständen der Glückliche gut und der Gute glücklich wird.

Kant entwickelte im Umfeld des preußischen Pietismus’ sein Konzept einer autonom begründeten deontologischen Ethik. Er trägt damit seiner Abneigung gegenüber neuen eudämonistischen Strömungen Rechnung, die mit dem frühen Utilitarismus Benthams aus England auf den Kontinent hineinzubrechen drohten: Pflicht und Gebot statt happiness und pleasure. Das Problem ist dabei (im Pietismus mehr als in der Ethik Kants): Nicht nur, dass das Gute und das Glück auseinander fallen, auch werden die Liebe und andere Tugenden zur Pflicht gemacht. Sie werden nicht mehr um ihrer Selbst willen und wegen ihres glücksstiftenden Moments, sondern als Konsequenz der Gebotstreue verfolgt. Das Glück spielt keine Rolle mehr, es ist aus der Moral ausgeklammert. Ein gefährliches Unterfangen, denn wir können ohne das Streben nach Glück nicht leben. Andererseits können wir auch ohne Moral nicht leben – ein echtes Dilemma. Aber ist es denn wirklich so, dass das Glück und das Gute in den teleologischen und den deontologischen Ansätze bei Aristoteles respektive Kant auseinanderfallen? Mitnichten!

„Gutsein“ und „Glücklichsein“ – in der griechischen Antike war die Unterscheidung der beiden Begriffe überhaupt kein Gegenstand. „Gutsein“ als Gesamtheit tugendhafter Lebensvollzüge und „Glücklichsein“ als Gefühlskomponente fielen zusammen. Auf die Frage „Geht es Dir gut?“ antwortete man „Ja, ich handle gut.“ Es geht mir gut, wenn ich gut handle! Mit anderen Worten erwächst aus tugendhaftem (=gutem) Handeln Glück. Bei Aristoteles gilt: Ich bin glücklich, wenn ich gut bin. Kant wiederum zeigt uns in der Güte der Befolgung des moralischen Gesetzes ebenfalls eine Spur des Glücks. Moralisches Handeln geschieht zwar aus Pflicht, verursacht dabei jedoch eine tiefe innere Gefühlsregung, eine Bewegtheit, die Kant Achtung nennt. Diese Achtung vor dem moralischen Gesetz, die jeder Mensch empfindet, sorgt dafür, dass aus pflichtgemäßem (=gutem) Handeln Glück erwächst. Auch bei Kant gilt also: Ich bin glücklich, wenn ich gut bin.

 

IV. Ethik für alle Lebenslagen

Unsere Welt wird immer „unübersichtlicher“ (Habermas). Die Wissenschaft differenziert sich immer weiter aus, neue Medien und Kommunikationsmöglichkeiten entstehen, angehende Ärzte beraten im ersten Semester über Sachverhalte, die der Medizin vor zehn Jahren noch gänzlich unbekannt waren, eine Mars-Mission wird vorbereitet. Zugleich wird unsere Welt heimgesucht von Krieg und Terror, mehr als 1 Milliarde Menschen hungert und der Klimawandel bedroht unsere Existenz, wobei immer klarer ersichtlich wird, dass dies unserem Verhalten geschuldet ist, ohne dass irgendjemand den Eindruck zu haben scheint, wirklich etwas falsch gemacht zu haben. Wenn die Flugreise oder das Steak zum Gegenstand der Moraldebatte wird, muss sich ihre Reflexionsinstanz, die Ethik, an diese neue Situation herantasten; Bereichethiken entstehen.

Es ist aber nicht nur die Umwelt- und die Tierethik, die verhältnismäßig neu sind und vehement in den Diskurs drängen, es ist insbesondere die Bioethik, die Schlagzeilen macht, häufig in Gestalt ihrer Abteilungen Gen- und Neuroethik. Daneben entsteht Bedarf für weitere Anwendungsfelder ethischer Argumentation aus wissenschaftlichen Neuerungen, die die Lebenswelt der Menschen beeinflussen, was sich in Gattungen wie Technikethik, Medienethik und Informationsethik (Cyber Ethics) zeigt. Und dann sollen ja nicht nur die Ergebnisse, sondern auch der Prozess wissenschaftlicher Arbeit moralisch beurteilbar sein, was eine Forschungsethik nötig macht. Die Globalisierung wiederum hat zu einer Flut an Publikationen zum Thema Global Ethics geführt, die neue Rolle internationaler Institutionen in Fragen der Armutsbekämpfung, Entwicklungshilfe und kollektiver Sicherheit zur Institutionenethik. Schließlich gibt es Lebensbereiche, deren Moral einer besonderen Analyse unterzogen werden muss, die schon vor 2500 Jahren relevant waren und es immer noch sind, ich denke an die (Straf-)Rechtsethik, die Politische Ethik und die Wirtschaftsethik.

Die Liste der Versuche, das Nachdenken im Rahmen der Ethik praxisrelevant und anwendungsbezogen auszugestalten, ließe sich noch fortsetzen. Es soll hier aber nicht um Vollständigkeit gehen, sondern um den Grundgedanken: Ethische Reflexion ist kein Selbstzweck, sondern soll dazu beitragen, Bedingungen für mehr Moral zu schaffen und damit, so hoch sollte der Anspruch hängen, für eine bessere Welt.

 

V. Was Sie erwartet

Mit den oben angerissenen Themenstellungen werden sich in den kommenden Monaten wieder namhafte Philosophen und Vertreter benachbarter Disziplinen zu Wort melden. Gemeinsam sind wird aufgefordert, darüber nachzudenken, wie wir mit einer Ethik im 21. Jahrhundert auf dem Wege der Reflexion Irrwege vermeintlicher Moralität entlarven und wie wir die Voraussetzungen dafür schaffen, die Welt, in der wir leben, zu einem Ort größerer Moralität werden zu lassen.

Für die Redaktion: Josef Bordat

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