Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Stefan Zenklusen: Im Archipel Coolag. Soziognostische Denk-Zettel aus der neu-alten Zivilisation. Berlin, 2006, Wissenschaftlicher Verlag Berlin, 184 S.,   ISBN 978-3-86573-164-7, 22 €

Dass die neoliberale Globalisierung sich nicht auf die Ökonomie beschränkt, sondern auch verheerende kulturelle Folgen zeitigt, wird jenseits konservativer Kulturkritik zu wenig beachtet. In dieses Bild passt, dass Ansätze wie die Kritische Theorie, deren explizites Programm es war, die Zusammenhänge von kapitalistischer Ökonomie, Kultur und Sozialcharakter zu analysieren, in den Sozialwissenschaften wie in der medialen Öffentlichkeit zusehends marginalisiert werden. Stefan Zenklusens in dem Sammelband "Im Archipel Coolag. Soziognostische Denk-Zettel aus der neu-alten Zivilisation" veröffentlichte Essays und Miszellen zeigen dagegen in eindrucksvoller Weise das nach wie vor vorhandene Anregungspotential des Denkens Theodor W. Adornos und Herbert Marcuses für aktuelle Zeitdiagnosen auf. Der Bezug auf diese Theorietradition zieht sich als Leitmotiv durch alle längeren Texte des Buches. Das in den Medien nicht seltene "Kritische-Theorie-Bashing" sieht Zenklusen als Teil eines sich im Postfordismus vollziehenden "Logozids", einer "reflexionshemmenden Sprach- und Gedankenstandardisierung" wie sie an den Begriffen des neoliberalen Newspeak ablesbar ist, die  der Autor in einem eigens angelegten Glossar analysiert. So wird z. B. das Adjektiv "weltfremd" als "weltdurchdrungen; standhaft; realistisch; Verdinglichung und Monetarisierung aller Lebensbereiche ablehnend" dechiffriert während in den neoliberalen Diskursen "flexibel" synonym verwandt werde mit "konditioniert; rigid; charakterlos" (41). Begleitet werden derartige sprachliche Veränderungen von einer zunehmenden Ausbreitung konformistischer Verhaltensmuster: "Parallel zur systematischen Bekämpfung jeder Rationalitätform, jeder Denkweise, die sich nicht mehr oder minder unmittelbar ökonomisch oder technologisch umsetzen lässt, beobachten wir im neuen enthemmten Kapitalismus die gewaltige Zunahme des Anpassertums. Wer sich immer und überall als Ware anbieten muss, wer sich immer und überall in 'human capital' verwandeln muss, neigt zum vorauseilenden Gehorsam." (33)

Diese Schwächung des Individuellen werde auch deutlich an der medialen Omnipräsenz von Menschen, die in Italien "tuttologo" genannt werden: Personen, die zu allem etwas zu sagen, aber von nichts eine Ahnung haben.

Als eine Seite des "Logozids" ist wohl auch der "globalistische Alternationalismus" zu verstehen: mit diesem Begriff will Zenklusen den steigenden Einfluss der angloamerikanischen Kultur fassen. Andere Kulturen werden nicht nur von ihr geprägt, sie stellt zugleich deren Massstab dar, demzufolge nationale Eigenheiten zunehmend als rückständig oder exotisch erscheinen. Exemplarischer Ausdruck dieses "globalistischen Alternationalismus" ist eine neoliberale Frankophobie, die jedoch als Indikator eines potentiellen Weltrassismus zu begreifen sei, "der Individuen und Kollektiven der sprachlich und kulturell dominierenden 'Entitäten', seien es Nationen oder Staaten" (101) automatisch einen höheren Wert zuweist. Anhand von Zürich schildert der Autor die Verschmelzung eines derartigen Globalismus mit einem regionalen Zwinglianismus zu einem "Hyperprovinzialismus". Für die Zürcher Szene sei sowohl Misstrauen und Kommunikationsfeindlichkeit typisch, als auch eine Coolness, zu deren Selbstverständnis "starrer Antikatholizismus", Ästhetizismus und  "Trendkollektivismus" gehören. Während so Urbanität simuliert wird, werde die eigene Provinzialität nach Schwamendingen und in den Aargau projiziert. Zenklusen schildert anhand von anschaulichen Beispielen, was einem geschieht, wenn man in der Zürcher Szene gegen implizite Kleidungs-, Denk- und Sprechverbote verstösst. Weisse Socken, die Neigung zu politischer Reflexion und die Artikulation in einem verpönten schweizerdeutschen Dialekt erscheinen so als etwas, das notwendig zu sozialer Exklusion führt. Dem liberalen Selbstverständnis Zürichs wird seine Rolle als "europäisches Zentrum des Nationalkonservatismus, autoritären Wirtschaftsliberalismus und Rechtspopulismus" (151) entgegengehalten, das Zürichdeutsche auf seine Verfallserscheinungen hin zu einem "ausdrucks-, kraft- und identitätslosen [...] Schrumpfdialekt" (154) untersucht. Ein bisschen viel Zürichschelte vielleicht, die von leidvollen Alltagserfahrungen des Autors in Zürich mit motiviert sein mag. Darüber hinaus sind diese Erfahrungen für ihn jedoch eine Materialquelle, anhand der es ihm gelingt theoretische Konzepte Adornos und Marcuses zu aktualisieren. So beschränkt sich der Sprachverfall Zenklusen zufolge nicht auf das Zürichdeutsche, auch das Hochdeutsche mutiere zunehmend zu einem "Anglotumbdeutsch", das englische Begriffe als Versatzstücke aufgreife und dadurch banaler und gleichförmiger werde. Da die übernommenen Anglizismen oftmals der Unterhaltungsindustrie oder dem Managementdiskurs entstammen, werde die Alltagssprache nicht nur tendenziell eindimensional, sondern v.a. heteronom: "In dem Masse wie sich Anglotumbdeutsch durchsetzt, schwindet mithin der Raum sprachlicher Unwägbarkeiten: Bedeutungsverschiebungen, Metonymien, Auftauchen neuer Wendungen, Abkürzungen, expandierende Regionalismen usw. usf. Anglotumbdeutsch spricht das Todesurteil über den Slang, der von diesem Raum des sprachlich Unberechenbaren lebt, und betreibt die Überführung der 'populären', lebensweltlichen Sprache in einen sklerotischen, statischen Zustand - eine Entwicklung, die zwangsläufig in einem Schwund des Facettenreichtums der 'natürlichen' Sprache endet." (168)

  Zenklusens Schreibstil versucht sich solchen Entwicklungen demonstrativ entgegenzustellen: hypotaktischer Satzbau sowie die Vielzahl von Fremdwörtern bezeugen eine Lust am reflexiven Denken, das sich nicht auf Protokollsätze reduzieren lassen will. In den versammelten Essays und Miszellen sind die Thesen pointiert zugespitzt, ohne dass dabei aber eine Verkündigung fertiger Wahrheiten angestrebt wird. Stattdessen fordern sie als "Denk-Zettel", wie es im Titel programmatisch heisst, den Widerspruch geradezu heraus, regen Leserin wie Leser zum selbständigen Denken an und leisten dadurch einen Beitrag zum Widerstand gegen den  "Logozid".

Johannes Gruber

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