![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 1
Vorbemerkung:
Dr. phil. Hans-Jürgen Hauschild (1940-2005) hat in seiner
langjährigen Tätigkeit als Fachpsychologe der Medizin und
Psychologischer Psychotherapeut Patienten mit Neurosen und
psychosomatischen Störungen in ambulanter, tagesklinischer
und stationärer Psychotherapie betreut. Als solcher (und
als Freund, nicht als Fachmann für Rilkes Werk)
hatte er in seinem, auf Wunsch des Vorstands der
Rilke-Gesellschaft erarbeiteten und am 18. September 2002
auf deren Jahrestagung in München gehaltenen Vortrag
„Rilke und die Psychoanalyse – die Psychoanalyse und
Rilke“ weniger den Einfluß der Psychoanalyse auf Rilkes
Werk im Blick als den auf Rilkes Persönlichkeit. Es
war ihm ein Anliegen, auf Verzeichnungen hinzuweisen, die
sich insbesondere in Untersuchungen finden, deren Autoren
sich bei der Betrachtung von Rilkes Leben und Werk auf zum
Teil überholte psychoanalytische Thesen stützen oder aber
auf Deutungen (auch Selbstdeutungen), die eine organische
Komponente von Rilkes gesundheitlichen Beschwerden gar
nicht erst in Erwägung ziehen. Hans-Jürgen Hauschild
wollte seine Ausführungen nicht als ‚Kritik’ an den
entsprechenden Arbeiten verstanden wissen, sondern als
verantwortungsbewußten Hinweis eines Psychologen für
künftige Arbeiten.
Nach der Tagung in München erreichten meinen Mann und nach
seinem Tod auch mich wiederholt Anfragen, ob und wo der
Münchner Vortrag nachzulesen sei. Dies ist der Grund,
weshalb ich die Anregung von Dr. Renate Scharffenberg
aufgreife und diesen Vortrag, der im Frühjahr 2003 für
eine Publikation überarbeitet wurde, für das ‚Marburger
Forum’ bereitstelle.
Vera Hauschild
„Ich will Ihnen gleich gestehen, daß ich im Ganzen
sehr gegen die Analyse eingenommen bin ...“
Rilke an Gräfin ***, 10.4.1912[1]
Als Rainer Maria Rilke Anfang 1914 Lou Andreas-Salomés Drei Briefe an einen Knaben[2] im Manuskript las, schrieb er ihr: „was da so schön von der Pflanzenwelt gezeigt wird, wie sie kein Geheimnis macht aus ihrem Geheimnis, ... das ist, denk Dir, genau das, was ich in Aegypten vor den Skulpturen empfand ... Und vielleicht ist alles Phallische ... nur eine Auslegung des menschlich heimlich-Geheimen im Sinne des offen-Geheimen in der Natur. Ich kann das aegyptische Gott-Lächeln gar nicht erinnern, ohne daß mir das Wort ‚Blütenstaub‘ einfällt.“[3] Für Ernst Pfeiffer, den Sachwalter und Verehrer Lou Salomés, ließen diese Bemerkungen „blitzhaft Rilkes Wissen vom Charakter der Freudschen Symbole“[4] deutlich werden; und der Psychoanalytiker Erich Simenauer schwärmte: „Man vermeint, einen Psychoanalytiker von ausgesprochener Prägung dabei zu vernehmen ...“.[5] Rilke, deutlich psychoanalytisch geprägt - eine Tatsache oder nur Ausdruck des Wunschdenkens der Urteilenden selbst?
Nach autobiographischen Zeugnissen (überwiegend Briefen) und der Darstellung von Ernst Pfeiffer[6] zufolge verdankte Rilke seine ersten Kenntnisse der Psychoanalyse[7] zum einen Lou Andreas-Salomé und zum anderen Victor Emil Freiherr von Gebsattel. Gebsattel, zunächst vorwiegend philosophisch und kunstgeschichtlich interessiert, studierte nach dem Bekanntwerden mit der Psychoanalyse Medizin und wurde danach Psychoanalytiker. Er und Rilke kannten sich vermutlich seit 1908. In den Gesprächen zwischen beiden muß Rilkes Interesse an der Psychoanalyse deutlich geworden sein, denn von Gebsattel berichtete diesem vom Kongreß der Psychoanalytiker im September 1911 in Weimar, an dem er gemeinsam mit Lou Andreas-Salomé teilgenommen hatte. Gebsattel behandelte Rilkes Frau Clara Rilke-Westhoff psychoanalytisch und wechselte mit Rilke Anfang 1912 auch Briefe zur Möglichkeit von dessen eigener Therapie.
Auch daß Rilke am zweiten Kongreßtag des am 7. und 8. September 1913 in München durchgeführten Vierten Kongresses der 'Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung' teilnahm, läßt auf ein, wie auch immer geartetes Interesse schließen. Gemeinsam mit Lou Andreas-Salomé könnte er in München folgende Vorträge gehört haben:
Sándor
Ferenczi:
Zur Psychologie der Überzeugung
Oskar
Meßmer: Die Wirklichkeitsfunktion als ontologisches Problem
Johann H.W. van Ophuijsen: Zur Frage
des Sado-Masochismus
Marco L.
Mensendieck: Die prospektive Tendenz des Unbewußten in Wagners
ersten Dramen und der Parsifal
Hans von Hattingberg: Zum analerotischen
Charakter.[8]
Rilke, der während der Tagung „fast neben Freud“ saß und „von allen ausgezeichnet behandelt“ wurde,[9] berichtete Marie von Thurn und Taxis: „ich kam noch in die Tage des hiesigen psychoanalytischen Congresses, was mir recht merkwürdige Begegnungen eintrug“.[10] Dazu gehörte eine Begegnung, die „wichtigste, mit Dr Bjerre,[11] dem berühmten schwedischen Arzt“,[12] und eine weitere mit Sigmund Freud. Lou notierte: „Mit Rainer zu Freud ins Parkhotel, wo er logierte. ... sie gefielen sich, und wir blieben noch zusammen, auch abends bis noch spät nachts.“[13]
Daß Freuds Schriften zur Persönlichkeitstheorie und zur Trieblehre darüber hinaus zu Rilkes Lektüre zählten, ist gleichfalls belegt – welche Arbeiten von Freud oder dessen Schülern er aber tatsächlich gelesen hat, ist es nur selten.[14] Ein Brief an Nanny Wunderly-Volkart von 1923 etwa erwähnt Freuds Schrift Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum.[15] Auch wie Rilke im einzelnen über Freuds Theorien geurteilt hat, geht aus den bisher veröffentlichten autobiographischen Zeugnissen kaum hervor. Die gegenüber Magda von Hattingberg geäußerte Wertung gehört zu den seltenen Ausnahmen; er schrieb ihr im Rückblick auf den Münchner Kongreß und die Begegnung mit Freud und Bjerre: „Diese Männer waren mir wichtig und merkwürdig, ihre ganze Richtung und Anwendung gehört sicher zu den wesentlichsten Bewegungen der ärztlichen, ja jener menschlichen Wissenschaft, die es eigentlich noch gar nicht giebt.“[16] Der bereits eingangs zitierte Brief Rilkes, geschrieben im Jahr 1912 nach der Lektüre der ersten Nummer der psychoanalytischen Zeitschrift >Imago<,[17] enthält ein eindeutiges Urteil über „sehr gewagte und ... oft voreilige Anwendungen der gewonnenen Einsichten. ... es wäre zu keiner anderen Zeit möglich gewesen, so undelikat einzugreifen, als gerade in unserer, wo es keine Intimität mehr zu geben scheint und wo zwischen Neugier und Wissensdrang kein Unterschied mehr gemacht wird. Ich will Ihnen gleich gestehen, daß ich im Ganzen sehr gegen die Analyse eingenommen bin, von Einblick zu Einblick mehr, ich finde sie thut einseitig, rechthaberisch und eingebildet etwas, was das Leben immer schon, wo es nöthig war, gethan hat, und was zu thun, auch nur dem Leben selbst eigentlich zusteht.“[18]
Richard Hußlein[19] hat schon 1978 verschiedene Annahmen der orthodoxen Psychoanalyse zur Persönlichkeitstheorie mit entsprechenden Äußerungen Rilkes aus verschiedenen Lebensphasen, auch aus der Zeit vor dessen Begegnung mit der Psychoanalyse, verglichen und ist zu dem Schluß gekommen, daß Rilke zu vielen Sichtweisen Freuds eine kritische Haltung gehabt haben müsse.
Wenn dem entgegen verschiedene psychoanalytisch orientierte Autoren eine deutlich positive Einstellung Rilkes zur Psychoanalyse wahrgenommen haben, so kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß damit in der Folge weniger ein Beitrag zum Verständnis Rilkes geleistet wurde, als daß die Bedeutung der Psychoanalyse für dichterische Werke im allgemeinen aufgewertet werden sollte. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Rilke, wie viele seiner literarischen Zeitgenossen, durch Freuds Bruch mit den sexuellen Tabus der Zeit ermutigt worden sein, Erotisches, Sexuelles literarisch zu gestalten (auch wenn vergleichbare Darstellungen bereits in Vor-Rilkescher Zeit zu finden sind) und neu zu sehen. Inwieweit aber bestimmte Theorien der Psychoanalyse in seinem Werk wiederzufinden sind - wie manche Autoren vor allem mit Blick auf die Dritte der Duineser Elegien und die sogenannten Phallischen Gedichte meinen -, ist bislang nur im Ansatz erforscht.[20] Während Friedrich Bollnow die Dritte Elegie 1951 als „eine Art psychoanalytisches Lehrgedicht“[21] bezeichnet hatte (was insbesondere von psychoanalytisch orientierten Autoren übernommen wurde, u.a. zur Bestätigung der schon damals umstrittenen Libidotheorie Freuds), merkte Manfred Engel zu den 1915 entstandenen phallischen <Sieben Gedichten> an, daß Sexualität und Tod für Rilke bereits seit seinem Frühwerk jene Bereiche der Existenz gewesen seien, „deren zunehmende Verdrängung und Ausgrenzung das Welt- und Selbstverhalten des modernen Menschen am meisten beschädigt hat“.[22] Insofern seien die wesentlichen Anregungen von Freud auf Rilkes Werk „eher Bestärkungen bereits bestehender Vorstellungen als radikale Neuansätze“ gewesen.[23]
Anders verhält es sich, meines Erachtens, mit dem Einfluß von Freuds Theorien auf Rilkes Selbstverständnis. Hier waren es vor allem Lou Andreas-Salomés psychoanalytische Deutungen seiner körperlichen Beschwerden, die er sich zu eigen machte und die ihn mehrfach eine analytische Therapie für sich in Erwägung ziehen ließen. Seine insgesamt ambivalente Haltung gegenüber einer solchen Therapie für sich selbst dürften außer Lou Andreas-Salomés prinzipiellen Vorbehalten gegenüber einer psychoanalytischen Behandlung von kreativen Persönlichkeiten auch Gespräche mit Victor von Gebsattel befördert haben.[24] Im Januar 1912 hatte Rilke an Lou Andreas-Salomé geschrieben: „zwar ist mir, was ich von Freud’s Schriften kenne, unsympathisch und stellenweise haarsträubend; aber die Sache selbst [gemeint ist damit wohl nur die psychoanalytische Therapie, H-J. H.] ... hat ihre echten und starken Seiten“.[25] (Daß Rilke Lous Deutungen seiner Beschwerden dennoch Glauben schenkte und zeitweilig Hoffnung in eine psychoanalytische Therapie setzte, ist schon allein deshalb nachvollziehbar, weil sich mit der damaligen medizinischen Diagnostik keine organischen Ursachen seiner Beschwerden nachweisen ließen.) Ähnlich zwiespältig wie in den Briefen an Lou erscheint Rilkes Einstellung zu einer psychoanalytischen Therapie auch in Briefen an von Gebsattel. So schrieb er diesem am 14. Januar 1912:
Mir kommt immer noch vor, daß meine Arbeit eigentlich nichts anderes ist als eine derartige Selbstbehandlung, wie wäre ich sonst überhaupt ... auf die Arbeit gekommen? ... gerade meine, wenn man so sagen soll, Frömmigkeit hält mich von diesem Eingriff ab, von diesem großen Aufgeräumtwerden, das nicht das Leben tut – von dieser Korrektur der ganzen bisher beschriebenen Seite Leben, die ich mir dann so rot durchverbessert denke wie in einem Schulheft – eine alberne Vorstellung und sicher eine ganz falsche -, aber ich bin nun einmal darauf gekommen. ... ich weiß, es steht nicht gut mit mir, ... aber glauben Sie mir, daß ich doch von nichts so ergriffen bin wie von der unbegreiflichen, unerhörten Wunderbarkeit meines Daseins, das von vornherein so unmöglich angelegt war und von Rettung zu Rettung dennoch fortschritt ...[26]
Die Sorge, daß durch eine Psychoanalyse die Quelle seiner dichterischen Intention versiegen könnte, überwog dann doch und ließ ihn an von Gebsattel schreiben:
... ich bin über die ernstesten Erwägungen zu dem Ergebnis gekommen, daß ich mir den Ausweg der Analyse nicht erlauben darf, es sei denn, daß ich wirklich entschlossen wäre, jenseits von ihr, ein neues (möglicherweise unproduktives) Leben zu beginnen. ... Nun muß ich mir aber zugeben, daß es mit solchen Plänen nie ganz ernst gewesen ist, daß ich mich vielmehr ... doch unendlich stark an das einmal Begonnene, an alles Glück und alles Elend, das es mit sich bringt, gebunden fühle ... so viel ... scheint mir sicher, daß, wenn man mir meine Teufel austriebe, auch meinen Engeln ein kleiner, ganz kleiner (sagen wir) Schrecken geschähe, - und – fühlen Sie – gerade darauf darf ich es auf keinen Preis ankommen lassen.
Und wie einen Trost für sich selbst fügte er hinzu:
Was ich durchmache, ist nicht schlimmer im Grunde, als was ich viele andere Male hingenommen habe, und dabei ist doch meine Geduld jetzt so viel reifer und verläßlicher als vor Jahren.[27]
Ähnlich unentschieden verlief auch Rilkes Annäherung an Sigmund Freud als möglichen Therapeuten. Obwohl Rilke ihn 1913 persönlich kennengelernt und Freud ihn nachdrücklich zu sich eingeladen hatte, suchte er ihn erst Ende 1915, unmittelbar vor seiner Einberufung zum Militär, auf. Auch Lou Andreas-Salomé hatte ihn nicht früher zu diesem Schritt bewegen können; Freud schrieb über die Begegnung rückblickend im Juli 1916 an sie: Rilke habe „in Wien deutlich genug zu erkennen gegeben, daß ‚kein ewiger Bund mit ihm zu flechten‘ ist. So herzlich es bei einem ersten Besuch war, es ist nicht gelungen, ihn zu einem zweiten zu bewegen.“[28] Die Gründe dafür klingen bereits in einem Brief Rilkes vom 17. Februar 1915 an, der dem Treffen mit Freud vorausgegangen war: „Öfters war ich daran, mir durch eine Aussprache mit Ihnen aus der Verschüttung zu helfen. Aber schließlich überwog der Entschluß, die Sache allein durchzumachen.“[29] Und auch eine noch spätere Erinnerung Freuds daran (1925 in einem Brief an den Schriftsteller Arthur Fischer-Colbrie festgehalten) läßt Rilkes Einstellung deutlich werden: Er „hat mich telephonisch angerufen, eine Einladung zum Mittagessen angenommen und uns alle durch seine Konversation und seine Erzählungen entzückt. Seither habe ich ihn aber nicht wiedergesehen. Ich habe keinen Grund anzunehmen, daß er sich besonders für die Psychoanalyse interessiert oder ihr sympathisch gegenübersteht.“[30]
Nicht entzogen aber hat Rilke sich Lou Andreas-Salomés psychoanalytischen Deutungen. Symptomatisch für diese ist der Bericht über ein Rilke betreffendes Gespräch mit dem Wiener Arzt Friedrich Pineles, den Lou Rilke am 26. Februar 1901 in ihrem „Letzten Zuruf“ übermittelte, mit dem sie den Kontakt zu ihm vorläufig abbrach:
Das was Du und ich den „Andern“ in Dir nannten, - diesen bald deprimirten, bald excitirten, einst Allzufurchtsamen, dann Allzuhingerissenen, - das war ein ihm [Friedrich Pineles] wohlbekannter und unheimlicher Gesell, der das Seelisch krankhafte fortführen kann zur Rückenmarkserkrankung oder in’s Geisteskranke. Dies braucht jedoch nicht zu sein! ... Begreifst Du meine Angst und meine Heftigkeit, wenn Du wieder abglittest und ich das alte Krankheitsbild wiedersah? wieder den zugleich lahmen Willen neben jähen, nervösen Willenseruptionen, die Deinen organischen Zusammenhang durchrissen, haltlos Suggestionen gehorchten ...!“[31]
Wie sehr diese Äußerung Lou Andreas-Salomés die hypochondrischen Befürchtungen Rilkes verstärkte, vielleicht sogar auslöste, wird an verschiedenen Briefstellen deutlich. Ihr suggestiver Einfluß auf ihn (wie offenbar auf alle, die ihr begegneten) war bereits zu Beginn ihrer Beziehung außerordentlich groß. Gut zwei Jahre nach der durch Lou vollzogenen Trennung wandte sich Rilke erneut an sie: „Ich bin immer noch Lebens-Anfänger und habe es schwer.“ Er habe „drei Influenza-Anfälle mit endlosen Fiebernächten und großer Bangigkeit“ erlitten, mit Ängsten wie in „meiner Kindheit, in den großen Fiebern ihrer Krankheiten. ... Ich kann niemanden um Rath fragen als Dich ... Nur Du kannst mir helfen und ich fühle schon an Deinem ersten Briefe die Macht, die Deine ruhigen Worte über mich haben. ... Du weißt, wovor ich mich fürchten muß und wovor nicht -: Muß ich mich fürchten?“[32] – Fürchten wovor? fürchten, wahnsinnig zu werden?
Lou versuchte ihn zunächst unter Hinweis auf „die wiederholte Influenza“[33] zu beruhigen, doch deutete sie bereits vier Wochen später seine Angstzustände – seine „Ängste wie vor etwas zu Großem, zu Hartem, zu Nahem“[34] - als Ausdruck des Aufeinanderstoßens zweier Kunstwelten in ihm: der bildhauerischen Rodins und der eigenen, dichterischen. Interessant ist hierbei, daß sie bereits damals, vermutlich vor ihrer Kenntnis der Psychoanalyse (die das 'zu Große, zu Harte, zu Nahe' sexuell interpretiert), [35] zu phantasievollen Deutungen neigte: Die bildhauerische, „d.h. körperhaft geprägte, für den Dichter werkzeuglose“ Kunstwelt, „muß ihre Energie wider Dich selbst kehren, sich gleichsam wie ein Vampyr an Deinem eigenen Körper schadlos halten.“[36] Rilke zeigte sich beeindruckt von der ihn entlastenden Erklärung: „wie Du es fühlst und erhellst mit Deinem großen Wissen von Menschlichem: Du Wahrsagerin“.[37]
Anhand der in der Folgezeit gewechselten Briefe lassen sich Rilkes wiederholt auftretende körperliche Beschwerden gut zurückverfolgen. Auf deren mögliche konstitutionelle oder eventuell sogar organische Ursachen – die, was noch zu zeigen sein wird, nicht sicher auszuschließen sind – ging Andreas-Salomé immer weniger ein. Sie deutete Rilkes Beschwerden stattdessen ausschließlich als psychogen, als neurotisch verursacht. Als sie ihm schrieb: „Könntest Du nur das physische Unbehagen abschütteln; wie Du es beschreibst, ist es sicher und absolut zweifellos neurasthenisch“,[38] griff sie mit „neurasthenisch“ Freuds Definition der sogenannten Aktual-Neurose auf, zu deren Auslösern dieser „regelmäßige Masturbation oder gehäufte Pollutionen“ zählte,[39] was zu Kopf- und Rückenschmerzen, Verdauungsstörungen, Mattigkeit, depressiven Störungen und Todesängsten führen könne. Diese Theorie dürfte Rilke sowohl durch eigene Lektüre, als auch durch Lou Andreas-Salomé und durch von Gebsattel bekannt gewesen sein – sie könnte seine Furcht, sich durch Masturbation zu schädigen (eine in dieser Zeit ohnehin noch verbreitete Auffassung), ausgelöst haben und der Grund gewesen sein, weshalb sich diese Ängste dann später bei zunehmenden körperlichen Beschwerden verstärkten.
Lou Andreas-Salomé benennt in ihrem Erinnerungsbuch „zwei Lebenseindrücke“, die sie „für die Begegnung mit Freuds Tiefenpsychologie besonders empfänglich“ gemacht hätten – einer davon sei „das Miterleben der Außerordentlichkeit und Seltenheit des Seelenschicksals eines Einzelnen“,[40] nämlich Rilkes, gewesen. Wenn Ernst Pfeiffer dem folgt und meint, daß Lou sich „zugunsten ... Rilkes einer Lehranalyse bzw. dem Studium der Analyse“ unterzogen, diese „ihm gegenüber jedoch nur mittelbar als Erkenntnisquelle verwendet“[41] habe, so erscheint mir ersteres über- und letzteres untertrieben. Schon Wilhelm Ewig, der bei Lou Andreas-Salomé die Lehranalyse erhielt, war der Auffassung: „Für eine Schriftstellerin, die Lou ursprünglich war, kann es gar nichts Interessanteres geben als in andere Leben hineinzublicken.“[42] Auch das Tagebuch Lous enthält viele Deutungen, die – wie es Else Buddeberg kritisch sah – in „sehr verquollenem Deutsch“ ihre „förmliche Sucht nach psychologischer Ausdeutung von Menschen und Dichtung“, ihren durch Freuds Werk genährten Psychologismus, deutlich machen.[43] Bernhard Blume spricht in diesem Zusammenhang von einer „seltsamen Mischung von glänzenden Einsichten und erstaunlichen Fehlschlüssen“.[44]
Auch die Tatsache, daß Lou Andreas-Salomé mehrere Träume Rilkes – und dieser sogar einen selbst - in ihr Tagebuch eingeschrieben hat, spricht gegen die Annahme, sie habe Rilke nicht analysiert. Im Oktober 1913 kamen bei einer gemeinsamen Fahrt von Hellerau nach Dresden „auch viele entlegene Kindheitserinnerungen“ zur Sprache.[45] Daß Rilke wenige Tage später überstürzt nach Paris abreiste, könnte mit Lous analytischen Deutungen zusammenhängen, schrieb sie ihm doch kurze Zeit danach: „Am letzten Tage war es so furchtbar, als jagte ich Dich beinah dorthin hinweg: aber Du weißt ja, wie es war, und daß ich Dir nur helfen wollte.“[46] Ernst Pfeiffer war zwar überzeugt, daß Lou Andreas-Salomé auch Rilkes Träume nur „zum Zweck der eigenen Unterrichtung, keinesfalls dem einer ‚Behandlung‘“[47] zu deuten begann, doch dürfte das lediglich bezogen auf eine reguläre Therapie zutreffen. Wilhelm Ewig hat ein Gespräch mit Lou überliefert, nachdem sie und Rilke sich während der Fahrt nach Dresden die Zeit „mit dem Spiel freier Assoziation“ vertrieben hatten: „Der eine sagt ein Wort, und der andere antwortet mit dem Wort, das ihm in diesem Moment einfiel. Dies trieben sie eine ganze Weile. Und plötzlich wurden Lou die Gründe klar, die Rilke damals bewegten, seinen Militärroman schreiben zu wollen. Sie sprachen darüber, und Lou erhellte Rilke dessen Dunkelheiten [Hervorhebung. H.-J. H.]. Rilke habe gelacht ... und gesagt, nun brauche er den Roman ja gar nicht zu schreiben, sie habe ihn ihm von der Seele genommen. Da habe sie sich entsetzt, denn sie habe plötzlich die Gefahr erkannt, die dem schöpferischen Menschen durch die Psychoanalyse drohe. Sie habe deshalb Rilke auch immer davon abgeraten, sich analysieren zu lassen. Denn obwohl eine erfolgreiche Analyse einen Künstler von den Teufeln befreien könne, die ihn quälen, bestehe doch immer die Gefahr, daß sie seine schöpferischen Engel vertreibe. Eine keimfreie Seele sei eine sterile Seele.“[48]
Lou Andreas-Salomé ließ Rilke also vermutlich seine Träume nicht selbst deuten, sondern konfrontierte in mit ihren eigenen Deutungen. Bezogen auf das Jahr 1913 schrieb sie rückblickend: „An diesem Punkt brach ich ... die andere Traumanalyse ... ab, wie wenn bereits angetastet würde, was dunkel zu bleiben hat.“[49] So wird man auch davon ausgehen dürfen, daß Rilke den von ihm mehrfach verwendeten Begriff einer „Selbstbehandlung“, die sein Schreiben sei, von Lou übernommen hat.
Die Wirkung von Lou Andreas-Salomés Deutungen auf Rilke war, so stellt es sich mir dar, letztlich verhängnisvoll.[50] So glaubte der Schwerstkranke noch wenige Monate vor seinem Tod nicht an eine rein organische Erkrankung: „Wärs noch eine mit einer ausdrücklichen lateinischen Überschrift zu bezeichnende Krankheit, so dürfte der ärztliche Fachmann ruhig mit mir wirtschaften; ihn in das vielfältige halb physische, halb psychische Verhängnis eingreifen zu lassen, aus dem meine Bedrängnisse hervorgehen, ist schwer und ist gewagt, denn alles, worunter ich leide, ist eine Aufgabe an mich selbst“.[51]
Lou Andreas-Salomé hat bis zu Rilkes Tod an ihrer psychoanalytischen Interpretation seiner Beschwerden festgehalten. Selbst als Rilke Ende 1925, bereits schwerkrank, seine eindeutig von einer chronischen Leukämie verursachten Symptome schilderte - „Knötchen innen an der Lippe“,[52] „die Phobie, nicht nur durch die kleinen Verhärtungen innen an der Lippe, sondern auch sonst durch allerhand Unbehagen im Munde, Schlund und Zunge unterhalten“[53] - fand Lou zu einer Deutung, die Rilkes Glauben an eine Psychogenese seiner Leiden und seine Schuldangst wegen der Masturbation weiter verstärkt haben dürfte. Lou folgte dabei Sigmund Freuds Auffassung, daß die Libido des Neurotikers „an die Symptome gebunden“[54] sei und „durch Verschiebbarkeit“ „jede beliebige andere Haut- und Schleimhautstelle die Dienste einer erogenen Zone auf sich nehmen könne“.[55] Und so schrieb sie ihm:
Wenn Du Deine jetzigen Dinge anschaust, die in den Mund, an Zunge und Schlund geratene Bereitwilligkeit, dem Schuldgefühl zu sekundieren – woran mahnt Dich das wohl? Nicht vielleicht an jene Jahre, wo Du ebenfalls mit Knötchen zu tun hattest und mit Sensationen an einem anderen Schlund, operiert worden warst und befürchtetest, es könnten böse Tumoren entstehen? ... aber anstatt mit den Jahren gerade erst zu kommen, wie Hämorrhoiden pflegen, ließen die nach, waren vermutlich deshalb bereits neurotisch überbedingt, konnten auf der „Rutschbahn hinauf“ gelangen, von vornherein seelischen Verklemmungen gehorsam. / Ach, dies ganze Bild ist so klar, nur mir, damaligem Kalb, war es das nicht, und damit hat Gott mich mit Schuld geschlagen, daß ich, als wir uns kennen lernten, nicht mit meinem jetzigen Können und Wissen erfahren für Dich bereit stand. Dadurch mußte das mit den Jahren zunehmen. Schon das Oben statt des Unten entspricht einer Zunahme, denn das Orale (Mund- und Saugelust des kleinsten Kindes, erste Wonne, und Enttäuschung durch Ausgleiten des mütterlichen Knöpfchens der Brustwarze aus den Lippen, in denen man sie im Lippenrand innen behalten möchte!) ist von Infantilerem her mehr als das Anale im Interesse des mit seinen Exkrementen beschäftigten Kindes.[56]
Als wenige Tage vor Rilkes Tod eine akute Leukämie diagnostiziert wurde, bat Rilke seinen behandelnden Arzt Dr. Theodor Haemmerli, Lou Andreas-Salomé von der Diagnose zu unterrichten – „vielleicht wird die Lou Salomé doch begreifen, woran es gelegen hat“.[57] – Und selbst schrieb er ihr am 13. Dezember 1926: „Dorogaja, das siehst Du also wars, worauf ich seit drei Jahren durch meine wachsame Natur vorbereitet und vorgewarnt war“[58] – nur ein Hinweis oder nicht doch ein leiser Vorwurf?
Lou Andreas-Salomé hat nach Kenntnis der Diagnose 'Leukämie' weder in ihrem Rilke-Essay von 1927, noch in ihrem Lebensrückblick Zweifel an ihren Deutungen erkennen lassen oder Rilkes unter ihrem Einfluß entstandene Selbstdeutungen korrigiert. Nachdem Ernst Pfeiffer diese mit der Publikation des Briefwechsels beider öffentlich gemacht hatte,[59] übernahmen (und übernehmen) psychoanalytisch orientierte und auch andere Autoren unverständlicherweise viele dieser Deutungen der Beschwerden Rilkes (vor allem der vor 1924) als psychogen bzw. neurotisch, allein verursacht durch Kindheitsängste und Schaffenskrisen, ohne einen Zusammenhang mit eventuellen organischen Ursachen auch nur in Erwägung zu ziehen.
„...daß uns diese ganze Literatur mit wenigen Ausnahmen
mehr eine Psychologie
der Ausdeuter, als eine Deutung
Rilkes selbst ermöglicht“ [60]
Folgte Rilke zu Lebzeiten gutgläubig den psychoanalytischen Thesen Lou Andreas-Salomés, so legten nach seinem Tod - wider besseres Wissen, muß man nach Bekanntwerden seiner Krankheit sagen - psychoanalytisch orientierte Autoren diese Thesen ihrer Betrachtung von Rilkes Persönlichkeit und Leben, gelegentlich auch der seiner Dichtung, zugrunde. Und obwohl die meisten Theorien der orthodoxen Psychoanalyse (ungeachtet ihrer die psychologische Forschung immens aktivierenden Bedeutung) wissenschaftlich nicht bestätigt oder widerlegt worden sind,[61] wurde auch an der verabsolutierenden Behauptung Sigmund Freuds festgehalten, daß jeder Künstler eine „intensive narzißtische Ichbesetzung“ aufweise und „nicht nur der Stoff, sondern auch die Triebkraft künstlerischen Schaffens vorwiegend sexuell“ sei und dem Zusammenhang von Triebverdrängung und -sublimierung unterliege.[62] Und dies, obwohl Freud selbst einschränkte, daß das Wesen der künstlerischen Leistung psychoanalytisch unzugänglich bleibe.[63] Auch die Hypothese Wilhelm Stekels, wonach „nicht jeder Neurotiker ... ein Dichter“, aber jeder Dichter „ein Neurotiker“ sei,[64] hat Auswirkungen auf die Betrachtung von Dichter-Persönlichkeiten gehabt. Wie Rilke wurden auch andere Künstler nach ihrem Tod zu Beispiel-Persönlichkeiten psychoanalytischer Theorien stilisiert.[65]
Noch 1987 wurde ein aus verschiedensten Behauptungen zusammengewürfeltes, in sich widersprüchliches „Pathogramm“ über das „neurotische Hochtalent“ Rilke gedruckt: „Starke Hemmungen, zwangsneurotische Haltung, Zweifel, ob Rilke eine obsessive Psychose aufwies, Angst, Phobien, Obsessionen ... Seine Hyperästhesie wie seine Gefühlsstumpfheit sind Erscheinungen derselben inneren Haltung: seiner passiven Ichbezogenheit. ... Rilkes Leben und Dichtung ... zeigen Phänomene der Unrast und Hypochondrie und ... des Narzißmus. Der Dichter war eine schizoide, übersensitive, lebensschwache und bionegative Persönlichkeit, zum Teil in deutlicher Psychosenähe. 1922/23 Phase einer (endogenen?) Depression“ usw.[66]
Diese an Undifferenziertheit und Widersprüchlichkeit kaum zu überbietende Verzeichnung ist jedoch letztlich nur das Resultat einer Entwicklung, die bereits früher begann: So orientierten sich zwei Psychiaterinnen, Ilse Krippendorf (1952) und Ilse Klages (1964), in ihren „Pathobiographien“ an einer Hypothese Ernst Kretschmers:[67] „Ein Genie entsteht in einem Erbgang besonders gern an dem Punkt, wo eine hochbegabte Familie zu entarten beginnt“[68] - und behaupteten, Rilke stehe „an diesem Punkt seiner väterlichen Sippe“; er sei von seiner Mutter her zudem „Träger der Erbmasse einer hysterischen und anankastischen Psychopathin“, sei außerdem schizoid und autistisch, nur „eklektisch gesellig“ gewesen und habe neben seiner „Liebesunfähigkeit“ und seinem „Versagen gegenüber den Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft“ eine Vorliebe für eine „aristokratische, kühl-vornehme Salonwelt“ gezeigt.[69] „So geht Rilke immer am Abgrund entlang, im Bewußtsein der gefahrvollen Nähe einer psychischen Katastrophe, wie sie den ihm geistig so nahe verwandten Hölderlin schließlich zerstörte.“[70]
Solchen 'Diagnosen' werden aus dem Zusammenhang gerissene Äußerungen Rilkes oder isolierte Passagen aus seinem Werk zugrunde gelegt, was den einfachsten Forderungen an eine fachgerechte Diagnostik widerspricht und an das Postulat Otfried Höffes gemahnt: „Kein Arzt muß allwissend und in seinem Urteil fehlerfrei sein. ... Ein Recht auf mangelnde Sorgfalt haben sie aber nicht.“[71] Zumindest in Teilen wurden 'Diagnosen' dieser Art auch von Literaturwissenschaftlern übernommen; sie leisten verzeichnenden Charakterisierungen Rilkes bis in die Gegenwart Vorschub.
In diesem Sinne gewirkt haben besonders die Veröffentlichungen von Erich Simenauer, der längere Zeit als Chirurg tätig war, bevor er Psychoanalytiker wurde.[72] Er bezeichnete es als „Glücksumstand, daß Rilke selber seine Leiden beschrieben hat, seine körperlichen sowohl wie seine seelischen“,[73] und ignorierte dabei, obwohl Mediziner, daß subjektive Symptomschilderungen für eine Diagnose nicht ausreichen, sondern die Untersuchung in vivo verlangen, und daß der Patient selbst es sein muß, der dem Analytiker die Aufdeckung der unbewußten Konflikte mittels eigener Assoziationen zu seinen Äußerungen oder seinen Träumen ermöglicht.
In seinem Beitrag „Aus R. M. Rilkes Krankheitsgeschichte“ hatte Erich Simenauer 1952 konstitutionelle und gesundheitliche Besonderheiten Rilkes noch beachtet - in späteren Publikationen jedoch interpretierte er dessen Beschwerden ausschließlich psychoanalytisch, bis hin zu der aus medizinischer Sicht haltlosen Behauptung: „Die tödliche Leukämie war nur eine Endstation psycho-somatischer Verhängnisse“.[74]
Mit Pieter C. Kuipers ließe sich, insbesondere auch zu Erich Simenauers Deutungen von Rilkes Dichtung, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, anmerken, daß es nicht selten geschieht, „daß Biographen so sehr in ihrer eigenen Problematik befangen sind, daß das Objekt ihrer Untersuchung in hohem Grade verzeichnet wird.“[75] Auch Sibylle Becker-Grüll, die der Narzißmus-Theorie selbst nahesteht, urteilte 1978 über Simenauers Behauptungen, sie seien „für den Literaturwissenschaftler nur unter Vorbehalt verwendbar. ... Sein Blick – eingeengt durch Freuds Triebpsychologie – ist von einem selbstgerechten Moralismus getrübt“.[76] Auch Ernst Pfeiffer hat Erich Simenauers Veröffentlichung schon als „Kampfschrift“ bezeichnet.[77]
Egon Schwarz veröffentlichte am 29. November 1975 zum 100. Geburtstag Rilkes in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - übrigens auf Bitte von Marcel Reich-Ranicki – 'Drei Thesen' „zu einige(n) fragwürdige(n) Aspekte(n) im Werk Rilkes“,[78] die in gewisser Weise ein Komprimat seines bekannten, kontrovers aufgenommenen Buches über 'Poesie und Politik bei Rilke'[79] sind. „Rilke war“, heißt es da, „ein christlicher Dichter, Heide, Epikureer, Pantheist, ein Heiliger, Narziß, Existentialist, Psychopath, Religionsstifter, ein Mönch und Asket, ein Don Juan“ - und weiter: „mit seinem Haß auf die großen Städte, seiner Verachtung des demokratischen Parlametarismus, seiner Ablehnung der Technik, seinem Antisemitismus, der Verwerfung sozialer Reformen ... ist Rilke ... symptomatisch für die konservative Revolution, die den Faschismus vorbereiten half.“[80] Das in der F.A.Z. zugespitzt formulierte Urteil wird in Schwarz’ Rilke-Buch mit angeblich „neurotischen Zwangshandlungen“ Rilkes in Verbindung gebracht, mit „dem ganzen qualvollen Abgetrenntsein vom normalen Leben und seinem Nicht-Funktionieren-Können in ihm“[81]und dieses wiederum mit dem Symptomenkomplex der 'Anomie', die – zumal, wenn sie als gesellschaftliches Defizit auftritt – direkt in die Flucht in autoritäre Systeme führe.[82] Zu einer derartigen Fehldeutung, hergeleitet auf der Basis isolierter Äußerungen aus dem umfangreichen Werk eines ganzen Dichterlebens, läßt sich nur mit Heinrich Meyer anmerken: „Der Mann mit dem zu beweisenden Thema“ sucht nur das, „was seine These bestätigt“ (wobei es in diesem Falle sogar heißen müßte: „scheinbar bestätigt“); und „das Falsche, das durch die Zielsetzung von außen hereinkam, liegt darin, daß eine bestimmte These aufgestellt und ein bestimmter Vorgang erwiesen werden soll, der tatsächlich in dieser Form nicht stattfand“.[83]
Die Motive von Literaturwissenschaftlern, die sich nicht auf eine biographische Analyse beschränken, sondern – bei zumeist fehlender klinisch-psychologischer Ausbildung – dieser verschiedene psychoanalytische Hypothesen zugrundelegen, mögen unterschiedlich sein. Das betrifft nicht nur die Übernahme von 'Diagnosen' der oben zitierten Psychiaterinnen oder Erich Simenauers, sondern auch die Übernahme einzelner hypothetischer Konstrukte, wie 'Narzißmus', womit in der Freudschen Theorie eine in der frühesten Kindheit entstandene Entwicklungsstörung gemeint ist. Freuds Annahme, daß die Charakterbildung des Menschen entscheidend durch die frühkindliche libidinöse Triebdynamik beeinflußt werde, ist widerlegt;[84] und die Methode der orthodoxen Psychoanalyse – Erinnerungen erwachsener Patienten an Erlebnisse in ihrer Kindheit einzubeziehen – wird von der empirischen Persönlichkeitspsychologie abgelehnt, da die Verfälschung solcher Erinnerungen nachgewiesen werden konnte.
Obwohl der Begriff des 'Narzißmus' zudem schillernd und wissenschaftlich unbewiesen ist, von der akademischen Psychologie nicht als Fachbegriff verwendet und nicht beforscht, sondern lediglich als Konstrukt der Psychoanalyse angeführt wird, ziehen ihn dennoch einige Literaturwissenschaftler zur Beschreibung von Rilkes Persönlichkeit heran.[85] Für mich verkehrt sich dabei die spezielle Aufgabe der Literaturwissenschaft, die literarische Analyse mit Hilfe der Biographie zu vertiefen, in den Versuch, ein an bestimmten Theorien der Psychoanalyse orientiertes Psychogramm Rilkes zu konstruieren, und zwar mit Hilfe isolierter Stellen seines Werkes. Immerhin warnte bereits 1981 Peter Dettmering vor der „Gefahr, daß der Interpret das Gedichtete auf die Stufe der Biographie ‚herunterholt‘ und gleichwertig mit Biographischem behandelt“.[86]
Dieser Gefahr entgeht meines Erachtens auch Stefan Schank in seiner vom Materialbestand her äußerst verdienstvollen Arbeit zu Rilkes Kindheit[87] nicht, wenn er versucht, „durch die Interpretation [von Rilkes] Dichtungen eine möglichst umfassende Vorstellung von den emotionalen Bedingungen zu gewinnen, unter denen Rilke aufwuchs, und anhand seines Werkes den Umgang des erwachsenen Dichters mit seinen Kindheitserfahrungen zu beschreiben“ sowie „die Ergebnisse der Untersuchung der mit dem Thema Kindheit in Zusammenhang stehenden Texte Rilkes auf das Gesamtwerk ... zu übertragen“.[88] Er bezieht sich auf Theorien psychoanalytischer Therapeuten, insbesondere der sogenannten 'englischen Schule',[89] die von der Schulpsychologie nicht anerkannt und auch von führenden Psychoanalytikern bezweifelt werden: Selbst wenn die biologistische Hypothese des englischen Kinderarztes und Psychoanalytikers Donald W. Winnicott, wonach die Entwicklung im frühesten Kindesalter und die weitere Entwicklung des Kindes (wie auch die des erwachsenen Menschen) entscheidend durch eine „befriedigende“ oder aber „mangelhafte“ mütterliche Pflege des Säuglings determiniert wird, bewiesen wäre - es gibt meines Erachtens keine Belege dafür, daß Rilke als Säugling 'mangelhaft' oder 'unbefriedigend' versorgt wurde. In einer Untersuchung von C. Ernst und N. von Luckner (1985) ließ sich die Annahme Winicotts nicht bestätigen;[90] Helmut Thomäe und Horst Kächele haben darauf hingewiesen, daß eine solche „Eine-Person-Psychologie ... nach dem naturwissenschaftlichen Modell konstruiert worden ... und ... der Psychoanalyse weder therapeutisch noch wissenschaftlich angemessen“ ist,[91] zumal Winnicotts Hypothese den Einfluß späterer Erfahrungen und der persönlichen Reifung wie auch die Tatsache ignoriert, daß „jedes Kind individuelle Reaktionsbereitschaften mitbringt, die sich innerhalb der Einheit ausbilden“.[92]
Heinz Kohuts[93] Theorie der „narzißtischen Persönlichkeitsstörung“, die einen im Kleinkind- und späteren Kindesalter durch pathogene Einflüsse (vor allem der Mutter) entstandenen Entwicklungsstillstand darstelle, ist selbst innerhalb der psychoanalytischen Strömungen umstritten;[94] sie führe „zu vorschnellen Schuldzuschreibungen an ‚nichtempathische‘ Mütter“[95] - „ein ernsthaftes und beherrschendes Problem, das die professionelle klinische Literatur deutlich verzerrt.“[96] Auch gebe es „keine empirischen Beweise ..., die die Versorgungsdeprivation in der Kindheit und die Kennzeichen des Narzißmus ... eindeutig zueinander in Beziehung setzen. ... Die darauf bezogene Forschung scheint den Theorien über die kausale Rolle der mütterlichen Unzulänglichkeit in Wirklichkeit zu widersprechen.“[97] An Rilkes Psyche lassen sich die behaupteten ‚schweren Schäden’ oder die Besonderheiten einer ‚narzißtischen Persönlichkeitsstörung’ - übertriebenes Selbstwertgefühl, Kritikempfindlichkeit, Mangel an Empathie, Erfolgsphantasien, Geltungssucht u.ä. - meines Erachtens weder durch dessen Selbstzeugnisse, noch dessen literarische Werke oder Mitteilungen von Zeitzeugen nachweisen.
Unverkennbar ist bei einigen Autoren die Tendenz, bestimmte Verhaltensweisen Rilkes als 'auffällig' hinzustellen, ohne dabei die Erkenntnis der Persönlichkeitspsychologie zu beachten, wonach abweichendes Verhalten „keine Qualität der Handlung 'ist', die eine Person begeht, sondern vielmehr eine Konsequenz der Anwendung von Regeln“, die gesellschaftliche Gruppen als Norm aufgestellt haben.[98] Es müßte folglich nicht gefragt werden: Warum zeigt eine Person abweichendes Verhalten? sondern: Warum wird das Verhalten dieser Person als abweichend bezeichnet?
Auch werden eindeutige Fehlurteile getroffen. So wird häufig Rilkes Liebesunfähigkeit konstatiert, obwohl in seinen Briefen und den Selbstzeugnissen seiner Partnerinnen eher das Gegenteil deutlich wird. Auch Rilkes Liebeslyrik zeigt, selbst wenn man die Neigung zu Überhöhung und Selbststilisierung berücksichtigt, eine emotional tiefgehende Liebesfähigkeit. Das, was bleibende Beziehungen verhinderte, dürfte eher in einer Bindungsangst Rilkes begründet gewesen sein – Folge des hohen Selbstanspruchs als Liebender und des bereits früh bestehenden hohen Selbstanspruchs als literarisch Schaffender. Rilke empfand wohl beides als einander bedrohend; und beides kann ja auch tatsächlich unvereinbar sein.
Dem bürgerlichen Anspruch, daß der Mann Ernährer der Familie zu sein habe, konnte Rilke bereits nach der Heirat nicht entsprechen; seine wiederholten Rechtfertigungsversuche entsprangen offensichtlich Schuldgefühlen,[99] die er, um literarisch schaffen zu können, verdrängen mußte.
Auch Rilkes 'Ängste', die er selbst wiederholt beschrieben hat, können nicht einfach nur aus Kindheitserlebnissen hergeleitet oder als 'neurotisch' etikettiert werden. Nicht jedes Gefühl des Unwohlseins, der Spannung, der Unsicherheit oder auch Angst muß gleich pathologisch oder neurotisch sein; Angst, das verbreitetste menschliche Gefühl, ist immer durch ein Geflecht verschiedener Ursachen bedingt – situativer, motivationaler und stimulierender. Im Unterschied zu einer chronischen Angstneurose brachen Rilkes Ängste offenbar nur in größeren zeitlichen Abständen und zeitlich begrenzt auf; mir erscheinen sie eher reaktiv und einfühlbar, allenfalls im Sinne neurotischer Reaktionen, wie sie bei jedem Menschen unter massiven Belastungen oder aktuellen Konflikten auftreten können. Eine Neurose, durch anhaltendes Fehlerleben und Fehlverhalten charakterisiert, muß empirisch als Einzelfall belegt, d.h. in ihrer Ätiologie am betreffenden lebenden Menschen klinisch-psychologisch mit Hilfe psychodiagnostischer Verfahren, Exploration, Beobachtung und anderer Methoden untersucht und auch hinsichtlich ihrer intrapsychischen Dynamik nachgewiesen werden.[100] Beim Vorliegen körperlicher Beschwerden ist der eindeutige Ausschluß organischer Ursachen die conditio sine qua non, bevor überhaupt an die Möglichkeit einer psychischen Kausalität gedacht werden kann. Denn die meisten menschlichen Erlebnis- und Verhaltensweisen wie auch die körperlichen Beschwerden können sowohl psychische als auch organische Ursachen haben.
Mit Blick auf die unterschiedlichen Lebenssituationen Rilkes wäre wohl zwischen Unterlegenheitsängsten in der Militärschulzeit, der Angst vor dem Verlust von Geborgenheit, anfänglichen Versagensängsten oder späteren Existenz- und Zukunftsängsten, wie auch zwischen Bindungsangst, hypochondrischen Befürchtungen oder Schuldangst zu differenzieren. Zudem erscheinen nicht wenige der von Rilke vor Ausbruch der leukämischen Erkrankung wiederholt beschriebenen Beschwerden keineswegs als typisch für eine Neurose; bei einem großen Teil seiner körperlichen Beschwerden, die organisch nicht abgeklärt wurden bzw. konnten, wäre aus heutiger klinisch-psychologischer Sicht an eine somatische oder zumindest habituelle Verursachung zu denken.
So wird von mehreren Biographen zwar Rilkes vermutlich sensitive Persönlichkeitsstruktur angeführt,[101] diese aber offensichtlich nicht als eine auch auf seine Körperlichkeit wirkende Besonderheit begriffen. Die interessante Studie von Richard Kraemer hätte hier hilfreich sein können: Die bereits 1953 veröffentlichte medizinisch-psychologische Arbeit befaßt sich mit der „Darstellung des sensitiven Menschen bzw. seiner Hochformen, seiner Möglichkeiten und seiner Leistungen“[102] am Beispiel Rilkes, den Kraemer als einen sensitiven Menschen 'klarster Prägung'[103]sieht.
Klinisch wird unter 'Sensitivität' beziehungsweise 'Hypersensibilität' eine Persönlichkeitsbesonderheit verstanden, die mit ausgeprägter Selbstaufmerksamkeit verbunden ist, mit hoch differenzierter Wahrnehmungsfähigkeit und mit hyperästhetischem Empfinden – Eigenschaften, die an Rilkes Werk und vielen seiner Briefe ablesbar sind.[104] Darüber hinaus kann für Rilke, der ein Sieben-Monats-Kind war, auch eine 'neurasthenische Konstitution' (früher Neuropathie genannt) vermutet werden, die sich nach den klinisch-diagnostischen Leitlinien der Weltgesundheits-Organisation (WHO) in einem Mangel an Spannkraft und mäßiger Belastbarkeit, einem vorherrschenden Gefühl psychisch-körperlicher Schwäche, besonders leichter Erschöpfbarkeit, Neigung zu Schwindelgefühlen, Spannungen, Kopfschmerzen sowie Schlafstörungen äußern und auch mit der Anfälligkeit für leichte Depressionen und Angst verbunden sein kann.[105]
Diese möglicherweise konstitutionell bedingten Symptome Rilkes waren und sind es in erster Linie, die psychoanalytisch orientierte Autoren als psychogen oder als neurotisch bewerten. So spekulierte beispielsweise Gerhard Danzer, ähnlich wie Erich Simenauer, daß Rilkes „Einsamkeit, Rückzug und Askese ... zur Schwächung des Abwehrsystems und damit zur todbringenden Vermehrung von Leukämiezellen beigetragen haben“.[106]
Ohne an die Stelle solcher Spekulationen neue setzen zu wollen, sei noch eine andere Überlegung angeführt: Verschiedene der bereits vor 1923 bei Rilke auftretenden Beschwerden ließen sich durchaus auch auf organische Ursachen zurückführen. Zumeist wird vorausgesetzt, daß die chronische myeloische Leukämie erst in Rilkes letzten drei bis vier Lebensjahren begonnen habe und etwa drei Monate vor seinem Tod in die akute, tödliche myeloblastische Phase übergegangen sei. Heute kann eine Leukämie schon frühzeitig, selbst bei Routine-Untersuchungen erkannt werden. Zu Rilkes Zeit dagegen steckte die Diagnostik leukämischer Erkrankungen noch in den Anfängen, so daß – trotz aus heutiger Sicht eindeutiger Symptome - die Krankheit erst kurze Zeit vor seinem Tod erkannt wurde. Von daher läßt sich der Zeitpunkt ihres Beginns nicht sicher rekonstruieren.
Daß eine chronische myeloische Leukämie „lange ohne Erscheinungen“ bleibt, ist schon in Meyers Lexikon von 1927 vermerkt. Und in medizinischen Dissertationen dieser (und späterer) Zeit[107] wird auf den schleichenden Beginn der Erkrankung über Monate und Jahre hingewiesen und werden als Symptome der beginnenden und - wie im Falle Rilkes - unbehandelten myeloischen Leukämie beschrieben: Ermüdungserscheinungen schon bei geringsten Anstrengungen, Leistungsabfall, Nachtschweiß, Kopfschmerzen und Schwindel, Entzündungen von Mundschleimhaut oder Zahnfleisch, Darmblutungen, gelegentliches Fieber u.a. Bei den als sehr unterschiedlich beschriebenen Krankheitsverläufen waren es die unerkannten chronischen Fälle, die eine vieljährige Dauer haben konnten,[108] ohne schwere und eindeutige Symptome aufzuweisen, weshalb die Diagnose kaum zu stellen war. Auch wurde beobachtet, daß „die progressive Tendenz ... nicht stetig und unaufhaltsam fortschreitend“ ist: Es könne zu Remissionen, das heißt, einem vorübergehenden Nachlassen chronischer Krankheitszeichen (ohne Erreichen der Genesung) kommen, die auch länger andauern könnten. Sie seien „auch durch interkurrente Infektionskrankheiten auslösbar“[109] (an denen Rilke wiederholt litt) und könnten viele Monate dauern. In einer neueren Untersuchung heißt es: „Ganz selten zieht sich die Krankheit über 10-15 Jahre hin“, unterbrochen „von mehr oder weniger vollständigen Remissionen“;[110] „bei einer Patientin war seit 8 Jahren vor ihrer ersten stationären Aufnahme die Diagnose chronisch-myeloische Leukämie bekannt. ... Der genaue Beginn läßt sich meist nicht feststellen, weil das Aufsuchen des Arztes erst bei deutlichen Symptomen geschieht.“[111]
Von diesen Symptom- und Verlaufsbeschreibungen her wäre in Rilkes Fall unbedingt an die Möglichkeit einer leukämischen Erkrankung bereits vor 1923 zu denken. Setzt man dies voraus, so ließen sich auch seine Klagen über, vermutlich genitale, 'Selbstreizungen' in Verbindung mit dieser Krankheit verstehen: Zu den Symptomen der chronischen myeloischen Leukämie zählt auch der sogenannte 'Priapismus', das sind über Stunden oder Tage anhaltende Erektionen des Penis, bei Fehlen sexueller Empfindungen.[112] „...ich lebe“, hatte Rilke Lou Andreas-Salomé Ende Oktober 1925 geklagt, „seit zwei Jahren ... in der Mitte eines Schreckens, dessen greifbarste Ursache (eine an mir selbst ausgeübte Reizung) ich, mit teuflischer Besessenheit immer dann am Meisten steigere, wenn ich eben meine, die Versuchung dazu überwunden zu haben. Es ist ein entsetzlicher Cirkel, ein Kreis böser Magie, der mich einschließt wie in ein Breughel’sches Höllenbild“.[113] Was erschreckte Rilke in solchem Maße, von welcher Erscheinung fühlte er sich derart bedroht? nur vom Drang zur Masturbation? oder waren es die Erscheinungen des Priapismus, die er mißdeutete? Immerhin war seine Leukämie zu dieser Zeit bereits weit fortgeschritten.
Dr. Theodor Haemmerli, dem sich Rilke mit seinen Beschwerden anvertraute, konnte sie diagnostisch nicht zuordnen - vielleicht verkannte er auch, ähnlich wie Lou Andreas-Salomé, die von Rilke beschriebenen genitalen Symptome:[114] „Im Kindsein“, schrieb Lou im Dezember 1925, „und noch später plagt uns wohl ein mehr moralisierendes Schuldgefühl, das ..., wenn wir dem entwachsen, ... in irgendwelchen Organen eine hysterische Bereitwilligkeit 'erzeugt' ... Das ermöglicht sich durch die darauf gerichtete Aufmerksamkeit, bange Interessiertheit, die vermehrte Blutzufuhr, Überempfindlichkeit dorthin dirigiert, als etwas ganz Ähnliches wie durch erotische Sensationen am Penis stattfände“ (Hervorhebung H.-J. H.).[115]
Rilke hat zu Lebzeiten nach meinem Dafürhalten wenig von der orthodoxen Psychoanalyse profitiert, er hat eher Verunsicherungen durch sie erfahren. Nach seinem Tode wurde er von einigen ihrer Anhänger auf nicht belegbare und wissenschaftlich zum Teil unverantwortliche Weise in seiner Persönlichkeit verzeichnet und – ungewollt und wohl auch gewollt – abgewertet. Diese Tendenz (die freilich auch bezogen auf andere herausragende Persönlichkeiten zu beobachten ist) setzt sich, immer wieder auch in publizistischen und journalistischen Texten, bis in unsere Gegenwart fort. Erinnert sei deshalb an die Bitte Theodor Haemmerlis an Marie Taxis, seine brieflichen Mitteilungen über Rilkes Sterben und die Diagnose vertraulich zu behandeln: „Jedes Wort, das man einmal Freunden anvertraute, ist weitergesagt und von Journalisten deformiert worden in einer Weise, die für Rilke entsetzlich gewesen wäre und die vor allem nicht dem entspricht, was die Freunde gesagt haben.“[116]
Abkürzungen
BlRG Blätter der Rilke-Gesellschaft
Chronik Ingeborg Schnack: RMR. Chronik seines Lebens und seines
Werkes. Frankfurt/Main und Leipzig 1996
KA
I-IV RMR. Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden.
Frankfurt/Main und Leipzig 1996
LAS RMR/Lou Andreas-Salomé: Briefwechsel. Frankfurt/Main 1989
Pfeiffer
Ernst Pfeiffer: „Rilke und die Psychoanalyse“, in:
Literaturwissenschaftliches Jahrbuch der
Görres-Gesellschaft. Neue Folge, Band 17, Berlin 1976
TT I,
II
RMR/Marie von Thurn und Taxis: Briefwechsel. 2 Bde.
Frankfurt/Main 1986
Anmerkungen
[1]Unveröffentlichter Brief Rilkes, in Privatbesitz.
[2] Lou Andreas-Salomé: Drei Briefe an einen Knaben,
Leipzig 1917.
[3] An Lou Andreas-Salomé, 20.2.1914; LAS, S. 316.
[4] Pfeiffer, S. 304.
[5] Erich Simenauer: Rainer Maria Rilke. Legende und
Mythos, Frankfurt/Main 1953, S. 151.
[6] Siehe Anm. 4.
[7] Bei Sigmund Freuds „Psychoanalyse“ ist zu
unterscheiden zwischen Persönlichkeitsmodell,
Triebtheorie, Neurosenlehre und Therapie.
[8] Das Tagungsprogramm wurde veröffentlicht in:
Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse,
Jg. 2 Wien 1914, S. 406f.
[9] An Hedwig Bernhard, 8.9.1913; zitiert nach
Chronik, S. 439.
[10] An Marie Taxis, 15.9.1913; TT I, S. 317.
[11] Poul Bjerre (1876-1963), Schüler Freuds; machte Lou
Andreas-Salomé mit der Psychoanalyse bekannt.
[12] Siehe Anm. 9.
[13] Tagebuch Lou Andreas-Salomé, zitiert bei
Pfeiffer, S. 282.
[14] So vermutet Ernst Pfeiffer (Pfeiffer, S. 290), daß
sich die Bitte Lous vom Oktober 1913, ihr „die paar
Freud-Broschüren (Freud, Jung, Große etc.)
zurückzuschicken“, u.a. auf die Rezension von J. H.
Schultz zu Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und
C. G. Jungs Die Freudsche Hysterietheorie bezieht.
[15] An Nanny Wunderly-Volkart, 30.8.1923; in: RMR: Briefe
an Nanny Wunderly-Volkart. 2 Bde. Frankfurt/Main
1977, S. 909 und Anm. S. 1285.
[16] An Magda von Hattingberg, 21.2.1914; in: RMR:
Briefwechsel mit Magda von Hattingberg,
Frankfurt/Main und Leipzig 2000, S. 158.
[17] Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse
auf die Geisteswissenschaften. Hrsg. von Sigmund Freud;
Jg. I, Heft 1, Leipzig und Wien März 1912.
[18] Siehe Anm. 1.
[19] Richard Hußlein: Rilkes Kritik an der Psychoanalyse.
Zulassungsarbeit zur wissenschaftlichen Prüfung für das
Lehramt, München 1978.
[20] Vgl. z.B. Helmut Naumann: RMR. Stufen seines Werkes,
Rheinfelden und Berlin 1995, S. 113-130.
[21] Friedrich Bollnow: Rilke, Stuttgart 1951, S. 65.
[22] KA II, S. 536.
[23] Vgl. ebd., S. 636.
[24] Nach Lou Andreas-Salomé war von Gebsattel kritisch zu
Freuds Theorien eingestellt (vgl.: In der Schule bei
Freud. Tagebuch eines Jahres (1912/13), München 1965, S.
124).
[25] An Lou Andreas-Salomé, 20.1.1912; LAS, S. 250.
[26] An Victor von Gebsattel, 14.1.1912; RMR: Briefe in
zwei Bänden, Frankfurt/Main und Leipzig 1991, Bd. 1, S.
381f.
[27] An Victor von Gebsattel, 24.1.1912; siehe vorige
Anm., S. 392.
[28] Zitiert nach Pfeiffer, S. 283.
[29] Zitiert bei Michael Worbs: Nervenkunst,
Frankfurt/Main 1983, S. 132f.
[30] Zitiert nach Pfeiffer, S. 283.
[31] Andreas-Salomé an Rilke, 26.2.1901; LAS, S. 54f.
[32] An Lou Andreas-Salomé, 30.6.1903; LAS, S. 58ff.
[33] Andreas-Salomé an Rilke, 5.7.1903; LAS, S. 62.
[34] An Lou Andreas-Salomé, 30.6.1903; LAS, S. 59.
[35] Siehe Pfeiffer, S. 258.
[36] Andreas-Salomé an Rilke, 7.8.1903; LAS, S. 88.
[37] An Lou Andreas-Salomé, 10.8.1903; LAS, S.103.
[38] Andreas-Salomé an Rilke, 6.11.1910; LAS, S. 236f.
[39] Sigmund Freud: „Meine Ansichten über die Rolle der
Sexualität in der Ätiologie der Neurosen“, in: Essays,
Berlin 1988, Bd. I, S. 240.
[40] Lou Andreas-Salomé: Lebensrückblick, Frankfurt/Main
1974, S. 151.
[41] Pfeiffer, S. 253.
[42] Zitiert bei H. F. Peters: Lou. Das Leben der Lou
Andreas-Salomé, München 1964, S. 279.
[43] Else Buddeberg: Rainer Maria Rilke. Eine innere
Biographie, Stuttgart 1955, S. 39.
[44] Bernhard Blume: „Rainer Maria Rilke. Existenz und
Dichtung“, in: Rilke heute. Beziehungen und Wirkungen,
Frankfurt/Main 1976, S. 176.
[45] Zitiert bei Pfeiffer, S. 287.
[46] Andreas-Salomé an Rilke, 18.10.1913; LAS, S. 303.
[47] Pfeiffer, S. 290.
[48] Zitiert bei H. F. Peters, S. 279.
[49] Lou Andreas-Salomé: In der Schule bei Freud. Tagebuch
eines Jahres (1912/13), München 1965, S. 145.
[50] Vgl. auch die Schilderung der konflikthaften
Beziehung zwischen Rilke und Andreas-Salomé durch Else
Buddeberg, a.a.O., S. 34ff.
[51] An Gräfin Sizzo, 9.5.1926; RMR: Die Briefe an Gräfin
Sizzo 1921 – 1926, Frankfurt/Main 1985, S. 112.
[52] An Lou Andreas-Salomé, 31.10.1925; LAS, S. 477.
[53] An Lou Andreas-Salomé, 8.12.1925; LAS, S. 480.
[54] Sigmund Freud: „Die analytische Therapie“, in:
Essays, Bd. II, a.a.O., S. 391.
[55] Sigmund Freud: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“,
in: Essays, Bd. I, a.a.O., S. 178.
[56] Andreas-Salomé an Rilke, 12.12.1925; LAS, S. 482f.
[57] Zitiert bei Pfeiffer, S. 316.
[58] An Lou Andreas-Salomé, 13.12.1926; LAS, S. 484.
[59] Unter Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht
kritisierte G. Utermöhlen die Publikation dieser
„psychoanalytisch konstruierte(n) Diagnose Rilkes“ 1958
durch Ernst Pfeiffer; sie wandte sich auch gegen deren
Verwendung zur literarischen Interpretation („Rilke
psychoanalytisch“, in: Die Sammlung, Heft 14, Mainz 1959,
S. 166f.).
[60] Richard Kraemer, siehe Anm. 103, S. 75.
[61] Vgl. z. B. Klaus A. Schneewind:
Persönlichkeitstheorien, Darmstadt 1992, Bd. I, S.
202-209.
[62] Theodor Reik: „Ästhetik, Literatur, Kunst“, in:
Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. VI, Wien 1914, S. 390f.
[63] Sigmund Freud: „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo
da Vinci“, in: Studienausgabe, Bd. X, Frankfurt/Main 1979.
[64] Zitiert in: Jens Malte Fischer (Hrsg.):
„Psychoanalytische Literaturinterpretation (Aufsätze aus
Imago. Zeitschrift für die Anwendung der Psychoanalyse auf
die Geisteswissenschaften. 1912-1937)“, in: G. Wumberg
(Hrsg.): Deutsche Texte, Tübingen 1980, Bd. 5, S. 17.
[65] Siehe auch Ralph Langer: „Literaturpsychologie“, in:
Roland Asanger und Gerd Wenninger (Hrsg.): Handwörterbuch
der Psychologie, Weinheim 1994 (5. Aufl.).
[66] Lange-Eichbaum, Wilhelm u. Wolfram Kurth: Genie,
Irrsinn und Ruhm (Die Dichter und Schriftsteller), München
und Basel 1987, S. 86-92.
[67] Ernst Kretschmer (1888-1964), Psychiater und
Neurologe, schuf eine Konstitutionspsychologie, die eine
Korrelation zwischen Körperbautypen und
Temperamentseigenschaften annimmt.
[68] Zitiert bei Ilse Krippendorf, siehe folgende Anm., S.
62.
[69] Ilse Krippendorf: „Rainer Maria Rilke, Psyche und
Werk“, in: Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische
Psychologie, 2 (1952), S. 61ff.
[70] Ilse Klages: „Rainer Maria Rilke.
Psychopathologische Studien zur Persönlichkeit“, in:
Studium Generale, 17(1964), Heft 10, S. 637.
[71] Otfried Höffe: Medizin ohne Ethik?, Frankfurt/Main
2002, S. 9.
[72] Vgl. Ludger M. Hermanns biographisches Nachwort zu
Erich Simenauer, in: Wanderungen zwischen Kontinenten,
siehe Anm. 74, S. 615-633.
[73] Erich Simenauer: „Aus R. M. Rilkes
Krankheitsgeschichte“, in: Der Psychologe, Schwarzenburg
1952, S. 377-384.
[74] Erich Simenauer: „Rainer Maria Rilke in
psychoanalytischer Sicht“, in: Psyche. Zeitschrift für
Psychoanalyse und ihre Anwendungen, 30 (1976), S. 1082.
[75] Pieter C. Kuiper: „Die psychoanalytische Biographie
der schöpferischen Persönlichkeit“, in: Hartmut Kraft
(Hrsg.): Psychoanalyse, Kunst und Kreativität heute. Die
Entwicklung der analytischen Kunstpsychologie seit Freud,
Köln 1984, S. 47.
[76] Sibylle Becker-Grüll: Vokabeln der Not. Kunst als
Selbst-Rettung bei Rainer Maria Rilke, Bonn 1978, S. 533.
[77] Pfeiffer, S. 255.
[78] Angeführt bei Hiroo Kamimura: „Rilke heute“, in:
BlRG, 6, 1979, S. 47.
[79] Egon Schwarz: Das verschluckte Schluchzen. Poesie und
Politik bei Rainer Maria Rilke, Frankfurt/Main 1972.
[80] Zitiert bei Hiroo Kamimura, siehe Anm. 78, S. 47f.
[81] Egon Schwarz, siehe Anm. 79, S. 42.
[82] Ebd., S. 43ff.
[83] Heinrich Meyer: „Grundlagen der Literatursoziologie“,
in: Studium Generale, 17 (1964), S. 18f.
[84] Vgl. z.B. Jens B. Asendorpf: Psychologie der
Persönlichkeit, Berlin, Heidelberg, New York 1999 (2:
Aufl.), S. 15-17.
[85] So z. B. Sibylle Becker-Grüll, siehe Anm. 76.
[86] Peter Dettmering: Psychoanalyse als Instrument der
Literaturwissenschaft, Frankfurt/Main 1981, S. 8.
[87] Stefan Schank: Kindheitserfahrungen im Werk Rainer
Maria Rilkes. Eine biographisch-literaturwissenschaftliche
Studie, St. Ingbert 1995.
[88] Ebd., S. 21.
[89] Siehe hierzu: Helmut Thomä und Horst Kächele:
Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie, Berlin,
Heidelberg, New York 1997, Bd. I, S .12 und 61.
[90] C. Ernst und N. von Luckner: „Stellt die
Frühkindlichkeit die Weichen? Eine Kritik an der Lehre von
der schicksalhaften Bedeutung erster Erlebnisse“,
Stuttgart 1985; angeführt in: Heinz-Hermann Krüger und
Cathleen Grunert (Hrsg.): Handbuch Kindheits- und
Jugendforschung, Opladen 2002, S. 74.
[91] Siehe Anm. 89, S. 61.
[92] Ebd., S. 60.
[93] Heinz Kohut wurde beeinflußt von Kierkegaards
„Theorie des Selbst“ (vgl. Günter Zurhorst: „Die
Existenzphilosophie von Kierkegaard und Sartre und die
historische Psychologie“, in: Gerd Jüttemann (Hrsg.):
Wegbereiter der Psychologie, Weinheim 1995 (2: Aufl.), S.
422.
[94] Siehe z. B. Roland Asanger und Gerd Wenninger
(Hrsg.): Handwörterbuch der Psychologie, Weinheim 1994 (5.
Aufl.), S. 486.
[95] Rudolf Bock: „Psychoanalyse“, in: H. Petzold (Hrsg.):
Wege zum Menschen. Methoden und Persönlichkeiten moderner
Psychotherapie, Paderborn 1987 (4.Aufl.), Bd. II, S. 143.
[96] Caplan und Hall-McCorquodale, zitiert bei A.T. Beck
und A. Freeman, siehe folgende Anm., S. 208.
[97] Aaron T. Beck und Arthur Freeman: Kognitive Therapie
der Persönlichkeitsstörungen, Weinheim 1993, S. 208.
[98] Vgl. Hellmuth Benesch: dtv-Wörterbuch zur Klinischen
Psychologie, München 1981, Bd. 2, S.188.
[99] Vgl. z.B. die Briefe vom 3. 4. 1903 an Ellen Key
(RMR: Briefwechsel mit Ellen Key, Frankfurt/Main und
Leipzig 1993, S. 189) und vom 8. 8. 1903 an Lou
Andreas-Salomé (LAS, S. 97).
[100] Vgl. Manfred Amelang und Werner Zielinski:
Psychologische Diagnostik und Intervention, Berlin und
Heidelberg 2002 (3. Aufl.), S.417; Reinhard Leichner,
„Klinische Urteilsbildung“, in: I. J. Pongratz (Hrsg.):
Klinische Psychologie, Göttingen, Toronto, Zürich 1978, 2.
Halbband, S. 1499ff.
[101] Z. B. von Käthe Hamburger („Rühmen, das ist’s!“.
Vortrag zur Eröffnung der Rilke-Ausstellung in Marbach a.
N., in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft,
19(1975), S.508) oder von Peter Demetz, der Rilke als
„Magus der Sensibilität“ bezeichnete („In Sachen Rilke“,
in: Insel-Almanach auf das Jahr 1967. Rainer Maria
Rilke zum 40. Todestag, Frankfurt/Main 1966, S.41).
[102] Richard Kraemer: „Der sensitive Mensch. Versuch
einer Darstellung am Bilde des Dichters Rainer Maria
Rilke“, in: Abhandlungen der Klasse der Literatur, Nr.2,
Wiesbaden 1953.
[103] Bestätigend dazu z. B. die Briefe an Lou
Andreas-Salomé vom 13.11.1903 und 26.6.1914; LAS, S.
125 bzw. S. 337.
[104] Vgl. z. B. die Briefe über Cézanne, KA IV, S.
594-636.
[105] Internationale Klassifikation psychischer Störungen
ICD-10, Bern, Göttingen, Toronto 1992, S. 180.
[106] Gerhard Danzer: „RMR oder die Zerbrechlichkeit des
Seins“, in: Josef Rattner und Gerhard Danzer (Hrsg.):
Kunst und. Krankheit in der Psychoanalyse, München 1993,
S. 150.
[107] Etwa: Carl Cramer: Über die prognostische Verwertung
der Symptomatologie und des Blutbildes bei myeloischer
Leukämie. Dissertation, Rostock 1923. - Josef Issels: Über
das Krankheitsbild der Leukämie. Dissertation, Würzburg
1932. - Margarete Melzer: Beiträge zur Kenntnis der
Erscheinungen der myeloischen Leukämie an den oberen
Luftwegen. Dissertation, Offenbach/Main 1942.
[108] Josef Issels, siehe die vorige Anm., S. 11.
[109] Ebd., S. 24.
[110] Jochen Döser: Chronisch-myeloische Leukämie.
Dissertation, München 1970, S. 13.
[111] Ebd., S. 21.
[112] Hans-Bruno Kehlmann: „In den Fällen von Priapismus
ist die myeloische Leukämie mit 84,2% vertreten“ - in:
H-B. K.: Zusammenfassung der Dissertation Über den
leukämischen Priapismus (Königsberg 1924), 1936.
[113] An Lou Andreas-Salomé, 30.10.1925; LAS, S. 476.
[114] Vermutlich mit Blick auf diese Symptome riet Dr.
Haemmerli Rilke, zur Ablenkung nach Paris zu reisen,
„womit dann ... alle in den Körper hineingeworfenen
Reflexe[!] ihr Abklingen haben würden“ (siehe An Lou
Andreas Salomé, 30.10.1925; LAS, S. 477).
[115] Andreas Salomé an Rilke, 12.12.1925; LAS, S.
481.
[116] Theodor Haemmerli an Marie Taxis, 25.2.1927; TT II,
S .957 f. (Original frz.).