Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Wittgenstein und die Korrespondenztheorie der Wahrheit – die alte Mär?!

von Jürgen Koller

Letztens traf ich meine Freunde Raul und Anne an einem trüben Tag in der Stadt. Als wir ins Café gingen, schwärmte Anne davon, wie sehr sie doch ein solch schönes Wetter liebe. Man muss dazu sagen, dass Anne eine gebürtige Engländerin ist und schon bei trüb-bewölktem Wetter dazu neigt, dieses als schön zu bezeichnen. Raul, ein gebürtiger Spanier, der an der Costa Brava aufgewachsen ist, hielt barsch dagegen, wie Anne denn nur behaupten könne, dass dieses bewölkte Wetter schön sei. Schön sei das Wetter nur, wenn der Himmel ohne Wolken und die Temperaturen jenseits der 30 °C wären. Nach einer Weile des Hin und Her schauten mich beide an und Raul sagte: „Na du als Philosoph, weißt doch sicher, wie das Wetter nun wirklich ist!“

Ich dachte kurz nach und wollte auf Ludwig Wittgenstein, wohl den wichtigsten Philosophen des 20. Jhs. und seinen Tractatus logico-philosophicus verweisen, musste aber dann innehalten und mich und meinen Berufsstand in aller Eile mittels meines sophistischen Repertoires, anhand einer Diversion retten. Ich verwies auf das Klima und den Klimawandel, behielt meinen Gedankengang jedoch im Hinterkopf und fragte beide, ob sie schon gehört hätten, dass sich die Wetterlage in den nächsten Jahrzehnten in Mitteleuropa dahingehend ändern würde, dass sich das kontinentale Wetter klimatisch mehr an den Mittelmeerraum angleiche. Durch diese Aussage und wahrscheinlich auch dadurch, dass sie dies noch nicht wussten, war das Thema vom Tisch und mein Berufsstand gerettet.

Den im Hinterkopf behaltene Gedankengang, der mich davon abhielt, eine wahre Aussage über das Wetter nach Wittgenstein bzw. über Sachverhalte allgemein beim Wittgenstein des Tractatus zu machen, möchte ich hier wieder aufgreifen und ausformulieren.

Zu Beginn scheint es hilfreich zu sein einen Überblick über die gängigen Wahrheitstheorien zu geben, bevor ich auf die Wahrheitsauffassung im Tractatus zu sprechen komme und schließlich auch zur Behauptung von Sachverhalten, wie: „Das Wetter am 01.01. 2008 in Innsbruck ist schön“ bzw. „Das Wetter am 01. 01. 2008 in Innsbruck ist nicht schön“, Stellung nehme.

Als Philosoph sollte man entgegen der grundlegenden, unbegründeten Infragestellung der prinzipiellen Möglichkeit von Wahrheit – wie sie die altbekannte Pilatusfrage [1] suggeriert –, dazu geneigt sein, einerseits demjenigen, was wir eigentlich meinen, wenn wir etwas wahr nennen und andererseits denjenigen Merkmalen, die die etwaige Wahrheit feststellbar machen, nachzugehen. Die eine Frage ist die Frage nach einem Wahrheitsbegriff, die andere nach einem Wahrheitskriterium. Schließlich sollte es einem Philosophen noch, wenn wir Schnädelbach folgen wollen, „um die Klärung der Umstände, die erfüllt sein müssen, damit Wahrheitsbegriff und –kriterium auch faktisch angewandt werden können [gehen].“ [2]

Diese drei Faktoren werden in den gängigen Wahrheitstheorien berücksichtigt. Dass die Aufarbeitung der Wahrheitsfrage in einer Wahrheitstheorie in der philosophischen Diskussion eine „gewichtige Rolle spielt“ [3] und sich „Verständnis und Diskussion“ derselben je nach „philosophischer Strömung“ und dem in ihr „jeweils erreichten Diskussionsstand“ unterscheiden, [4] darauf muss nicht näher eingegangen werden.

Es ist jedoch, der philosophischen Fachdiskussion folgend, zwischen deflationistischen und inflationistischen Wahrheitstheorien zu unterscheiden.

Zu den inflationistischen Wahrheitstheorien zählt die Korrespondenztheorie der Wahrheit. Diese kann man auch als realistische Wahrheitstheorie bezeichnen. Diese Form einer Wahrheitstheorie ist wohl die älteste Wahrheitstheorie überhaupt. In ihr wird die Auffassung, dass Wahrheit in einer Übereinstimmung von einem Gegenstand, sprachlicher oder auch geistiger Natur, mit der Wirklichkeit bzw. Teilen davon – wie immer diese Wirklichkeit aufgefasst wird – bestehe, vertreten. Bereits im antiken Griechenland lassen sich in der Riege der klassischen Philosophen Anklänge an eine solche Konzeption finden. Bei Aristoteles ist zu lesen: „Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr.“ [5]

Aristoteles geht folglich davon aus, dass es eine Wirklichkeit gibt und wir über diese Wirklichkeit Aussagen machen können. Wenn diese Aussagen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, sind sie im aristotelischen Sinne als wahr anzusehen, andernfalls als falsch. Den realistischen Zug, den diese Aussage annimmt, erörtert Hirschberger treffend, wenn er meint: „Die Wahrheit hängt also nicht von subjektiven Gesichtspunkten ab, vom Glauben oder Wünschen, von Nutzen oder Fruchtbarkeit einer Theorie, von Zeitgeist, Rasse oder Gesellschaft.“ [6] Wahr ist ein Sachverhalt dementsprechend nur, wenn er mit der von uns unabhängigen Wirklichkeit übereinstimmt. Graeser bestätigt die Auffassung einer von uns unabhängig existierenden Wirklichkeit, wenn er schreibt: „Aristoteles scheint diesen Dingen [gemeint sind wirkliche Dinge], die Ausdrücken als Bedeutungen gegenüberstehen, so etwas wie eine bewusstseinsunabhängige Existenz einzuräumen.“ [7] Hierzu scheint der Verweis angebracht zu sein, dass wir schon bei Platon ähnliche Äußerungen finden können.

Im Dialog Kratylos schreibt er: „Sokrates: Wohlan, sage mir dies. Nennst du etwas wahr reden und etwas falsch? Hermogenes: O ja. Sokrates: Also wäre auch eine Rede wahr und eine andere falsch? Hermogenes: Freilich. Sokrates: Und nicht wahr, die von den Dingen aussagt, was sie sind, ist wahr, die aber, was sie nicht sind, ist falsch? Hermogenes: Ja.“ [8] Oder im Dialog Euthydemos: „Wer also jenes ausspricht, spricht aus, was ist, und wer spricht, was ist, der spricht aus Wahres, so daß Dionysodoros, wenn er spricht was ist, auch wahr spricht und dir nichts anlügt.“ [9]

Im Mittelalter hat sich in einem weiterführenden Sinne der Ausdruck Veritas est adaequatio rei et intellectus herausgebildet. Als Stellvertreter hierfür soll uns Thomas von Aquin dienen. Im Traktat De veritate beginnt Thomas von Aquin die erste Questio mit der Frage nach der Wahrheit. Als für den Verstand primär Gegebenes nimmt Thomas das Seiende an. „Seiendes aber ist jenes, was der Verstand zuerst als das ihm Bekannteste begreift und in das er alles Begriffene auflöst, wie Avicenna zu Beginn seiner ,Metaphysik‘ sagt.“[10] Bei Heinzmann lesen wir dazu: „Sein ist zuerst, von Anfang an erfaßt und verstanden; es ist gleichsam das Bekannteste, auf das alle Begriffe zurückgeführt werden.“[11] Wenn auf Sein alle Begriffe zurückgeführt werden können, dann wohl auch der Begriff der Wahrheit. Da stellt sich die Frage, ob Wahrheit, da rückführbar auf das Sein – also eine Teilmenge des Seins –, mit dem Sein identisch ist. Thomas schreibt: „Das Übereinstimmen jedoch eines Seienden mit dem Verstand drückt das Wort ,Wahres‘ aus.“[12] Der Auffassung der Übereinstimmung im Sinne von Identität entgegnet Thomas in seinem sechsten Einwand Folgendes: „Wahres und Seiendes unterscheiden sich begrifflich dadurch, daß im Begriff des Wahren etwas enthalten ist, das nicht in dem des Seienden enthalten ist, nicht aber derart, daß im Begriff des Seienden etwas enthalten wäre, das nicht in dem des Wahren enthalten wäre.“ [13] Dafür spricht auch Thomas’ Auffassung, dass Wahres zuerst im Verstand und dann in den Dingen ist. Man kann nun getrost die obige Definition der Wahrheit als Übereinstimmung von Verstand und Ding, Sache wiedergeben, jedoch mit der Präzisierung, Übereinstimmung als Angleichung an das Seiende, das vom Verstand zuerst erkannt wird und nicht als Identität zu sehen. Somit ist wahr, was als Seiendes erkannt wird – was besteht.

Diese Form der Wahrheitstheorie wird über Kant auch dem frühen Wittgenstein unterstellt, den wir im Anschluss behandeln wollen. Lorenz paraphrasiert zur isomorphen Korrespondenz in der Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftsheorie hierzu folgendermaßen: „Die klassische Fassung der linguistischen Isomorphietheorie, wenngleich unter Benutzung von Gedanken zwischen Tatsache und Satz, liegt in L. Wittgensteins >>Tractatus<< vor.“ [14]

Bei den Autoren Hügli und Lübcke ist noch eindeutiger zu lesen: „Bei Wittgenstein und Russell erhält die Korrespondenztheorie eine strenge Fassung, indem die            Übereinstimmung als eine Relation zwischen zwei Dingen verstanden wird: zwischen dem, was wahr ist (eine Aussage, ein Glaubenszustand, eine Behauptung usw.), und dem, was es wahr macht (ein Ereignis, eine Tatsache, ein Sachverhalt oder ein Faktum).“ [15] Doch dazu später mehr.

Zu den inflationistischen Wahrheitstheorien zählen ferner die pragmatische, die kohärenztheoretische und die konsensualistische Theorie der Wahrheit. Sie alle unterscheiden sich von der Korrespondenztheorie dadurch, dass sie die Auffassung vertreten, Wahrheit habe nichts mit der Realität zu tun, sondern erschöpfe sich darin, Eigenschaft von Propositionen zu sein.

Im Pragmatismus wird Wahrheit mit Nützlichkeit identifiziert. Die Wahrheit der Sätze beruht auf deren Nützlichkeit für uns Menschen bzw. einer Gruppe von ihnen. Vertreter dieser Richtung wie Dewey und James glauben, ähnlich modernen Wissenschaftstheoretikern, an ein dynamisches Sprache-Welt-Verhältnis, d. h. die Wahrheitsfähigkeit einer Aussage wird hierbei an der Praxis gemessen. Eine weitere Theorie der Wahrheit ist die Kohärenztheorie der Wahrheit. Ihr folgend kann man eine Aussage dann und nur dann als wahr bezeichnen, wenn sie, wie bei den eben schon erwähnten Autoren Hügli und Lübcke zu lesen ist, „in widerspruchsfreier Weise mit dem gesamten Satz- bzw. Sprachsystem <zusammenhängt> und mit ihm vereinbar ist.“ [16] Auf Kritikpunkten der Kohärenztheorie aufbauend, finden sich Ansätze, in denen die Wahrheit von Aussagen an der Übereinstimmung der Meinungen von einer potenziell unendlichen Menge von Menschen der Sprechergemeinschaft gemessen wird. Hauptvertreter hierfür sind Apel und Habermas. Diese Theorie trägt den Namen Konsenstheorie der Wahrheit.

Eine deflationistische Theorie der Wahrheit, welche sich u. a. dadurch von inflationistischen Theorien unterscheidet, dass sie die Meinung vertritt, das Wahrheitsprädikat an sich wäre überflüssig, ist die Redundanztheorie der Wahrheit. Sie beruht genauer auf der Auffassung, dass Wahrheit oder Falschheit in erster Linie nur Propositionen, also Sätzen, Urteilen zugeschrieben wird. Ramsey gilt als berühmtester Vertreter einer solchen Variante. Bei ihm äußert sich die Auffassung der Redundanz von Ausdrücken in der Form, dass der Satz: „Es ist wahr, dass Caesar ermordet wurde“ nicht mehr besagt, als der Satz: „Caesar wurde ermordet“ und somit überflüssig bzw. auf den zweiten Satz zurückführbar ist. Auf der Redundanztheorie aufbauend wurden weitere Theorien, wie Strawsons performative Theorie der Wahrheit entwickelt, die hier jedoch keine Rolle spielen.

Nach diesem kurzen Überblick wollen wir uns intensiver mit Ludwig Wittgenstein beschäftigen. Ludwig Wittgenstein veröffentlichte 1921 unter dem Titel Tractatus logico-philosophicus [17] (in der Folge auch TLP) seine epochale sprachphilosophische Abhandlung. Dieses Werk lässt sich, wie Prechtl richtig festhält, „in die Reihe der Entwürfe einer logisch vollkommenen Sprache, d. h. als ein weiteres Modell einer Idealsprachphilosophie, einreihen.“ [18] Jedoch verfolgt Wittgenstein eine weitere Absicht, nämlich das mit Sinn beladene Sagbare vom Unsagbaren abzugrenzen. Es ist üblich, seine Abhandlung in drei Teilbereiche, Sein-Erkennen-Sprache zu unterteilen. Die ontologischen Überlegungen finden wir in den ersten beiden Grundthesen, sowie deren Unterpunkten seiner in sieben Hauptpunkte unterteilten Abhandlung.

Wittgenstein schreibt hier von der Welt als demjenigen was, der Fall ist, (TLP 1) der Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. (1.1) Diese Tatsachen befinden sich in einem logischen Raum (vgl. 1.13) und sind bestehende Sachverhalte. (vgl. 2) Sachverhalte und materielle Eigenschaften wiederum werden aus einer Konfiguration (vgl. 2.0272) von Gegenständen gebildet, (vgl. 2.01, 2.0231) die, mitsamt der von ihnen gebildeten Substanz, außerhalb dessen, was der Fall ist, „bestehen“. (vgl. 2.021) Dass diese Bildung erst in den Sachverhalten geschieht, wird auch durch die Einfachheit der Gegenstände, (2.02) deren Farblosigkeit (2.0232) etc. insinuiert. Die Substanz ist Inhalt und Form. (2.025)

Der Mensch besitzt nun die Möglichkeit, sich Bilder der Wirklichkeit zu machen. (2.1) Diese Bilder sind Modelle der Wirklichkeit, (2.12) des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten und stellen somit eine Sachlage im logischen Raume vor. (vgl. 2.11) Die Elemente des Bildes verhalten sich in einem analogen Verhältnis zu den Gegenständen im Sachverhalt, (vgl. 2.13) wobei dieser Zusammenhang des Verhaltens der Elemente des Bildes zueinander seine Struktur genannt wird, die Möglichkeit derselben  Form der Abbildung. (2.15) Dies ist auch, was das Bild mit dem Abgebildeten gemein haben muss, um es richtig oder falsch abzubilden. (2.17) Die Grundform, die jedes Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um diese wahrheitsgemäß oder falsch abzubilden, ist die logische Form, (vgl. 2.18) wohingegen z. B. das räumliche Bild nur die Wirklichkeit abbilden kann, deren Form es hat, also die Form des Räumlichen. (vgl. 2.171) Wahrheit und Falschheit des Bildes hängen schließlich von der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung seines Sinnes, einer möglichen Sachlage im logischen Raume, mit der Wirklichkeit ab. (vgl. 2.222)

Im zweiten Teilbereich streift Wittgenstein beginnend bei Punkt 3 implizit die Frage nach der Erkenntnis. Wittgenstein geht von der Welt über zum Menschen, der in der Lage ist, sich logische Bilder der Tatsachen zu machen. (vgl. u. a. 4.002) Erkenntnis kann ihm zufolge als eine logische Abbildbeziehung zwischen Gedanke und Tatsache gesehen werden. Diese logischen Abbilder der Tatsachen sind Gedanken. (3) Die Bestandteile dieser Gedanken entsprechen den Wörtern der Sprache. [19] Der Gedanke selbst wird dabei von Wittgenstein stiefmütterlich behandelt, da es über ihn wenig zu sagen gibt. [20] Der Gedanke als logisches Bild ist Bild von allem, was gedacht werden kann, da die logische Form, wie wir bereits wissen, sozus. die allgemeinste Form ist. (vgl. u. a. 3.01) Des Weiteren hält Wittgenstein daran fest, dass sich der Gedanke im Satz, in sinnlich wahrnehmbarer Weise ausdrücken kann. (3.1) Zum Unterschied von Satz und Satzzeichen lässt sich sagen, dass das Satzzeichen jenes Zeichen ist, durch welches der Gedanke ausgedrückt wird, wohingegen der Satz das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt darstellt. (3.2) Das metaphysische Subjekt bildet nach Wittgenstein die Grenze der Welt. (5.632) Dieses metaphysische Subjekt ist kein denkendes, vorstellendes Subjekt, denn ein solches gibt es nicht. (5.631) Es wird vielmehr durch die Sprache, die Sprache des Sprechers gebildet. (5.6) Wobei es sich zeigt, dass die Grenzen seiner Welt durch die Grenzen der Sprache die allein der Sprecher versteht, bedeutet werden. (5.62)

Im dritten Teilbereich wendet sich Wittgenstein der Frage nach der Sprache zu. Man kann sich seiner Sprachkonzeption über die Satzkonzeption nähern. Der Satz ist für ihn eine Funktion (im mathematischen Sinne) der in ihm enthaltenden Ausdrücke – der Sinn charakterisierenden Teile. (3.318) Unter Sinn versteht Wittgenstein, bei ihm nur auf Sätze angewendet, die Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung des Satzes mit den Möglichkeiten des Bestehens und Nichtbestehens der Sachverhalte, die sich allerdings nur zeigt. (4.2) Der Gedanke ist nunmehr der sinnvolle Satz. (4) Der Gedanke ist eine Funktion der in ihm Sinn charakterisierenden Teile. Wittgenstein erweitert seine Bildtheorie auf Sätze, sodass eine Trias Welt-Gedanke-Satz entsteht. Der Satz wird nun als Bild, Modell der Wirklichkeit gesehen, (4.01) wobei die Elemente des Bildes den Sachen zugeordnet werden. Dass dies möglich ist, liegt an der logischen Form, die dafür Sorge trägt, dass die Abbildbeziehung vonstattengehen kann. Wesentlich am Satze ist, dass dieser einen neuen Sinn mitteilen kann, (4.03) der von ihm gezeigt wird. Dabei ist zu beachten, dass dieser neue Sinn durch die Auflistung der einfachen Zeichen im Satz (der Wörter), (vgl. 3.202) deren Bedeutungen wir kennen, (3.203) samt aussagenlogischen Symbolen, zustande kommt. Der einfachste Satz wiederum ist der Elementarsatz, welcher aus Namen besteht. (vgl. 4.21, 4.22) Die Wahrheitsmöglichkeiten der Elementarsätze sind die Bedingungen der Wahrheit und Falschheit von Sätzen. Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. (5) In Punkt 5.3 kommt Wittgenstein zur Einsicht, dass alle Sätze Resultate von Wahrheitsoperationen mit den Elementarsätzen sind.

Nach diesem groben Überblick möchte ich genauer auf Wittgensteins Wahrheitsauffassung bzw. seine Bildtheorie eingehen. Wittgensteins Bildbegriff findet wie gesagt seine Anwendung in der Trias Tatsache-Gedanke-Satz.

 

Tatsache

Nach Wittgenstein machen wir uns Bilder der Tatsachen, folglich auch von dem, was der Fall ist; in der Gesamtheit dessen, was der Fall ist, von den bestehenden Sachverhalten bzw. von der Welt. Da die gesamte Wirklichkeit die Welt darstellt und die Wirklichkeit als Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten beschrieben wird, betrifft dies auch in gleicher Weise die Wirklichkeit.

 

Bild

Zuerst ist festzuhalten, dass das Bild aus Elementen, d. h. deren Verhalten in einer bestimmten Art und Weise zueinander, besteht. Diesen Zusammenhang (der Elemente) nennt Wittgenstein Struktur bzw. der Möglichkeit nach Form der Abbildung. Die Form der Abbildung ist dabei der Garant für die Möglichkeit, dass sich die Dinge äquivalent zu den Elementen des Bildes verhalten. Zum Bilde gehört weiters die abbildende Beziehung, d. h. die Zuordnung der Elemente des Bildes und der Sachen. Das Bild muss mit der Wirklichkeit, um Bild zu sein, die Form der Abbildung gemein haben. Das wäre für jedes Bild die logische Form. Das Bild bildet nun die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt. Das Bild stimmt nach Wittgenstein mit der Wirklichkeit überein oder nicht; es ist richtig oder unrichtig, wahr oder falsch. In der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung seines Sinnes mit der Wirklichkeit besteht nun letztendlich die Wahrheit und Falschheit.

 

Gedanke

Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke. Das Zeichen, durch welches der Gedanke ausgedrückt wird, ist das Satzzeichen. Der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt. Der Gedanke ist wiederum eine Tatsache.

 

Satz

Der Gedanke ist der sinnvolle Satz. Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. Die Gesamtheit der Sätze ist die Sprache. Der Satz zeigt seinen Sinn, d. h. er zeigt, wie es sich verhält, wenn er wahr ist. Und er sagt, dass es sich so verhält. Die Wirklichkeit muss durch den Satz auf Ja und Nein fixiert werden.

Halten wir fest: Wittgenstein postuliert eine logische Abbildbeziehung zwischen Tatsache, Gedanke und Satz, wobei die Wahrheit bzw. Falschheit des Bildes von der Wirklichkeit, dem Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten abhängt. Besteht der Sachverhalt, ist er eine Tatsache, somit ein wahres Bild.

 

Zu Beginn dieses Essays wurde darauf verwiesen, dass viele Autoren die Wahrheitsauffassung im TLP zur Korrespondenztheorie der Wahrheit zählen. Um von einer Korrespondenztheorie sprechen zu können, muss man jedoch auch eine Relation zwischen Aussage und Tatsache postulieren. Dies hält m. E. Puntel luzid fest: „In der von der Alltagssprache und wissenschaftlichen und philosophischen Bildungssprache vorausgesetzten KR-TW wird eine Reihe von Ausdrücken verwendet, um die Korrespondenzrelation und ihre Relata zu kennzeichnen. Für die Relation werden häufig folgende Bezeichnungen gebraucht: Übereinstimmung, Entsprechung, Angleichung, Adäquation, Konformität, Übereinkunft u.ä.“ [21] Es ist zwar wahr, dass das logische Bild der Tatsachen der Gedanke und dieser der sinnvolle Satz ist. Jedoch muss die Wahrheit selbst fern von aller Sprache und außerhalb der Welt liegen, denn die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, d. h. der wahren Sachverhalte. Ein Sachverhalt ist wahr, wenn er besteht. Das Bestehen des Sachverhaltes hängt nicht zuletzt von der Wahrheit des Elementarsatzes ab. Wittgenstein schreibt in dem für mich zentralen Satz 4.25 zur Wahrheitstheorie: „Ist der Elementarsatz wahr, so besteht der Sachverhalt; ist der Elementarsatz falsch, so besteht der Sachverhalt nicht.“

Für mich stellt sich hier die Frage, ob nicht vielmehr der Satz „Das Wetter ist schön“ nicht deswegen wahr ist, weil er mit dem bestehenden Sachverhalt übereinstimmt, sondern weil das BESTEHEN des Sachverhalts bereits sprachlos vorausgesetzt wird? Dies würde dann auch nicht die triviale Unterscheidung von Sagen und Zeigen, die ja Wittgenstein selber postuliert hat, betreffen. Die Unterscheidung von Sagbarem und Zeigbarem wird bei Wittgenstein dahingehend getroffen, dass er klar sagt, dass das was gezeigt werden kann, nicht gesagt werden kann (4.1212) und alles Fragbare auch eine Antwort bedingt (6.5). Wenn wir bei dieser oberflächlichen Behandlung bleiben, sehen wir schon, dass das Problem mit der Frage nach dem Wetter ein inhärentes ist und nicht mit dem Verweis auf die Unterscheidung von Sagbarem und Zeigbarem gelöst werden kann. Die obig aufgeworfene Frage nach dem Bestehen des Sachverhalts führt uns dahin zu erörtern, wie das Bestehen des Sachverhaltes über die Wahrheit des Elementarsatzes zu verifizieren ist – denn der Sachverhalt wird ja erst durch den Elementarsatz wahr. Der Elementarsatz weist für sich selbst auf Schwierigkeiten hin. Die Wahrheit des Elementarsatzes ergibt sich nach Wittgenstein durch die Anwendung der Wahrheitsfunktion auf sich selbst. (Wahrheit der Sätze kann gänzlich ausgeklammert werden, da sich diese auf Elementarsätze reduzieren lässt). Das oben aufgeworfene Problem ist nun schließlich und endlich an den Elementarsätzen festzumachen. Wenn die Wahrheitsfunktion auf die Elementarsätze angewendet wird, bedeutet dies, dass die Wahrheitsfunktion auf den Elementarsatz, der aus Namen, einer Verkettung dieser besteht, angewendet wird. Schließlich können wir die Wahrheit des Elementarsatzes nicht im System Wittgensteins feststellen, da wir die Zusammensetzung der Namen des Elementarsatzes nicht kennen (5.55).

Gehen wir wieder zurück zum Sachverhalt, dessen Bestehen nun nicht über den Elementarsatz gerechtfertigt wird. Sehen wir uns folgenden Gedankengang näher an, bevor wir resümieren wollen: Wenn zwei Personen, wie unser Pärchen, gegensätzlicher Meinung über den Sachverhalt: Das Wetter am 01. 01. 2008 in Innsbruck, sind (die eine, in unserem Fall Anne, hält das Wetter, wie schon erwähnt, für schön, da sie die Schönheit des Wetters daran misst, ob es regnet; es ist aber trüb, bewölkt. Die andere hält das Wetter für schlecht, da sie, in unserem Beispiel Raul, die Schlechtigkeit des Wetters davon ableitet, ob es wolkenlos ist oder nicht) besteht dann der Sachverhalt, dass das Wetter schön ist, für die eine Person und für die andere nicht? Es ergeben sich bei genauerer Betrachtung viele Fragen, die m. E. im philosophischen Diskurs noch nicht gelöst wurden. Einige sollen genannt werden: Verweisen diese Sachverhalte auf verschiedene Elementarsätze, obwohl sie auf den für uns naive Realisten gleichen außersprachlichen Kontext referieren? Gibt es im System Wittgensteins Begriffe, wie z. B. „Gegenstand“ und „schön“, die in seinem System nicht handhabbar sind? Muss die Wahrheit aus seinem System herausgehalten werden und wenn ja, was bedeutet das?

Fazit: Eine Antwort auf diese Fragen bedürfte einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem frühen Wittgenstein (wofür hier kein Raum ist). Mir bleibt hier nur Folgendes festzuhalten: Meiner Lesart nach kann das Bestehen oder Nichtbestehen des Sachverhalts nicht in der Sprache festgestellt werden, ohne auf die wahren Elementarsätze zu rekurrieren, deren Wahrheit jedoch im System des Tractatus’ nicht verifizierbar ist. Ich weiß weiters nicht, wie Wittgenstein die Beziehung zur Substanz und den Gegenständen herstellt. Jegliches Bemühen von Aussagen über Strukturgleichheit etc. ist m. E. nicht folgerichtig. Somit fehlt Wittgenstein der substanzielle Untergrund, der für ein Korrespondenzprinzip, das auf eben diese Beziehung zwischen „Ding“ (Substanz, Gegenstand) und „Intellekt“ (Gedanke, Sprache) aufbaut, notwendig wäre. Was mich letztlich zu der Überzeugung führt, dass Wittgenstein dadurch, dass er sein System so strikt klassifiziert, im eigentlichen Sinne keine korrespondierende Wahrheitstheorie vertreten kann, da es ihm erstens nicht möglich ist, die Wahrheit der Elementarsätze fest-/ und zweitens die korrespondierende Verbindung auf das Abgebildete, in diesem Sinne, Gegenstände und Substanz, herzustellen.

 

Anmerkungen

[1] vgl. Joh 18,38 (Katholische Bibelanstalt GmbH [Hg.]: Die Bibel, Altes und Neues Testament mit Bildern alter Meister [Augsburg 2004]).
[2] H. Schnädelbach, Erkenntnistheorie eine Einführung, (Hamburg 2002) 178.
[3] vgl. hierzu Woyke, der in einem früheren Artikel auf Albert Camus verweisend festhält, dass „das einzige, was zählt, die Wahrheit“ sei. „Suche nach Einheit und Auflehnung gegen die Welt bei Albert Camus,“ von Andreas Woyke, recenseo Texte zu Kunst und Philosophie, http://www.recenseo.de/index.php?id=120&kategorie=artikel&nav=Inhalt (Stand: 01. 08).
[4] G. Skirbekk: Einleitung, in: ders. (Hg.): Wahrheitstheorien. Eine Auswahl aus den Diskussionen über Wahrheit im 20. Jahrhundert, (13. Auflage, Frankfurt am Main 2006) 8 (Hier finden sich auch Artikel von James, Ramsey und Strawson).
[5] Aristoteles, Metaphysik IV, 1011b (Aristoteles: Philosophische Schriften, Bd. 5, nach der Übersetzung von Hermann Bonitz, bearbeitet von Horst Seidl, Hamburg 1995).
[6] J. Hirschberger: Geschichte der Philosophie, Bd. 1, (12. Auflage, Köln 1980) 167.
[7] A. Graeser: Die Philosophie der Antike 2. Sophistik und Sokratik, Plato und Aristoteles, (2. Auflage, München 1993) 211 (W. Röd [Hg.]: Geschichte der Philosophie, Bd. 2).
[8] Platon: Kratylos 385b (Platon: Sämtliche Werke, Bd. 3, herausgegeben von Ursula Wolf, nach einer Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, Reinbek 1994).
[9] Platon: Euthydemos 284a (Platon: Sämtliche Werke, Bd. 1, herausgegeben von Ursula Wolf, nach einer Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, 28. Auflage, Reinbek 2002).
[10] Th. Aquin von: De veritate I, art. 1, responsio (Thomas von Aquin: Von der Wahrheit, ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Albert Zimmermann, Hamburg 1986).
[11] R. Heinzmann: Thomas von Aquin, (Stuttgart/ Berlin/ Köln 1994) 31.
[12] Th. Aquin von: Ebenda.
[13] Ebenda.
[14] K. Lorenz: Wahrheitstheorien, in: J. Mittelstraß (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissen­schaftstheorie, Bd. 4, (Stuttgart/ Weimar 2004) 597.
[15] A. Hügli und P. Lübcke (Hg.): Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, (4. Auflage, Reinbek 2001) 659. [16] Ebenda, 659 f.
[17] Siehe: L. Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung (30. Auflage, Frankfurt am Main 2001).
[18] P. Prechtl: Sprachphilosophie, (Stuttgart/ Weimar 1999) 101.
[19] L. Wittgenstein: Briefe: Wittgenstein an Russell, 19. August 1919, in: B.-F. McGuinness und G.-H. von Wright (Hg.): Ludwig Wittgenstein: Briefe, Briefwechsel mit B. Russell, G. E. Moore, J. M. Keynes, F. P. Ramsey, W. Eccles, P. Engelmann und L. von Ficker, (Frankfurt am Main 1980) 88 ff.
[20] E.-M. Lange: Ludwig Wittgenstein: „Logisch-philosophische Abhandlung“, (Paderborn/ München/ Wien/ Zürich 1996) 78.
[21] L. B. Puntel: Wahrheitstheorien in der neueren Philosophie, (Darmstadt 1978) 28.

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