Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Weltliteratur. Andrej Bitow liest aus seinem Roman "Das Puschkinhaus"

Andrej Bitow war am Sonntag, 24. Februar, als Gast der Neuen Literarischen Gesellschaft in Marburg. Er las kurze Passagen aus seinem Roman auf russisch vor und beantwortete Fragen des Publikums, die seine Übersetzerin Rosemarie Tietze, die längere Abschnitte aus zwei Kapiteln des Buchs: "Der Vater" und "Dickens (Extrakapitel)" vortrug, ebenso wie die Antworten des Autors in die jeweils andere Sprache übertrug. Es sei gleich zu Beginn gesagt, dass es sich nach Ansicht des Rezensenten um eine Ausnahmeveranstaltung handelte. Bitow führte vor der Lesung kurz aus, dass ein Schriftsteller sich eine Aufgabe stellen und sie auch selber lösen müsse. Da sei "kein Befehl, der über mir schwebt - die Freiheit, die in dieser Tätigkeit liegt, hat mich angezogen." Freiheit sei hier nicht in einem bürgerlich-zivilrechtlichen Sinne gemeint, der Ausdruck beziehe sich vielmehr auf das menschliche Innere. "Wenn die Freiheit von allen Seiten begrenzt wird, können Sie sie doch erreichen, und zwar in der Vertikalen. Manche finden sie vielleicht bei Gott, aber auf jeden Fall erreicht man sie in der geistigen Sphäre. Dieser Freiheit ist der Roman gewidmet." Jeder der Anwesenden im Raum spürte bei diesen Sätzen, dass es Bitow auf eine seltsam gelassene Weise ernst war mit dem, was er sagte. Von diesem Moment an war klar, dass, bei aller unleugbaren Differenz von Literatur und Leben, auch für ihn galt, was er von dem ehemaligen Lagerinsassen "Onkel Mitja" sagt: dieser "brauchte nur ein Wort wie "Bürgerkrieg" oder "Vaterländischer Krieg" oder "Kresty" zu verwenden, so war das tatsächlich der Bürgerkrieg, der Zweite Weltkrieg, das Kresty-Gefängnis [...]" (S. 47). Die Authentizität des Autors und seines Werks gingen bei dieser Lesung eine komplexe, spannungsreiche Beziehung ein.

 

Andrej Bitow und Rosemarie Tietze bei der Marburger Lesung

Welch ein merkwürdiges Erlebnis. Auf eine nicht direkt zu bezeichnende Art war an diesem Sonntagvormittag in Marburg, durch die Präsenz Bitows und ihre Verbindung zu dem Gelesenen, etwas von der russischen Geschichte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts - und von der russischen Literatur des 19 Jahrhunderts, auf die der Roman sich fortwährend bezieht, anwesend. Dieses Etwas jedoch, das waren nicht unmittelbar die geschichtlichen Fakten, die Erinnerungen an die monströsen Schrecklichkeiten des Lagerlebens, sondern es war: durch den literarischen Bezug gespiegelt, der existenzielle Kern in den Menschen, der sie die Geschehnisse durchstehen und im eigentlichen Sinn überleben ließ. Man versteht nun, warum dieser Freiheit der Roman gewidmet ist. Bitow berichtet, ein ehemaliger Häftling habe ihm erzählt: "Wissen Sie, warum ich durchgehalten habe? Ich habe nicht ein einziges Mal unflätig geflucht." Etwas in den Menschen vermag zu verhindern, dass sie sich mit dem Niedrigen gemein machen.

Andrej Bitow wurde 1937 in Leningrad geboren und erlebte als Kind die Blockade. Er studierte an einem Bergbauinstitut, arbeitete jedoch nur kurze Zeit als Geologe und entschied sich bereits in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts dafür, als freiberuflicher Schriftsteller zu leben. Der Roman "Das Puschkinhaus" wurde 1971, 1978 der annähernd 100 Seiten umfassende Kommentar abgeschlossen. Die Publikationsgeschichte des Buches ist äußerst kompliziert (nachzulesen im Nachwort der Neuausgabe, das Rosemarie Tietze verfasst hat). Eine erste deutsche Ausgabe, von Natascha Spitz-Wdowin und Sylvia List übersetzt, veröffentlicht 1983 bei Luchterhand, enthält den Kommentar nicht, "und auch beim Erschließen von Text und Realien hatten die Übersetzerinnen ihn offenbar nicht zur Verfügung" (Nachwort, S. 588). Nun ist also, 2007, im Suhrkamp Verlag die neue und vollständige Übertragung des Werks erschienen.

Andrej Bitow signiert "Das Puschkinhaus"

In der Marburger Lesung zieht eine erstaunliche Wortfügung gleich das Interesse der Zuhörer auf sich: Anziehend sei an Onkel Mitja seine "lagererfahrene Aristokratie" (S. 40). Gefragt, wie dieser Ausdruck zu verstehen sei, antwortet Bitow: Er habe im Zug nach Marburg gesessen, und da sei ihm jemand aufgefallen, ein guter Menschenschlag. Ein solcher Typus, bemerkt er mit leichter Ironie, könne in einem russischen Kriegsfilm mindestens einen Oberst darstellen. Vielleicht habe es sich um einen Schwerarbeiter oder einen Bauern gehandelt. Von einem solchen Typus sei auch im Buch die Rede - um die Zeit in einem Lager durchzustehen, brauche man gewissermaßen aristokratische Eigenschaften, die eben dem zukämen, der geistig standhalte. Das klassische Beispiel gebe Solschenizyn in seinem Buch "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch". Im Lager seien alle besonders dann, wenn es ums Essen gehe, sehr erniedrigt. Solschenizyn beschreibe jedoch einen Alten, der ungewöhnlich gerade sitze und langsam mit unglaublicher Würde seine Suppe äße. Darin zeige sich eine Art von Adel, eine Prägung, die auf dem Gesicht zu sehen sei.

Von solcher Würde handelt Bitows Roman. Sie, die in irgendeiner, uns immer noch nicht nachvollziehbaren Weise in dem gründet, das eben existenzieller Kern genannt wurde, wirkt unmittelbar auf andere Menschen, vielleicht sogar, ohne dass diese es direkt bemerken. Bitow beschreibt diesen Einfluss so:

"Hier erblickte Ljowa Vater und Mutter, wie sie bereitwillig und freudig mithalfen, fast wie der Hausmeister. Es war, als läsen sie dem Alten jeden Wunsch von den Augen ab und als klängen seine - in der Familie so verpönten - Unflätigkeiten ihnen wie Musik in den Ohren. Ihre Gesichter waren faltenlos und klar, fast wie auf jenem Hochzeitsfoto, wie Gesichter sich eben bei der ersten Möglichkeit von Liebe erleichtert wandeln ... Diese unverhohlene, nicht unterdrückte und nicht durch Verhältnisse verzerrte Liebe, ihr klares Spiegelbild, das verblüffte Ljowa an den Gesichtern der Eltern. Diese Möglichkeit war Jugend. Erst viel später begriff Ljowa, dass die Liebe zu dem Greis sich auch deshalb so plötzlich auftat und so freudvoll war, weil sie, der Form nach rein altruistisch, fast die einzige Chance bot, in der Familie Odojewzew zu lieben - und zwar sich gegenseitig zu lieben." (S. 39)

Durch die Anwesenheit Bitows bei der Lesung aus seinem Roman erscheint in der Figur des Onkels Mitja plötzlich nicht nur die Aufgabe der Literatur, sondern die des Menschen schlechthin gespiegelt. Sie bestünde darin, der grundlosen Würde, die unserem Dasein zukommt, immer erneut, und gerade in den Situationen, die sie vermeintlich unmöglich machen, einen Ort zu wahren. Eben weil solche Sätze in unserer Zeit fremd klingen, keimt nun ein schrecklicher Verdacht auf: Fehlen uns vielleicht, obgleich in den Diskussionen über die ethischen Prinzipien, mit denen wir zum Beispiel die Entwicklungen der modernen Medizin zu beurteilen suchen, fortwährend von Würde die Rede ist, Beispiele von Menschen, denen sie unleugbar eignet? Wird sie deswegen immer mehr zu einem bloß abstrakten Begriff?

Andrej Bitow verkörpert den Typus eines Literaten, wie er in Westeuropa nicht mehr zu finden ist. Er kommt offensichtlich ohne Selbstinszenierung aus und benötigt keine medienwirksamen Gesten, um seinen Zuhörern den selbstverständlichen, also gelassenen Ernst zu vermitteln, der auch die Substanz seines bereits nachmodernen Erzählens ausmacht, das sich doch noch den Postulaten der Moderne verpflichtet weiß. Die knapp anderthalb Stunden im Café Vetter waren im eminenten Wortsinn beeindruckend (man muss hier nicht nach Superlativen suchen) und unterschieden sich vollständig von allem, dem heute ein literarischer Eventcharakter zugesprochen wird.

Max Lorenzen

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