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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 1
Der Saal im Theater am Schwanhof ist vollständig besetzt: Wilhelm Busch zieht auch hundert Jahre nach seinem Tod das Publikum an. Dennewitz wird bei seiner Lesung unterstützt von der Jürgen Sachs-Band, die an diesem Abend Dixieland spielt. Man hat sich seinen Wein aus der Kneipe geholt und sieht einem vergnüglichen Abend entgegen. Um es gleich zu sagen - diese Erwartung wird ganz und gar erfüllt; viele der Besucherinnen und Besucher wippen mit den Füßen im Takt der Musik, quittieren die Pointen der Buschschen Verse mit Gelächter und spenden am Schluss reichlich Beifall. Dennewitz hat ihn verdient. Man muss diese Texte tatsächlich hören, nicht nur still lesen, sie müssen, wie Musikstücke, intoniert werden, mit Pausen, Steigerung und Abfall der Stimme, Schlusskadenz. All das gelingt dem Intendanten des Hessischen Landestheaters scheinbar mühelos, so dass sich offenbar zwischen ihm und seinen Zuhörern ein gewisser Kontakt herstellt, in dem, wie in einem Medium, die Witzigkeit, der Humor der Reime vom Interpreten zu seinem Publikum transportiert wird.

Ekkehard Dennewitz, Intendant des Hessischen Landestheaters
Seltsamerweise legt die kurze von Dennewitz gegebene Einführung, im Nachhinein, das einzige Manko des Abends bloß. Sie betont, gegenüber der Schwere anderer Lyrik-Produktionen, etwa von Rilke, die Zugänglichkeit dieses Humors und zieht eine Linie von Wilhelm Busch über Zille (Ringelnatz wird nicht erwähnt) bis zu Robert Gernhardt. Impliziert wird: Es muss nicht immer tiefsinnig zugehen - das "immer" fehlt selten in solchen Formulierungen - , denn ein solch elitärer Anspruch verbaue eben die direkte Kommunikation mit einem größeren Personenkreis. Buschs gesellschaftskritische, gegen Bigotterie und autoritären Habitus gerichtete Tendenz sei ohne weiteres nachvollziehbar.
Aber verbinden sich tatsächlich in den Vers-Geschichten dieses von Schopenhauer beeinflussten Misanthropen Satire und Spaß zu einer Mischung, die Vergnügen erzeugt, weil in ihren grotesken Überzeichnungen das Spießer-Dasein ad absurdum geführt wird? Falsch ist eine solche Ansicht nicht, aber vielleicht unzureichend. Wenn die fromme Helene am Ende ihres kurzen Lebens verbrennt, der verkohlte Körper in Stücken auf der Erde liegt und Busch resümiert: "Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen", so nennt man diese Nonchalance, wie bekannt, schwarzen Humor - und er ist es, der uns bei den Buschschen Geschichten unweigerlich zum Lachen bringt.
André Breton hat 1939 seine "Anthologie des schwarzen Humors" zusammengestellt (die Erstausgabe erschien 1940 und wurde nach den Angaben Bretons von der Pétain-Regierung verboten); in seinem Vorwort heißt es: "Die satirische, moralisierende Absicht [...] übt auf fast alle Werke der Vergangenheit [...] einen verheerenden Einfluss aus, setzt sie der Gefahr aus, in Karikatur umzuschlagen" (André Breton: Anthologie des schwarzen Humors, München 1971, S. 16). Man wird Breton Recht geben müssen, eine satirische Kritik an gesellschaftlichen Zuständen bezieht sich notwendigerweise auf eine bereitliegende Moral. Dann wäre der - schwarze - Humor Wilhelm Buschs also gar nicht satirisch? Breton zitiert weiterhin Freud: "Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhebendes ..."" (S. 19), und dieser Satz erinnert an die berühmte Definition Jean Pauls: " Der Humor, als das umgekehrte Erhabene ..." vernichte sowohl das Große wie auch das Kleine, "weil vor der Unendlichkeit alles gleich ist und nichts" (Vorschule der Ästhetik, §32).

Wilhelm Busch
Humor, und besonders der schwarze, konfrontiert mit der Unendlichkeit, vor der wir nichts sind - und wir lachen, weil uns dieses unendliche Nichts wohl einen gewissen Schauder einjagt, wir uns aber doch und gerade in diesem Moment: angesichts unserer drohenden Vernichtung, scheinbar ohne Anstrengung selbst behaupten. "Es ist nichts dran [...], wenn ein intelligenter Humor nicht einmal das Nichts in Gelächter auflösen kann ... das Lachen [...] grenzt an das Nichts, gibt uns das Nichts als Unterpfand" zitiert noch einmal Breton Pierre Piobb's "Les Mystères des Dieus".
In gewisser Weise wohnt den Versen und Zeichnungen Buschs etwas Diabolisches inne, das vor uns das umfassend Nichtige unserer Existenz aufsteigen lässt; in ihm sind wir alle gleich, das Publikum einer Inszenierung, die den Weltuntergang in einzelnen kleinen Metaphern auf die Bühne bringt. Aber eine Selbstbehauptung vor solchem Unendlichen verändert das Selbst. Es akzeptiert seine Gleichheit mit anderen und unterscheidet sich in solcher aktiven Akzeptanz von ihnen. Ein Saal, in dem ein solches Ich neben seinen Leidensgefährten säße, machte die geeignete Zuhörerschaft einer Lesung etwa der "frommen Helene" aus, deren schrecklich-lustige Pointen ein Gelächter als Ausdruck eines "grimmigen Behagens" (Wilhelm Raabe) provozierten. Vielleicht empfände diese Zuhörerschaft, dass Dixieland-Musik im Grunde ohne Beziehung zu den Buschschen Poemen bleibt - beide gehören völlig unterschiedlichen Sphären an. Es sei denn, in ihr schwänge etwas von Weltuntergangsstimmung, wie es wohl manchmal an den Tanzabenden der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts der Fall gewesen sein mag. Die Sachs-Band hat gut gespielt, aber so gut nun wieder nicht; der Sound, der zugleich mit einer gewissen lärmenden Fröhlichkeit eine grenzenlose Melancholie hörbar machte, fehlte ihr (die Musiker agierten zu vereinzelt und erzeugten eigentlich keinen gemeinsamen Klang und Rhythmus). Von dieser Einsicht aus mag man den Blick zurück auf die Lesung wenden und nun begreifen und erfahren, dass es ihr manchmal gut getan hätte, den Verlauf der Verse und Reime gegen den Strich zu bürsten und dadurch gegebenenfalls auf zu wohlfeile Lacher, nämlich die eines satirisch angeregten Publikums, zu verzichten. Gerade die Grausamkeiten des schwarzen Humors verlangen nach einer allerdings wie selbstverständlich anwesenden Tiefe im Vortrag.
Das also war nicht da. Aber es blieb viel: die gekonnt induzierte erneute Begegnung mit Geschichten und deren längst zu Aphorismen gewordenen Wendungen, die man vielleicht lange nicht gehört hatte, und die einem doch gegenwärtig sind, als hätte man sie beinahe jede Woche wiedergelesen. Einige wenige Gedichte Rilkes oder Stefan Georges und anderer Lyriker, natürlich derjenigen früherer Zeiten, mögen sich einem so einprägen, dass kurze Zitate jeweils das Ganze evozieren; daneben und darunter jedoch existieren in unserem Erinnerungsvermögen die womöglich tiefer eingegrabenen Worte und Sätze Wilhelm Buschs. Sie haben, wie auch beispielsweise der nach wie vor faszinierende und erschreckende "Struwwelpeter", unser Gemüt auf eine tragische Weltsicht und die Erfahrung der Koexistenz von Freude und Leid vorbereitet, ohne die es keine Philosophie, die diesen Namen verdient, geben könnte. Was bringt es also, tragisch-schwere und von wirklichem Humor inspirierte Dichtung kontrastierend gegeneinander zu setzen, wenn sie sich doch in den tieferen Schichten unseres Bewusstseins ständig begegnen und dabei sofort verstehen: sich also in ihrer wirklichen Andersartigkeit selber akzeptieren?
Max Lorenzen