![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 1
Die Lesung des österreichischen Autors beginnt nicht, wie angekündigt. Zunächst trägt Franzobel neuere Gedichte aus seinen Manuskripten vor - nein, auch das stimmt nicht ganz, denn "Marburg" heißt gar nicht so, wurde nicht, wie zunächst behauptet, heute morgen geschrieben, sondern schon vor einiger Zeit, war auch kein Gedicht auf die Stadt, sondern den Tod, ist also gewissermaßen, so Franzobel, ein multiple-choice-Stück, das er auch schon anderswo vorgetragen hat, ja, der Text sollte in Litauen sogar in Bronze gegossen werden …: Ein schöner Gedanke, dass diese Hymne, sich auf alle Städte beziehend, überall stehe, als sei sie jeweils nur für diese eine verfasst.

Franzobel im Café Vetter, Marburg
Der Dichter kommt in Jeans und Pullover, mit seinem Reiserucksack, einem Notebook und Bierflasche auf die Bühne, liest nach "Marburg" "Österreich ist schön", dann ein Gedicht über Skispringer, ein weiteres über den IKEA-Katalog, sucht manchmal den richtigen Text - "ah da ist er" - , trägt dann eine postkoitale Dichtung vor (alle Vokale sind beim Koitus bereits aufgebraucht worden): mmmmmmm …, hierauf eine Ballade von den Schwierigkeiten, seinen PC mit dem richtigen Passwort anzumelden (wer kennt das nicht) und noch einiges der Art, das manchmal mehr, manchmal weniger im Publikum zündet. Aber keine Frage: Franzobel liest gut, trägt eigentlich rhythmische Laut-Gebilde vor, die ein wenig, sagt er selbst, in der Tradition der konkreten Poesie stehen.
Schließlich trägt er doch ein Stück aus "Liebesgeschichte", dem neuen Roman vor. Dabei fällt gleich auf: Auch die Prosa ist, häufig durch das Stilmittel der Wiederholung oder Reihung, rhythmisch komponiert. Ein Übersetzer betrügt seine Frau, kommt nach einer bei seiner Geliebten verbrachten Nacht zurück in die Wohnung; nach einem kurzen Wortwechsel stürzt sich die Frau mit den beiden Töchtern, die eine ist sechs Jahre alt, die andere noch ein Baby, aus dem Fenster: "Schließlich stand er doch auf, ging ins Schlafzimmer zum Fenster, dessen vom Wind gepeitschte Flügel gegen die Wand stießen, hörte Vögel, die Autos imitierten, brrr, brrr, brrr schrien, sah ein zerwühltes Bett, achtlos hingeworfene Kleidungsstücke, eine leere Wiege, Babyspielsachen, aber kein Baby, Halsketten, Lippenstifte, aber keine Marie, keine Marie und keine Kinder. Er ging zum Fenster, blickte vorbei am Baugerüst, vorbei an Eisenstangen, Brettern voll mit Mörtel, hinunter in den Hof, nur kurz, erkannte das Erwartete, das idiotische Ergebnis einer blödsinnigen Eifersucht, das Ende aller Argumentation, das dümmste Ende überhaupt - den Tod."
Nein, dieses Stück wurde gar nicht gelesen, sondern das folgende (die Begegnung mit Dunja, der Geliebten): "Sie hatten gewusst, dass sie etwas voneinander wollten, eine Handelsbeziehung mit Gefühlen, einen Warenaustausch mit Körperschaften und Körpersäften. Sie hatten Spaß, sagten sich, dass nichts passieren würde, nichts passieren dürfe, dass sie die Geschäftseröffnung hinauszögern müssten, was zur Folge hatte, dass es gleich passierte, er schon in der ersten Nacht mit ihrem olivfarbenen Körper handelseinig wurde, ihr Fleisch mit den durchschimmernden Adern, das aussah wie aus einem Anatomielehrbuch, zu fassen kriegte, während sie ihn küsste wie ein Prokurist die fertige Bilanz."
Nach Auskunft des Autors sei der Rest der "Liebesgeschichte" völlig unanständig, deswegen ... beende er seine Lesung des Romans nach einem weiteren Part (aber wir geben doch ein kleines Beispiel: "Ein andermal hatte ihre Muschi gebrannt, hatte sie Sitzbäder genommen, die aber nicht halfen, weil sie beim Herumspielen den Borstenteil ihrer elektrischen Zahnbürste verloren hatte, so dass er herausoperiert werden musste.") und trage lieber noch etwas aus einem älteren Buch, dem "Fest der Steine", vor. Zum Schluss hört das amüsierte Publikum eine "Gießener Szene": Ein Betrunkener telefoniert in einem Zugabteil lautstark, ab und zu von einer mitreisenden Dame ermahnt, doch die Füße von der Sitzbank zu nehmen (Franzobel hat das Ganze gleichsam mitstenographiert, als er am Tag zuvor von Frankfurt nach Marburg fuhr).
Die Stunde vergeht eigentlich relativ schnell im Café Vetter: Zwischendrin meinte der Rezensent einmal, eine seltsame Atmosphäre wahrzunehmen - da vorne sitzt einer und liest, beinahe wie ein Barmusiker, drumherum ist die Kaffeehauswelt, die den Vortragenden manchmal, aber nicht immer zur Kenntnis nimmt, sondern mit sich selber beschäftigt ist. Dieser Eindruck mag auch daraus resultieren, dass Franzobel leichte Kost bietet, diese allerdings durchaus gekonnt serviert. Die Absurditäten des Alltags erscheinen in satirischer Form, ironisch, aber nicht zu sehr, Steigerungen der Stimmlage bleiben doch von einer grundsätzlichen Ruhe umfangen, eine gewisse Selbstdistanz verlässt den Schriftsteller in keinem Augenblick. Das muss heute so sein und wirkt doch, weil es nicht überpointiert wird, durchaus sympathisch.
Eigentlich jedoch ist das, was Franzobel in seinen Büchern, auch dem letzten, bietet und beschreibt, eine grausame und gefühllose Welt, in der ein sich selbst kaum erkennendes Bedürfnis nach, ja, nach Liebe gleichsam herumgeistert und natürlich keinen Ort mehr findet, wo es verweilen könnte. Die Beziehung zwischen diesem Bedürfnis und seinem Gegenteil, einer allumfassenden Sinnlosigkeit, stiftet eben, was man den Witz dieser Prosa nennen darf. Was sie erfasst, gerät in eine Maschine, die alles scheinbar noch so Unterschiedliche ähnlich macht - deswegen das Stilprinzip der Reihung - ; so etwas wie eine nonchalante Unerschrockenheit legt sich über alle Dinge und Ereignisse und schreckt in keiner Weise vor der Formulierung von Abstrusitäten (siehe das obige Beispiel der elektrischen Zahnbürste) zurück: Im Gegenteil resultiert aus ihr die Stiftung einer Freiheit im Grotesken. Das Gesetz, wenn man so sagen kann, der Prosa Franzobels ist die Behauptung von Autonomie. Sie lässt sich längst nicht mehr direkt erlangen, ebenso wenig wie Liebe und Gegenliebe, sondern ergibt sich en passant als etwas scheinbar gar nicht Intendiertes, die Selbstbehauptung eines erzählerischen Ichs in einem durch und durch von auflösend Karikatureskem geprägten Sprachmilieu.
Max Lorenzen