Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Wörterbuch der philosophischen Metaphern, hg. von Ralf Konersmann, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, 571 Seiten, ISBN 978-3-534-18820-8, 69,90 € (Verlagsausgabe 99,90 €)

Die Philosophie der Neuzeit lässt sich durch eine Verpflichtung des Diskurses auf einen radikalen Kritizismus charakterisieren. Danach gilt es, den unsicheren Grund, dem das Denken entsteigt, wo nötig mit geschlossenen Augen auf ein paar erste Grundsätze zu verpflichten, die ihm jene Solidität verleihen, mit der sich etwas machen lässt. Die Annäherung der Philosophie an die exakten Wissenschaften, die Bereinigung ihrer ebenso herrschaftlichen wie tastenden Sprache zum Kalkül sowie die zunehmende Gleichgültigkeit, mit der sie sich zu dem Problem der Übersetzung verhält, die an den alles bloß ‚Informative’ durchtränkenden Sprachbildern verzweifelt, verdecken die grundlegende Wahrheit, dass das Denken dem Schmerz der Ungewissheit entspringt.

Die ersten Übersetzungen dieses Leids, das durch das ‚bekannte’ Denken hindurch in die offenen Zellen der zeitlichen Existenz reicht, schlägt sich, so Nietzsche in seinem berühmten Fragment Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, in der Metapher nieder, jenem durch und durch vermittlungslosen Sprung von einem „Nervenreiz“ in ein „Bild“ und von dort in einen „Laut“. Anders als die auf eine Ökonomie des Denkens verpflichteten Grundsätze der wissenschaftlichen Vernunft, bewahrt dieser metaphorische Sprung die Kluft, die zwischen den Sphären besteht, in sich auf und trägt so der ungesicherten, vieldeutigen Existenz unserer Bilder, Zeichen und Begriffe Rechnung. Diese bilden in ihrem übergängigen Schillern zwischen Durchsichtigmachung und Opazität Figuren des Wissens, die nicht „logisch“, sondern „anthropo-logisch“ verfasst sind und die von hierher zu sprechen beginnen. „Das Dasein im Provisorium motiviert den Griff zur Metapher – und umgekehrt: Die Metapher gewährt Aufschluß über das Dasein im Provisorium“ (S. 12).

Der ebenso einfache wie anspruchsvolle Zweck des von Ralf Konersmann herausgegebenen Wörterbuchs der philosophischen Metaphern besteht darin, diesen figurativen Boden des philosophischen und – sofern es sich um abgesunkene Philosophie handelt – auch des alltäglichen Denkens zu erschließen. Leitend ist dabei weniger die mögliche stoffliche Fülle, als vielmehr das Bemühen, „Titelmetaphern“ aufzufinden, das heißt Metaphern, die „einen kohärenten Vorstellungszusammenhang“ (S. 15) beschreiben, der einerseits im Titelwort gebündelt ist, dessen konkrete Gestalt andererseits durch die Geschichte hindurch variiert. Sie greifen nicht nur auf sach- und kulturgeschichtliche Bezüge aus, sondern eröffnen eine Art imaginativen Raum, innerhalb dessen sich die Welt als in bestimmter Hinsicht sagbar erweist, der aber zugleich den Horizont dieser Sagbarkeit begrenzt, indem er das festzurrt, was Konersmann „Redekonsequenzen“ nennt. „Metaphern sind keine Landkarten, sondern legen die Richtlinien fest, wie Punkt, Linie und Fläche auf der Karte des Wissens zu verzeichnen sind“ (S. 16).

Anders als die postmoderne Auffassung eines unendlichen Spiegelspiels der Bezüge meint, ist daher der Umfang dieser Titelmetaphern nicht beliebig zu erweitern. Als kulturelle Tatsachen müssen sie die Bedingung der „ikonischen Konstanz“ (Blumenberg) erfüllen, und das können sie nur, wenn sie wiedererkennbar bleiben. Was wäre das abendländische Denken etwa ohne die Metaphorik des „Lichts“, die alle Epochen der Bewussteinsgeschichte, von der Schöpfungsgeschichte über Platons Höhlengleichnis bis hin zur Aufklärung durchzieht? Was wäre es ohne die Symbolik des „Gebärens“, des „Spiegels“ oder des „Weges“? Konersmann beschränkt sich in seinem Wörterbuch auf 40 Titelmetaphern, wohl wissend, dass diese Zahl einen Rest von Kontingenz in sich aufbewahrt. Die 40 Lemmata, von denen jedes etwa die Länge eines ordentlichen Aufsatzes mitsamt Literaturhinweisen hat, umfassen neben den bereits genannten die Bildfelder „Band, Kette“, „Berg“, „Blitz“, „Erde, Grund“, „Fließen“, „Grenze“, „Hören“, „Körper, Organismus“, „Kreuz“, „Leben“, „Lesen“, „Maschine“, „Meer“, „Netz“, „Pflanze“, „Raum“; „Reinheit“, „Reisen“, „Schlafen, Träumen“, „Schleier“, „Schmecken“, „Schweben“, „Sehen“, „Sprechen“, „Spur“, „Stehen“, „Streiten“, „Theater“, „Tiefe“ „Übergang“, „Übersicht“, „Weben, Spinnen“, „Weg“, „Wohnen“. Um ihre innere Beweglichkeit und Komplexität präsent zu halten, sind sie wo immer möglich verbalisiert: „Bauen“ statt „Gebäude“, „Richten“ statt „Gericht“, „Bilden“ statt „Bild“. Dabei gehen die Autorinnen und Autoren kein bestimmtes methodisches Schema ab, sondern legen durch ihre eigene Kontextoffenheit und Deutungslust gezeichnete „fragmentarische Monographien“ (S. 19) vor, die Einblick in ebensoviele metaphorologische Annäherungen und Selbstverständigungen gewähren. Ein rund 1000 zusätzliche Metaphern umfassendes Verzeichnis am Schluss des Bandes (von „Abbild“ bis zu „Zylinder“) bahnt den Weg in die „systematische“, Schneisen schlagende Funktion der Titelmetaphern.

Trotzdem das Projekt eines Wörterbuchs der philosophischen Metaphern kein unmittelbares Vorbild hat – ein ähnliches Projekt stellt vielleicht das von Barbara Cassin 2004 edierte Projekt eines Vocabulaire européen des philosophies. Dictionnaire des intraduisibles dar – kann es mittelbar auf eine Vorgeschichte zurückgreifen, die sich aus der spezifischen Aufmerksamkeit gegenüber der Sprache seit dem 18. Jahrhundert ergibt. Wie im Vorwort des Herausgebers dargelegt, verfolgte bereits Vico die Umrisse eines vocabolario mentale, das jene „phantastischen Allgemeinbegriffe“ und „Bilder“ versammeln sollte, die den Idiomen aller Zeiten zugrunde liegen (S. 7). Die Sprache erscheint hier nicht mehr nur als äußerliches Instrument zur Bezeichnung der Dinge, sondern tritt in ihrem, wie Humboldt es später nennt, „welterschließenden“ Charakter hervor. In der Metapher macht sich ein Wahrheitsanspruch geltend, der die Logizität des Begriffs unterläuft, weil sie eine Orientierungsleistung erbringt, für die der Begriff immer schon zu spät kommt. Vico sprach aufgrund der in der Metapher versammelten Dichte an eidetischen, etymologischen, semantischen und epistemologischen Verweisungen von ihr als einem „kleinen Mythos“. Die Metapher zeigt sich als eine komprimierte Erzählung, eine „Figur des Wissens“ (S. 8). Einen weiteren Vorstoß unternahm der schweizer Theologe und Ästhetiker Johann Georg Sulzer, indem er die in die Sprache eingesenkten Bilder zum ausdrücklichen Gegenstand des philosophischen Interesses erhob. Sprechen sie doch von nichts anderem als der Philosophie selbst, ihrer inhärenten Sprachnot und dem Sprung, mit dem sie in eine originäre Sprachform übersetzt, deren Geschichte sich zu einer „nachträglich entzifferbaren Geschichte der Vernunft“ (S. 9) verdichtet. Wenn Vico derjenige war, der die Metapher als treue Begleiterin des „bedürftigen“ Menschen profiliert hat, so ist Sulzer das Verdienst zuzuschreiben, die „Metapherngeschichte als Quellenkorpus einer historischen Anthropologie“ (S. 9) begründet zu haben.

Das bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienene Wörterbuch schreibt sich in diese „generative Lexikographie“ (S. 17) auf höchstem Niveau ein. Nicht nur der Inhalt, in dessen verzweigte Kohärenz man sich mit Lust verliert, auch der großformatige, gebundene Band selbst hat etwas von der Gediegenheit der rar gewordenen Bücher, die reifen durften und doch nie zu spät kommen. Kleinere Mängel, wie die etwas künstlich nach dem jeweiligen Erscheinungsjahr geordneten Literaturhinweise oder eine etwas einseitige Konzentration mancher Beiträge (warum beschränkt sich das Bildfeld des „Raumes“ etwa fast ausschließlich auf den „politischen Raum“?) fallen hier nicht ins Gewicht. Die Lemmata sind ausnahmslos gut – bisweilen brillant – und verständlich geschrieben, das Vorwort Konersmanns, in dem eine Art Selbstverständigung des Projekts hinsichtlich des Metaphernbegriffes, ihres Leistungspotentials sowie der Konzeption eines solchen Wörterbuchs vorgenommen wird, verdient aufgrund seiner sprachlichen Eleganz, Vielschichtigkeit und Tiefe höchsten Respekt. Vor allem aber kann der beharrliche Nachdruck, mit dem in einer Zeit umfassender Naturalisierungs- und das heißt: Kalkulisierungbemühungen erneut auf das Geschehen der Sprache als Genealogie des Wissens hingewiesen wird, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn: „Gemeinsam reagieren Metaphern auf Fragen, die wir haben, aber ohne letzte Gewißheit beantworten müssen; sie verkürzen Erkenntnisprozesse, deren Ausgang wir nicht abwarten können; und sie ersetzen Evidenzen, über die wir nicht und vielleicht auch niemals verfügen“ (S. 12).

Cathrin Nielsen

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