Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Michael Rumpf: Querlinien

Aphorismen

Eine Auswahl

 

Je gleichberechtigter die Lebensläufe, desto tyrannischer die Angst, das Wesentliche zu verpassen, das Leben ...

Geborgenheit schließt Bedeutung ein. Wo man (jemandem) etwas bedeutet, fühlt man sich geborgen.

Profit schafft Profil. Wer reich wird, ist er selbst geworden.

Mit den Adern tritt im Alter der Charakter hervor. Da die Möglichkeiten verblassen, gewinnt die Wirklichkeit an Farbe.

Der Wind des Leids verscheucht die Insekten der Launen.

Denken glückt, wenn die Gedanken auf dem Wellenkamm in einander stürzender Augenblicke reiten.

Hat man den Weg zur Wahrheit verloren, sucht man sein Ich. Der Kompass zeigt immer auf den, der ihn hält.

Dialektik: Verweigerung des Fragments. Jedem Bruchstück wird seine Paßstelle gezeigt.

Der Glaube der Väter wird folgsamer weitergegeben, wenn sie sonst wenig hinterlassen.

Geld ist das demokratische Ideal, denn es macht alles vergleichbar und zugänglich; Demokratien müssen Geldgesellschaften sein, die Alternativen wären elitär.

Nachleben: Wie tot Gegenstände wirken, wenn gestorben ist, wen sie umgaben.

Das Leid rettet die Sprache vor der Kommunikation.

Wenig wäre zu sagen, wenn wir nicht verachten würden.

Begierden aufzustacheln wurde gesellschaftsfähig. Jeder, der seinen Trieben misstraut, stellt Arbeitsplätze in Frage.

Jagt die Welt keine Furcht mehr ein, fehlt es an Respekt. Wir trampeln auf ihr herum wie Kinder auf einem Spielzeug, das seine Geheimnisse verloren hat.

Schönheit und Intelligenz vermitteln Sinn: Insofern stärken der Umgang mit ihr und die Deutung von Kunst das Vertrauen in die Welt.

Was wir kritisieren, verliert an Lebenskraft. Wir fördern Schwächen, indem wir sie benennen.

Nur wer einem Gedanken die Treue hält, wird ihn ganz kennen lernen, mit seinen Schwächen und Stärken, mit seinen Verwandten und Feinden. Einen Gedanken durchdenken: mit ihm durch Ich und Du gehen.

Jeder Maßstab ist hohl, muss es sein - ein Röhrchen, mit dem man, in der Fülle des Anflutenden versinkend, Luft zum Überleben ansaugt. Darauf verzichtet, wessen Ich im Kosmos aufgeht. - Das Teil hat keinen Maßstab für das Ganze.

Wenig verändert die Sprache tiefgreifender als die Erfahrung, dass ihre Sätze in Konkurrenz zueinander geraten.

Zwei Arten von Vollkommenheit: Die eine lässt keine, die andere jegliche Kritik zu.

Zugehörigkeit und gemeinsame Arbeit dämpfen die Gier, bedeutend zu sein. Sie gedeiht in der Angst, unbeachtet zu bleiben. In Sainte Beuves Elfenbeinturm, in Einsamkeit und Stille zieht sich der Künstler zurück - um den Ehrgeiz zu steigern.

In der Treue begegnet man dem eigenen Entschluss.

Das Gute behält seine Faszination in der Niederlage und verliert sie im Sieg. Beim Bösen verhält es sich umgekehrt.

Selbstbildnis mit Sturmflut: Jeder ein Noah, um dessen willen die Welt gerechtfertigt ist und erhalten bleiben darf.

Konventionen sind die Schwundstufe des Rituals. Dass Wahrheit auf Konvention beruhe, in dieser Floskel verkümmert, dass sie kein Ritual mehr sein darf.

Jedem Gefühl wohnt ein Gedanke inne - als Faustpfand.

Ganz wir selbst sind wir im Schmerz. Er erzwingt die Synthese, die Einheit der Person.

Die Erfahrung der Gnade widerruft die Vorstellung von Autonomie. Wie das Glück wird der Sinn geschenkt, nicht gemacht.

Wie der Blick die Linien zu Gestalten ergänzt, schließt Verzückung den Wirrwarr der Erfahrungen im Lichte des Sinns zusammen.

Je stärker sie von unseren Wünschen abweicht, desto identischer ist die Wirklichkeit mit sich.

Man beobachte Satiriker, Komödianten, Hanswurste: Ohne die Dummheit gäbe es wenig zu lachen. Eine Welt voller Klugheit wäre unlebbar wie eine vernünftige.

Toleranz fordert, die Einheit von Denken und Handeln aufzuheben.

Dass Autoren für das Gute eintreten, kehrt ihre Erfahrung um, vom Bösen zu leben.

In einer Gesellschaft, die den Kampf ums Überleben abgeschafft hat, gedeiht das Gefühl der Unwirklichkeit. Wer bangt, ob er den nächsten Tag erlebt, kennt Identitätszweifel so wenig wie ein Intellektueller Schwielen.

Ist Gott vorstellbar ohne Machtanspruch? "Ja, der liebende Gott", lautet die selbstgewisse Antwort. Meiner Liebe entkommt keiner, ich erlöse alle, Frevler wie Fromme. Und dies Allumfassende wäre kein Machtanspruch?

Ein Kind, das seine Eltern überflügeln soll, entfremdet sich ihnen tiefer als ein Kind, das sie fortsetzen darf.

Die Grundsätze "Alles ist erlaubt" und "Alles ist möglich" lieben sich. Aus ihrer Verbindung geht ein Kind namens "Alles ist käuflich" hervor.

Die Suche nach dem Authentischen führt zur Heteronomie: Echt ist, wofür wir nichts können.

Jeder Sinn birgt ein Verbot. Wer einen Sinn setzt, stellt ein Verbot auf. "Mein Leben hat Sinn" heißt: "Es ist verboten, es zu vergeuden."

Wie der Glaube bleibt die Lebenslust nur in einer Gemeinschaft stabil.

Pädagogische Mode lehrt das Glück, nicht befehlen zu müssen. Die Kinder handeln selbstständig - wie ich es will. Daneben stehen, um darüber zu stehen, Anregung statt Anweisung. Das Ideal reibungslosen Funktionierens - Autorität als Reibungsverlust.

Wo das Gefühl die Notwendigkeit des Denkens erreicht, ist es ihm überlegen.

Die Aufforderung "Genieße dein Leben" verschweigt ihre heimliche Fortsetzung "und belästige uns nicht".

Aus der Öffentlichkeit bezieht Kunst ihre Kraft wie Antäus aus der Erde.

Viele Leben in einem - Ideal einer Gesellschaft, die für keines eine Rechtfertigung hat. Das Dasein verliert an Kontur und gewinnt an Vielfalt. Doch nicht das Bewusstsein des Zufalls schmerzt, sondern das Gefühl der Konventionalität.

Die Welt verbessern, diese Absicht liefert dem Trieb, sich in sie zu ergießen, die Form.

So wenig ein Aromastoff den Geschmack der Erdbeere trifft, ähnelt die Befriedigung, die eine selbst gewählte Handlung gewährt, dem Glück, das eine notwendige schenkt.

Wo nichts zeitlos ist, ist nichts notwendig, unabänderlich. Folglich gibt es keine Dauer: Die dynamische Welt vermag nichts Heiliges anzuerkennen.

Sinn keltert man aus Wiederholungen. Je einzigartiger wir unsere Tage gestalten, desto zusammenhangloser werden wir sie erleben.

Tabulosigkeit gibt sich als Tochter der Toleranz aus.

In Zeiten, da das Individuum Teil einer Gruppe war, fühlte es sich nicht als Rädchen einer Maschine. Es lebte, weil es überdauern würde; heute funktioniert es. Wo man nicht dazugehört, bleibt der Gehorsam.

Im Schreiben steckt das Bewusstsein, dem Nichtschreiben voraus zu sein. Jeder Buchstabe entfernt von den Nursprechenden wie vom linken Rand.

Wenn man Jugendliche ermuntert, "Vergnügt euch!", klingt das oft wie: "Eure Fähigkeiten werden nicht gebraucht."

Nur wer anderes oder andere ernster nimmt als sich, kann seine Persönlichkeit entwickeln.

Nichts entleert das Leben effektiver als der Versuch, seine Intensität zu steigern.

In sich hineinhorchend, hört man die Stimmen der anderen.

Der Zweck heiligt nicht die Mittel, doch der Sieg rechtfertigt das Opfer, wie Ideen beglaubigen, deren Stunde schlug: Das Loblied der Emanzipation übertönt das Leid, das ihre Herrschaft auch bedeutet.

Der Vorurteilslose ist überlegen - wie der Gefühllose.

In einer erklärlichen Welt hat niemand auf mich gewartet.

Menschenrechte formulieren die Ansprüche einer reichen Gesellschaft. Sie von armen Nationen einzufordern, verlangt von ihnen, wohlhabend zu werden.

Um zur innigen Kenntnis des Unglücks zu gelangen, bedarf es der flüchtigen Bekanntschaft mit dem Glück.

Jede Begründung ist Unterordnung. Wer argumentiert, fordert Hierarchien.

Wenn Kritik ins Einvernehmen dämmert, erhebt die Klugheit ihr Glas auf die Weisheit.

Das Böse um des Bösen willen tun, verblüfft ebenso wie das Böse und des Guten willen tun. Ein Grund findet sich. Falls nicht - wir halten Grundlosigkeit leichter aus, als wir wahrhaben wollen.

Begabte verleugnen sich im Umgang mit Dummen wie Reiche im Umgang mit Armen.

Erfolg der Differenzierung: An der Gesellschaft zu verzweifeln vereinbart sich mit der innigen Hoffnung auf den Menschen.

Enttäuschungen beerdigen die Hoffnung, Katastrophen bestatten die Utopie. Erfolgreicher als Argumente widerlegen Desaster, die hehren, die herrischen Gedanken. Das Erdbeben von Lissabon brachte auch Luftschlösser zum Einsturz.

"Ich mache mir ein schönes Leben" - lautet das Geständnis, keines zu haben.

Wir stehen zu spät auf. Sähen wir die Sonne so oft emporsteigend wie untergehen, gäbe es mehr Hoffnung.

Wer heute schreibt, malt, filmt oder sonst die Fülle der Hervorbringungen des Geistes vermehrt, arbeitet an der Gleichgültigkeit und Vergänglichkeit eben dieser Hervorbringungen.

Der Glaube an die Objektivität von Leistungsmaßstäben nimmt zu, je höher man in der sozialen Hierarchie steht.

Kulturerlebnisse steigern das Bedürfnis zu kaufen - die Passivität erfordert Aktivität. Nach der Bewunderung für das Können anderer will man tun, was man selbst am besten kann.

Das Zwecklose weckt Verzweiflung, das Zweckfreie - Freude.

Fügen sich die Worte, hat der Autor das Gefühl, das Leben gehorche ihm.

Über den Verlust seiner Notwendigkeit tröstet sich das Leben mit dem Bewusstsein seiner Vielfalt.

In den Fluten der Arbeitslosigkeit gingen Hoffnungen unter, als wären sie Illusionen. Von der Utopie unentfremdeter, selbst bestimmter Arbeit tauchten nicht einmal mehr Luftblasen auf.

Die Suche nach dem richtigen Leben kennzeichnet eine Gesellschaft, die hohen Wohlstand mit geringem Wertekonsens verbindet. Dass der Weg das Ziel sei, überzeugt, wenn man im Reichtum angekommen ist.

Dass ich das Beste aus mir machen soll, widerspricht dem Rat, ich solle ganz ich selbst sein.

Wer über Nacht im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit steht, wird oft gefragt, ob der Erfolg ihn verändere. Die Antwort steht fest wie die Frage. Und niemand hört lieber, dass alle auf dem Boden bleiben, als jene, die nie erhoben werden.

Selten lässt sich das Gefühl der Notwendigkeit eindringlicher studieren als beim Anblick des Verfalls.

Der Vorwurf, jemand könne seine Meinung nicht begründen, verkennt, dass sie nicht auf Gründen beruht, sondern auf Bedürfnissen. Und dass sie die wahren Argumente sind.

Beim Bildersturm stehen Künstler in der ersten Reihe. Diskussionen über die Abschaffung des Museums finden im Museum statt, kleiner Vortragssaal rechts.

"Ich gehe meinen Weg" - die Formel verschweigt das Ziel: zum Erfolg. Verfehlt man es, bewundert keiner, dass jemand seinen Weg gegangen ist.

Inspiration lehrt Ehrfurcht: Lieber überwältigt werden als frei wählen.

Nur wer an sich glaubt, kritisiert die Gesellschaft.

"In jedem steckt ein Verbrecher." Nicken, gewärtig der Hass und seine Fantasien. "In jedem steckt ein Heiliger." Kopf wiegen, vergessen die Liebe und ihre Opfer. - Nicht Scheu vor Eigenlob spricht, sondern die Ahnung eines grundsätzlichen Ungleichgewichts.

Das Leben ist sinnlos. Also muss es toll sein.

Wenig enzweit tiefer als der Glaube - beziehungsweise der Unglaube - an das Gute im Menschen.

Je humaner wir leben, desto grausamer trifft der Tod, der nicht länger der Sünde Sold ist. Nur als Erlösung oder als Strafe streifte ihn Sinn.

Mit der Menschenwürde erklärt sich das Schilfrohr zur Pappel.

Angst vor der Wirklichkeit steigert das Bedürfnis nach Bedeutung. Sinn ist Angstabwehr.

Das Bestreben, die Menschen von Verboten zu befreien, führte zu einer Gesellschaft der Vorschriften.

 

Entnommen aus: Michael Rumpf: Querlinien. Aphorismen. Illustriert von Gerd Hauser, Manutius Verlag Heidelberg, ISBN 3-934877-30-3.

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