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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 1
Mein Buch des Monats Februar
Der Band trägt den Untertitel „Erinnerungen“ und das gilt in zweifacher Hinsicht. Einmal bietet Peter Demetz uns in einzelnen Kapiteln eine genaue Geschichte der Ereignisse in Prag, zum anderen – eingeschoben und typographisch kenntlich gemacht – persönliche Erinnerungen an seine Familie und die eigene Jugend in der Stadt. Insofern entspricht der englische Titel des von Barbara Schaden sorgfältig und sicher auch mit Hilfe des Autors übersetzten Buches: „Prague in Danger. The Years of German Occupation, 1939 – 1945“ der vorrangigen Absicht des Verfassers besonders gut: er will das vergegenwärtigen was im überblickenden Erinnern längst unscharf und oberflächlich geworden ist. Er selbst sagt dazu im Vorwort: „Ich möchte das, was ich hier vorhabe, als den mehr oder minder unmöglichen Versuch bezeichnen, einen öffentlichen Bericht über die Prager Gesellschaften während der Okkupation und zugleich meine private Geschichte vorzulegen. Bei der Darstellung von Politik und kulturellem Leben halte ich mich an die Vorgehensweise des Historikers, ohne jedoch meine persönlichen Erlebnisse auszuklammern. Ich nehme meine Zuflucht zu einem Perspektivwechsel, auch wenn er noch so abrupt und übergangslos ist.“ (10) So kommt es zu einem aufschlussreichen Nebeneinander von „öffentlichem Bericht“ und „privater Geschichte“.

Demetz beginnt mit dem „Einmarsch“ vom 15.3.1939 und seiner unglückseligen ‚appeasement’-Vorgeschichte und betont dabei besonders die Rolle von Präsident Hácha, dem ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Seine erste eigene Erinnerung ist mit „Das Dritte Reich, plötzlich“ überschrieben, sie spielt in Brünn und Prag und gewährt einen Einblick in seine Familienverhältnisse: „In den Jahren der Entweder-oder-Vereinfachungen oder –Forderungen hätte ich es kaum fertig gebracht, meine besondere ethnische Zugehörigkeit zu erklären (sofern ich überhaupt eine hatte). Die jüdische Familie meiner Mutter stammte ursprünglich aus der kleinen Stadt Podebrady (wie Kafkas Mutter), war aber um 1900 nach Prag gezogen, wo das Leben sicherer war… Die Vorfahren meines Vaters waren aus dem Südtiroler Grödnertal … fortgezogen, weil sie nichts zu essen hatten. Sie waren keine Südtiroler im eigentlichen Sinn, sondern Ladiner, eine Minderheit mit eigener Sprache, die ohne Vorahnung historischer Konsequenzen Deutsch zu reden begannen, als sie erst ins oberösterreichische Linz und später, 1885, nach Prag auswanderten.“ (47/48)
Vor allem traf der Einmarsch mit besonderer Härte die vielen, vielen Flüchtlinge aus Deutschland (seit 1933) und Österreich (seit 1938), die in der Tschechoslowakei Schutz gesucht und gefunden hatten und nun versuchen mussten, legal oder illegal das Land zu verlassen – zugleich wurden die deutschen liberalen Institutionen in Prag zerschlagen: Demetz zeichnet das in Einzelheiten nach, zumal was Presse und Theater angeht. Aber auch die Universität war betroffen.
Für ihn selbst wurde das Akademische Gymnasium die „neue Schule“ (74-76) und dazu gehörten auch Kino und Corso in der Hauptstadt, wo er mit den Jugendlichen sowohl deutscher als auch tschechischer Herkunft zusammentraf: „Mit seinen unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen war Prag immer eine doppelte oder dreifache Stadt gewesen, insgeheim jedenfalls, denn Tschechen und Deutsche – oder Juden – zogen dieses oder jenes Kaffeehaus vor, lebten in diesem oder jenem Viertel … Die Okkupation verhärtete die Trennlinien zu fatalen Grenzen, und als im Frühsommer 1939 die ersten judenfeindlichen Stadtverordnungen veröffentlicht wurden, verwandelte sich die moderne Stadt, die gestern noch ein lebendiger, für alle offener Raum gewesen war, wieder in einen ungeordneten, geradezu mittelalterlichen Flickenteppich mit strengen Trennungen und brutaler Ausgrenzung.“ (80)
Der folgende historische Abriss beschäftigt sich mit dem Reichsprotektor von Neurath, den Jahren 1939 bis 1941. Eingeschoben sind hier die persönlichen Darstellungen „Die Geschichte einer jüdischen Familie“ und die „Gedanken über meine Mutter“ sowie „Die Familie meines Vaters“ und die „Gedanken über meinen Vater“ (ergänzt durch alte Photos von großer Aussagekraft), die über den privaten Bereich hinaus einen anrührenden Einblick gewähren in die Situation der betroffenen Minderheiten.
Seine eigene Position verdeutlicht Demetz in dem Abschnitt: „Ein politischer Test“. „Mein erster politischer Test erfolgte Ende 1939 oder Anfang 1940, und ich muss gestehen, dass ich jämmerlich versagte, jedenfalls im Vergleich mit den späteren Geschichten meiner tschechischen Freunde, die anscheinend während der gesamten Protektoratsjahre mit einem gut geölten Maschinengewehr unter dem Bett schliefen, jederzeit bereit zum entscheidenden Kampf. Vielleicht gab es ein paar mildernde Umstände, die ich geltend machen kann, aber handeln Helden nicht ungeachtet aller äußeren Gegebenheiten, zu denen auch komplizierte Familienangelegenheiten zählen?“ (162) Er lässt jedenfalls den Browning, den er für eine seiner ladinischen Tanten ‚entsorgen’ soll, von der Karlsbrücke in die Moldau fallen, statt ihn einer der kommunistischen Zellen zur Verfügung zu stellen, die er kannte.
Es kommt zu „Terror und Widerstand“ mit der Zentralfigur „Reinhard Heydrich in Prag“, dessen Laufbahn Demetz im Einzelnen nachzeichnet bis zu dem verhängnisvollen und folgenreichen Attentat von 1942.
Der Autor berichtet vom Schicksal vieler junger Künstler, die in diesen Jahren trotz der Unterdrückung das geistige Leben in Prag bestimmten und denen so ein Denkmal gesetzt wird wie Jiri Osten, Milena Jesenská und Hans W. Kolben: „Hans war siebzehn, als die deutschen Soldaten einmarschierten, und er war zwanzig, als er als KZ-Häftling in einem Steinbruch an Typhus starb…“ (221) Einige Gedichte des Freundes konnte Demetz bewahren: „Als ich Kolbens Gedichte auf meiner alten Schreibmaschine abtippte, war er längst dem Tod nahe. Einige seiner Gedichte erschienen später im ‚Wiener Plan’ (194), in dem Otto Basil auch die ersten Gedichte von Paul Celan publizierte. Ich würde mir wünschen, dass seine letzte Strophe nicht ungehört bliebe –
Doch wenn ich einst mit Menschen klingen werde,
Das sei wie Tanz aus alten Gartenschänken
Und Sommerfernen, bebendes Verschränken,
Gedämpftes Lied aus Bergen, Meer und Erde.“ (224)
In den Jahren 1941 und 1942 war es für Mutter und Sohn noch möglich, zusammen in der Stadt zu spazieren, obwohl sie den gelben Stern tragen musste: „sie fand aber einen Weg, den Erlass wenigstens gelegentlich zu umgehen und mit meiner Hilfe so zu tun, als wären wir normale Bürger wie die anderen: sie besaß eine elegante Handtasche, viereckig, schwarz und glänzend, ein bisschen Hollywoodschick à la Claudette Colbert, die sie in einem bestimmten Winkel an die Brust drückte, so dass der gelbe Stern verdeckt war, und wenn wir nebeneinander gingen, schöpfte niemand Verdacht. Wenigstens spazierten wir, als ein paar sonnige Tage kamen, gemächlich durch die Parks, genossen die frische Luft und das warme Licht…“ (232/33) Aber dann häufen sich die „Abschiede“, so der von Eva, die Demetz nie wieder sah, oder von Paul Kisch, dem Bruder des „rasenden Reporters“, der in Auschwitz umgebracht wurde.
Im historischen Teil wendet Demetz der Entwicklung im Theater-Bereich besondere Aufmerksamkeit zu: „Thalia, zweigeteilt“, so wie dem „Theater in Theresienstadt“.
Und dann, in der Nacht nach dem Heydrich-Attentat dringt eine SS-Patrouille in die Wohnung ein, in der Großmutter, Mutter und Enkel wohnen: Anfang vom Ende. „Meine Mutter geht“: Zuerst ging die Wohnung verloren, dann erhielten die Frauen nacheinander den Transportbefehl nach Theresienstadt: „Im Lauf der Jahre habe ich oft und oft versucht, mir in Erinnerung zu rufen, was sie damals sagte und was ich sagte, aber es fällt mir nicht mehr viel ein, wenn überhaupt etwas; an die dunkelbraune Farbe des kompakten kleinen Koffers erinnere ich mich, an das mit wenig Grau durchsetzte Haar meiner Mutter, an ein paar herumlaufende Kinder und ein paar Alte, die ganz allein waren.“ (280)
Damals hatte Demetz gegen den Willen der Eltern die Schule verlassen, wurde dann dienstverpflichtet und kam zum Einsatz in Berlin, wo er in einem Fabrikbüro Rechnungen zu sortieren hatte, unqualifiziert für andere Arbeit. Schließlich gelang es seinem Vater, ihn nach Prag zurückzurufen: „Mein neuer Chef, stellte sich heraus, war ein Pragerdeutscher mittleren Alters, der … jetzt selbst ein kleines Geschäft aufmachte [eine Buchhandlung], in dem ich der literarisch gebildete Assistent hinter dem Ladentisch sein sollte.“ (196) Hier, so erinnert sich Demetz: „entwickelte ich bald einen ideologisch-kulturpolitischen Röntgenblick, denn sobald die Kundschaft die Tür geöffnet hatte, wusste ich auch schon, nach Frisur, Hut, Schuhen oder Lodenoutfit urteilend, ob die erste Frage Rudolf G. Binding galt (konservative bis nationalistische Kunden) oder dem Antiquariat, und das war das Problem. Wer nach antiquarischen Büchern fragte, war nicht immer mit Adalbert Stifter zufrieden, sondern wollte womöglich auch Thomas oder Heinrich Mann oder gar Alfred Döblin, und da musste man höllisch aufpassen, das richtige Buch an den richtigen Mann oder die Frau zu bringen.“ (198/99) Denn auch kontrolliert wurde natürlich.
Der letzte Teil ist „Das Ende des Protektorats“ überschrieben, und darin wird zuerst K. H. Frank vorgestellt, Heydrichs Nachfolger als „Deutscher Minister für Böhmen und Mähren“ – er blieb bis zum Abzug aus Prag am 9. Mai 1945 (1946 wurde er verurteilt und hingerichtet).
Von sich erzählt Demetz aus dieser Phase „Das Mädchen mit dem Samthalsband“ – ein Herzstück seines Buches, die rührend wehmütige Geschichte seiner Liebe zu einer jungen Deutschen: „In einem anderen Jahrhundert oder auf einem anderen Planeten hätten wir uns (hoffte ich) von Anfang an an den Händen halten oder tief in die Augen blicken können, doch die Zeit, in der wir lebten, war gegen uns, und so war sie fast zwei Jahre lang meine Freundin, ohne je meine Freundin zu sein. Die ersten drei Wochen waren die schrecklichsten von allen, weil ich ihr nicht zu gestehen wagte, dass ich nach den Gesetzen ihres und meines Landes Halbjude sei… (301/02). Sie werden getrennt, als er ins Lager muss, sie kommt 1945 bei einem Luftangriff auf Prag ums Leben. Schöner und genauer hätte die absurd schreckliche Zeit nicht heraufbeschworen werden können als in dieser Erinnerung.
Aus Theresienstadt von Angehörigen zu erfahren war schwer – Großmutter und Mutter starben dort: „Später erfuhr ich, dass die irdischen Überreste meiner Mutter verbrannt, als Asche in einen Pappkarton verwahrt und nach einer Weile in den nahen Fluss Eger geworfen worden waren, und ich stelle mir immer vor, dass die Eger sie in die mächtige Elbe mitnahm und deren Wasser sie in die freie Weite des Atlantiks trug.“ (335)
Ende September 1944 erhält der Autor selbst den Gestapo-Befehl, sich einem Transport von Halbjuden anzuschießen, er kommt zunächst in ein Lager bei Benešow zum Flugplatzbau im Steinbruch. Aber dann ermittelt die Prager Polizei gegen ihn und er wird nach Prag in ein reguläres Gefängnis verbracht – schließlich nach Auschwitz, aber: „ich kam nicht ins Lager, sondern ins Polizeirevier der Stadt (es gab eine Stadt), wo ich wieder in eine kleine Gefängniszelle gesperrt wurde: eine merkwürdige Idylle, dem Inferno so nah.“ (339) Zurück nach Prag. Ausführlich berichtet Demetz über seine „Begegnung mit der Gestapo“ (341-347), bis er nochmals zum Transport in ein anderes Lager für Halbjuden kommt.
Das Ende: „Es ist schwer zu sagen, wann wir Halbjuden und Gelegenheitsholzfäller wirklich wieder frei waren – im Grenzgebirge kam die Veränderung fast schleichend und Tag für Tag, es gab keine Kulissen in Technicolor, keine einrollenden Panzer, keine Musik und keine befreiten Menschen, die einander um den Hals fielen…“ (353) Später erfährt er vom „Prager Aufstand“ (354-367), auch von „Revolutionärer Vergeltung.“ (372-381)
Er selbst erlebt den „Geschmack von Freiheit“, findet in Prag den Vater wieder und überlebende Verwandte: „ich verbrachte all diese Sommertage auf den Schwimmflößen in der Moldau, direkt unterhalb des Nationaltheaters, halb betäubt von der Vergangenheit und der Gegenwart, in Gedanken aber bei meinem Philosophiestudium, mit dem ich beginnen wollte, sobald die Universität ihren Betrieb wieder aufnahm.“ (386)
Peter Demetz gelingt es, den Leser auf den beiden Ebenen seiner Darstellung zum mitfühlenden Zeugen einer noch immer weiterwirkenden Vergangenheit zu machen – nach mehr als einem halben Jahrhundert hilft er zugleich, die Befindlichkeit unserer tschechischen Nachbarn und der jüdischen Mitbürger intensiver verstehend zu berücksichtigen als vor der Lektüre.
Renate Scharffenberg