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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 1
Würde man aus einer spielerischen Laune heraus eine „Bestsellerliste“ der philosophischen Werke aufstellen, so dürfte in ihrem oberen Teil auch das Werk Hans Vaihingers Die Philosophie des Als Ob zu finden sein. Nur gründlichen Kennern der neueren Philosophiegeschichte dürften der Name des Autors und der seines Hauptwerks etwas sagen. Dabei hat es seit seinem Erscheinen im Jahr 1911 bis zum Jahr 1938 zehn (!) Auflagen erlebt. Eine Auflagenzahl, von welcher selbst prominentere Autoren nur träumen könnten. Umso erstaunlicher ist, dass trotz dieser zeitweiligen Popularität das Werk wie sein Autor mittlerweile in Vergessenheit geraten sind, sodass die folgende Rezension auch in der Rubrik „Vergessene Bücher“ hätte erscheinen können. Was dürften wohl die Gründe dafür sein? Bevor auf diese Frage eingegangen wird, sei kurz der Inhalt des voluminösen Buchs zusammengefasst.

Hans Vaihinger (1852–1933) hat sich neben diesem Werk vor allem als Gründer der Kant-Gesellschaft und Herausgeber der Kant-Studien einen Namen gemacht. In systematischer Hinsicht liegt sein Beitrag in der Konzeption eines eigenen philosophischen Standpunkts, den man als Fiktionalismus bezeichnet. Gedacht als fruchtbare Synthese von Idealismus und Positivismus stellt sich der Fiktionalismus die Aufgabe, die fiktive Tätigkeit der logischen Denkfunktion bzw. den Gebrauch der sog. Fiktionen als logischer Hilfsmittel zwecks eines effizienteren Umgangs mit den Problemen, mit welchen der Mensch in der Wirklichkeit konfrontiert wird, zu beschreiben. Damit ist erwartungsgemäß eine Aufwertung der praktischen Dimension des Denkens verbunden und Vaihinger geht sogar so weit, den Zweck der logischen Denkprozesse darin zu sehen, „das Leben der Organismen zu erhalten und zu bereichern“ (S. 22) und nicht darin, die Wirklichkeit bloß abzubilden. (Der Einfluss des Darwinismus ist hier nicht zu übersehen, ebenso wie die Nähe des Fiktionalismus zum Pragmatismus.) Vaihinger bricht dabei mit der These von der Identität des Seins und des Denkens und wertet gleichsam nietzscheanisch den Schein auf. Das Denken kommt auf Umwegen zum Sein: „Die eigentliche Kunst und Aufgabe des Denkens ist, das Sein auf ganz anderen Wegen zu erreichen, als diejenigen sind, welche das Sein selbst einschlägt.“ (S. 11) Dies gelingt mit Hilfe von Fiktionen, welche Vaihinger als widerspruchsvolle psychische Gebilde bestimmt, welche zwar nicht der Wirklichkeit entsprechen, aber uns trotzdem – man muss schon sagen: paradoxerweise – die Wirklichkeit näher bringen. Vaihinger bricht dabei mit einem naiven wahrheitstheoretischen Vorverständnis: Wir kommen nämlich erst mittels falscher Annahmen der Wahrheit näher! Eine These, die der Philosophie des Als Ob eine zusätzliche Attraktivität verleiht.
Vaihinger gliedert sein Werk in drei Teile: Im ersten unternimmt er eine „Prinzipielle Grundlegung“ seiner Theorie (S. 21–327), im zweiten folgen „Spezielle Ausführungen“ (S. 328–612) und schließlich verspricht er sich vom dritten Teil „Historische Bestätigungen“ (S. 613–790) des Fiktionalismus. (Letzterer bildet jenen im Untertitel genannten Anhang über Kant und Nietzsche, die zwei wichtigsten Referenz-Autoren Vaihingers.) ? Der erste Teil weist eine komplexe (um nicht zu sagen: undurchsichtige) Struktur auf: Nach einer allgemeinen Vorbemerkung folgt eine Aufteilung der Fiktionen in 18 Kapiteln, worunter auch die Begriffe des Unendlichen, des Atoms, des Dings an sich und des Absoluten zu finden sind. In einer „logischen Theorie der wissenschaftlichen Fiktionen“, welche in Grundzügen vorgestellt wird, werden u. a. die wissenschaftlichen Fiktionen von den ästhetischen getrennt (unterschiedliche Bewertungskriterien hier und dort: Wahrheit auf der einen, Schönheit auf der anderen Seite), ferner (aus wissenschaftstheoretischer Sicht wichtig!) die Unterschiede zwischen Hypothese und Fiktion herausgestellt (der Hauptunterschied liegt in der Art der „Bewährung“: Hypothesen müssen verifiziert („bewahrheitet“), Fiktionen bloß „justifiziert“ (gerechtfertigt) werden). Erst nach der Klärung dieser Unterschiede werden die Merkmale der Fiktionen herausgestellt – Vaihinger nennt deren vier: Widerspruch mit der Wirklichkeit oder gar Selbstwiderspruch (dieser trifft auf echte Fiktionen, jener auf sog. „Semifiktionen“, weniger radikale fiktive Formen, zu), ihr provisorischer Charakter, was dazu führt, dass Fiktionen sowohl historisch als auch logisch „ausfallen“ können, wenn dies die spätere wissenschaftliche Entwicklung erfordert, das Bewusstsein der Fiktivität, welches (zumindest „normale“) Fiktionen begleitet und schließlich Zweckmäßigkeit. Der „Versuch einer allgemeinen Theorie der fiktiven Vorstellungsgebilde“, den man eigentlich am Anfang vermutet hätte, taucht in der Mitte des Grundlegungsteils auf, nebst einigen methodologischen Betrachtungen und der Herausstellung des sog. „Gesetzes der Ideenverschiebung“ (dieses betrifft verschiedene Entwicklungsstadien von Ideen, die das Stadium der Fiktion, der Hypothese, des Dogmas oder dasselbe in umgekehrter Reihenfolge durchlaufen können).
Zwei kürzere Abschnitte runden den ersten Teil ab. Zunächst werden Beiträge zur Geschichte und Theorie der Fiktion von der Antike bis zur Neuzeit geliefert – hier zeigt sich Vaihinger als profunder Kenner der Philosophiegeschichte, der sie sub specie fictionis weiterzuerzählen vermag. Zu guter Letzt werden aus der Problematik der Fiktionen erkenntnistheoretische Konsequenzen gezogen. Dabei stellt sich Vaihinger die Frage: „Wie kommt es, dass – trotzdem wir im Denken mit einer verfälschten Wirklichkeit rechnen, doch das praktische Resultat sich als richtig erweist?“ (S. 289) Seine Antwort lautet: „Gerade weil das Denken eine vom Sein verschiedene, heterogene Tätigkeit ist, müssen seine Formen andere sein, als die des Seins, um mit diesen schließlich wieder übereinstimmen zu können.“ (S. 290) Es bedient sich sog. Kunstgriffe, eben der Fiktionen, um zu seinem Ziel zu gelangen. Am Beispiel der Kategorienpaare Ding und seine Eigenschaften und Ursache und Wirkung wird der „Denkmechanismus“ der Fiktionen illustriert. Dabei zeigt sich, dass Kategorien der inneren Erfahrung entlehnte Analogien sind, d. h. der Seele vertraute Muster zur Strukturierung des Empfindungsmaterials wie das Verhältnis des Besitzers zu seinem Eigentum oder der Ablauf des Handelns liegen der Bildung der Kategorien Ding und Eigenschaft bzw. Ursache und Wirkung zu Grunde. „Unabänderliche Koexistenzen werden gedacht nach dem Bilde des Eigentums, unabänderliche Successionen nach dem des Handelns.“ (S. 326) Abgetrennt von diesem Konnex werden jene Kategorien zum „logischen Nonsens“. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Rolle, welche Vaihinger der Sprache zuschreibt. Ihr kommt eine eigentümliche „Entlastungsfunktion“ zu; sie befreit die Seele von dem Druck der Empfindungen, welchen diese ausgesetzt ist, indem stellvertretend für Kategorien abstrakte Worte gebildet werden und in Urteilen das irrtümlich Getrennte (z. B. das Ding und seine Eigenschaften, die ja eigentlich nicht getrennt voneinander bestehen) wieder zusammengeführt wird. Und wie in anderen Fällen der Anwendung der Fiktionen wird durch die „Rubrizierung“ des Seienden unter willkürliche Kategorien durch sprachliche Mittel ein praktischer Zweck erreicht: Das Handeln wird berechenbar(er).
Der zweite Teil des Vaihinger’schen Buches hinterlässt einen verwirrenden Eindruck – in 28 Paragraphen werden unterschiedliche Beispiele für Fiktionen in wissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Zusammenhängen vorgestellt. Das Sammelsurium der Fiktionen reicht von abstraktiv-fiktiven Begriffen und Methoden in den Naturwissenschaften (etwa von den Begriffen des Atoms, der Materie, der Kraft, des Naturgesetzes, des absoluten Raumes, der Fläche, Linien, Punkte, des Unendlich-Kleinen, der künstlichen Einteilung, fiktiven Isolierung o. dgl.) über diverse Gedankenexperimente (Condillacs fingierte Statue, Lotzes „hypothetisches Tier“, Helmholtz’ Fiktion eines Zyklopenauges usw.) bis zu fiktiven Denkmitteln in der praktischen Philosophie und den praxisbezogenen Wissenschaften (Kants „Reich der Zwecke“, Adam Smiths nationalökonomische Methode, Benthams staatswissenschaftliche Methode). Neben solchen Beispielen finden sich in diesem Teil des Buches sprachphilosophische Ausführungen zur Als-Ob-Betrachtung, in denen Vaihinger u. a. der Frage nachgeht, welche logische Funktion bzw. Modifikation der allgemeinen Urteilsform durch die Einfügung der Partikel ‚als ob‘ zum Ausdruck kommt. Ein eigener Paragraph gilt dann der Sonderform des „fiktiven Urteils“ (Urteil der Form A ist als B zu betrachten), in dem die Möglichkeit oder Notwendigkeit eines urteilsmäßigen Vergleichs ausgesprochen wird, mit dem Bewusstsein von der bloß subjektiven Gültigkeit des betreffenden Urteils. Schließlich wird im letzten Paragraphen noch einmal der Blick auf den unterschiedlichen Charakter der Fiktion und der Hypothese geworfen (während diese theoretisch ist, zeichnet sich jene durch ihren Gebrauch in der Praxis aus).
Waren der erste und zweite Teil des Buchs vorwiegend systematischen Charakters, abgesehen von den „Beiträgen zur Geschichte der Fiktion und ihrer Theorie“ im ersten Teil (S. 230–286) und dem Paragraphen 23 des zweiten Teils („Zur Geschichte der Infinitesimal-Fiktion“, S. 532–567), so ist der Schwerpunkt von Vaihingers Betrachtung im dritten Teil ein rein historischer – hier geht es ihm darum, anhand des Herausgreifens einiger Denker und ihrer Theorien gewissermaßen die Vorläufer seiner „Philosophie des Als Ob“ zu ermitteln. Der erste und längste Beitrag gilt – wie sollte es anders sein – Immanuel Kant und der Als-ob-Betrachtung in seinem kolossalen Werk. Vaihinger verfolgt auf fast 200 Seiten (!) die Entwicklung fiktionalistischer Gedanken bei Kant von dessen vorkritischen Schriften über seine grundlegenden Werke aus der kritischen Periode bis zu seinem opus postumum, was ein Buch für sich ergeben könnte. Der Fokus von Vaihingers Interesse konzentriert sich u. a. auf die kantische Bestimmung der Ideen als „regulativer Prinzipien“ in der Kritik der reinen Vernunft, wo Vaihingers Ansicht nach Kant klar zwischen Hypothese und Fiktion unterscheidet, ferner die Herausstellung der Freiheitsidee als einer „heuristischen Fiktion“, wobei Vaihinger in Kants Kritik der praktischen Vernunft auch dogmatische Tendenzen erkennt, etwa dort wo das „Annehmen“ der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit als Gegenstände des „Vernunftglaubens“ einen positiven Sinn hat; schließlich gilt das Interesse Vaihingers auch der fiktiven Annahme der Zweckmäßigkeit in der Kritik der Urteilskraft und Kants Rechtfertigung der religiösen Ideen als praktisch zweckmäßiger Fiktionen. Kants „kritischer Pragmatismus“ muss klar vom „Kantianismus vulgaris“ als einer oberflächlichen rationalistischen Lesart seiner Schriften getrennt werden.
Auf den restlichen 60 Seiten werden kurz drei weitere Denker vorgestellt, welche sich auf unterschiedliche Weise der Als-ob-Betrachtung verschrieben haben. Zunächst geht Vaihinger auf den weniger bekannten Philosophen Friedrich Karl Forberg ein, dessen Beitrag zur Religionsphilosophie gewürdigt wird. Als eigentlicher Auslöser des sog. Atheismus-Streites im Schatten Fichtes stehend, hat Forberg wohl als erster konsequent den notwendig fiktionalen Charakter des religiösen Glaubens herausgestellt. Er erweist sich als echter Kantianer, indem er den praktischen Glauben an Gott als Maxime des Handelns und nicht als theoretische Hypothese auffasst, wodurch er einem „Vulgär-Kantianismus“ den Weg versperrt. Einen Schritt weiter geht Friedrich Albert Lange mit seinem „Standpunkt des Ideals“. Gleichzeitig gegen den Dogmatismus wie den Materialismus (zumindest einen unkritischen) sich wendend, begreift Lange die Religion als eine Art Dichtung, der ein eigener Wahrheitscharakter zukommt, der nicht nach wissenschaftlichen Maßstäben verrechenbar ist. In Mythen erhebt sich das Bewusstsein über die bloße Wirklichkeit. Neben diesen religionsphilosophischen Gedanken findet Vaihinger bei seinem ehemaligen akademischen Lehrer Lange, der ihn ja auch beeinflusst hat (vgl. S. XIII), Beiträge zur Methodik der wissenschaftlichen Fiktion (z. B. Gedankenfiguren wie der „Maschinenmensch“, Ich als „fingiertes Wesen im Gehirn“, Fiktion der intellektuellen Anschauung, fiktiver Charakter der Teleologie ...). Schließlich wird in Grundzügen der Fiktionalismus bei Friedrich Nietzsche dargestellt, der bereits in seinen Jugendschriften anzutreffen ist und der sein Denken bis zum geistigen Zusammenbruch bestimmt hat. „Irren ist die Bedingung des Lebens“, zitiert Vaihinger den radikalen Perspektivisten Nietzsche, der das gesamte Weltgeschehen in ein Spiel der Illusionen und Fiktionen auflöst. Als Folge seines „umgekehrten Platonismus“ wird der Schein als Sinn der Wirklichkeit statuiert, der „Wille zum Schein“ löst den „Willen zur Wahrheit“ ab. Gerade der Mensch ist auf einen Glauben an Illusionen angewiesen, ohne den sich sein Leben schwer gestalten würde. Nietzsche de(kon)struiert die gesamte Begrifflichkeit der abendländischen Metaphysik auf ihren fiktiven Charakter hin (so etwa die Begriffe des Individuums, der Person, des Dings und seiner Eigenschaften, der Ursache und der Wirkung, des Atoms o. dgl.). Vaihinger ist davon überzeugt, dass trotz seiner „antichristlichen“ Tiraden Nietzsche eine positive Einschätzung des religiösen Glaubens abgegeben hätte, wenn er nicht erkrankt wäre, dass also das Spätwerk vermutlich seine radikalen Gedanken abgeschwächt und versöhnende Tendenzen eingeleitet hätte, die ihn zu einem Nachfolger Kants und F. A. Langes machen würden. Eine These, der man nicht unbedingt zustimmen muss. ?
Was bleibt von der Philosophie des Als Ob? Eine Frage, die am Ende der Rezension eines „vergessenen“ Buchs zu erwarten ist und die nicht ganz unberechtigt ist. Denn es dürfte doch einen „guten“ Grund geben, warum das Werk Vaihingers nach zunächst emphatischer Aufnahme binnen weniger Jahrzehnte aus dem Bewusstsein der Gegenwartsphilosophie fast verschwunden ist. Dass die Brutalität der Realität nach dem Todesjahr Vaihingers letztlich dem Fiktionalismus den Boden der Glaubwürdigkeit entzogen hat, mag als historischer Grund dafür angeführt werden, warum eine weitere Diskussion der Vaihinger’schen Thesen ausgeblieben ist. Aus historischer Sicht ist aber bedenkenswert, dass der Rückgriff auf Die Philosophie des Als Ob nicht in den vergangenen 20–30 Jahren erfolgt ist, obwohl doch – bedingt durch das wachsende Interesse an den Medien – im Zeitalter der „Postmoderne“, einem Zeitalter der Macht des Scheins (einer Macht, die alles andere als scheinbar ist), Phänomene der Simulation und Wirklichkeitserzeugung an der theoretischen Tagesordnung sind. Eigentlich müsste doch gerade Vaihinger als Vorläufer des „anti-realistischen“ Diskurses betrachtet werden. Aber warum ist dann die Rezeption der Philosophie des Als Ob ausgeblieben?
Das Problem der mangelnden Rezeption dürfte mit den systeminternen Schwierigkeiten des Vaihinger’schen Werks zusammenhängen. So ist eindeutig der Vollständigkeitsanspruch seiner Als-ob-Philosophie ein störender Faktor: Der Versuch, möglichst viele Arten der Fiktionen auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Denkens ausfindig zu machen und zu beschreiben, geht auf Kosten der Struktur seines Werks, das alles andere als eine übersichtliche Gliederung aufweist. Vielmehr irritieren die unzähligen Beispiele für Fiktionen, welche er vor allem im zweiten Teil vorbringt. Eine stärker unter bestimmten systematischen Gesichtspunkten erfolgte Zusammenfassung hätte eher für Klarheit gesorgt, insofern dann die gemeinsamen Merkmale bestimmter Fiktionstypen schneller ins Auge springen würden. Obwohl Vaihinger die Prätention hatte, seine Philosophie des Als Ob als System vorzustellen, lässt sich der letztlich fragmentarische Charakter seines opus magnum nicht übersehen. Immerhin war sich auch der Autor selbst dessen bewusst, wie ein Blick auf die Vorrede zur zweiten Auflage (1913) zeigt, wo unter anderem folgender Satz zu lesen ist: „Wenn ich … heute das Buch zu schreiben hätte, würde ich es natürlich ganz anders geschrieben haben.“ (S. I) Die Philosophie des Als Ob ist nämlich im Großen und Ganzen ein „Jugendwerk“, entstanden aus unzähligen Entwürfen des jungen Vaihinger, die er laut eigenem Bekunden bereits zwischen 1876 und 1878 zu Papier gebracht hat. Bedingt durch gesundheitliche Störungen unterließ Vaihinger eine gründliche Neubearbeitung des angesammelten Stoffes und ließ das Werk mit all seinen Haken und Ösen erscheinen, wiewohl ihm klar sein durfte, dass das Werk dadurch leichter zu kritisieren sein würde. Dieser eigentlich provisorische Charakter des Werks müsste als „mildernder Umstand“ bei einer Endbewertung desselben zur Geltung gebracht werden. Um Die Philosophie des Als Ob produktiv zu verwerten, müsste man sie gewissermaßen neu schreiben, eher im Hinblick auf den gegenwärtigen Stand des wissenschaftlichen und sonstigen theoretischen Wissens, was auch gewisse Referenzen Vaihingers entbehrlich machen würde. Erst in einer überarbeiteten Version (selbstverständlich auch einer geringeren Umfangs) könnte Die Philosophie des Als Ob eine solide Basis für die Untersuchung des Phänomens des Scheins in all seinen Facetten abgeben, die gegenüber gängigen (sprich: modischen) „medienphilosophischen“ Formaten sicherlich mehr Substanz zu bieten hätte. Aber es spräche auch nichts gegen eine Vereinigung von Medienphilosophie und Fiktionalismus. Im Gegenteil – ich würde sogar behaupten, dass der Fiktionalismus die gesuchte Methodologie der Medienphilosophie ist, welche man gerade unter Einbeziehung von Vaihingers Als-ob-Philosophie herausarbeiten sollte.
Am Ende sei mit Nachdruck die Idee des VDM Verlags Dr. Müller gelobt, in einer eigenen Reihe (der Edition Classic) der geistesgeschichtlich interessierten Leserschaft wieder Werke von relevanten philosophischen und wissenschaftlichen Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts zugänglich zu machen, wie dies im Falle Vaihingers geschehen ist. Auch am Rande der Philosophiegeschichte, nicht nur in ihrem Zentrum, ist Großes geleistet worden. Mit einer solchen Reihe wird nicht nur eine philosophie- bzw. wissenschaftsgeschichtliche Lücke geschlossen, sondern auch nachträglich die Arbeit jener Autoren gewürdigt, die oft in wirkungsgeschichtlicher Hinsicht (zu Unrecht!) ein Schattendasein fristen. Der Verlag und seine Mitarbeiter sollten zu weiteren verlegerischen Taten ermutigt werden. Allerdings wäre es von Vorteil für die ganze Reihe, wenn man zu den jeweiligen Neuausgaben ein Vor- oder Nachwort mit den nötigen Informationen zu den jeweiligen Autoren bzw. ihren Werken und – noch wichtiger – den Beweggründen für eine Neuedition dieser Werke samt einer Schilderung der Gründe, aus denen sich eine Wiederbeschäftigung mit den betreffenden Autoren lohnen würde, beifügen würde. Vielleicht ließe sich auf diesem Wege der eine oder andere namhafte Gegenwartsautor für die Reihe gewinnen, um selbst in das entsprechende Werk einzuleiten. Eine solche zusätzliche „Aufwertung“ würde dann auch ein wenig über die Tatsache hinwegtrösten, dass die Preise für die „verkannten“ Klassiker recht hoch sind – so kostet allein Vaihingers (allerdings auch sehr umfangreiches) Buch 89 €, obwohl es sich nur um ein Reprint handelt – , schließlich auch über die Qualität des Reprints selbst, der im Falle der Philosophie des Als Ob auch Unterstreichungen eines Lesers der benutzten Druckvorlage enthält, was jedoch nicht so störend wirkt, vielmehr dem erneut herausgegebenen Buch ein gewisses – der Ausdruck sei mir gestattet – „kultiges“ Flair gibt bzw. wiedergibt, da dieses bei solcher „Geheimtipp“-Literatur immer im Hintergrund mitschwingt.
Damir Smiljanic