Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Karl Marx und die Paradoxie des Kapitalismus

Gérard Bensussan, Marx le sortant. Une pensée en excès. Hermann: Paris 2007, 192 S., 26 €

Alle diejenigen, speziell in Deutschland, die Marx einer verbrauchten Vergangenheit zurechnen wollten, haben sich nicht nur getäuscht, sondern das Gegenteil erreicht. Nicht nur mit jeder Firmenfusion, mit jeder Privatisierung öffentlicher Güter, mit jeder Erhöhung der Prekarisierung der meisten und dem Reicherwerden der Reichen, sondern auch mit der Forderung nach Menschenrechten durch «Demokratien», die sie opfern, wann es ihnen passt, werden grundsätzliche Analysen von Marx (und Engels) bestätigt. Die heutige Globalisierung fügt den Ausführungen des «Manifests der kommunistischen Partei» über die kontinuierliche Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, «die ewige Unsicherheit und Bewegung», dem «Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz» der Produkte nichts hinzu, was nicht bereits 1848 bezeichnet worden wäre. Das dreifach Neue, was Marx damals als Gesellschaftskritik einführte, war der Gedanke von Kryptooligarchien mit demokratischer Definitionsmacht, Profitorientierung als ausschließlicher Wertgeber und die Diagnose instabiler Hyperproduktion.

So wichtig, wie diese Erinnerungen sind, so darf nicht zugleich in Vergessenheit geraten, dass Marx als Philosoph begann und mit seiner 11. These zu Feuerbach – der Notwendigkeit der Weltveränderung – die philosophische Option nicht aufgab, sondern erweiterte. Marx stellte sein gesamtes Nachdenken in den Horizont der Fortführung der Metaphysik, für den das Reich der Freiheit aller Menschen im Unterschied zu Hegel noch nicht erreicht war. Er erblickte seine Aufgabe darin, aus der Metaphysik herauszutreten, indem er sie fortsetzte oder umgekehrt darin, die Metaphysik fortzusetzen, um aus ihr herauszutreten. Diese Paradoxie gehört zu Marx hinzu, es geht nicht an, sie fortzulassen.

Das Verdienst des – vom Verfasser selbst als «essai» bezeichneten – Buches von Gérard Bensussan liegt daher zunächst darin, diese philosophisch paradoxe Beziehung von Marx zu Hegel in einer Zeit wieder zum Thema erklärt zu haben, in welcher Marx teils nicht mehr erwünscht ist, teils in der Aktualität seiner ökonomisch-politischen Analysen von jeder Tageszeitung bestätigt wird. Doch der Ertrag dieser Schrift reicht viel weiter.

Unterscheidet man zwischen einem dogmatischen Marxismus (der einen «dialektischen Materialismus» und eine politisch-diktatorische Selbstermächtigung im Namen von Proletariat und Dialektik enthält), einem kritischen Marxismus (der Sartre, die Frankfurter Schule, die Arbeiten von Domenico Losurdo und den analytisch-angelsächsischen Marxismus umfasst) und schließlich einer Marxologie (die vor allem meint Marx im Geist des Liberalismus endlich erledigt zu haben), so ist der bedeutsame Essay Bensussans als eine Erweiterung des kritischen Marxismus zu verstehen.

Bensussan setzt ein mit Überlegungen zum Begriff der Entfremdung bei Marx, ihren Voraussetzungen bei Hegel und den Versuchen Feuerbachs, über Hegel durch den anthropologischen Ursprung unserer religionsbestimmten Vorstellungen der Welt hinauszugelangen. Das Hinausgelangen sei für Marx nicht politisch im Sinn von Demokratie gemeint, denn Demokratie sei Widerspruch zwischen entfremdetem konkreten Dasein und universell-imaginär gültigen Menschenrechten. Marx solle hier nicht mit Derridas Unentscheidbarkeitsformel einer nicht-definierten Demokratie als «kommende/kommen sollende Demokratie» (démocratie à venir) verwechselt werden. Hinsichtlich der Entfremdung ging es Marx darum, die philosophische Entfremdung des Menschen von sich selbst in die Ökonomie einzuführen, was den Begriff der Marx'schen Kritik ergebe.

Das nächste großes Thema von Bensussan ist von größter philosophischer Reichweite. Hegel sah überall Widersprüche (A und nicht A) und glaubte über eine Regel ihrer Erzeugung und Auflösung zu verfügen. Im Unterschied zu Hegel hatte Kant einen Antagonismus von Kräften gedacht, dessen zweites Element nicht durch ein negatives Vorzeichen bestimmt wird, sondern in dem beide Kräfte ein Vorzeichen erhalten (vgl. das bekannte elektrische + und -). Bei Marx komme die Kantische Beziehung des Antagonismus (und mit ihr Motive von Schellings «positiver», gegen Hegels als «negative» Philosophie konzipierte Spätphilosophie) wieder zur Geltung, doch sie vermenge sich mit der logischen Kontradiktion, «amalgamiert sich zu einem verhängnisvollen Gemisch» (104), bestehend in einem «Materialismus», der jedoch ohne «Materie» bleibt und nur den Anspruch auf Verlassen des Idealismus, nicht aber dessen Berechtigung und Gelingen markiert, während der «Materialismus» sich im Marxismus dogmatisiert. Bensussan geht auf die Theorieentwicklung des dogmatischen Marxismus, markant in G. W. Plechanows bündiger Schrift «Grundprobleme des Marxismus» von 1908 bestimmt, nicht ein, sondern beschränkt sich auf eine kritische Rekonstruktion von Marx' Motiv des Heraustretens aus der Metaphysik.

Die kritischen Überlegungen des Essays münden in einen bedenkenswerten Gegensatz. Es handelt sich einerseits um Marx' entzaubernde Entdeckung von Kapitalwerdung des Geldes als Mehrwert nicht durch Zirkulation, sondern durch den Gebrauchswert erwerbbarer Arbeitskraft, die über Hegel kategorial hinausgeht, und andererseits um die intrinsische, permanente Umwälzung des Kapitalismus.

Es lauert hier folgendes, vom Autor nur unausdrücklich nahe gelegtes Paradox: Wenn der Kapitalismus (samt seiner Wissenschaften) unfähig ist, die Quelle seiner Effektivität als gerechtigkeitsunfähige Maßlosigkeit zu durchschauen (was bereits Platon und Aristoteles, wie Marx weiß, ansatzweise erkannten), so wird umgekehrt die Überschreitung des Kapitalismus, sofern er selbst Revolutionierungspermanenz ist, zum Problem, wenn nicht prekär. Dieses Paradox dürfte nach dem Ende der politischen Realsozialismen mehr und mehr hervortreten. Es gehört zu den Verdiensten von Gérard Bensussan, uns in kenntnisreich-philosophischer Weise auf dieses Paradox vorbereitet zu haben. Verabschiedet wird das Bild eines Marx des «Materialismus», den es, weil ihm die «Materie» fehlen müsste, nicht gibt. Verabschiedet wird das Bild eines Marx der «Dialektik», die alle Probleme erfassen und alle lösen lässt.

Das Buch endet mit dem wirkungsvollen Einsatz zweier Metaphern – auf den nicht unwesentlichen Einsatz von Metaphern bei Marx macht der Verfasser passend aufmerksam – deren erste von Aragon stammt: Die Selbstrevolutionierung des Kapitalismus mache unsere Träume überflüssig. Das zweite Bild ist eine negierte Metapher: «wir beerben Marx ohne Testament.»

Strahlt das Buch eine gewisse Trauer aus, die von der bezeichneten Paradoxie ausgeht, so legt das Bild des testamentlosen Erbes zugleich die Hoffnung nahe auf Chancen einer Fortsetzbarkeit des Marx'schen Projektes, die ihre Maßstäbe selbst zu finden hat und selbst finden kann.

Bernhard H.F. Taureck

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