Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 2


 

Alles Abrakadabra? Anmerkungen zu Thomas Karlaufs Biographie des Dichters Stefan George

Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Biografie, Blessing Verlag, München 2007, 816 S., ISBN 978-3-89667-151-6, 29,95 €

Hätte man am Ende der Weimarer Republik, sagen wir 1930, eine Rundfrage nach den bedeutendsten lebenden deutschsprachigen Autoren veranstaltet, unterschieden nach den klassischen Gattungen Dramatik, Epik und Lyrik, so hätte man ziemlich sicher zur Antwort bekommen Gerhart Hauptmann, Jakob Wassermann und Stefan George. (Thomas Mann war damals politisch noch zu umstritten, Rilke bereits gestorben.) Heute sind alle drei fürs große Publikum weitgehend verschollen: Hauptmann gilt als „Klassiker“, zumeist reduziert aufs naturalistische Frühwerk, das man gelegentlich für Schüleraufführungen ausgräbt; von Jakob Wassermann wird alle Jahre wieder der einzige Fall Maurizius mit heute mäßigem Publikumserfolg nachgedruckt, sein ausladener Erzählkosmos dagegen ist weitgehend vergessen. Und George? „Formstrenger Lyriker“, sicher, aber weiß man eigentlich Genaueres?

Er hatte seinerzeit immense Wirkung, viele seiner Verehrer und Jünger waren Lehrstuhlinhaber an deutschen Universitäten und bekannten sich mehr oder weniger öffentlich zu ihm, seit 1927 erschien eine beeindruckende Gesamtausgabe. Dabei hielt George selbst sich konsequent abseits des Literaturbetriebs, befand sich meist auf Reisen, veröffentlichte nicht in Zeitschriften, beantwortete keine der damals so beliebten Umfragen und verweigerte den Abdruck seiner Gedichte in Anthologien. Jetzt, wo Karlauf seine umfangreiche, quellengestützte Biographie vorlegt, stellt man verwundert fest, daß es sich um die erste ausführliche Lebensbeschreibung überhaupt handelt. Was genau erfahren wir eigentlich in diesem Buch?

Zunächst einmal fällt ins Auge, daß Karlauf sich trotz langjähriger Nähe zum Kreis der George-Anhänger um die Zeitschrift Castrum Peregrini bemüht, über den Dichter nicht in jenem verquasten Sound zu schreiben, der den Großteil der Literatur des eigentlichen Georgekreises wie seiner selbsternannten Nachfolge bis heute auszeichnet und über weite Strecken so ungenießbar macht. Denn daß jenes Georgel seiner Adepten, das auf des Dichters lebenslange Selbststilisierung zurückgeht, sich nicht mit den Erfordernissen einer sachlichen, wissenschaftlich fundierten Biographie verträgt, ist eine Einsicht, die längst noch nicht jedermann teilt. Zu mächtig wirkt nach wie vor der Bann des sprachlichen Sperrbezirks fort, den George – wie sein Biograph meint – nicht zuletzt deshalb um sich zog, weil er seine Homosexualität verheimlichen mußte, die ihn gesellschaftlich geächtet und seiner literarischen Wirkung beraubt hätte. Karlauf führt als schönes Beispiel für diese sprachliche Kodierung aus Briefen an enge Vertraute die Charakterisierung eines Jünglings als ein Süßer an, wenn er dem Dichter begehrenswert erschien, die sich zum sehr Süßen steigern konnte, wenn seiner sexuellen Werbung Erfolg beschieden war; wo sie allenfalls fiel, wurde diese Benennung freilich noch zusätzlich durch die Abkürzungen »s.« bzw. »s. s.« chiffriert, um jede mögliche Kompromittierung von vornherein auszuschließen.

Interessanter als die Deutung solch persönlicher Zeugnisse im Hinblick auf die Homosexualität ist allerdings Karlaufs Lesart der Gedichte:

„Der Stern des Bundes war der ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären. Wer dies nicht sah oder nicht sehen wollte, mußte die tausend Verse für inkommensurabel halten. Für ‚das choreographische Arrangement des Veitstanzes‘, wie Walter Benjamin. Oder schlicht für Scharlatanerie, wie Martin Buber. Der Stern des Bundes wirkte auf ihn, ‚als ob ein geheimer Orden seine Regel, die in dunklen und bedeutenden Worten gehalten ist, drucken und verkaufen ließe ... Das Geheimnis gehört nicht vor die Ohren des Marktes? Aber dann erst recht nicht das Reden vom Geheimnis! ... Man darf nicht befehlen ‚Hier schließt das Tor‘ und – den Schlüssel aus dem Schlüsselloch nehmen, damit die von draußen doch hereinschauen können.‘ Weil fortwährend abgegrenzt werde ‚zwischen Geweihten und Ungeweihten‘, kam es Buber so vor, als wäre die Abgrenzung selbst das Geheimnis. Das eigentlich Unerhörte des Sterns, seine simple Faktizität, überstieg wohl sein Vorstellungsvermögen. Georges Strategie, Öffentlichkeit als den sichersten Schutz zu wählen, ging auf. Nur wenige waren in der Lage und trauten sich, die Frage zu stellen, wozu denn der ganze Aufwand betrieben wurde und in welchem Punkt genau sich die ‚Geweihten‘ von den ‚Ungeweihten‘ unterschieden. Wer etwas wußte, schwieg. Den anderen fehlten Beweise. So konnte das ‚offene Geheimnis‘ zum entscheidenden Kriterium der Elitebildung werden“ (S. 394f.)

Nun, der ein- oder andere der Zeitgenossen verließ sich auf seinen philologischen Spürsinn und bedurfte der „Beweise“ nicht: Man mußte keineswegs bis zur Veröffentlichung von Rudolf Borchardts nachgelassener Aufzeichnung Stefan George betreffend im Jahre 1998 warten, ein Blick in Franz Bleis Autobiographie Erzählung eines Lebens von 1930 hätte bereits genügt (und Karlauf führt die Stelle an): „Deutlich war nur, daß immer, wenn von Päderastie hätte gesprochen werden sollen, Abrakadabra gesagt wurde.“

Es ist schätzenswert, wenn mit diesem – jedem Interessenten ohnehin längst offenbaren – „Geheimnis“ Georges so umstandslos aufgeräumt wird, wie Karlauf es tut. Das befreit nicht nur den Blick für das, was sich von Georges Leben nach Lage der Quellen heute erzählen läßt, sein Biograph sieht in des Dichters Homosexualität vielmehr den zweiten roten Faden, anhand dessen er, verwoben mit dem anderen, dem eigentlichen, der lyrischen Produktivität, dieses Leben nacherzählt. Und diese Entscheidung bedeutet weit mehr, als die Distanzierung des Biographen von denjenigen, die sich noch heute als unmittelbare Georgianer begreifen oder sich doch zumindest in deren legitimer Nachfolge sehen, und die eine solche Benennung von Tatsachen schon allein deshalb als Schändung seines Andenkens glauben begreifen zu müssen, weil „der Meister“ selbst sie zeitlebens vermied. Die mit ihrer Hilfe geschaffene Distanz ermöglicht Karlauf überhaupt erst die Einnahme einer Position, von der aus der Blick aufs Leben möglich wird, will man sich nicht lediglich mit einer Nacherzählung anhand von George selbst vorgegebener Kategorien begnügen. Und was sein Ansatz vermag, führt Karlauf gleich zu Beginn seines Buches mit der Deutung des langjährigen Buhlens Georges um Hofmannsthal vor: Denn das lebenslang komplizierte Verhältnis beider zueinander als sexuelle Werbung und ihre Zurückweisung zu begreifen, die der Werbende so umstandslos in eine über Jahre wiederholte Einladung zur Publikation von Hofmannsthals Werken in seiner Zeitschrift, den Blättern für die Kunst, übergehen ließ, daß der Umworbene ihr schon allein deshalb nicht hat nachkommen mögen, spricht vermutlich einfach aus, was beiden zu Lebzeiten sowohl gesellschaftlich als auch persönlich für unaussprechlich galt und demzufolge zwischen ihnen unausgesprochen blieb.

Karlauf erweist sich dabei als genauer Kenner auch entlegener biographischer Literatur, die freilich meist den Charakter von Heiligenlegenden hat: sprachlich epigonal, unkritisch bis zur Fälschung und in der Regel auch noch vom Dichter autorisiert. Die Literatur zu Georges Erdenwallen ist über weite Strecken eine Zumutung, und gelegentlich merkt man seinem Biographen an, wie sehr er auf Vermutungen angewiesen ist, für die eigentlich alles spricht, außer den Quellen. Mitunter schießt er allerdings übers Ziel hinaus: „Es waren die Siegertypen à la Scott [ein von George umworbener englischer Komponist], zu denen sich George von nun an immer häufiger hingezogen fühlte: strahlende, selbstbewußte junge Männer, die genau das verkörperten, was ihm an Leichtigkeit und Anmut fehlte“ (S. 265). Das ist Küchenpsychologie, die allererst zu erklären hätte, warum sich der Dichter dann zeitlebens mit ihm bedingungslos ergebenen, unkritischen Verehrern umgab (die zudem in der Regel auch noch ausgesprochen mittelmäßige Poeten waren) oder weshalb er junge Männer mitunter jahrelang darum betteln ließ, ihm dienen zu dürfen. Dieser Dienst bestand, nachdem was Karlauf uns mitteilt, darin, dem Dichter vorzulesen, ihn nach der Mittagsruhe zu wecken und sich von ihm zeigen zu lassen, wie man Tee aufgießt oder einen Brief frankiert.

Erheblich erhellender ist da schon der Versuch, das Phänomen Stefan George mit Hilfe eines soziologischen Terminus zu deuten, der nicht nur für das Verständnis der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts von einiger Tragweite war, sondern zusätzlich den Vorzug hat, im Hinblick auf George selbst und sein unmittelbares Umfeld geprägt worden zu sein: Max Webers Begriff der „charismatischen Herrschaft“. Der erweist sich gegenüber früheren Deutungsversuchen des Phänomens Stefan George, etwa dem der „ästhetischen Opposition“ (Gert Mattenklott 1970) oder, ihn gar überbietend, des „ästhetischen Fundamentalismus“ (Stefan Breuer 1995), die beide in erster Linie vom Ästhetischen, also vom Werk ausgehen, für eine Biographie als besonders fruchtbar, bildet er doch selbst eine Ableitung aus den Lebensumständen des Dichters und sieht im poetischen Schaffen nur den Anlaß der Etablierung einer solchen Herrschaft oder ein – wenn auch nur vorübergehend – notwendiges Instrument ihrer Beglaubigung. Darin liegt zugleich ein grundsätzliches Problem von Karlaufs Biographie: Obwohl er für die Charakterisierung Georges wie auch zur Überbrückung von Lücken in der biographischen Überlieferung immer wieder einzelne Verse oder Strophen des Dichters zitiert und darüber auch mit klugen Argumenten Rechenschaft ablegt, und obwohl er ausdrücklich davon spricht, gerade auch jene Gedichte zu zitieren, „die für mich immer zu den schönsten zählten“ (S. 775), bleibt Georges Werk, von wenigen Ausnahmen abgesehen, doch seltsam monolithisch und ungeschieden. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, auch in dieser unterschiedslosen Verehrung von Georges Lyrik, innerhalb deren offenbar allenfalls persönliche Neigungen gelten, eine Nachwirkung der Tabuisierung jeder Form von Kritik durch den Dichter und seinen Kreis zu sehen. Vielleicht ist es gar nicht Aufgabe einer Lebensbeschreibung, auch das Werk des Beschriebenen kritisch zu sichten; immerhin zieht Karlauf im Gegensatz zum Gros der bisherigen Literatur über George bei einigen Versen aus dem Siebenten Ring eindeutige Grenzen und verweist im gleichen Zug darauf, daß im autoritären Habitus genau solcher Verse ein Gutteil der Verehrung des Dichters begründet lag: „Was an solchen Zeilen heute so irritiert, wenn man sie nicht von vornherein als wahnhafte Verirrung abtut, ist die fehlende Distanz ihres Verfassers zu sich selbst. Hier spricht nicht ein lyrisches Ich in Bildern, die den Leser bezaubern wollen. Hier spricht ein autoritäres Ich, das identisch ist mit der Person Stefan George. ‚Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel‘ – wer solche Verse schreibt, unterscheidet nicht mehr zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten. Genau hierin aber lag für viele Zeitgenossen die Authentizität Georges. Wer so sprach, sprach in höherem Auftrag [...]“ (S. 361f.).

Einer solchen Einsicht gegenüber fällt die lapidare Feststellung Karlaufs um Längen zurück, George sei, indem er sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges auf jene Positionen zurückgezogen habe, die er bereits vor dem Krieg eingenommen hatte, im Spektrum der Literatur der zwanziger Jahre „unweigerlich [...] ein großes Stück nach rechts“ gerückt (S. 509f.). Denn die von George zeitlebens zur Schau getragene Weltabgewandtheit, seine scheinbar ausschließliche Konzentration aufs eigene Werk und – mit zunehmendem Versiegen des schöpferischen Impulses – auf den sogenannten „Staat“, den Kreis der Getreuen, geht ja merkwürdig einher mit einer erstaunlich wachsenden Breitenwirkung auf dem literarischen Markt. Der überragende Dichter innerhalb der Mediokrität seiner von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommenen Blätter für die Kunst wird mittels der von ihm herausgegebenen Anthologien, des Jahrbuchs für die geistige Bewegung und nicht zuletzt der seit 1916 erscheinenden „wissenschaftlichen“ Monographien seiner Anhänger Gundolf, Kantorowicz, Kommerell und anderer zum literarischen Warenzeichen Stefan George mit erheblichen Auflagen in exklusiver Typographie und umfangreicher Gesamtausgabe im Hausverlag. Karlaufs Beschreibung von Georges Leben wird künftig für jede Deutung seines Werkes herangezogen werden müssen, arbeitet sie doch die Quellen und die biographisch relevante Literatur bis hin zu den neueren, schwer erreichbaren Privatdrucken aus dem Nachlaß seiner Anhänger gründlich auf. Zum Verständnis von Georges Gedichten und der Erklärung des merkwürdigen Bedeutungsschwunds, den sie seit seinem Tod erfahren haben, trägt sie indessen ebenso wenig bei wie das Leben des Dichters selbst.

Rolf Bulang

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