![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 2
Der Vatikan übt sowohl auf Katholiken als auch auf die Gegner der katholischen Kirche eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. „Vatikan“ – bereits das Wort hat einen ähnlichen Klang wie, beispielsweise, „Kreml“: Man weiß nicht genau, was hinter den Mauern vorgeht, und was daraus hervordringt, sind, wenn überhaupt, wohlformulierte Texte, hin und wieder auch ein Bannstrahl gegen einen Kritiker. Vor allem aber ist es Schweigen. Und deshalb ist es kein Wunder, wenn sich um das, was im Innern vor sich geht, zahlreiche Gerüchte, Geschichten und Legenden verbreitet haben. Das Rätselraten um den berüchtigten Index der verbotenen Bücher gehört dazu.

Doch vor einigen Jahren hat der Vatikan damit begonnen, seine Archive vorsichtig freizugeben, und der Kirchenhistoriker Hubert Wolf gehörte zu dem privilegierten Kreis von Wissenschaftlern, die in den Jahrhunderte gut gehüteten Archiven unabhängig forschen konnten. Was er zutage gefördert hat, ist nichts Umstürzendes – wer hätte das auch erwartet –, aber immerhin sehr aufschlussreich. Über die Arbeitsweise der Kurie, insbesondere der Gremien, die sich mit der Indizierung von Büchern befassten, erfährt man viel Neues. Darüber hinaus – und darin besteht der zweite Gewinn für die Leser seines Buches – bettet Wolf das Verfahren der Indizierung von Büchern in den historisch-gesellschaftspolitischen Zusammenhang ein, den zu kennen unbedingt erforderlich ist für eine angemessene Würdigung einer Praxis, die uns Heutigen so fremd erscheint.
Um den vatikanischen Index zu verstehen, muss man wissen, dass es Zensur immer gegeben hat. Alle Regierungen wollten die Gedanken der Untertanen kontrollieren; das war über Jahrhunderte selbstverständlich. Und deshalb war es keinesfalls ungewöhnlich, dass es auch die Kirche als ihre Pflicht ansah, ‚gefährliches’ Gedankengut an Universitäten und in Büchern zu verbieten und die Urheber zu sanktionieren. Erst mit der Aufklärung wandelte sich die Einschätzung; Zensur wurde von da an nicht mehr unhinterfragt hingenommen, sondern bekämpft.
Allerdings hatten die Zensoren seit der Gutenbergschen Revolution Probleme, ‚ketzerische‘ Gedanken zu kontrollieren, weil die neuen Technologien ihre Verbreitung erleichterten. In der frühen Neuzeit, seit Luthers Reformation stellte sich das Problem massiver als je zuvor. Nicht von ungefähr veröffentlichte die Römische Kurie 1559 im Zuge der Gegenreformation die erste Ausgabe der Liste der Autoren und Bücher, die Katholiken nicht lesen oder besitzen durften: Bibelübersetzungen, Bibelkommentare von Protestanten, Bücher von ‚Ketzern’ und ‚Häretikern’ und dergleichen mehr. Es folgten mehrere neue Ausgaben des Index, bis 1948 die letzte erschien, die 1966 außer Kraft gesetzt wurde.
Neben allgemeinen Auskünften über die Entstehung des Index und den Wandel des Indizierungsverfahrens im Verlauf der Jahrhunderte rekonstruiert Wolf neun Fälle, von denen man bislang nur zum Teil wusste, weil die Autoren auf dem Index gelandet waren, also zum Beispiel von Heinrich Heine, Leopold Ranke und Augustin Theiner. Von zahlreichen weiteren Verfahren, die im Ergebnis jedoch abschlägig beschieden wurden – zum Beispiel bei Franz Heinrich Reusch, Johann Sebastian Drey, Adolph Freiherr von Knigge, Harriet Beecher Stowe, Karl May und Johann Michael Sailer – wusste man deshalb nichts, weil es nicht üblich war, Freisprüche zu verurteilen (wie überhaupt das ganze Verfahren im Geheimen abgewickelt wurde).
Die von Wolf präsentierten Fallstudien sind sehr ausführlich und zum Teil spannend geschrieben. Sie zeigen, wie die Denunzianten, Konsultoren und Zensoren dachten und wie sie auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeit reagierten. Mit der Einbettung in den historischen Zusammenhang trägt Wolf viel zum Verständnis der Römischen Zensur bei, ohne sie zu verteufeln oder gutzuheißen. Der Leser braucht dabei manchmal einen langen Atem, weil Wolf die Gutachten sehr ausführlich wiedergibt und in den nicht immer genau rekonstruierbaren Zusammenhang einordnet. Aber um diese Mühe, die so groß auch nicht ist, kommt man nicht umhin: Nur so lässt sich das Phänomen Index verstehen, und darum geht es ja.
Da schrieb z.B. 1910 ein besorgter Anonymus einen langen Brief an die Indexkongregation und bat um Aufnahme der Werke Karl Mays in den Index. May machte sich in den Augen des Denunzianten der Unterwanderung des Katholizismus durch die Propagierung einer monistischen und pantheistischen Weltanschauung schuldig. Immerhin wurden die Werke des Protestanten May auch der katholischen Jugend wegen seiner nicht zu leugnenden Affinität zum katholischen Glauben zur Lektüre empfohlen. Um Belege für seinen Anschuldigungen durchaus bemüht, lässt der Denunziant aber auch folgendes erkennen: dass er seinem Neffen, den er ganz offensichtlich vor den verderblichen Folgen der Lektüre des späten May zu bewahren sucht, wohl selbst einst empfohlen hatte, ihn zu lesen. Und dass er ein zum Katholizismus konvertierter Protestant ist und deshalb womöglich, so Wolfs Vermutung, zum Rigorismus neigt.
Das Ergebnis des Verfahrens ist bekannt: Der Antrag wurde abgewiesen. Über die Gründe kann auch nur Wolf spekulieren: Vermutlich war man sich im Vatikan der großen Bedeutung Mays für die Jugend bewusst und wollte keinen Wind um den eigentlich harmlosen Schriftsteller machen. Zumal sich die Anzeige auf Werke bezog, die sich weniger durch attraktive Geschichten auszeichneten, sondern in denen sich die handelnden Figuren vor allem in philosophischen Gesprächen ergingen. Die Entscheidung fiel der Behörde also relativ leicht, und auch katholische Jungs durften weiterhin mit Kara Ben Nemsi und Winnetou mitfiebern.
Etwas komplizierter war es bei Rankes „Die römischen Päpste, ihre Kirche und ihr Staat im 16. und 17. Jahrhundert“, das 1841 auf dem Index landete. Wolf berichtet von seiner akribischen Suche in den Vatikanischen Archiven: Erst 1989 hatte der Vatikan wenige Details bekannt gegeben, die annehmen ließen, Ranke habe den Jesuitenorden zu negativ dargestellt. Doch dann, bei der Durchsicht der Protokolle, trat die Merkwürdigkeit zutage, dass die Aufnahme in den Index gleichsam aus heiterem Himmel gekommen zu sein schien. In der Sache war das Urteil verständlich, weil Ranke die historische Entwicklung des Papsttums beschreibt und seine Geschichtlichkeit betont, während der Papst davon ausging, sein Amt sei von Christus selbst gestiftet worden. Dennoch bleibt man, wie Wolf schreibt, „seltsam unbefriedigt“, wenn man sich dieses Verfahren ansieht.
Wolf machte sich deshalb auf die Suche und wurde fündig: 1838 war über das 1834 erschienene Werk bereits verhandelt worden, und zwar über die französische Ausgabe. Wolf vermutet, dass die deutsche Ausgabe als nicht relevant angesehen wurde, weil sie mangels Sprachkenntnissen an der Kurie nicht gelesen werden konnte und in den katholischen Stammländern ohnehin keine Leser finden würde. Bei der 1838er Sitzung, auf der über die „Päpste“ gesprochen wurde, muss kontrovers diskutiert worden sein, es lagen ein positives und ein negatives Gutachten vor, wobei es aber letztlich nur um die Frage ging, ob man die „Päpste“ nur verbietet oder ausdrücklich verbietet. Doch ausgerechnet diese Frage muss offen bleiben. Für die Entscheidung gegen eine Indizierung könnte sprechen, dass die Kurie die Beziehungen zum preußischen Staat, dem Ranke als Beamter diente, nicht verschlechtern wollte.
Das Ende des Index kam nicht überraschend. Zwar landeten auch im 20. Jahrhundert die Werke mancher Reformtheologen oder Philosophen auf dem Index, doch die Akzeptanz ging immer weiter zurück, was an der Zahl der Anträge gemessen werden kann, verbotene Bücher zu Studienzwecken einsehen zu dürfen. Auch katholische Studenten hatten ihren Sartre im heimischen Bücherregal stehen. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil spielte die Frage nach Abschaffung Fortbestand nur eine untergeordnete Rolle, weshalb man vom Fortbestand auszugehen hatte. Paul VI. schaffte den Index 1965 schließlich ab – aber nur im Zuge einer Verwaltungsreform und so verklausuliert, dass die Öffentlichkeit erst Monate später diese sensationelle Neuerung bemerkte. Er war historisch geworden.
Benno Kirsch