Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 2


 

Gregor Paul: Einführung in die Interkulturelle Philosophie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, 160 Seiten, ISBN: 978-3-534-19690-6, 14,90 €

Mit seiner Einführung in die Interkulturelle Philosophie verfolgt Gregor Paul das Ziel, „eine Kultur zu etablieren, die die ganze Menschheit umfasst, Frieden erhält und den Menschenrechten genügt“ (S. 7). Die Interkulturelle Philosophie soll zwar ein „interdisziplinäres Unternehmen“ (S. 92) sein, in der Erlangung dieses Ziels werden jedoch die Mittel der Philosophie als die geeignetesten ausgemacht. Die Überlegung ist, dass dieses Ziel am besten durch „argumentative Qualität“ (S. 11) zu erreichen ist. Da der Philosoph derjenige ist, der „nichts als Argumente“ besitzt (S. 14), kann nur dieser dabei eine Schlüsselrolle einnehmen. Hervorgehoben sei in diesem Zusammenhang, dass die Philosophie für Paul nichts „mit Geheimniskrämerei zu tun [hat], denn in der Tat sind eben alle Menschen Menschen“ (S. 7). Die Philosophie ist aber nicht nur Menschenwerk. Sie hat sich auch mit Problemen zu befassen, „die für uns Menschen wichtig sind“ (S. 33).

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit einer Begriffsanalyse relevanter Termini wie u.a. ‚Philosophie’, ‚Interkultureller Philosophie’, ‚Kultur’, ‚Kulturalität’, ‚Interkulturalität’ sowie ‚Komparativer Philosophie’. Mit dieser Analyse möchte Paul zum einen den Bereich Interkultureller Philosophie von anderen benachbarten Wissenschaften (bps. eine lokale und zeitlich begrenzte Kulturphilosophie, Rechtswissenschaften usw.) abgrenzen und zum zweiten zugleich die Methodologie Interkultureller Philosophie festlegen. In ihrer Auseinandersetzung mit „von Menschen geschaffenen Lebensformen“ (Kulturen) „und deren Eigenschaften“ (Kulturalität) (S. 16) soll sich die Interkulturelle Philosophie durch ihre argumentative und selbstkritische Vorgehensweise auszeichnen. Diese für die Interkulturelle Philosophie gesetzte Programmatik macht deutlich, dass sie nach Paul kein gesonderter, vereinzelter Zweig der Philosophie sein kann. Vielmehr wird sie als eine „Philosophie der Philosophie“ begriffen. Sie „besitzt damit prononciert metaphilosophischen Charakter“ (S. 16). Ferner wird die Bezeichnung ‚Komparative Philosophie’ als Synonym für die Interkulturelle Philosophie verwendet, um damit darauf hinzuweisen, dass man es hierbei, erstens, mit einem philosophischen Betrachtungsgegenstand zu tun hat, der, zweitens, „kulturell und insbesondere zeitlich, räumlich und/oder sprachlich extrem unterschiedlicher Herkunft“ ist (S. 24).

In den nachfolgenden kurz gehaltenen Kapiteln 2 und 3 wird der Beitrag Interkultureller Philosophie zur Lösung interkultureller Konflikte skizziert. Ihr wird eine politische Relevanz zugesprochen, insofern als man in der Interkulturellen Philosophie zur Entwicklung „einer allumfassenden menschlichen Kultur“ beitrage (S. 25), die der Menschlichkeit verpflichtet sei (S. 27). Außerdem sei Interkulturelle Philosophie als universelle „Richtmarke und Kriterium positiven Rechts“ unentbehrlich.

Im Kapitel 4 werden methodologische Fragen wieder aufgegriffen. Die Leitfrage lautet dabei: Wie sorgt man dafür, dass man auf den Fremden keine groben, undifferenzierten Unterschiede projiziert? Um den damit implizierten Gefahren eines Kulturrelativismus und zugleich eines Ethno- bzw. Eurozentrismus zu entgegnen, werden 16 methodologische „Grundregeln“ (S. 31ff.) aufgelistet. Diese umfassen jedem Philosophiestudierenden vertraute Regeln wie die Allgemeingeltung bestimmter logischer Prinzipien (beispielsweise die Sätze der Identität, der Widerspruchsfreiheit und des ausgeschlossenen Dritten sowie das Transitivitätsprinzip), das Kausalitätsprinzip und die Annahme menschlicher Konstanten. Auch der Interkulturellen Philosophie eigentümliche Regeln wie die Heranziehung von Originaltexten und deren Übertragungen (Regel 13) und die Kontextualisierung wichtiger Beispiele (Regel 16) werden angesprochen. 

Im fünften Kapitel argumentiert Paul zugunsten systematischer Ansätze, da philosophisch-geographische Ansätze und solche, die sich von religiösen und soteriologischen Kategorien wie etwa dem Hinduismus leiten lassen, Schranken gesetzt seien. Auch in der Herausarbeitung philosophischer Passagen früherer Kulturen möchte Paul an einem Philosophiebegriff festhalten, der „Kritik, Argumentation und Begründung einschließt“ (S. 43). Dabei wird eingeräumt, dass die Schriftlichkeit nicht als notwendiges Merkmal eines Philosophierens zu betrachten ist. Denn philosophisches Denken dürfte es „auch in den weithin schriftlosen vorkolonialen Kulturen Amerikas, Schwarzafrikas, Australiens und Ozeaniens gegeben haben“ (S. 44). Darüber hinaus wird dafür plädiert, sich nicht von der Einstufung eines Systems in ‚Glaube’ und/oder ‚Religion’ abschrecken zu lassen. Vielmehr solle man sich in der Herausarbeitung der Philosopheme anderer Kulturen darauf konzentrieren, ob das jeweilige System argumentativ angelegt ist.

Die von ihm bevorzugte systematische Vorgehensweise expliziert Paul anhand der Beispiele Interkultureller Logik, Interkultureller Ethik und Interkultureller Ästhetik. Im Abschnitt über die Interkulturelle Logik werden unterschiedliche Argumente betrachtet und zurückgewiesen, die auf eine These hinauslaufen: Kulturelle Spezifika, und damit ist in erster Linie die Sprache gemeint, präformieren das Denken derart, dass es eine jeder Kultur eigentümliche Logik gibt. Im Hinblick auch auf frühere Arbeiten nimmt Paul jedoch an, dass „aller Unterschiedlichkeit der sprachlichen Fassungen ungeachtet dieselben Grund- und Folgerungsregeln formuliert sind und dass deren Anwendung auf identische Prämissen zu identischen Schlussfolgerungen führt“ (S. 58). Im Bereich der Interkulturellen Ethik führt Paul gegen Kulturrelativisten an, dass die Gültigkeit eines Arguments zum einen unabhängig von seinem spezifischen Entstehungskontext ist. Zum anderen sind auch in interkulturellen Fragestellungen naturalistische Fehlschlüsse zu meiden. Es kann nicht argumentiert werden, dass eine Überlieferung, Sitte, oder gar Kultur aufgrund ihres Bestehens weiterhin fortbestehen soll. Nur wenn sich zeigen lässt, dass sie moralisch gut, akzeptabel – und in diesem Sinne gültig - sind, kann für ihren Fortbestand plädiert werden. Der Abschnitt über die Interkulturelle Ästhetik ist besonders gelungen. Mit der Heranziehung nicht nur ästhetischer Erfahrungen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten, sondern auch mit kulturgeprägten Theorien über diese Erfahrungen kann Paul überzeugend darstellen, warum es sich in der Interkulturellen Philosophie lohnt, sich mit allgemeinen Konzepten des Ästhetischen auseinander zu setzen. Zugleich macht er deutlich, wie das Interesse am Schönen als eine universelle menschliche Konstante betrachtet werden kann. 

Summa summarum: Als Einführung ist Gregor Pauls neuestes Buch besonders geeignet für jene Philosophieinteressierten, die die abendländische Philosophietradition als ihre intellektuelle Heimat betrachten, sich jedoch aus unterschiedlichen Gründen noch nicht auf andere Philosophietraditionen eingelassen haben. Paul plädiert nicht nur dafür, den Blick für andere Philosophietraditionen zu erweitern (die tabellarische Übersicht im 6. Kapitel dürfte hierfür sehr dienlich sein). Er macht den Leser auch auf Gefahren dieser Auseinandersetzung aufmerksam (Stichwort: Kulturrelativismus).

Das Buch ist ein entschiedenes Plädoyer für einen durch mehrere Kulturen angereicherten Universalismus. Wenn Unterscheide auf den Anderen projiziert werden, die mit seiner ihm eigentümlichen Denkweise oder mit seiner spezifischen Art der Erfahrung zu tun haben, so seien diese nicht fundiert. Sie seien schlicht und einfach auf eine Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“ zurückzuführen.

Pauls thematische Eingrenzung Interkultureller Philosophie ist aber nicht in jeder Hinsicht überzeugend. Er will das Betätigungsfeld Interkultureller Philosophie nur auf „großkulturelle Erscheinungen“ (S. 18) beschränkt sehen. Zwar heißt es an einer Stelle dezidiert: „Philosophie ist keine Funktion der Geographie“ (S. 45f. Hervorhebung im Original). Aber eine interkulturell-philosophisch angelegte Übung soll nur dann stattfinden, wenn wir es mit einer Kultur zu tun haben, die sich erheblich von unserer Kultur unterscheidet, weil sie entweder geographisch entfernt, durch radikale Sprachdifferenzen gekennzeichnet oder durch große zeitliche Abstände getrennt ist. So soll ein Vergleich zwischen der mecklenburgischen und schwäbischen Kultur nicht als ein „interkulturelles Unterfangen“ (S. 18) bezeichnet werden können. Damit wird suggeriert: Die Erfahrung einer Fremdheit mag vielleicht ein wichtiger Beweggrund jedes interkulturell-philosophischen Bemühens sein. Aber Interkulturelle Philosophie betreibt man nur dann, wenn nachweisbar ist, dass die betrachtete Kultur der Herkunft nach sich von der unsrigen unterscheidet.

Diese Auffassung ist problematisch; sie führt zu einer Verengung des Blickes. Letzten Endes bestimmen in Pauls Konzeption auch geographische Gegebenheiten mit, was zu ‚unserer Kultur’ (mecklenburgisch, schwäbisch, europäisch?) gehört. Liegt der Betrachtungsgegenstand innerhalb dieser geographisch-kulturell gezogenen Markierung, so scheidet er damit automatisch aus dem Bereich Interkultureller Philosophie aus. Denn damit ist er nicht „extrem unterschiedlicher Herkunft“. Jede Auslegung Interkultureller Philosophie, die sich lediglich auf eine, auch kontrastiv angelegte, Untersuchung des ‚Fremden’ beschränkt, wird sich, übrigens, mit diesem Problem konfrontiert sehen.

Zudem dürfte sie den allgemein anerkannten Zielen Interkultureller Philosophie wie der Etablierung einer der Menschheit verpflichteten globalen Kultur und Frieden entgegenwirken. Verdeutlichen lässt sich dies an dem von Paul angestrebten Lerneffekt Interkultureller Philosophie. Die Position des Autors ließe sich diesbezüglich wie folgt wiedergeben: Eine optimale Einhaltung aller 16 Grundregeln würde dazu führen, dass das auf den ersten Blick als fremd Wahrgenommene in entscheidenden Hinsichten an Fremdheit verliert. Anders formuliert: Jemand, der in der Interkulturellen Philosophie versiert ist, lernt, dass Verbindungen zwischen dem Eigenen und dem auf den ersten Blick als fremd Wahrgenommenen sehr wohl möglich sind. Paul gibt sich damit zufrieden.

Steht das in einem anderen geographisch-kulturellen Kontext situierte Andere im Mittelpunkt Interkultureller Philosophie, so werden mögliche Rückschlüsse auf das Eigene nicht gezogen. Mit einer Explizierung möglicher Rückschlüsse würde man sich nämlich mit etwas beschäftigen, was eigentlich aufgrund der fehlenden Herkunftsfremdheit nicht zum Gegenstandsbereich Interkultureller Philosophie gehören würde.

Wenn aber konkrete Ziele wie etwa die Etablierung einer globalen der Menschheit verpflichteten Kultur verfolgt werden, so lohnt es sich, die Rückwirkungen des Lerneffektes auf das Eigene in die Gesamtkonzeption miteinzubeziehen, womit sich freilich die Frage stellt, ob eine thematische Erweiterung des Begriffs Interkultureller Philosophie nicht notwendig wäre.

Es ist sehr wohl vorstellbar, dass das Dazugelernte deutlich macht, dass bestimmte bis dahin für selbstverständlich erachtete Aspekte des Eigenen an Fremdheit gewinnen. Man macht nicht nur die Erfahrung, dass projizierte Unterschiede auf das Andere verschwinden, sondern auch wie sehr eine Auseinandersetzung mit dem Anderen Modifikationen am existenten Selbstbild bedingt. Und gerade diese letztgenannte Fremdheitserfahrung – das Eigene wird fremd – kann eine nicht zu unterschätzende Rolle für die, auch von Paul akzeptierten, Ziele Interkultureller Philosophie spielen. Die Fremdheitserfahrung bezüglich des Eigenen kann beispielsweise die Entwicklung einer globalen Kultur vorantreiben, indem sie die Beteiligten dazu bewegt, von ihren vermeintlich für selbstverständlich erachteten Machtpositionen abzurücken. Denn auch diese erweisen sich dann als nicht fundiert, und nicht stabil.

Zudem sei an dieser Stelle festgehalten, dass es theoretisch nicht auszuschließen ist, dass man Fremdheitserfahrungen auch innerhalb eines „heterogenen Kulturkomplexes“ (S. 21) macht, die einen dazu veranlassen, sich mit dem Anderen auseinander zu setzen. Als Nebenbemerkung sei hinzugefügt, dass sich Probleme des Kulturrelativismus sowie des Ethnozentrismus auch während dieser innerhalb der Grenzlinie einer Großkultur verlaufenden Auseinandersetzung bemerkbar machen können.

Auch wenn man, wie Paul dies tut, die Interkulturelle Philosophie zu einer Philosophie des Fremden komprimiert, spricht nichts dafür, dass dieses Fremde nur jenseits klar markierter zeitlicher, kulturell-geographischer und sprachlicher Grenzen zu verorten ist. Auch wir können uns fremd sein bzw. fremd werden. In der Interkulturellen Philosophie sollte man sich auch dieser Erfahrung öffnen.

Monika Kirloskar-Steinbach

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