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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 2
Mein Buch des Monats März 2008
„Goethes letzte Reise“ führte ihn vom 26. bis 31. August 1831 mit den Enkeln Walther und Wolfgang nach Ilmenau, „diesmal ist es keine Flucht, sondern ein heiterer, freier Reiseentschluß. Wie es scheint, ist diese Reise lange im Kopf geplant, ist Belohnung für ein zeitlich festgelegtes und erreichtes Arbeitsziel“ (9) – für die Vollendung seines „Faust“, dessen lange Entstehungsgeschichte die Autorin auf den folgenden Seiten des ersten Kapitels nachzeichnet.

Hier wird bereits ihre Arbeitsweise sichtbar- es geht nicht um die „letzte Reise“ allein, sondern um Goethes letzte Lebenszeit, um Alter und Tod. In vielen Mosaiksteinchen entsteht ein anrührendes Bild von diesen letzten Jahren, geprägt von Verlust und doch auch Gewinn.
Schon früh beschäftigt sich Goethe mit dem Problem des Alterns: 1823 steht in einem Brief: „Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehasste, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben uns selbst…“, und im Jahr der Reise: „Im hohen Alter, wo uns die Jahre nach und nach wieder entziehen was sie uns früher so freundlich und reichlich gebracht haben, halte ich für die erste Pflicht gegen uns selbst und gegen die Welt, genau zu bemerken und zu schätzen, was uns noch übrig bleibt.“ (26) Kritisch sieht er, wie das Veloziferische (die Beschleunigung) die neue Zeit prägt.
Für ihn ist am 26. August 1831 die Kutsche angespannt, „früh um halb Sieben aus Weimar“. Aus den Quellen entwirft die Autorin ein genaues Bild von Wagen, Kutscher König und Diener Krause. Begleitet wird Goethe von dem „kleinen Volk im zweyten Grade“, den Enkelbuben – erinnert wird damit an die vier früh verlorenen Kinder Christianes und den im vergangenen Jahr in Rom verstorbenen Sohn.
Reiseziel ist Ilmenau: „Eine Reise in die Vergangenheit sei es, eine Wallfahrt zu den Stellen früherer Leiden und Freuden, reiche Betrachtungen aufdringend. Eine Reise in die Erinnerung; zu übersehen: das Dauernde, das Verschwundene.“ (57) Das zweite Kapitel ist diesem Vergangenen gewidmet: „Ehe wir Goethe in Ilmenau ankommen lassen, halten wir unsere Erzählung an. Und blicken zurück auf seine früheren Erfahrungen und Erlebnisse dort.“ (59) Da ist einmal die ausführliche Schilderung von Goethes Bemühen um die Erschließung des Ilmenauer Bergbaus mit der Schlußsequenz: „Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Misslungene war vergessen und verschmerzt.“ (109) – dann aber geht es im dritten Kapitel um die beiden Schlüsseltexte, „Ilmenau“ einmal, das große Gedicht für den Herzog und Freund Carl August mit der Forderung: „Allein wer andre wohl zu leiten strebt / muß fähig sein viel zu entbehren“ und das berühmte „Über allen Gipfeln ist Ruh…“ von 1780, dem eine einfühlende Interpretation der Autorin gilt (124-138). Goethe findet seine Niederschrift an der Wand des Jagdhauses auf dem Kickelhahn bei Ilmenau: „Beim Eintritt in das obere Zimmer sagte er: ‚Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers an die Wand geschrieben. Wohl möchte ich diesen Vers nochmals sehen, und wenn der Tag darunter bemerkt ist, an welchem es geschehen, so haben Sie die Güte, mir solchen aufzuzeichnen’.“ (140) Bergrat Mahr, der Goethe begleitet, fährt fort: „Goethe überlas diese wenigen Verse und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus einem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: ‚Ja: warte nur, balde ruhest du auch!“ (143) Die folgenden Abschnitte fügen zusammen, was es zur Todesauffassung Goethes zu sagen gibt.
Das vierte Kapitel stellt Goethes Geburtstag – es ist der letzte, den er erlebt – in den Mittelpunkt. Früh gratuliert der zehnjährige Wolf, mit dem Goethe frühstückt, während „der gute Walther sein Morgenschläfchen“ fortsetzt. Festlich begehen die Ilmenauer den Tag. Aber: „Nicht vollständig erzählt wäre dieser 28. August, würde man nicht einen Gegenstand erwähnen, den Goethe mit auf die Reise genommen hat. An seinem Geburtstag packt er ihn aus und stellt ihn vor sich hin: ein zerbrechliches böhmisches Glas mit den Eingravierungen von drei Namen“ (182), den der Amalie von Levetzow und ihrer Tochter Ulrike, dazu einer der jüngeren Schwestern. An diesem Abend schreibt Goethe an Frau von Lewetzov…
Damit beginnt der Rückblick auf Goethes letzte Liebe, die Reisen nach Böhmen in den Jahren 1821 bis 1823, in dem Sigrid Damm ein bewegendes Bild dieser so glücklichen und doch von Beginn an überschatteten Begegnung zeichnet, deren schmerzliche Verarbeitung Goethe erst in der großen „Marienbader Elegie“ gelingt.
100 Jahre später stellt sich das Geschehen einem anderen Dichter dar:
„Denk: Sie hätten vielleicht aneinander erfahren,
welches die teilbaren Wunder sind - .
Doch da er sich langsam verrang an den alternden Jahren,
war sie die Künftige erst, ein kommendes Kind.
Sie, vielleicht - , sie, die da ging und mit Freundinnen
spielte,
hat er im knabigen schon, im Erahnen, ersehnt,
wissend das schließende Herz, das ihn völlig enthielte,
und nun trennt sie ein Nichts, ein verfünftes Jahrzehnt.
Oh du ratloser Gott, du betrogener Hymen,
wie du die Fackel nach abwärts kehrst,
weil sie ihm Asche warf an die grauende Schläfe.
Soll er klagend vergehn und die Beginnende rühmen?
Oder sein stillster Verzicht, wird er sie erst
machen zu jener Gestalt, die ihn ganz überträfe?“
Rilke hat dies Sonett aus dem Februar 1922 nicht in den Zyklus der „Sonette an Orpheus“ aufgenommen, weshalb es vergleichsweise unbekannt blieb.
Im folgenden fünften Kapitel geht Damm auf Goethes Verhältnis zu den Enkelkindern ein und auf deren Geschick unter der Last des großen Namens, den sie tragen. Verknüpft mit dem Ablauf des 29. August in Ilmenau sind aber auch Hinweise auf Goethes derzeitige Lektüre und auf den vom Hof in Weimar als offiziellem Vertreter entsandten Oberforstmeister von Fritsch: Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes und an einstige Freunde, so an Knebel.
Dann der letzte Tag in Ilmenau. Goethe erinnert sich: „Bey einem außerordentlich schönen, dieses Jahr seltenem Wetter befuhr ich auf neuerrichteten Chausseen die sonst kaum gehbaren Wege, freute mich an den Lindenalleen, bey deren Pflanzungen ich vor 50 Jahren zugegen war…“ (262) – überhaupt: die Bäume, und dazu die Last der Erinnerung, die Sorge um das Überleben des Werkes. Abends Vorbereitung zur Abreise. Soweit das sechste Kapitel.
„Ob Goethe, frage ich mich, sich nicht zuweilen an seinen Sohn erinnert?“, so beginnt das siebte, das August von Goethe gewidmet ist. Sigrid Damm kennzeichnet das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis auch als eine Konsequenz der Bedingungen: „Es ist dieses Weimar mit seiner fürchterlichen Prosa, Kleinheit, Mißgunst, Häme und seinem Neid. August von Goethe, der Sohn der geschmähten Vulpius, kann die uneheliche Geburt nie abstreifen, wie sehr sein Vater sich auch vor ihn stellt, ihn in jeder Weise protegiert. Genau das verstärkt die Abwehr gegen ihn geradezu.“ (292) Um ihn besser zu verstehen geht die Autorin auf sein Reisetagebuch näher ein: „Eine Ahnung von der Tragödie dieses Mannes … geben uns seine Aufzeichnungen aus Italien“, die erst seit 1999 zugänglich sind. Und in diesen spiegelt sich das Ende seines Lebens bis zu dem Tod in Rom, der den Vater zutiefst trifft: wie ein „Pistolenschuß“ – als lateinische Grabschrift bestimmt er: „Goethe, der Sohn, seinem Vater vorangehend, starb vierzigjährig, 1830“, am 27. Oktober 1830. (313)
Am 31. August 1831 brechen die Reisenden von Ilmenau zur Heimfahrt auf – Goethe verbleiben noch 202 Tage. In Weimar lernen wir seinen Arzt kennen, den jungen Carl Vogel, den er auch als Gesprächspartner schätzt. Im Mittelpunkt dieses achten Kapitels, das die letzte Lebenszeit schildert, steht das Werk: „Faust II“ vor allem, den er mit der Schwiegertochter Ottilie als Vorleserin im Winter durchgeht; das im August vor Ilmenau erst eingesiegelte Manuskript wird also noch einmal geöffnet. Auch „Dichtung und Wahrheit“ wird weiter gefördert, die „Farbenlehre“ vorgenommen. Besonders in seiner Rolle als Hausvater wird Goethe uns nochmals vorgestellt (Haushaltsbücher als ergiebige Quelle), der Pläne für den Garten macht und am 20. Februar zum letzten Mal im Gartenhaus im Park an der Ilm weilt.
Dann das Ende, Krankheit und Tod. Die Autorin schließt mit den Worten des Malers Friedrich Preller: „’Vorliegende kleine Zeichnung habe ich selbst aufs genaueste nach dem Hochseligen gezeichnet und darf wohl sagen, daß sie wirklich ähnlich sei. Welchen schönen, ruhigen Ausdruck er auch nach seinem Leben noch hatte, können Sie wohl sehen…’ Es ist die Ruhe, die er in Rom, in Italien findet: ‚Nun bin ich hier und ruhig und, wie es scheint, auf mein ganzes Leben beruhigt…’ Die Ruhe, die der Einunddreißigjährige in seinem lyrischen Gespräch mit der Erde in den bei Ilmenau entstandenen Versen ‚Über allen Gipfeln ist Ruh’ beschwört; die Ruhe, die dem zweiundachtzigjährigen Goethe während seiner letzten Reise in sein thüringisches Arkadien Gewißheit wird.“ (354)
Legt man das Buch aus der Hand, so taucht man auf aus Vergangenem, das Sigrid Damm auf ihre unverwechselbare Weise zur Gegenwart hat werden lassen. Ihre Fähigkeit, aus vielerlei, auch entlegenen Quellen zu schöpfen und damit das Gewesene in seinem vollen Reichtum in vielfältigen Einzelzügen zu vermitteln, macht „Goethes letzte Reise“ zu einem Leseerlebnis eigener Art.
Renate Scharffenberg