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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 2
Inhalt
Die Fülle der Probleme und Gefahren
Die zwei ethischen Bezugnahmen
Das gewöhnliche Profil einer Ethik des 21. Jahrhunderts
Inwiefern jede Ethik in Gefahr steht, ins Leere zu laufen
Bilanz der gescheiterten Suche nach Sinnbestimmung
Zwei Vorschläge für eine Sinnbestimung, die an der Zeit
ist
Wider den Ethikkitsch
Vor 35 Jahren (Bericht des Club of Rome) hätte man es schon wissen können, tat aber so, als verstehe man nicht: Wachsende Hyperproduktion für wachsenden Hyperkonsum führen auf dem gesamen Planeten zur Verschlechterung der Lage der mehrheitlich Betroffenen. Heute dagegen findet sich in fast jeder Tageszeitung eine Art Liste dessen, was sich in absehbarer Zeit verändern müsste, bevor der Schadensfall eintritt.
Es müssten Lösungen gefunden werden für: Die Schadstoffemissionen, die Energiegewinnung aus nicht-erneuerbaren Energien, die giftige Agrarwirtschaft, die moralisch und ökologisch unverantwortliche Viehwirtschaft, die Gefahr einer Massenmigration aus den Ländern der Globalisierungsverlierer in die reichen Länder, das Klimawandelproblem, die Entsorgung der radioaktiven Verseuchungsquellen in Tschernobyl und der gesunkenen sowjetischen Atom-U-Boote im Nordmeer, die drohende Wasserknappheit.
Es müssten ebenso Lösungen gefunden werden für: Die Gefahr von thermonuklearen Kriegen durch sich radikalisierende Staaten (Iran, Israel, Pakistan, die USA), die Gefahr von Atombombenterrorismus durch nicht-staatliche Gruppen, die Verhinderung von jährlich mehr als 30 Millionen Opfern von Unterernährung und Seuchen, die global zunehmende Güterverteilungsungerechtigkeit, die international agierende organisierte Kriminalität von Drogen-, Waffen- und Menschenhandel.
Lösungen müssten gefunden werden für: den absehbaren Eintritt in ein postbiologisches Zeitalter mit der Klonierung von Menschen und genetischen Manipulationen.
Es müssten Lösungen gefunden werden für die Erosion der größten Leistung des ansonsten destruktiven 20.Jahrhunderts, nämlich der Etablierung eines «International public law», das den Nationalstaaten das sie zuvor fast definierende Recht auf Kriegsführung (ius ad bellum) entzog.
Es gibt, abgesehen von eigentlich allen seit langem unglaubwürdig gewordenen politischen Lösungsoptionen, die die Lösungen lediglich als abhängige Variable für Machtgewinn behandeln, bisher nur zwei grundsätzliche ethische Bezugnahmen auf die zu lösenden Probleme.
Die eine ist universalistisch und ist bemüht um Handlungsregeln, die aller konkreten Implementierung vorausliegen. Ansprüche aller aufeinander werden abgestimmt aufeinander und ein allgemeingültiger Gesetzeszustand bildet das Maß für alle zu lösenden Probleme.
Die andere ethische Option ist individualistisch und überlässt es der Planung der Individualakteure ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Durch lernenden Umgang mit sich selbst und den Ansprüchen anderer besteht eine Möglichkeit zur grundsätzlichen Lösung aller sich stellenden Probleme.
Faktisch hat sich global folgende Arbeitsteilung ergeben: Die individualistische Ethik verzichtet auf Sollenssätze und setzt auf Emergenz eines bonum commune als nicht beabsichtigte Folge egoistischer Handlungen. Dies ist die liberalistische Botschaft der invisible-hand-Metapher von Adam Smith. Die universalistische Ethik lässt diese Argumentation prinzipiell unangetastet. Um der Gefahr ihrer eigenen Überflüssigkeit zu entgehen, fügt sie hinzu: Die Allgemeinheit der Invisible-hand-Regelungen ist noch nicht universell. Daher müsse immer noch weiter an einem universellen Gesetzeszustand gearbeitet werden. Streng genommen erscheinen beide Optionen wechselseitig als Illusion: Ein universeller Gesetzeszustand wirkt als Rhetorik einer Illusion und das von Egoisten geschaffene Gemeinwohl gleichfalls.
Es dürfte nicht sonderlich schwer fallen eine Überzeugung zu festigen, der zufolge mit dieser Lage eine fruchtbare Arbeitsteilung oder eine fruchtbare Spannung vorliegt, die einen Optimierungsfortschritt mehr oder minder garantiert. Fehlt noch etwas? Würde man antworten, es fehle an einer intrinsischen Verbindung von individueller Motivation und Allgemeingültigkeit, so könnte von beiden Seiten gekontert werden: Inwiefern denn? Die Universalisten könnten Kant-Zitate über eine Handlungsweise aus «Achtung für das Gesetz» auskramen, und die Individualisten würden bemerken, dies sei ja die Pointe der Invisible hand, dass die individuelle Motivation automatisch Gemeinwohl erzeuge. Die Argumentationen scheinen also geschlossen. Es scheint nichts zu fehlen. Dass beide Positionen einander als Illusionen bewerten können, ist eher eine amüsante Seite und scheint nichts daran zu ändern, dass hier eine Konstellation einer fruchtbaren Spannung vorliegt.
Dann wäre zu folgern: Eine Ethik für das 21. Jahrhundert, was könnte sie sinnvollerweise anderes sein, als (a) eine Klärung der beiden genannten Positionen und (b) eine Formulierung derjenigen Bedingungen, die ihre optimale Zusammenarbeit verspricht?
Hier also könnten wir abbrechen im Bewusstsein auf etwas hingewiesen zu haben, was die ethischen Grundlagen betrifft, auf die nicht verzichtet werden kann. Da dies mehr oder minder eine Art allgemein verbreiteter Konsens ist, fällt nicht mehr auf und darf nicht mehr auffallen, dass hier etwas nicht stimmen könnte. Was jedoch? Als These formuliert: Die beiden Positionen haben die metaphysische Teleologie ersetzt, der zufolge jedes Individuum mit dem Universellen verbunden war, indem dieses als das Bleibende jedem Strebenden Halt und Sinn gab. Sie haben bei dieser Ersetzung vergessen, dass eine Frage nach dem Sinn menschlichen Daseins gleichwohl bleibt. Es geht nicht um Eliminierung der Frage «Was ist Sinn des menschlichen Daseins?», es geht um eine Umformulierung der Antwort. Die Menschen, die Einzelnen, sind allein gelassen, wurden entlassen in ihre Egoismen und in ihre moralische Gesetzesachtung und damit mittelbar ermuntert, Ersatzformen des Sinns zu produzieren. Es ist bekannt, dass diese Ersatzformen Varianten der metaphysischen Teleologie sind, jedoch gelöst von metaphysischen Begründungszusammenhängen. In dieser Eigenschaft sind sie an kontingente Glaubensbedingungen gebunden und können als Dienstleistungen in den Markt gelangen.
Zwischen der Eliminierung der Sinn-Teleologie und den kontingenten Ersatzformen für Sinn gibt es, so meine Behauptung, noch eine gänzlich andersartige Ebene der Sinngebung als Umformulierung von Sinnmöglichkeiten. Ihre Formulierung ist an der Zeit. Diese Umformulierung besitzt noch keine Sprache. Vielleicht gilt sogar, dass diese Umformulierung dringend ist, da und sofern die Zivilisation als Arbeitsteilung von Universalismus und Individualismus offenkundig nicht funktioniert, sondern sich in eine Krise manövriert hat, von der eingangs einige Symptome aufgezählt wurden.
Wenn hier ein Defizit besteht, so folgt daraus ein Satz, den vermutlich jeder sogleich versteht, den jedoch niemand recht wahr haben möchte: Solange keine Sinnbestimmung für den eigenen Daseinsvollzug besteht, laufen alle Ethiken leer. Ethiken vermögen Sinnbestimmungen nicht zu ersetzen, sie können sie lediglich ergänzen. Wenn Ethiker dagegen bemerken, jede echte Ethik enthalte automatisch Sinnbestimmung, so ergibt dies eine «petitio principii.» Die Ethiker haben hinreichend Zeit und Gelegenheit gehabt, die Sinnbestimmungen zu nennen, die die Ethik enthält. Ihre Angaben blieben aus. Die Leere, die hier erzeugt wird, ist seit geraumer Zeit als Chance wahrgenommen worden für Sinn als jene bezeichneten Dienstleistungsangebote.
Wenn es keine andere Sinnbestimmung als jene Dienstleistungen gibt, als jene Angebote, dies oder jenes zu glauben und den eigenen Sinnbedarf damit zu sättigen, dann wäre die gesamte moderne Zivilisation entfesseltem Selbstbetrug ausgeliefert, dem keine Ethik Grenzen setzen könnte.
Kann es angesichts der Diversifizierung der Sinn-Dienstleistungsangebote noch Sinnbestimmungen geben, die aller Ethik und aller Geschäftigkeit der Sinn- Dienstleistungen noch vorausliegen? Es erstaunt, dass menschliche Fantasie, die so produktiv immer neue Sinn- Dienstleistungen ersinnt, hinsichtlich der Grundlagen von Sinnbestimmung offenkundig aussetzt.
Gleichwohl scheint es eine Konstante zu geben. Sie ist nicht mit der Strömung des Pragmatizismus identisch, sondern dieser könnte eher auf jener Konstanten beruhen, die er zugleich verstärkt. Die Konstante besagt: «Sinnvoll ist für jemanden alles, wovon er überzeugt ist.» Nietzsche hatte im 19. Jahrhundert davor gewarnt: Überzeugungen seien die schlimmsten Feinde der Wahrheit. Montaigne hatte am Beispiel der Hexenverbrennungen bereits 300 Jahre zuvor verdeutlicht, dass man seine Überzeugungen extrem wichtig nimmt, wenn man sich berechtigt sieht, andere dafür zu ermorden.
Der Schluss von Überzeugung auf Sinn führt also leicht auf destruktive Konsequenzen für andere, die die Überzeugung nicht teilen. Welche Blüten die Verbindung von Überzeugung treibt, mag aus Folgendem deutlich werden. Es ist beliebt den Satz «Sinnvoll ist für jemanden alles, wovon er überzeugt ist» mit einem uneingeschränkten Toleranzgebot zu verbinden: «Alles, wovon jemand überzeugt ist, darf als Einstellung und Verhalten nicht behindert werden.» Diese Ansicht kann ohne Mühe zum Ruin derer werden, die sie vertreten. Denn was geschieht, wenn jemand der Überzeugung ist, alle, die jenes Toleranzgebot vertreten, seien zu töten? Das Toleranzgebot müsste dies zulassen, da es sich ja um eine Überzeugung handelt. Folglich müsste sich jeder, der das Toleranzgebot gegenüber Überzeugungen vertritt, ohne Gegenwehr von denjenigen töten lassen, deren Überzeugung die Tötung der Überzeugungstoleranten ist.
Mit einer Verbindung von Überzeugung, Sinn und Toleranz kommen wir nicht nur nicht weiter, sondern erzeugen die absurdesten Folgerungen. Daraus folgt, dass der Sinnsuche die Kandidaten auszugehen scheinen. Wenn Überzeugung kein Garant für Sinnbestimmung ist, was bleibt da anderes übrig als ein Rückgriff auf das Arsenal der alten, metaphysischen Teleologie? Doch von dieser weiß jeder, der sich ein wenig mit Philosophie beschäftigt hat, dass sie auf folgender Kausalbehauptung beruhte: «Es wird nach X gestrebt, weil X die Beschaffenheit S besitzt.» Streben nach etwas (X: das Vollkommene) setzt voraus, dass X S ist (d. h. uneingeschränkt vorteilhaft für den Strebenden ist.) Hierbei konnte weder gezeigt werden, inwiefern X existiert, noch woher wir wissen, dass X S zukommt, noch auch schließlich, dass wir erfolgreich nach X streben. Wenn wir die Folge umkehren und sagen «Weil nach X mit der Eigenschaft S gestrebt wird, deshalb existiert X mit S», so ist offenkundig, dass dies nichts anderes meint, als den Strebenden bereits Vollkommenheit und Vorteilhaftigkeit zuzusprechen, denn woher sollte sonst X mit S entstehen? Da Kausalität behauptet wird, wird ein «causa aequat effectum» vorausgesetzt. Diese Deutung wirkt künstlicher als sie ist. Denn es läuft ja eine allseits bekannte Rede um, die besagt: Wir müssen uns den Sinn selbst schaffen, den wir benötigen. Darauf lief die existenzphilosophische Vorordnung des Daseins vor dem Wesen hinaus. Wir sind, wozu wir uns selbst machen, und wenn wir uns in einer Hölle wiederfänden, so gälte dieser Satz auch noch dort, wenn wir uns von allen traditionellen Erwartungen über «Hölle» befreit hätten. Doch dies ist nicht sonderlich der Rede wert, sofern hierbei davon ausgegangen wird, dass wir eigentlich schon alles haben, was wir suchen.
Eine andere Formulierung, die seit gut zwei Jahrzehnten umläuft, ließe sich in die Formulierung fassen: «Der Sinn meines Lebens ist der Andere.» Darüber ist Unzähliges geschrieben worden. «Alterität» ist zu einem Schlüsselwort avanciert. Die Rückfrage wird dabei indes nicht gestellt: Ist der so beschworene Andere Korrelat eines intakten oder eines gestörten Selbstbezuges? Diese Frage wird nicht gestellt, sondern wird tendenziell so beantwortet, dass Selbstbezug stets gestört ist. Die Alteritäts-Diskurse sind daher getränkt mit Wertungsurteilen, deren beschreibender Bezug fehlt oder unklar oder fragwürdig ist. Ich behaupte nicht, dass hier nichts Relevantes zu entdecken wäre. Ich sehe nur, dass hier mehr Unklarheit als Klarheit besteht. Zudem wird dieser Diskurs mit religiösen Annahmen verbunden, die ihn einerseits über Traditionen definieren lassen. Andererseits besteht die Gefahr, dass nunmehr alle destruktiven Konsequenzen religiöser Ethik auf den Alteritätsdiskurs übergreifen. Da ich dazu mehr als einmal etwas Kritisches publiziert habe, möchte ich mir hier langweilige Wiederholungen – und es wären Wiederholungen – ersparen.
Die Bilanz zu Kandidaten der Sinnbestimmung erscheint damit nicht nur negativ, sondern geradezu ausssichtslos. Es fällt auch nicht schwer sich vorzustellen, dass in einer kapitalismusbasierten Globalzivilisation, die die permanente Instabilität alles Geltenden durch Orientierungsmoden mit geringer Halbwertszeit zu mindern oder zu verdecken versucht, ihre derzeitige Alteritätsorientierung nicht mehr geheuer erscheint, dass jedoch gleichzeitig keine sie ablösende Orientierungsmode verfügbar ist. Hie und da mögen sich Rückgriffe auf die Existenzphilosophie rühren. Doch diese läuft präzise auf nichts anderes hinaus als auf «Weil nach X gestrebt wird, deshalb gibt es X.»
Nun zu dem, was ich als Sinnbestimmungen vorschlagen möchte. Am einfachsten wird es sein, den Vorschlägen die Form von zwei Imperativsätzen zu geben. Sie lauten:
I. Verhindere, dass du aus deinen Leiderlebnissen das Urteil folgerst, das gesamte Leben sei nichts als ein Übel! (Merksatzartig: Mache aus deinem Leid kein allgemeines Übel!)
II. Verhindere, dass du aus der Überzähligkeit des Menschengeschlechts auf deine und aller Menschen Überflüssigkeit schließt! (Merksatzartig: Mache aus deiner und aller Menschen Überzähligkeit keine Überflüssigkeit!)
Von Sinnbestimmungen unseres Daseins ist zu verlangen: Sie müssen sich erstens auf etwas beziehen, dessen Bestehen schwerlich geleugnet werden kann. Sie müssen zweitens etwas darstellen, was wir durch unser Tun herbeiführen oder verhindern können. Und drittens müssen sie jene oben genannte Funktion erfüllen, dem Individuum eine intrinsische Eigenwertigkeit als Voraussetzung seiner Ethikfähigkeit zu geben.
Die erste Bedingung wird von beiden Sätzen ersichtlich erfüllt. Es wird niemanden geben, der ein Mensch ist und der zugleich keinerlei Leid erlebt. Das bedeutet nicht, alles Leben sei Leiden, sondern lediglich: Im Lebensvollzug bleibt Leiderleben nicht aus. Ebenso fällt es uns schwer, ältere Auffassungen zu verstehen, die der Ansicht waren, dass dem Naturgefüge mit dem Menschen etwas Wesentliches hinzugefügt wurde. Der Mensch erscheint im Naturgefüge als etwas Überzähliges. Es drängt sich zudem das Urteil auf, dass der Mensch sich selbst überflüssig macht, indem er seine natürlichen Lebensbedingungen so verändert, dass sie zu Bedingungen seines Aussterbens werden.
Die zweite Bedingung erscheint ebenfalls als erfüllbar. Es kann dementsprechend von jedem verhindert werden, dass seine Leiderfahrungen zu einem allgemeinen Übel werden und dass seine Überzähligkeit zur Überflüssigkeit wird. Verhindert werden kann beides, weil beides Urteile sind, die jeder zu fällen und ebenso nicht zu fällen die Möglichkeit hat.
Schwieriger ist die Erfüllung der dritten Bedingung. Inwiefern erhält das Individuum eine intrinsische Eigenwertigkeit, indem es Leiderfahrungen nicht zu einem allgemeinen Übel und Überzähligkeit nicht zur Überflüssigkeit auswachsen lässt? Weil es handlungsfähig bleibt. Gilt ihm dagegen das Leben als Übel und überflüssig, so steht jedes Handeln für es im Widerstreit mit den Urteilen über das Leben als Übel.
Nun wird man fragen: Wie, so wenig? Ich antworte: So wenig und so viel. So wenig: Sinnbestimmung hat aufgehört, ein Gegenstand (zum Beispiel «Gott») zu sein oder ein Zustand («Glückseligkeit» als meine Vereinigung mit der Gottheit) oder ein Unterwegssein, ein Etappendasein («Der Weg ist das Ziel», als Populärformel der metaphysischen Entelechiederivate zum Beispiel bei Cusanus). Statt Gegenstand oder Zustand oder Bewegung und Zwischenzustand wird Sinn zu einer Relation der Möglichkeit etwas zu verhindern – dass das Leben ein Übel ist, dass jeder in seiner Überzähligkeit überflüssig ist - die jedem gegeben ist. Das alles ist wenig, jedenfalls weniger als die undurchführbaren teleomorphen Sinnbestimmungen von Gegenstand, Zustand und Bewegungs-Zwischenzustand.
So viel: Was wenig erscheint, kann deshalb als wenig beurteilt werden, weil es unbeachtet und unbedacht bleibt. Wird es dagegen wahrgenommen, erweist es sich als Chance. Die Ansichten, die jedermann auf seine Weise erlebt, jene Dissonanzen, dass wir Leid erleben, weil das Leben selbst ein Übel ist oder dass jede Aktivität im Grunde überflüssig ist, weil unser überzähliges Geschlecht nur Überflüssiges zu tun vermag, sie mögen nötig sein: Nötig, um uns von ihnen zu befreien.
Sinnbestimmung würde damit die Möglichkeit zur Verhinderung von verallgemeinernden Urteilen über das was wir sind. Welche Urteile zu verhindern sind, darüber besteht Diskussions- und Klärungsbedarf, von dem ich behaupte, dass er zu den grundlegenden ethischen Aufgaben des 21. Jahrhunderts gehören wird. Die beiden Imperative «Mache aus deinem Leid kein allgemeines Übel!» und «Mache aus deiner und aller Menschen Überzähligkeit keine Überflüssigkeit!» stellen lediglich zwei Beispiele dar. Sie sind als Anfang, nicht als Abschluss gedacht.
Die vorgelegten Reflexionen über unsere Sinnbestimmung verstehen sich philosophiegeschichtlich als Versuch einer Montaignefortsetzung, verstanden als ein Weg zwischen philosophischen Doktrinen einer- und den erstarrten Wertungsurteilen des Alltags andererseits. Ein Verfolgen dieses Zwischenweges wäre innerhalb der Philosophie weitaus mehr zu kultivieren als alle inzwischen inflationär wirkenden Elogen auf Montaigne. Vielleicht gilt, dass man vor allem auf diesem Weg dem entkommt, was satirisch als «Ethikkitsch» entlarvt wird (Amos Oz in einem Interview in «France Culture» am 13.3.2008).
Mir ist bewusst, dass für eine wirksame Sinnbestimmung neue Bezeichnungen eingeführt werden müssten. Für eine nicht unwichtige Stelle möchte ich daher einen Bezeichnungsvorschlag geben. Die Verhinderung, dass Leid zu Übel und dass Überzähligkeit zu Überflüssigkeit werden, vermag vermutlich kein isoliertes Individuum zu erreichen. Das «Individuum» ist ohnehin etwas, auf das man sich in einer liberalistischen Gesellschaft automatisch beruft, dem aber niemand mehr etwas anders zutraut, als konsumierendes Subjekt zu sein. «Individuum» bedeutet der hilflos Einzelne, der sich konsumierend hilft, seine Hilflosigkeit zu reproduzieren. Ein nicht-konsumeristisches Individuum erscheint als hölzernes Eisen. Daher passt es schwer in die Theorienlandschaft, dass sich in die allgemeine, gesetzesumschriebene und imaginäre Vergesellschaftung (sie redet von «der Gesellschaft», «dem Staat», «dem Recht») eine zweite, reale Vergesellschaftung einschreibt, die sich als nicht-konsumeristisches Zusammenfinden und Zusammengehen von Einzelnen vollzieht. Diese zweite, reale und nicht-konsumeristische Vergesellschaftung heiße Individuía. Der Ort einer Sinnbestimmung wie die bezeichneten Verhinderungen der Leiderfahrung als Übel und der Überzähligkeit als Überflüssigkeit ist nicht das Individuum, sondern die Individuía. Wäre er es tatsächlich, so nähme der Ethikkitisch ab.