Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 2


 

Buch des Monats April 2008

Karl Löwith: “Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933”. Ein Bericht. Mit einer Vorbemerkung von Reinhart Koselleck und einer Nachbemerkung von Ada Löwith. Neu hrsg. von Frank-Rutger Hausmann, Verlag J.B.Metzler, Stuttgart-Weimar, 1986/2007, 224 S., ISBN 978-3-476-02181-6, 19,95 €

Vom Titelbild schaut Karl Löwith (1897-1973) den Betrachter an mit dunklen Augen, ernst, etwas zweiflerisch, ein Mensch, der wie viele nicht nur aus seinem Land, sondern auch aus dem Selbstverständnis seines Lebens geworfen wurde. Im Vorwort von Reinhart Koselleck heißt es dazu: “Zwei große Themen sind es, die Löwith immer wieder reflektiert: der Verfall der deutschen bürgerlichen Welt und die ihm aufgenötigte Spaltung seiner Existenz in die eines Deutschen und eines Juden.“

Viele Leser werden sicherlich nicht sofort mit dem eigentlichen Text beginnen, sondern beim Durchblättern feststellen und neugierig und interessiert darauf eingehen, daß es verschiedene Zusatztexte und Bildseiten gibt, die einer Lektürevorbereitung dienlich sind und obendrein zum  Stöbern einladen. So ist im Vorwort zu erfahren, daß das Buch aufgrund eines Preisausschreibens der Universität Harvard 1940 entstand, die “an Alle” gerichtet war, “die Deutschland vor und nach Hitler” gut kannten, und daß es   im japanischen Exil geschrieben wurde. Löwith war damals 43 Jahre alt, evangelisch, jüdischer Abstammung, verheiratet und kinderlos. Der Ausschreibungstext ist beigefügt. Es folgt ein kurzer Lebenslauf und eine Einleitung vom 14.Januar 1940 (auch das Nachwort S.136 steht unter diesem Datum).

Das Namenregister (S.201-224) kann besonders Marburger Leser erfreuen: sie treffen den Romanisten Erich Auerbach, den Religionswissenschaftler Rudolf Bultmann, die Philosophen Ernst Cassirer, Hermann Cohen, Julius Ebbinghaus, die Kunsthistoriker Richard Hamann und Max Krautheimer, den Indogermanisten Hermann Jacobsohn, den Germanisten Max Kommerell und Lisa de Boor, die alle einmal in Marburg gelehrt und gelebt haben und Zeitgenossen, Kollegen und Freunde des Autors gewesen sind.  Die Seiten 137 bis 155 enthalten Abbildungen: Fotos aus der Soldatenzeit, Löwith mit Freunden, Marburger Professoren, so Gadamer, Husserl und Heidegger, die Professorenschaft der damaligen Marburger philosophischen Fakultät, er selbst im Arbeitszimmer in der Sybelstraße 16, Zuhörer während einer Reichstagsrede Hitlers.

Ab S.157 beginnen Anmerkungen (bis S.163) und von S.165 bis S.169 Ergänzungen. Nachträge und Erläuterungen ab S.171 erweitern den Zusammenhang: ”Noch ein Nachwort” (bis S.173), das Verzeichnis aller Abbildungen des Typoskripts (S.174-178),  S.179 bis S.181 von Löwith zitierte Bücher und Schriften und von S.182-193 ein “Curriculum vitae” vom Jahr 1959. Die oben angekündigte Nachbemerkung Ada Löwiths ist auf den Seiten 194-196 zu finden und vor dem Namenregister gibt es noch “Editorische Bemerkungen” Frank-Rutger Hausmanns (S.197-199).

Löwiths “Bericht” besteht aus drei Einheiten, beginnt mit der Darstellung der Jahre 1914-1933 und dem ersten Abschnitt: “Krieg und Gefangenschaft” und endet mit der der “deutschen Erhebung” von 1933 und der letzten Marburger Vorlesung. Im Vorwort heißt es: „1933 erfolgte die Ächtung als Jude, nicht völlig überraschend, aber alle Fasern der bürgerlichen Existenz zerschneidend.“ Diese Zeitperiode nimmt in den Erinnerungen den größten Raum ein, was verständlich ist, wenn man bedenkt, welche entscheidenden Lebenserweiterungen und -erfahrungen Löwith machen durfte und mußte. Gleichzeitig ist sie in ihrer Darstellung zeitlich nicht kontinuierlich, sondern „springt“ gedankenmäßig und nimmt spätere Erfahrungen vorweg, unter Umständen den Leser durchaus verwirrend. So steht sein “letztes Wiedersehen mit Husserl in Freiburg 1933 und mit Heidegger in Rom 1936“ vor den „Freunden aus der Freiburger Studienzeit“, dem Abschnitt über die „Inflation“ und der „Hauslehrerzeit in Mecklenburg“.

Die Zeiteinheit 1934 – 1936 führt Löwith  nach dem “Abschied aus Marburg” nach Rom, wo er “dank der Rockefeller Stiftung ein freies Leben beginnen konnte”. Mussolini war noch kein Verbündeter Hitlers und deutsche Emigranten “wohlaufgenommen”, was sich allerdings ändert, als auch in Italien die Rassengesetze eingeführt werden. Doch jetzt erhält Löwith, der aufgrund der Wertschätzung seiner Habilitationsschrift in Japan bekannt war, eine Berufung an die Universität Sendai - die deutsche Gesandtschaft versucht es vergeblich zu verhindern. Über Italien treten er und seine Frau auf einem japanischen Schiff am 11.Oktober 1936 die Überfahrt an.

Im dritten und letzten Abschnitt, 1936-1939, folgt der Leser dem Autor auf der 33tägigen Seereise “von Neapel durch den Suezkanal nach Colombo, Singapore, Hongkong und Shanghai nach Kobe” und dann nach Sendai, wo seine Frau und er “alle Erwartungen übertreffend” empfangen wurden – um später festzustellen, daß sie mit  e i n e m  weiteren Landsmann die einzigen Deutschen dort waren. Doch wie der historisch Versierte weiß, konnte Japan nach dem Beitritt zur “Achse” keine Fluchtburg mehr sein und es kommt 1941 aufgrund einer Berufung zu einem letzten Aufbruch in die USA, zuerst an die Universität Hartford/Conn., 1949 nach New York. 1952 kehrt das Ehepaar nach Deutschland zurück: Heidelberg, wo er 1973 stirbt, hatte Löwith auf eine Philosophie-Professur berufen.

 

1914-1933

Koselleck nennt den Bericht eine “Zwischenbilanz” mit “tagebuchartiger Spontaneität”, in der auch die Selbstzerstörung des deutschen Bürgertums deutlich wird, “durch Krieg und Inflation gebeutelt”, und Löwith diese Zeit in der Einleitung “eine totale und systematische Umwälzung”. Zuerst aber treffen wir einen deutschen Jüngling vor dem ersten Weltkrieg, begeistert von Nietzsche und voller Ideale, der sich 1914 als Gymnasiast der Oberstufe aus den Ferien heraus sofort freiwillig zu den Fahnen meldet, 1915 zum Alpenkorps kommt, in den Dolomiten schwer verwundet, gefangengenommen und nach 8 Monaten Lazarett in ein österreichisches Kriegsgefangenenlager gebracht wird. (Die staatliche “Versorgungsgebühr” von 19 Mark für seine verletzte Lunge  wird nach dem November 1938 gestrichen.) Nach zwei Jahren Gefangenschaft 1917 war der Krieg für Löwith beendet – der größte Teil  seiner Schulkameraden gefallen. An der Universität Heidelberg fasziniert ihn Max Weber und ein Vortrag Albert Schweitzers hinterläßt einen lebenslangen Eindruck. Der Auseinandersetzung mit Nietzsche folgte 1923 die Promotion – und obwohl Löwith Nietzsche “als ein Kompendium der deutschen Widervernunft oder des deutschen Geistes” bezeichnet, “trennt ihn ein Abgrund von seinen gewissenlosen Verkündern, und doch hat er ihnen den Weg bereitet, den er selber nicht ging”. Mehr noch – es führt ein Weg von Nietzsche zu Goebbels’ heroischen Phrasen. Und obendrein schreibt Löwith: „Die deutsche Revolution von 1933 begann mit dem Ausbruch des Weltkriegs. Was 1933 in Deutschland geschieht, ist der Versuch, den verlorenen Krieg zu gewinnen.“ Der Weg führte vom „skeptischen Geist“ Friedrichs des Großen über Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ zu Hitlers „Mein Kampf“.

In kurzen Abschnitten schildert Löwith menschliche Begegnungen, die ihn nach dem 1.Weltkrieg formten, beeindruckten oder abstießen. (Hier seien nur einige angesprochen.) Da ist die Freundschaft mit Percy Gothein und die an ihm erfahrene „menschenbildende“ Prägung durch Gundolf und George, dessen „geistige Wegbereitung der nationalsozialistischen Ideologie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte“. Allerdings lehnte George die ihm 1933 angebotene Präsidentschaft der Dichterakademie ab und ging in die Schweiz, und wenn auch die Jüngeren „eine Neigung zur revolutionären Erneuerung“ hatten, „die ältere Generation des Georgekreises war ihrer Ablehnung der massendemokratischen Diktatur schon aus Geschmacksgründen sicher“. Löwith nennt hier besonders Karl Wolfskehl, “einer der ursprünglichen Gründer des Georgekreises“, mit dem er in Rom wieder zusammentraf, dem „die deutschen Ereignisse einen Schlag versetzt hatten, von dem er nur schwer und langsam wieder zu sich kam“. (Als Italien die deutschen Rassegesetze übernahm, wanderte Wolfskehl nach Neuseeland aus.) Auch Oswald Spengler, „der durch seine Schriften die Ideologie des N.S. wie kein anderer befördert hat, wandte sich im Augenblick seines faktischen Sieges erschreckt“ von Hitler ab. Karl Barths „Römerbrief“, zur gleichen Zeit erschienen, hatte eine ähnlich aufklärerische Wirkung. Ernst Bertram allerdings nannte die neue Bewegung eine “politisch geistige Teutoburgerwaldschlacht“!

Löwiths Abstinenz von allem Völkischen ist auch durch den Freiburger philosophischen Lehrer Ernst Husserl gefördert worden: „Er hat uns alle durch die Meisterschaft der phänomenologischen Analyse, die nüchterne Klarheit des Vortrags und die humane Strenge der wissenschaftlichen Schulung geistig erzogen..“ 1933 wurden Husserls Schriften als „Judenwerk“ aus den Bibliotheken entfernt.

Ganz anders verlief der bewußt gewählte Weg eines jungen Husserl-Schülers und Kollegen, dessen „faszinierende Wirkung“ auch zu „heftigen Kontroversen“ führte: Martin Heidegger. 1933 war er Rektor der Universität Freiburg geworden – er paßte ins Konzept. Heidegger orientierte sich an Kierkegaard, allerdings nicht auf dem Weg zur christlichen Erlösung, sondern zu einer „Existenzialontologie“, bestehend aus „pseudochristlichen Kategorien“. Bei Carl Schmitt wird daraus ein politischer Aspekt: Dezisionismus, Entscheidungen des eigenen Daseins dem Staat zu übertragen. Löwith erwähnt noch, daß Heidegger in dieser Zeit zweimal einen Ruf nach Berlin bekommt – und ihn ablehnt. Die Ablehnung bestand auf der Begründung der „Bodenständigkeit“ seiner geistigen Existenz - was sich nicht zuletzt auf seine Skihütte im Schwarzwald bezog.

Als Deutschland aus dem Völkerbund austritt, wird eine nachträgliche Wahl veranstaltet, „um dem Ausland zu zeigen, daß Deutschland und Hitler dasselbe seien“. Heidegger ließ die Freiburger Studenten geschlossen zum Wahlraum marschieren und dort en bloc ihre Jastimme zu Hitlers Entscheidung abgeben. An anderen Universitäten, wie z. B. in Marburg, „konnte man noch mit Ja oder Nein wählen, obwohl die Wahl nur noch pro forma geheim war“. Die doppelseitige Einflußnahme Heideggers erkennt man daran, daß Löwith ihm 18 Seiten widmet und verdeutlicht, daß dessen philosophische Grundlage, „diese politisch potenzierte Jugendbewegung aus der Zeit vor dem Weltkrieg stammt und aus dem Bewußtsein von Verfall und Vergehen kommt: dem europäischen Nihilismus“. Urheber ist Nietzsche und eine weitere Abschnittsüberschrift sagt: „Der Geist und das Christentum sind in Deutschland ein Anachronismus.“

Der erste Teil schließt mit der „deutschen Erhebung von 1933 und  der letzten Marburger Vorlesung“ und macht deutlich, daß Entlassungen, Judenhetze, Schandmärsche in Marburg wie überall zum Alltag gehörten und es einen entschiedenen Widerstand nur bei den protestantischen Theologen gab, allerdings auch hier nur anfänglich, „nur Bultmann und v.Soden blieben fest und hielten sich zur Bekenntniskirche“.

Außer Löwith wird auch der Romanist Leo Spitzer entlassen, der dann nach Istanbul berufen wurde, und Löwith geht nach Rom, wo ihn Heidegger 1936 anläßlich eines Hölderlin-Vortrags besucht – „betroffen von der Dürftigkeit unserer Einrichtung“. In wenigen Sätzen erfährt der Leser, wie vertraut Löwith einmal mit Heideggers Familie gewesen ist, eingeladen als Gast, Hüter der beiden Söhne, und wie unmißverständlich Heideggers Glaube an Hitler und den für Deutschland vorgezeichneten Weg.

 

1934 - 1936

Der Reise nach Rom und „dank der Rockefeller-Stiftung in ein freies Leben“ geht der Abschied aus Marburg voraus: von Bultmann, Gadamer, de Boor, Birtner, Jacobsthal und in München von der Mutter. In der Via Gregoriana findet er „ein schönes Zimmer“ und arbeitet an seinen Niezsche-Studien und Carl Schmitts „Begriff des Politischen“, wovon das Nietzsche-Buch – erstaunlicherweise - noch in Deutschland veröffentlicht werden konnte. Mussolini war noch kein Achsen-Politiker, für die Italiener der „Faschismus Mittel zum Zweck“ – und Löwith läßt einen Charaktervergleich der beiden Völker folgen: der Deutsche pedantisch und intolerant, der Italiener noch im schwarzen Hemd human, alle Italiener „durchdrungen von einer angeborenen umanità“. So war es selbstverständlich, daß es – die folgende Aufzählung fällt etwas merkwürdig aus – deutsch-nationalsozialistische Professoren in Rom gab wie auch „nur“ deutsche und deutsch-jüdische und russische Emigranten und insgesamt einen lebenserhaltenden Opportunismus, der dazu führte, daß ab 1936 nur noch nationalsozialistische Professoren eingeladen wurden: Freyer, Haushofer, Heidegger, Heyse, Naumann und Carl Schmitt - Benedetto Croce aber in seiner „Critica“ “monatlich ausspricht, was andere nur denken“. Karl Löwith trifft Herrn Hoppenstedt, dessen Bibliothek er benutzen darf, der später „Kulturgauleiter“ in Italien wird, und Ludwig Curtius, Direktor des Archäologischen Instiuts in Rom, den er aus der Studentenzeit bei Husserl kannte. Curtius „war ein Charakter … welcher die von ihm verlangte Beschränkung seines privaten Verkehrs nicht duldete .. und Heidegger .. lud er mit Absicht nicht ein.“

1938 vertrieben die italienischen Rassegesetze die meisten Freunde und Bekannten, die vorwiegend in die USA auswanderten, ihrer Vermögen beraubt, denn man gestand ihnen nur noch 2000 Lire, damals 500 Reichsmark zu.

Nach den ersten Teilabschnitten dieser Zeiteinheit wird es in der Abfolge der Inhaltsüberschriften und somit der Inhaltsfolge für den Leser wieder etwas kurios: nach „Russische Emigranten in Italien und Japan“ und „Die Vertreibung der Juden aus Italien“ folgt „Eine japanische und eine deutsche Naivität“, dann „Jüdische und arische Schicksale der Marburger Universität“, und nach  “Reflex der deutschen Ereignisse“ geht es „Auf den Prager Philosophiekongreß (1934)“ und zur „Rückkehr über Paris nach Italien“. Uns interessieren natürlich besonders die Marburger Verhältnisse; und Löwith beginnt mit dem Satz: „Die Schicksale der Marburger Kollegen waren folgende ..“ Es seien einige exakt referiert: „Als erste haben der Nationalökonom (Wilhelm) Röpke und der Orientalist (Albrecht) Götze, beide arisch, Deutschland aus politischen Gründen verlassen und im Ausland ihnen angemessene Stellen gefunden. Spitzer wurde nach Istanbul berufen und von dort an die Johns Hopkins Universität.“ Erich Auerbach wurde in der Türkei sein Nachfolger, Krautheimer „fand von Rom aus eine kleine Stelle an einem amerikanischen College“, Rohde in Ankara, Jacobsthal in Oxford, Frank und Friedländer in den USA. „Gadamer ist … nach vielen Quertreibereien Professor in Leipzig geworden. Bultmann ist unverändert bei seiner theologischen Arbeit geblieben und hat dank seines festen Charakters und seiner trockenen Sachlichkeit die Gefahren der Zeit überstanden.“ Lisa de Boor ist aufgrund ihrer inneren Freiheit dieselbe „herzhafte und kluge, tüchtige und teilnehmende Freundin geblieben“. In der philosophischen Fakultät werden Cohen, Natorp und Cassirer als „Träger der sog. Marburger Schule.. nicht mehr erwähnt“. Im Frühjahr 1935 wird Löwith der Lehrauftrag entzogen und er reist nach Berlin, um Widerspruch einzulegen, erfährt, daß der Dozentenschaftsführer dies erwirkt habe und sucht danach den Marburger Dekan auf, der sich als „rechtlicher Mann“ erzeigt und ihm bei der Duchsetzung seiner Gehaltsansprüche behilflich ist. „In diesen drei Tagen … lernte ich einen Japaner kennen, der, um bei mir zu studieren nach Marburg gekommen war … Er … riet mir, nach Japan zu gehen, wo ich (s.o.) durch meine Habilitationsschrift mehr als ich wußte bekannt war.“

Über Paris, „die Cafés voll von jungen deutschen Emigranten“, reist er zurück nach Italien. Alle europäischen Berufsbemühungen waren erfolglos geblieben, als ihn im Juni 1936 ein Telegramm aus Japan erreicht: die Berufung an die Universität von Sendai.

 

1936 – 1939

Vom einzigen Deutschen in Sendai war schon die Rede, aber es gab auch noch einige Missions-Amerikaner, Kanadier, zwei Italiener und einen Schweizer und an der Universität einen englischen Kollegen. Aus Deutschland kam Eduard Spranger, der 80 Vorträge in 12 Monaten hielt, und Löwith wunderte sich über den Wandel seiner Gesinnung: Samurai und preußischer Offizier, japanischer Opfermut und germanisches Heldentum wurden als verbindende Gemeinsamkeiten beschworen. Wie Schacht, Neurath und Papen, so Löwith, gab Spranger sich für eine schlechte Sache her, um im privaten Gespräch allerdings den Verfall der deutschen Universitäten zu beklagen.

Als nach dem November 1938 noch andere Deutsche kommen, erfährt Löwith zum erstenmal Einzelheiten der antisemitischen Maßnahmen, abgesehen davon, daß es einen parteiamtlich tätigen deutschen „Kulturwart“ gab, der versucht hatte, Löwiths Berufung zu hintertreiben und nun auch die Verlängerung des Aufenthalts. Japanische Nationalisten vergleichen Japans Verhältnis zu China mit dem Österreichs und Deutschlands und berufen sich auf Hitlers „Mein Kampf“, um wenigstens die zu erzwingende Gefolgschaft Chinas zu legitimieren. Um den Japanern „deutsches Wesen“ zu zeigen, reisten 30 Hitlerjungen durch Japan.

Es gibt vielfältige positive wie negative Begegnungen und immer wieder Verbindungen durch gemeinsame deutsche Bekannte und gespaltene Meinungen über Hitlers Politik, dann aber sind die Nachrichten, die nach der Übernahme Österreichs Japan erreichen und Löwiths weitverzweigte Familie betreffen, alarmierend. Gleichzeitig wird 1938 in Löwiths Paß das rote Juden-„J“ gestempelt und er zum Eintrag des Namens Israel gezwungen. Alle Namen, die es auch im christlichen Bereich gab, waren nun verboten.

Als 1939 die englische Geduld zu Ende ist und der von Hitler provozierte Krieg ausbricht, fragt sich Löwith, ob eine Rückkehr nach Deutschland möglich sein könnte. Mit Jakob Burckhardt gibt er sich die Anwort, „daß Emigranten nie oder wenigstens nicht mit Ersatzansprüchen zurückkehrten, das Erlittene als ihr Teil Erdenschicksal auf sich nähmen und ein Gesetz der Verjährung anerkennten ...“.

Zum Glück für deutsche Leser und philosophisch und politisch Interessierte ist das Ehepaar Löwith zurückgekommen und hat sein Leben in dem Land, das sie vertrieben hatte, wieder aufgenommen. Denn: Wer immer interessiert an historischen und menschlichen Schicksalen der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts und der sie verursachenden Doppelheit von zwei Weltkriegen und deren Folgen ist, wird Löwiths Erinnerungen und Nachdenklichkeiten mit Gewinn lesen.

Gudrun Westphal

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