Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Jörg Dierken / Arnulf von Scheliha (Hrsg.): Freiheit und Menschenwürde. Studien zum Beitrag des Protestantismus (= Religion in Philosophy and Theology, Bd. 16), Mohr Siebeck 2005, 337 S., ISBN 3-16-148769-9, 59,00 €

Neuere und neueste Entwicklungen in Wissenschaft und Technik machen die Beschäftigung mit Menschenbildern nötig. Im Diskurs um Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen in bezug auf Lebensbeginn und Lebensende rückt der Begriff der Menschenwürde einmal mehr in den Fokus der Betrachtung. Von vielen Juristen wegen der mangelnden Klarheit seiner Bedeutung kritisiert, gilt er Philosophen und Theologen als Ausgangspunkt ethischer Betrachtungen. Der Band Freiheit und Menschenwürde aus der Reihe Religion in Philosophy and Theology, in dem die Erträge einer Tagung in der Evangelischen Akademie Loccum versammelt sind, reiht sich ein in dieses schwer zu überblickende Feld, auf dem selbst derjenige, der nur die Rezensionen liest, bei der Ermittlung des Diskussionsstandes kaum mitkommt, angesichts der Flut an Neuerscheinungen. Die Aufsätze verstehen sich als Analysen des spezifisch Protestantischen an der Genese des modernen Freiheitskonzepts und können dabei aus dem Vollen schöpfen, schließlich verhält sich Freiheit zu Protestantismus wie Gerechtigkeit zu Katholizismus: es ist der Schlüsselbegriff, ohne den die Religiosität der Konfession nicht verstanden werden kann. Menschenwürde, so der Ansatz des Sammelbands, folgt unmittelbar aus der Freiheit, so dass die Struktur vorgeben ist: In Teil eins beschäftigen sich sieben Aufsätze mit „Freiheit als protestantische Leitkategorie“, gefolgt von fünf Beiträgen in Teil zwei, die sich mit „Menschenwürde als Auslegung von Freiheit“ befassen.

 

Die These von der Freiheit als protestantischer Leitkategorie, die schon Hegel vertrat, indem er darauf verwies, dass in der Reformation das moderne „Prinzip der Subjektivität“ entstanden sei, wird vielschichtig und aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen behandelt. Sie wird zum einen an den großen Klassikern reformatorischer Theologie festgemacht (zentral ist dabei selbstverständlich Luthers Von der Freiheit des Christenmenschen), zum anderen wird in zwei Beiträgen auf weniger bekannte Quellen protestantischen Freiheitsverständnisses hingewiesen (Magnus Schlette zu Johann Arndt, Anton Knut zu Kurt Leese). Ideengeschichtlich werden zum einen die Ursprünge im Mittelalter (Martin Ohst), zum anderen die Konsequenzen für Aufklärung und Moderne behandelt (Jörg Dierken); schließlich spricht Matthias Jung einen höchst aktuellen Topos an: die Hirnforschung. Systematisch wird Freiheit einerseits als Konzept der protestantischen Dogmatik eingeführt (Notger Slenczka), anderseits in der Literatur (Folkart Wittekind) aufgewiesen.

Für Mitherausgeber Dierken ist Freiheit als „religiöse Leitkategorie“ ein Korrektiv unserer Zeit, das angesichts der „scheinbaren Eigengesetzlichkeit medialer Kommunikationskultur, der Selbstzwecklichkeit kapitalistischer Erwerbsökonomie und der szientifischen Naturalisierung des Menschen einschließlich seines Innenlebens“ (S. 142 f.) zur Geltung kommen müsse, um „freiheitsgefährdenden Entwicklungen der Moderne [...] auch kontrafaktisch“ (S. 144) entgegenzuwirken; es komme deshalb darauf an, die Schärfe des begrifflichen Gehalts in der Tradition von Luther über Kant und Hegel bis zu Troeltsch aufzuspüren.

Heißt das, die Erkenntnisse, die seit Beginn der Moderne und insbesondere in den letzten zwanzig Jahren über den Menschen gemacht wurden, schlicht zu ignorieren, weil nicht sein darf, was durchaus sein könnte? Sicher nicht. In seiner hochinteressanten Analyse zu Freiheit in Hirnforschung und Alltagserfahrung weist Jung jedoch darauf hin, dass Neurobiologen und kritische Philosophen zum Thema Freiheit geflissentlich aneinander vorbei reden. Da sie unterschiedlich von und über Freiheit sprechen können und dies auch tun, geleitet von ihrem jeweiligen methodischen Paradigma – „Erklären“ (Naturwissenschaft) versus „Verstehen“ (Geisteswissenschaften) –, fehle ihnen ein „gemeinsames Sprachspiel“ (S. 186). Dabei ist der naturalistische „Angriff“ auf die Freiheit halb so dramatisch, unterscheidet man Ebenen der Freiheitsentfaltung – Jung nennt „Willkür-, Deliberations- und Artikulationsfreiheit“ (S. 205). Denn dann wird klar, dass Alltagsentscheidungen „nicht den Willkürcharakter der Libet-Experimente [haben]“ (S. 206), sondern immer Ergebnis einer Prüfung unter rationaler Abwägung von Gründen sind, die uns im Zweifel auch bei eindeutiger Motivlage von der gewollten Handlung abhalten: „Unsere Alltagserfahrung von Freiheit im Sinne der Fähigkeit zu reflexiv-normativer Distanzierung zu fassen, ist der entscheidende Denkschritt über den kurzschlüssigen Voluntarismus des Willkürkonzepts hinaus.“ (S. 208). Anderseits dürfe dieser Prozess nicht bloß als Affektkontrolle verstanden werden, Freiheit sei nicht auf eine „diskursive Überrumpelung bzw. Lizensierung biologischer Handlungsimpulse“ (S. 211) durch Erfahrung reduzierbar. Stattdessen gelte: Freiheit „sedimentiert sich in den Vollzug gewöhnlicher Sprechakte hinein“, die „strukturell frei“ sind und „an der Textur unserer Erfahrungen mit[weben]“ (ebd.). Freiheitsbegrenzung geschieht somit – vorausgesetzt, es geht um mehr, als darum, die rechte Hand zu heben! – aus frei geschaffenen Gründen, die das autonome Subjekt („das freie Selbst“, S. 217) aus freien Stücken zu beachten geneigt ist.

Dieser Befund kommt gerade richtig für den zweiten Teil, in dem es um den Zusammenhang von Freiheit und Menschenwürde geht. Neben Christian Schwarkes kulturvergleichender Studie zum Freiheitsbegriff in der Theologie Nordamerikas und Deutschlands, der Frage, inwieweit das Konzept der religiösen Freiheit zum Widerstand im Nationalsozialismus motivierte (JoachimScholtyseck) und einer juristischen Abhandlung von Christoph Enders zur Freiheit als Prinzip rechtlicher Ordnung, sind es zwei theologische Beiträge, die in ihrer je eigenen Entfaltung des Themas überzeugen: ein systematischer von Wolfgang Vögele zu einer fundamentaltheologischen Frage (Menschenwürde und Gottebenbildlichkeit) sowie ein historischer von Arnulf von Scheliha, der sich nicht nur der Harmonie, sondern auch dem Widerstreit der Ideen „Menschenwürde“ und „christliche Freiheit“ entlang der wechselvollen Geschichte protestantischen Denkens widmet.

Setzt Vögele die Entsprechung von Menschenwürde und Freiheit für das Christentum voraus , indem er sich auf die Harmonie von protestantischer Theologie und kantischer Philosophie stützt, zeigt der zweite Herausgeber des Bandes, von Scheliha, ausgehend von Ulrich Barths Studie zur Herkunft und Bedeutung des Menschenwürdekonzepts, dass dieses Mit- und Ineinander von Menschenwürde und Freiheit nicht immer und überall so selbstverständlich galt, wie gemeinhin angenommen: einerseits rekonstruiert er die Annahme liberaler Kreise, Freiheit und Menschenwürde verschmelzten zum unendlichen Wert der Seele vor Gott, andererseits weiß er Positionen konservativer Kreise innerhalb des Protestantismus’ im 19. Jh. anzuführen, die, bei aller Freiheitsrhetorik, das Konzept der Menschenwürde als „sozialistisch imprägniert“ (S. 254) ablehnten. Dies sei, so von Scheliha, freilich auch Barth nicht verborgen geblieben, der zwar zu zeigen vermag, „wie sich innerhalb der christlichen Religions- und Ideengeschichte die alttestamentliche Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit zum Menschenwürdekonzept entwickelt hat“ (S. 242), der sich aber im Klaren darüber sei, dass es sich um einen „äußerst schmalen Traditionsstrang“ (ebd.) handelt. Schließlich gibt von Scheliha die religiösen Kategorien der christlichen Vorstellung von der dignitas humana zu bedenken (etwa der Rekurs auf metaphysische Konzepte wie das der „Seele“, die für ein Menschenbild in teleologisch-transzendentaler Perspektive denknotwendig sind) und verweist damit auf die Differenz zum säkularen Freiheitsbegriff, selbstredend ohne den Zusammenhang von Freiheit und Menschenwürde aufzukündigen: Es sei vielmehr so, dass man eine „Menschenwürdegewissheit“ (S. 261, kursiv im Original) als Folge des absoluten Anspruchs auf Menschenwürde in den Blick zu nehmen habe, um diesen Zusammenhang zu sehen. Bezieht man sich auf diese Gewissheit, erkenne man, dass deren Zustandekommen und Geltung sich gerade in der Idee der christlichen Freiheit ausdrücke. Damit werde Religion als „eine reflektierte Form der Selbstzuschreibung von Menschenwürde“ (ebd.) zum Schauplatz realer menschlicher Selbstvergewisserung und sei infolgedessen ein „wesentlicher Faktor, der an der sozialen Anerkennung der Menschenwürde mitwirkt, auf die eine freiheitliche Grundrechtsordnung nicht verzichten kann.“ (S. 261 f.).

Was trägt der Band für die wichtigen Fragen gegenwärtiger Debatten um Freiheit und Menschenwürde aus? Ich denke, einiges von Bedeutung. Denn neben historischen (reformatorisches Freiheitsverständnis) und systematischen (protestantische Freiheitsdogmatik) Thesen von bloß begrenzter Originalität, in denen der Freiheitsbegriff nach bekannten Mustern diskutiert wird, kommen sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht interessante Aspekte zur Sprache, die für unsere aktuellen Diskurse (Willensfreiheit und Verantwortung angesichts der offensiven Ausdeutung neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse, Rechtfertigung und Grundlegung politischen Handelns in einer [post-]säkularen Gesellschaft) größte Relevanz haben. Dabei wird deutlich – und das scheint mir gegenwärtig sehr wichtig zu sein –, dass protestantisches Denken zur (systematischen) Aufklärung über die (historische) Aufklärung beigetragen hat und auch heute noch beiträgt, indem es einem naturalistischen Menschenbild sowie der damit einhergehenden Tendenz zur innerweltlichen Verzweckung des Menschen durch den teleologischen Verweis auf Gott entgegenwirkt. Ein Denken, das einen transzendentalen Zweck des Menschen vertritt, kann Sinn stiften und ist durchaus vereinbar mit einer Aufklärung, die über sich selbst aufgeklärt ist. Der Sammelband Freiheit und Menschenwürde zeigt: Von Luther ist der Weg nicht weit bis zu Kant und von dort nicht weit bis zu einer aufgeklärten Religion, die Glauben und Wissen als komplementäre Erfahrungen begreift. Der Band sei allen empfohlen, die an einem solchen Zusammenwirken interessiert sind.

Josef Bordat

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