Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Hypochonder des Geistes.

Kritische Anmerkungen zu Richard Dawkins Theorie kultureller Evolution

von Olaf Dilling

Trotz einer skeptischen Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie ist unter Naturwissenschaftlern eine Art wissenschaftlicher Positivismus verbreitet, zu dessen Selbstverständnis die restlose Erklärbarkeit der Natur und die Eindeutigkeit sprachlicher Äußerungen zählen. Zu Beginn seines Buches Der Gotteswahn wirft Richard Dawkins Albert Einstein vor, durch die Bezugnahme auf Gott (etwa in seinem berühmten Diktum „Gott würfelt nicht!“) zum Ausdruck zu bringen, dass es prinzipiell Unbegreifliches gäbe, und dabei zudem einen Begriff zu verwenden, der im alltäglichen Sprachgebrauch Übernatürliches impliziert.[1] Eine derart unklare Ausdrucksweise fasst Dawkins als Steilvorlage für Kreationisten und deshalb als „intellektuellen Hochverrat“ auf.[2] Allerdings weist er zugleich darauf hin, dass Einsteins Stellungnahmen zur Religion auch bei etablierten Kirchen keinen großen Anklang fanden. Dessen pantheistische Gottesvorstellung entbehrt nämlich ganz offensichtlich jeder Transzendenz.

Das Problem ist also letztlich gar nicht, dass Einsteins Verhältnis zum Übernatürlichen ungeklärt wäre, sondern dass Dawkins nicht bereit ist, Einsteins Rationalitätskritik zu tolerieren. Deren Zumutung scheint vor allem darin zu liegen, dass der vielleicht berühmteste Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts mit seiner Rede von Gott geringere Ehrfurcht vor den Fortschritten disziplinärer Erklärungsversuche als vor den davon nicht erfassten Qualitäten des Forschungsobjekts an den Tag zu legen schien. Dass ein Wissenschaftler, der den Namen Gottes missbräuchlich führt, sich nicht nur den Zorn der Kirche, sondern auch den des bekennenden Atheisten Dawkins zuzieht, hat aber noch andere, tiefer liegende Gründe. Diese Gründe erschließen sich bei einer Analyse der von Dawkins vertretenen Theorie kultureller Evolution.

Als Evolutionsbiologe hat Richard Dawkins unbestritten einen wichtigen Beitrag für das Verständnis des Lebens auf unserem Planeten geleistet; vor allem hat er auf luzide Weise die Konsequenzen der modernen Genetik für die Evolutionstheorie herausgestellt. Die wohl wichtigste Innovation, die Dawkins in seinen Büchern popularisiert hat, ist die Vorstellung, dass es bei der Evolution des Lebens nicht in erster Linie ums Überleben und die Fortpflanzung der Art oder des einzelnen Organismus geht, sondern um den Fortbestand und die Ausbreitung einzelner Gene. Dafür sind vor allem Viren ein gutes Beispiel: ein Virus kann erfolgreich sein, unabhängig davon, ob sein Wirt überlebt oder nicht. Andere Gene sind zwar auf das Überleben ihres „Wirts“, das heißt: des Phänotyp angewiesen, aber nach Dawkins ist der Wirt lediglich Mittel zum Zweck.

Der Organismus wird sozusagen zum nützlichen Idioten seines Erbmaterials, ein Spielball von parasitären und symbiotischen Replikatoren. Schon im Vorwort zur ersten Auflage von Das egoistische Gen wird das deutlich: „Wir sind Überlebensmaschinen – Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden.“[3] Der Anpassungsprozess findet nicht zwischen dem Organismus als Ganzem und der Umwelt statt, sondern zwischen einem Gen und seiner Umwelt, bestehend aus anderen Genen, dem Phänotyp und dessen Umwelt im herkömmlichen Sinne. Die Umweltanpassung des Phänotyps und die daraus resultierende Überlebensfähigkeit ist deshalb nur ein Faktor unter mehreren, der für die Fitness des Gens entscheidend ist. Soweit so gut. Mit einigen seiner Kollegen hat Dawkins eine sehr plausible Theorie der Evolution lebendiger Prozesse entwickelt, die vor allem durch ihre schlichte Eleganz überzeugt.

Dabei wehrt sich Dawkins strikt dagegen, dass es neben diesen evolutionären Prozessen, die auf der Ebene des Genotyps ansetzen, auch auf Ebene des Phänotyps bemerkenswerte strukturbildende Prozesse geben könnte. Nach Dawkins ist der Organismus vielmehr durch Gene determiniert: „Lebende Körper sind Maschinen, die von Genen, die überlebt haben, programmiert worden sind.“[4] Die Entwicklung des Lebens ist dabei nicht durch bestimmte morphologische Strukturen, sondern allein durch die blinde Mutation der DNA bestimmt. In The Blind Watchmaker beschreibt Dawkins die Entwicklung des Lebens anhand eines Computerprogramms, das auf zufällige Weise eine beliebige Vielfalt von Figuren produziert.[5] 

Neuere Ansätze in der Biologie gehen von morphologischen Strukturen des Organismus aus, die auf Gesetzen der Selbstorganisation komplexer Systeme beruhen. Dies geht über die mechanistische Determination des Organismus durch die DNA hinaus und stößt bei Dawkins auf Ablehnung.[6] Möglicherweise ließe sich bei Berücksichtigung anderer Einflüsse die schlichte Eleganz von Dawkins Theorie nicht aufrecht erhalten. Jedenfalls verteidigt Dawkins seine neodarwinistische Version der Evolutionstheorie auf vehemente, zum Teil auch polemische Weise gegen diese anderen Ansätze.[7]

Dass diese Intoleranz im wissenschaftlichen Diskurs im Zusammenhang mit seiner Theorie des egoistischen Replikators und seiner Religionskritik stehen könnte, zeigt sich, wenn zusätzlich Dawkins Konzeption kultureller Evolution berücksichtigt wird. Es reicht Dawkins nicht aus, seine Theorie der egoistischen, selbstreplizierenden Strukturen nur im eigenen disziplinären Rahmen anzuwenden. Bereits am Ende seines Bestsellers über das egoistische Gen geht er darauf ein, dass das Leben auf der Erde nicht auf die biologische, nach seiner Vorstellung im Wesentlichen durch die Evolution von Genen determinierte Entwicklung beschränkt ist; vielmehr sei auch die Entwicklung von Ideen und kulturellen Ideenkomplexen ein evolutionärer Vorgang. Ein Replikator ist nach Dawkins Auffassung ein Stück codierter Information, das exakte Kopien seiner selbst anfertigt, und daneben auch gelegentlich ungenaue Kopien oder Mutationen.[8] Auch auf der Ebene kultureller Evolution gäbe es die egoistischen Replikatoren, die von ihm dann als „Meme“ bezeichnet werden. Beispiele sind „Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermode, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen.“[9] Gemeint sind also inhaltlich bestimmte Elemente sozialer Kommunikation, welche die entscheidende Einheit kultureller Evolution sein sollen. Diese Idee der memetischen Evolution hat sich inzwischen ironischerweise verselbständigt und in der Populärkultur als sogenanntes Internet-Mem einige Berühmtheit gewonnen.

Die Memtheorie findet offenbar vor allem bei einer neuen Generation von Akademikern Anklang, für welche die Selbstmordattentate auf das World Trade Center das prägende öffentliche Ereignis waren. Es handelt sich zugleich um die erste Generation von Akademikern, die aus eigener Erfahrung keine Welt ohne Internet und EDV mehr kennen. Von dem Umgang mit Ideen und Argumentationen im Zeitalter des Internet und der EDV können Lehrer an Gymnasien und Dozenten von Proseminaren ein Lied singen. Für viele der jüngsten Akademikergeneration ist das Schreiben eines Aufsatzes identisch mit dem Sammeln von Daten mit der Suchmaschine Google, dem Herunterladen von Dateien auf die eigene Festplatte, dem automatisierten Durchsuchen der Dateien nach den relevanten Stichworten und dem mehr oder geschickten Arrangieren von Versatzstücken. Das Risiko bestand zu ihrer Schülerzeit weniger darin, von Lehrern (meist ohne vertiefte Computer- und Internetkenntnisse) bei einer Urheberrechtsverletzung erwischt zu werden, als sich einen Computervirus einzufangen. Obwohl geistiger Diebstahl in den letzten beiden Jahrzehnten zum Massenphänomen geworden ist, findet eine echte Aneignung von Ideen beim oberflächlichen Kopieren von Informationen nicht statt. Es ist kaum verwunderlich, dass vor diesem Hintergrund von weiten Teilen der Free Content–Bewegung nicht mehr akzeptiert wird, dass es so etwas wie intellektuelles Eigentum überhaupt geben soll. Mit ihrer Metaphorik vom Einpflanzen und mechanischen Kopieren von Daten scheint die Memtheorie ihre optimale ökologische Nische in der intellektuellen Kultur des Copy&Paste gefunden zu haben.[10]

In den Sozial- und Geisteswissenschaften ist die Idee vom Mem zu einer Art trojanischem Pferd geworden, mit dem Dawkins mechanistische Vorstellungen der Evolution auf geistige oder kulturelle Zusammenhänge übertragen werden sollen. Dabei werden aber gravierende Unterschiede vernachlässigt. Wenn die Theorie des egoistischen Gens sich noch als elegante Simplifikation bezeichnen lässt, so ist die Memtheorie ein ziemlich plumper Reduktionismus. Es ist plausibel, dass die biologische Evolution primär auf der Basis einzelner, klar definierter Gene stattfindet, die je eine Aminosäuresequenz codieren, und die sich nur durch zufällige Mutationen verändern können. Dagegen scheint es weder möglich zu sein, elementare Meme klar wie Gene zu definieren, noch codieren sprachliche oder symbolische Äußerungen in der sozialen Welt auf eindeutige Weise festgelegte Sinngehalte, und sie werden offensichtlich auch nicht ausschließlich durch Zufallsmutationen, sondern häufig in zielgerichteter Weise verändert.[11] „Mem“ scheint daher eine eher lose Metapher für eine deterministische Perspektive zu sein, welche die Welt der Ideen dabei aber nicht vollständig ausblenden kann. Problematisch ist es, wenn diese Metapher suggeriert, auch ohne Auseinandersetzung mit etablierten Ansätzen in den Geistes- und Sozialwissenschaften (oder zumindest der naturwissenschaftlichen Kognitionsforschung) weitreichende Erkenntnisse über Bewusstsein und Gesellschaft ableiten zu können.

Das beste Beispiel für eine vorschnelle Anwendung dieser Theorie der kulturellen Evolution ist wohl Dawkins Gotteswahn. Religion wird in diesem Buch in polemischer Zuspitzung zu einer Art kollektiver Paranoia stilisiert, die ansteckend ist und sich für die Menschheit offenbar ausschließlich negativ auswirkt. In seinen eigenen Worten ist Religion kein symbiotisches Mem, auch kein bloß lästiger Schmarotzer, sondern ein höchst gefährlicher Parasit. Zustimmend gibt Dawkins die Zusammenfassung seiner Gedanken durch einen Kollegen wieder: „Wenn mir jemand ein fruchtbares Mem in meinen Geist einpflanzt, so setzt er mir im wahrsten Sinne des Wortes einen Parasiten ins Gehirn und macht es auf genau die gleiche Weise zu einem Vehikel für die Verbreitung des Mems, wie ein Virus dies mit dem genetischen Mechanismus einer Wirtszelle tut . . . Und das ist nicht einfach nur eine Redeweise – das Mem für, nehmen wir z.B. einmal an, ‚den Glauben an das Leben nach dem Tod’ ist tatsächlich physikalisch verwirklicht – Millionen von Malen besteht es als eine bestimmte Struktur in den menschlichen Nervensystemen auf der ganzen Welt.“[12] Übertragen werden diese Strukturen natürlich nicht mit Hilfe von Spermien, Eiern oder Vektoren, sondern „indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen mit Hilfe eines Prozesses, den man im allgemeinen Sinn als Imitation bezeichnen kann.“[13] Diese Imitation wird offenbar als ein mechanisches Kopieren verstanden, ähnlich dem Kopieren der DNA in genetischen Prozessen oder dem Kopieren von Daten von Computer zu Computer.[14] Zur Erläuterung gibt Dawkin die Beispiele eines Zimmermanns, der einem jungen Lehrling seine Handgriffe beibringt oder die Verbreitung von Origamitechniken unter Schulkindern.

Natürlich ist die Pointe der Theorie, dass auch Ideen als Meme der Evolution unterworfen sind. Die Frage liegt nahe, weshalb ein nach Dawkins Auffassung für die Menschheit so nutzloses oder sogar schädliches Mem wie die Religion sich so lange hat halten können. Hier aber kann Dawkins auf die Analogie mit den Viren verweisen. Allgemeiner kann er seine Auffassung geltend machen, dass die maßgebliche Einheit der Selektion, auf deren Verbreitung es ankommt, grundsätzlich der Replikator ist, in dem die Information codiert worden ist. Ebenso wie der biologische Organismus, der in Dawkins Modell zum Spielball der egoistischen Gene wird, erleidet das menschliche Bewusstsein bestimmte Meme oder Memkomplexe, mit denen es konfrontiert wird, wie fatale Krankheiten. Vielleicht kann man sich vor ihnen noch mit etwas geistiger Hygiene schützen. Wenn sie einem aber erst einmal in den „Geist eingepflanzt“ wurden, spulen sie ihr Programm unaufhaltsam ab.

Ebenso wie für den biologischen Organismus, der für Dawkins jenseits seiner Determination durch Gen-Populationen keine wesentlichen morphologischen Strukturen oder Stabilisierungsmechanismen aufweist, müsste bei einer konsequenten Weiterentwicklung der Memtheorie auch das individuelle Bewusstsein und die gesellschaftliche Öffentlichkeit in ein Aggregat unterschiedlicher Meme zerfallen. Sie können sich bekämpfen oder verbünden, sind jedoch in keiner Weise umfassend integriert oder gegen ihre Umwelt abgegrenzt. Ganz so weit geht Dawkins jedoch nicht, da er offenbar vor den Konsequenzen dieses Schrittes für den liberalen Individualismus zurückschreckt. Stattdessen geht er offenbar von einem Dualismus innerhalb des menschlichen Geistes aus. Anders als bei der Entwicklung des unbewussten Lebens spielt für ihn bei der kulturellen Entwicklung neben Evolution offenbar auch so etwas wie „intelligentes Design“ eine Rolle.

Allerdings versucht er nicht, diese beiden Komponenten, Evolution und Design, in einer umfassenden Theorie zu integrieren, sondern greift zur Erklärung von kulturellen Phänomenen etwas willkürlich auf beide Elemente zurück. Über die kirchliche „Drohung mit dem Höllenfeuer“ schreibt Dawkins: „Sie hätte fast mit Vorbedacht von einer in tiefenpsychologischen Unterweisungstechniken ausgebildeten macchiavellischen Priesterschaft geplant sein können. Doch ich bezweifle, dass die Priester derart schlau waren. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass unbewußte Meme ihr Überleben selbst sichergestellt haben...“.[15] Auch in Gotteswahn wird dieser Dualismus zwischen dummen Priestern und raffinierten Memen, zwischen Evolution und Design beibehalten.[16]

Durch diesen Dualismus kann die Memtheorie selektiv auf bestimmte kulturelle Phänomene angewendet werden. Sie wird so zu einem Hebelinstrument im Kampf der Ideologien, das seinen eigenen Auflagepunkt nicht gefährdet: dieser scheint vom Anwendungsbereich der Memtheorie ausgenommen zu sein. Offenbar ist die positive Wissenschaft selbst nicht Gegenstand blinder Evolution, sondern wohl durchdacht und begründet.

Statt einer geistigen Bereicherung stellen Ideen, deren praktischer Nutzen für den bestehenden Mempool eines Bewusstseins (oder einer Gesellschaft) nicht unmittelbar einsichtig ist, eine Bedrohung dar. Ein Mem, das nicht erkennbar symbiotisch ist, könnte ja möglicherweise zu den parasitären Memen zählen, denen es nur um ihre eigene Verbreitung, nicht aber um den Fortbestand ihres Wirtes geht. So geht bei Dawkins sozialpsychologischer Determinismus Hand in Hand mit einem eindimensionalen Utilitarismus; letztlich führt die Kombination zu einer höchst illiberalen Geisteshaltung.

Natürlich hat Dawkins Recht, dass neue Ideen, die unsere bisherigen Weisheiten in Frage stellen, stets eine große Herausforderung sind. In seiner Metaphorik formuliert unterschätzt Dawkins aber entschieden das Immunsystem des individuellen Bewusstseins und der öffentlichen Kultur. Genauer gesagt weisen strukturierte Ideenkomplexe, wie sie den menschlichen Geist und die Kultur kennzeichnen, die Fähigkeit zur dynamischen Selbststabilisierung auf und werden gerade dadurch zu einer differenzierten Reaktion auf äußere Einflüsse befähigt.[17] Intellektuellen Herausforderungen wird dabei weder durch tolerante Beliebigkeit und blindes Kopieren, noch durch bornierte Abwehr angemessen begegnet. Zwischen Bücherverbrennung und passiv erduldeter Gehirnwäsche gibt es schließlich ein breites Spektrum an Möglichkeiten des souveränen und kreativen Umgangs mit anderen Meinungen. Dies setzt voraus, sich kritisch aber unvoreingenommen auf neue Theorien einzulassen, die das bisherige Weltbild in Frage stellen. Erforderlich ist dafür ein intellektuelles Selbstbewusstsein, für das die Angst vor ungewollter Infektion Gift ist.

Ein Intellektueller, der andere Ansichten oder Weltanschauungen als Meme fürchtet, die in sein Bewusstsein gepflanzt werden und sich dort unkontrolliert vermehren, gleicht einem Arzt, der nur Ferndiagnosen stellen kann, weil er sich aufgrund einer hypochondrischen Paranoia nicht in die Nähe seiner Patienten wagt. Eine Art Ferndiagnose hat Dawkins in seinem Buch über den „Gotteswahn“ entsprechend auch der Religion gestellt; seine pauschale Kritik bezieht sich auf ein Klischee, das von Kenntnissen theologischer Dogmatik ungetrübt ist. Dies gibt Dawkins in dem Vorwort zur englischen Taschenbuchausgabe sogar offen zu. Als Entgegnung auf diese von Theologen geäußerte Kritik zitiert Dawkins einen seiner Anhänger, der geschrieben habe, dass es für einen Kritiker Kaisers neuer Kleider auch nicht notwendig sei, sich mit den Finessen ihrer Herstellung zu beschäftigen.[18] Eine Auseinandersetzung mit subtilen Theologen wie Bonhoeffer oder Tillich hält er im Übrigen nicht für nötig, da sie nicht repräsentativ für heutige religiöse Phänomene seien.[19] Könnte der Autor eines wissenschaftskritischen Buches sich erfolgreich darauf berufen, sich nur auf die in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommene populärwissenschaftliche Literatur zu beziehen?

Nicht nur wegen der Angst vor vertiefter Auseinandersetzung mit unwissenschaftlichem Gedankengut, sondern aus noch einem anderen Grund beschreibt das Bild des Hypochonders die Geisteshaltung Richard Dawkins und seiner Anhänger gut. Aus somatischer Sicht ist die Hypochondrie keine ernsthafte, sondern nur eine eingebildete Krankheit. Aus psychologischer Sicht könnte man sie dagegen als eine der gefährlichsten und ansteckendsten Krankheiten bezeichnen, da bereits die Angst vor der Krankheit ausreicht, um den Krankheitszustand hervorzurufen. Auch Dawkins Memetik hat in gewisser Weise so einen zirkulären Charakter, der dem Phänomen der self-fulfilling prophecy verwandt ist. Dawkins Memetik scheint auf der Vorstellung zu beruhen, dass die Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Ideen sich nur an der Oberfläche des Bewusstseins abspielt – sobald sie sich festgesetzt haben, scheint alles zu spät zu sein. Wenn etwa jemand in früher Kindheit religiös indoktriniert wird, habe er das ganze Leben an dem religiösen Wahn zu leiden. Die Angst vor dem unwiderstehlichen Zwang fremder Ideen führt jedoch geradewegs dazu, sich mit ihnen nicht mehr auf profunde und kreative Weise auseinander zu setzen. Wenn ihr praktischer Nutzen offensichtlich über jeden Zweifel erhaben ist, werden sie imitiert, wenn sie suspekt sind, werden sie vermieden. Je mehr wir an die Memetik glauben, desto weniger vertrauen wir unseren geistigen Immunkräften, desto eher müssen wir mit Ideen umgehen wie mit gefährlichen Memen, desto besser beschreibt die Mem-Theorie unseren realen Umgang mit Ideen. Als Hypochonder des Geistes sind wir in einen psychologischen Teufelskreis gebannt und werden damit selbst zum Opfer einer fixen Idee, nämlich der des universalen egoistischen Replikators.

Trotz des aufklärerischen Anspruchs hat Dawkins Kulturtheorie kaum etwas mit einer freiheitlichen Aufklärung zu tun, die souverän genug ist, sowohl selbstbewusst als auch selbstkritisch zu sein. Obwohl Dawkins als Soziobiologe selbst politische Interventionen in seine wissenschaftliche Arbeit befürchten muss, knüpft seine eigene Position in der Fundamentalismusdiskussion an die humorlose Wortgläubigkeit politisch korrekter Sprachpolizei an.[20] Wenn das Bewusstsein mit Hilfe sprachlicher Hygiene bisher aber vor allem von patriarchalischen, rassistischen und neuerdings auch sogenannten speziesistischen Elementen bereinigt werden soll, so geht es Dawkins nunmehr um eine Bereinigung der Sprache von religiösen Motiven und eine positive Besetzung des Atheismus durch den Neologismus „Bright“.[21] Dies wird besonders deutlich zu Ende von Gotteswahn, wo er auf den Missbrauch der Religion für Erziehungszwecke eingeht.[22] Dawkins bringt zum Ausdruck, dass seiner Auffassung nach eine katholische Erziehung Kindern mehr schade als sexueller Missbrauch durch die Priester.[23] Natürlich sieht auch Dawkins es ein, dass es absurd wäre, deswegen die Bibel und die christliche Literatur vollkommen aus dem pädagogischen Curriculum zu verbannen. Aber zumindest soll sie lediglich als fiktive Literatur behandelt und durch korrekte Interpretation entschärft werden. So legt Dawkins nahe, dass Hamlets Spruch „There are more things in heaven and earth, Horatio / That are dreamt of in your philosophy”, sich in Wahrheit gar nicht gegen oberflächliche Rationalisten und Skeptiker wenden würde. Bisher möglicherweise sei bloß der Fehler begangen worden, beim Rezitieren die Betonung auf das „your“ zu legen.[24]

Gefährlich kann aus Sicht der Dawkins’schen Memetik nicht nur die Religion oder andere Formen der Materialismuskritik sein, sondern alle obskuren Ideen, die sich möglicherweise nicht eindeutig genug mit kontrollierter wissenschaftlicher Methodik falsifizieren lassen. Viel übrig bleibt da gar nicht. Die Mikrobiologin Lynn Margulis, die mit der Endosymbiontentheorie die Herkunft der eukaryotischen Zelle klären konnte, berichtet, dass sich Dawkins über die von ihr und James Lovelock entwickelte Gaia-Hypothese, nach der die Biosphäre ein sich selbst regulierendes Ökosystem sei, noch nicht einmal am Telefon unterhalten wollte.[25]

Auch der Fundamentalismus weist eine ähnlich selbstverstärkende sozialpsychologische Dynamik wie Dawkins geistige Hypochondrie auf. Der Fundamentalismus ist vor allem eine Ideologie der Angst. Das gilt nicht nur für das politische Mittel des Fundamentalismus, den Terror, sondern auch für seine Motive. Eine Auseinandersetzung mit der Rhetorik des islamistischen Terrors zeigt, dass es weniger um eine positive Überzeugung von der Allmacht Gottes und des Glaubens geht, sondern um die Angst vor Überfremdung und vor Identitätsverlust. Der Fundamentalismus fällt typischerweise nicht in die Blütezeit einer Weltanschauung, sondern ist ein Krisensymptom. Dies würde jedenfalls erklären, warum der Islam im frühen Mittelalter eine so tolerante Religion und das Christentum im späten Mittelalter eine so intolerante war. Nach dem Selbstverständnis des modernen religiösen Fundamentalismus stellt er vor allem eine Reaktion auf die expansiven Tendenzen des Marktes, der Wissenschaft und einer öffentlich ausgelebten Sexualität dar. So führen – tatsächliche oder subjektiv wahrgenommene – säkulare Fundamentalismen zu religiösem Fundamentalismus.

Für den Westen ist der fundamentalistische Terror vor allem eine Herausforderung für die freiheitliche und offene Gesellschaft, erst in zweiter Linie eine materielle Bedrohung. In gewisser Weise hat, wer sich vor dem Einfluss religiöser Dogmen fürchtet, den Kampf gegen den Fundamentalismus bereits verloren. Die Bedrohung des liberalen Lagers durch den Fundamentalismus hängt auf verwickelte Weise davon ab, inwieweit das liberale Lager den Fundamentalismus als Bedrohung versteht. Dies aus zwei Gründen: zum einen wächst die äußere Bedrohung durch religiösen Fundamentalismus, wenn das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und dem Fundamentalismus in die Arme getrieben wird; zum anderen kann der Fundamentalismus die liberale Gesellschaft auch von innen in Form des Wissenschaftsfundamentalismus aushöhlen, wenn jede nicht wissenschaftlich fundierte (aber dabei doch nicht notwendig unwissenschaftliche) Praxis als irrational oder gar paranoid inkriminiert wird.[26]

Bereits 1970 hat der Biologe und Systemtheoretiker Gregory Bateson in einer Anmerkung zur Frage der Behandlung der Genesis im kalifornischen Biologieunterricht dazu gemahnt, nicht die Fehler der religiösen Fundamentalisten mit anderem Vorzeichen zu begehen: „Wenn wir die Fundamentalisten bekämpfen, bringen wir uns in einen Zustand der Hirnlosigkeit, der ihrer eigenen entspricht.“[27] Stattdessen schlug Bateson vor, sich auch mit der „Evolution der Evolutionstheorie“ zu befassen und zu überlegen, was sich aus den unterschiedlichen Auffassungen über den Ursprung des Lebens lernen lässt.

Als Beispiel vergleicht er die Genesis mit dem Schöpfungsmythos der Iatmul auf Neuguinea, bei denen ein Krokodil durch seine Bewegungen Land und Meer vermischt hatte; der Schöpfungsakt bestand darin, dass das Krokodil vom ersten Menschen getötet wurde, damit eine Trennung von Land und Meer möglich wurde. Bateson kann dabei zeigen, dass beide Mythen auf unterschiedliche Probleme reagieren: Während für die abrahamitische Tradition die Ordnung erklärungsbedürftig ist und einer transzendenten Intervention bedürfe, sei für die Iatmul das Chaos erklärungsbedürftig, da Kreativität und Vielfalt die Regel sei. Während Gott die Entstehung von Ordnung erklärt, erklärt die Anwesenheit des mythischen Krokodils die Ungeordnetheit der Welt vor dem Schöpfungsakt. Für die abendländische Tradition ist Geschichte aus paradiesischer Perspektive immer Verfallsgeschichte; für die Iatmul bildet sich die Ordnung nach dem Schöpfungsakt erst allmählich heraus: die Schöpfung ist vielleicht noch gar nicht vollendet.

Auch vor dem Hintergrund moderner Naturwissenschaft ist es keine triviale Frage, weshalb es in der Welt eine Entwicklung zu immer größerer Vielfalt und Komplexität gibt, obwohl nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik die Entropie grundsätzlich zunimmt.[28]   Die Zufallsbewegung der Moleküle soll demnach irgendwann zum sogenannten Wärmetod führen, der dem Zustand der Welt am Anfang der Genesis wohl recht gut vergleichbar ist. Entsprechend ist die zentrale Frage für die Theorie komplexer Systeme diejenige nach der Emergenz von „Ordnung aus Lärm“.

„Gott ist todt!“, schrieb Friedrich Nietzsche in Die fröhliche Wissenschaft. Aus dem Zusammenhang gerissen, wird dieses Zitat leicht als Ausdruck triumphierender atheistischer Selbstgerechtigkeit missverstanden. Stattdessen geht es in der gleichnishaften Passage um das Schaudern und die Ratlosigkeit eines Wahnsinnigen vor der gigantischen Leerstelle im Zentrum des postmetaphysischen Zeitalters: „Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? (...) Diess ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, es ist noch nicht an das Ohr der Menschen gedrungen. (...) Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, - und doch haben sie dieselbe gethan!“[29] So spricht der Wahnsinnige zu oberflächlichen Atheisten, die den Marktplatz bevölkern und ihn zunächst auslachen, als er mit einer Laterne am hellichten Tage Gott sucht, nach seiner Rede aber befremdet schweigen. Schon zuvor heißt es in der fröhlichen Wissenschaft: „Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt.“[30]

Der Vergleich vormoderner Schöpfungsmythen, wie ihn Bateson betrieben hat, kann das Bewusstsein dafür schärfen, dass auch in wissenschaftlich fundierten Weltbildern mehr oder weniger säkularisierte Elemente religiösen Denkens stecken. Nicht nur unsere Werte haben sich aus der jüdisch-christlichen Kultur entwickelt; auch unser wissenschaftlicher Problemhorizont ist weiterhin durch sie geprägt. Ein aggressiver, zugleich aber oberflächlicher Atheismus, der dies nicht berücksichtigt, wird weder neuen Formen der Spiritualität gerecht, noch kann er zu einer wirklich – und das heißt auch über sich selbst – aufgeklärten Wissenschaft führen.

Wenn die Konsequenz der Kritik an Dawkins wäre, seine natur- und sozialwissenschaftlichen Hypothesen zu verwerfen, da sie sich für illiberale Schlussfolgerungen missbrauchen lassen, wäre dies sicher nicht im Sinne von Batesons Appell zur Aufgeschlossenheit gegenüber den unterschiedlichen Evolutionstheorien. Der Dawkins’sche Wissenschaftsfundamentalismus würde schlicht durch einen anders gearteten Fundamentalismus ersetzt. Vielmehr muss Dawkins Memtheorie unabhängig von ihren politischen Konsequenzen als schöpferische geistige Leistung ernst genommen und ihr Potential ausgelotet werden. Wenn eine mechanistische Deutung der Memtheorie zu simpel erscheint, ist damit nicht gesagt, dass eine differenziertere Theorie kultureller Evolution nicht interessante neue Perspektiven auf alte Probleme in den Sozial- und Geisteswissenschaften bieten kann. Weiterführend ist auch die Einsicht, dass die Verbreitung von Ideen oder sozialen Praktiken nicht alleine von ihrer Nützlichkeit für die menschlichen „Wirtsorganismen“ abhängt. Dass Ideen etwa Mechanismen entwickeln können, sich gegen jede Widerlegung zu immunisieren, zeigen Verschwörungstheorien auf eindrucksvolle Weise. Möglicherweise gründet auch der Erfolg von Dawkins Memtheorie zum Teil darauf, dass sie ihre Anhänger auf übertriebene Weise von einem intensiveren Kontakt mit konkurrierenden Weltanschauungen abhält.

Dass sie aber gerade in den letzten Jahren so viele Anhänger gefunden hat, liegt wohl auch daran, dass der Mainstream der angelsächsischen Sozialwissenschaft, der sich vor allem an utilitaristischen Rational Choice-Modellen orientiert, für die Selbstmordattentate der Al Kaida und das Erstarken des religiösen Fundamentalismus keine überzeugende Erklärung hat. Dawkins Memtheorie scheint sich als Erklärung anzubieten; zugleich bleibt Dawkins dem individualistischen Utilitarismus vielleicht nicht methodisch, zumindest aber in normativer Hinsicht treu, wenn er die Art der parasitären Meme, die zum Märtyrertod führen, als abnorm, als krankhaft markieren will.

Nun ist das Einstehen für die eigenen Überzeugungen unabhängig von individuellen Nutzenerwägungen kein Privileg religiöser Fundamentalisten. Auch undogmatische Geister wie Giordano Bruno oder Sophie Scholl sind für ihre Überzeugungen in den Tod gegangen. Beispielhaft für eine Überzeugung, die sich vor Obrigkeit und Gewalt nicht einschüchtern lässt, steht Martin Luthers Spruch: „Hier stehe ich und kann nicht anders“.

Im Grunde ist die negative Bewertung der parasitären Meme jedoch ebenso ein Fremdkörper in Dawkins Theorie (und der von ihm vertretenen positiven Wissenschaft) wie auch der Dualismus zwischen Evolution und Design. Der Utilitarist Dawkins wird die Geister nämlich nicht mehr los, die der Evolutionstheoretiker Dawkins losgelassen hat. Die Memtheorie dekonstruiert den individuellen Utilitarismus, da der Nutzen des Individuums vollständig hinter dem Nutzen seiner egoistischen Replikatoren zurücktritt. Wenn Dawkins Sicht konsequent weitergedacht wird, gibt es keinen Konflikt zwischen den Replikatoren und dem individuellen Organismus, zwischen Evolution und individuellem Design, sondern nur noch zwischen Genen und Memen. Statt einer monistischen Position, die Dawkins oft nachgesagt wird, begründet er mit der Memtheorie eine Theorie der dualen (nämlich sowohl genetischen wie kulturellen) Vererbung, die im übrigen dem längst überwunden geglaubten Geist-Materie-Dualismus durchaus vergleichbar ist. Es ist nicht ersichtlich, warum der Konflikt zwischen Genen und Memen stets zugunsten der Gene aufgelöst werden muss. Meme verbreiten sich über Kommunikation. Es gibt für viele Menschen kaum eine spektakulärere Möglichkeit, seine Meme zu verbreiten und dadurch Unsterblichkeit zu erringen, als durch den gut inszenierten Märtyrertod. Aber für den Soziobiologen und Utilitaristen Dawkins kann ein Verhalten offenbar nicht normal sein, das auf einer vollständigen Abkopplung der Evolution von ihren molekularen Grundlagen beruht. Dass sich ein Mensch mit seinen Ideen stärker identifiziert als mit seinem Erbmaterial, das setzt allerdings voraus, eine autonome Kreativität des Geistes anzuerkennen, die sich nicht – oder jedenfalls nicht ohne weiteres – auf materielle Phänomene zurückführen lässt.

Das Selbstverständnis des kreativen Geistes steht nun im krassen Gegensatz zu einem Verständnis kultureller Evolution, nach der Ideen nur passiv erlitten werden können. Kreativität liegt nahe am Chaos. Was bei Friedrich Nietzsche noch voll poetischer Emphase zum Ausdruck kommt: „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“, ist längst zum Gemeingut neuerer wissenschaftlicher Ansätze geworden.[31] Dies zeigen die system- und chaostheoretischen Ansätze der modernen Natur- und Sozialwissenschaften, die Komplexität nicht bloß reduzieren wollen, sondern – im Hegel’schen Sinn – aufheben. Zwar sind auch sie zu Vereinfachungen gezwungen, um überhaupt etwas erklären zu können. Sie reflektieren aber zugleich die Begrenzungen ihrer spezifischen Zugangsweise, etwa indem der Umgang mit Komplexität in biologischen, geistigen und sozialen Systemzusammenhängen selbst zum Gegenstand der Untersuchung gemacht wird. Naturwissenschaftler wie Richard Dawkins, die einfache Erklärungen bevorzugen, ohne über ihre Grenzen reflektieren zu wollen, werden an diesen neuen Ansätzen jedoch wenig Gefallen finden. Nicht nur religiöse Dogmen, sondern auch eine eng an die sogenannten exakten Naturwissenschaften angelehnte empirische Methode in der Biologie, in den Geistes- und Sozialwissenschaften kann Kreativität einengen und Wissenschaftlern das Vertrauen in die schöpferischen Kräfte des Geistes nehmen.

Für die Erklärung des Geistes und der Gesellschaft sollte bei aller gegenwärtigen Euphorie für evolutionäre Ansätze die Rolle der klassischen Naturwissenschaften ohnehin nicht überschätzt werden. Die Eigengesetzlichkeit geistiger und kultureller Prozesse ist von der naturwissenschaftlichen Frage nach Zufall oder Determinismus weitgehend unabhängig. Der Kern der Freiheit ist davon unberührt, ob psychologische Eigendynamiken für einen Laplace’schen Dämon vorhersehbar wären. Da komplexe Systeme dadurch ausgezeichnet sind, dass sich in ihnen minimale Differenzen zu gravierenden Unterschieden verstärken können, ist ihre Eigendynamik nicht durch modellhafte Kalkulationen prognostizierbar. Der Kern der Freiheit liegt dann in der Möglichkeit jedes einzelnen Akteurs (Ego), äußeren Einflüssen auf eine Weise sensibel zu begegnen, die vielleicht nicht unbedingt für den utopischen Laplace’schen Dämon, wohl aber für jeden möglichen anderen Akteur (Alter) unvorhersehbar ist und die auf Egos individueller Persönlichkeitsstruktur beruht.

 

Anmerkungen

[1] Richard Dawkins, The God Delusion, Transworld Publ: London, Taschenbuchausgabe 2007, S. 40.
[2] Dawkins, Der Gotteswahn, Ullstein: Berlin, 2007, S. 33; bzw. in der englischen Ausgabe The God Delusion, S. 41.
[3] Dawkins, Das egoistische Gen, Springer-Verlag: Berlin, 1978, S. VIII.
[4] Dawkins, Das egoistische Gen, S. 117.
[5] Dawkins, The Blind Watchmaker, Penguin: London, 1991, S. 51 ff., S. 327 ff.; vgl. dazu die Kritik von Stuart Kauffman in John Brockmann, Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft, Goldmann: München, 1996, S. 123 f.
[6] Diese alternativen Theorien gehen vor allem auf Stephen Jay Gould, Humberto Maturana, Francisco Varela, Brian Goodwin und Stuart Kauffman zurück; eine Darstellung würde den Rahmen dieses Essays sprengen. Eine allgemeinverständliche Übersicht über diese und andere Strömungen in der modernen Evolutionstheorie und ihre Unterschiede in den ausführlichen Stellungnahmen prominenter Wissenschaftler findet sich in Brockmann, Die dritte Kultur. Dawkins kann diese morphologischen Gesetzmäßigkeiten und die damit einhergehende Kritik am Gradualismus kaum bestreiten, glaubt aber offenbar, dass sie von untergeordneter Bedeutung sind, vgl. Dawkins, The Blind Watchmaker, S. 223 ff.
[7] Vgl. die Stellungnahmen im Streit zwischen Dawkins und Dennett sowie Gould, Kauffman und Margulies in Brockmann, Die dritte Kultur.
[8] Dawkins, The God Delusion, S. 222.
[9] Dawkins, Das egoistische Gen, S. 227.
[10] Vgl. zu diesem Phänomen z.B. Stefan Weber, Das Google-Copy-Paste-Syndrom, Heise: Hannover, 2007.
[11] Vgl. dazu Scott Atran, The Trouble With Memes, Human Nature 12 (4) 2001, S. 351 ff.; Dawkins gibt zwar gewisse Unterschiede zu, die seine Kritiker geltend machen, bezeichnet sie aber als „übertrieben“, Dawkins, Der Gotteswahn, S. 270, bzw. The God Delusion, S. 223 f.
[12] Dawkins, Das egoistische Gen, S. 227.
[13] Dawkins, Das egoistische Gen, S. 227.
[14] Dawkins, The God Delusion, S. 224.
[15] Dawkins, Das egoistische Gen, S. 223.
[16] Dawkins, The God Delusion, S. 28.
[17] Der Biologe und Mediziner Stuart Kauffman, der sich auf eine sehr viel differenziertere Weise mit den Analogien zwischen Natur- und Sozialwissenschaft befasst, spricht von Komplexität am Rande des Chaos, das Systeme dazu befähigt auf differenzierte Weise auf ihre Umwelt zu reagieren, Kauffman, Der Öltropfen im Wasser, Pieper: München 1998.
[18] Siehe (im Vorwort zur englischen Taschenbuchausgabe) Dawkins, The God Delusion, S. 14 f.
[19] Dawkins, The God Delusion, S. 15
[20] Dawkins beruft sich auf das Vorbild der Schaffung eines richtigen Bewusstseins für Diskriminierung durch feministische und homosexuelle Sprachpolitik. Durch diesen Vergleich legt Dawkins nahe, dass Atheisten in der heutigen Gesellschaft ähnlich diskriminiert würden, wie früher Homosexuelle und Frauen, Dawkins, The God Delusion, S. 140 f., sowie im Vorwort, S. 25 ff.
[21] Dawkins, The God Delusion, S. 380 f.
[22] Dawkins, The God Delusion, S. 349 ff.
[23] Dawkins, The God Delusion, S. 356 f.
[24] Dawkins, The God Delusion, S. 408.
[25] Brockmann, Die dritte Kultur (siehe Anm. 5), S. 115
[26] Nicht nur die Religion hat mit der imperialistischen Übertragung wissenschaftlicher Objektivität und Wertfreiheit auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens zu kämpfen. Auch die demokratische Politik und das Recht wird von der entbetteten wissenschaftlichen Rationalität unter Ideologieverdacht gestellt. So wird neuerdings vor dem Erlass jedes Gesetzes eine Kosten-Nutzen-Analyse gefordert – als könnte die (an sich ja wertfreie) positive Wissenschaft zur Legitimation von Werten und Normen mehr beitragen als eine republikanische Öffentlichkeit.
[27] Gregory Bateson, Über die Hirnlosigkeit bei Biologen und Erziehungsministerien, in: ders., Ökologie des Geistes, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 5. Aufl. 1983, S. 441, 444.
[28] Erwin Schrödinger, Was ist Leben?, Pieper: München, 3. Aufl. 1999, S. 120 ff.
[29] Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt, 1997, Zweiter Band, Die fröhliche Wissenschaft, 125. Aphorismus.
[30] Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 108. Aphorismus.
[31] Nietzsche, Werke in drei Bänden, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt, 1997, Zweiter Band, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, S. 284.

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